Montag den 31 Januar
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VIII.
Land rat Gerhardts hatte das erste Mal zn einem kleine« Ultimen Souper gebeten und auch Joachim von Tressenberg Mite zu den Geladenen. Mit gewohnter Pünktlichkeit Schlag sieben Uhr (die Einladung hatte auf drese ungewohu- lich frühe Stunde gelautet) traf er vor dem prunkvollen Ständehause ciu. Die schwere Haustür drehte sich beim Oeffuen lautlos in ihren Äugeln.
Ein Diener in großer Livree nut Kniehosen und Hellen Ledergamaschen wies ihn nach oben.
Menschenleben, die lügen.
Roman von H. E h r h a r d t, Verfasserin von „Mittellose Mädchen"
Nachdruck verboten.
, (Fortsetzung.)
>„Ja, ich begretfe dich, Walter!" wiederholte sie ernst, .„es wäre gegen meine Natur, wollte ich dir das verhehlen. Ich bin eilte alte Frau, ich habe viel Menschen, schöne und häßliche, gute und böse an mir vorüber ziehen sehen, aber ein so bezauberndes Menschenkind- das Augen und Herz zugleich fesselt, wie diese Hanna Gerhardt, hat meinen Lebensweg noch nicht gekreuzt. Ich sage dir absichtlich, wie sehr sie mir gefällt, um mir dein eigenes Fühlen nicht zu entfremden. Nicht wahr, du wirst deiner alten Mutter stets dein Vertrauen schenken, mein Junge —: — ich bitte dich darum. Tu hast sie geliebt, du liebst sie wohl noch — — sprich dich aus, schäme dich nicht, mir das zu gestehen — nur vergiß nicht, daß sie eines anderen Weib ist."
Ihre Stimme schwankte in tiefer Erregung. Die ganze angstvolle Zärtlichkeit der Mutter, die sicy gegen den Gedanken empört, ihren Mgott int Staube liegen zu sehen, zitterte daritt. , , _ .
Er verstand sie, gab es doch Stitnden ttt fentern Leben, da er selbst an seiner Stärke und Standhaftigkeit zweifelte im Gedanken an das Glück, das er sich von Hannas Besitz erträumt hatte. In ihrer Gegenwart aber wichen regelmäßig die Gespenster, welche ihn schreckten und er fand Ruhe und Sicherheit in dem unbefangenen, echt freundschaftlichen Ton. den die junge Frau gegen ihn anschlug.
Und er war ganz ehrlich, als er jetzt, bett Kopf an der Mutter Knie gelehnt, wie er schon als Kind getan, sagte:
„Tu liebe, gute Mutter, sorge dich nicht, ich werde dir Ute, nie Schande machen, das schwör ich dir beim Andenken des Vaters. Hanna Gerhardt ist für mich nur noch die Frau meines besten Freundes. Alles was früher lvar, ist vergessen und begraben, darüber kannst du völlig beruhigt sein. Ich bin auch darin ein ganz unmodern sentimentaler Kerl. Für mich ist die Frau eines anderen ein Heiligtum, das anzutasten ich selbst in Gedanken nicht wagen würde. Genügt dir das, Mutter?"
„Ja, Walter, es genügt mir!"
Tie alte Dante atmete befreit auf und sah mit still friedlichem Gesichtsausdruck in den sinkenden Tag hinaus, durch dessen graues Licht große, weiße Flocken zu schweben begannen. „ t ,, .
Tann sagte sie, die Hand noch immer, auf dem Kopf des regungslos zu ihren Füßen Sitzenden gelegt, leise:
„Wie sehr danke ich dem allgütigen Gott, daß er dir die Kraft zu solche ehrlichem, festem Wollen gegeben hat. Siehst du, mein Junge, als Fran Gerhardt mich heut früh verließ, da hatte ich nur eilten Gedanken: Warum habe ich dieses liebe, süße Geschöpf nicht als Tochter an mein Herz schließen dürfen? Mer nach richtiger Ueberlegung inuß
ich mir jetzt doch sagen: Sie hätte nicht für hich — ich mentet nicht deine Person, sondern deine Verhältnisse damit —: gepaßt. Sie ist eine schöne, zarte, unberührte Lnzusblumch dte im Schatten verkümmern würde. Für sie genügt nicht Liebe allein, sondern auch ein sorgloses, glänzendes Leben, damit die Liebenswürdigkeit ihrer Statur' sich voll entfalten kann. Versetze einen Singvogel aus farbenglühenden, sonnigen, blühenden Gefilden in uu- wirtliche, kalte, reizlose Stätten, umgib ihn hier wie dort mit derselben Liebe und Sorgfalt, er wird doch das Singen verlernen." * ■ 1
Walter hob den Kopf.
„Tu hast Recht, Mutter, so verblendet bin ich nicht, als, daß ich mir all dies nicht schon längst gesagt hätte. Ja, wenn etwas mir mein Entsagen erleichtert hat, so ist es das Bewußtsein, daß ein gütiges Schicksal die Geliebte an den allein für sie passenden Platz gestellt hat, der ihr Le- benSglück als, gesichert erscheinen läßt. Und fröhlichen Mutes ergebe ich mich in mein Schicksal, ein einsamer Mann zu werden. Kein unglücklicher, Muttchen, dafür habe ich meinen Beruf zu lieb und ich habe dich ja zur Seite-----
wie wenigen ist es vergönnt, eine so treue und liebevolle. Mutter zu besitzen."
„Wie lange noch?" murmelte die Justizrätin halb für sich, aber der Sohu hörte es nicht oder wollte es nicht hören —t er schwieg.
Was Flockengewirbel draußen wurde immer dichter, die' Schatten im Zimmer tiefer. Wann schlug der Regulator an — halb sechs Uhr. Walter stand hastig auf, er mußte zum, Essen ins Kasino.
„Ich komme bald wieder, Mutter:" Er neigte sich übet die welke Frauenband und küßte sie. „Bleib' nur ruhig sitzen, ich finde mich schon zurecht."
Sie saß und horchte mit einem wehmütig glücklichen Lächeln auf seine in der Ferne verklingenden Schritte.
„Er wird's verwinden!" dachte sie zuversichtlich, „die Zeit heilt jede Wunde."
Und vor ihrem sinnenden Geiste erstand ein trauliches Bild. Sie sah sich als glückliche, geliebte Großmutter, blonde Kinderlöpfcheu an ihre Knie gedrückt — das stille Zimmer von Kinderjauch-zen und Kinderlachen erfüllt. Und vor diesem' Zukunftsbilde verblaßte der letzte der Schatten, die sie heute geängstigt.


