Ausgabe 
20.12.1907
 
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ewig Weibliche zieht uns hinan! Die Silbebin" wird jedoch meistens verschluckt, es bleibt bloßan", bis die traurige Er- fahrnng gemacht wird, das; das ewig Weibliche weder hinan-, noch an-, sondern hinabgezvgen hatte. Mehr als einmal hörte ich Kker aus dem Muude meiner Leute: Ach, hätte ich doch! Ja,

te ich mich doch nicht verblenden lassen von jenem Mädchen, das mir die Annäherung so leicht machte, das mir meine Urlarib- ftuuben so munter vertändeln half, und das mich schließlich abhielt, in mein Dorf zurückzukehren; denn dahin wollte sie nicht, dahin paßte sie auch nicht, dahin ging sie nicht und so wurde ein Teil meiner Leute in der Stadt festgehalten.

Doch ich lviil nicht nngalant gegen das weibliche Geschlecht sein. Auch mancher Reservist, der dein Weiblichen abhold ge­blieben ist, ist landflüchtig geworden; höchstens zur , Kirmes beehrte er sein .Heimatdorf mit seinem Besuche. In ihm hat sich während seiner zwei- bis dreijährige«; Dienstzeit eine Wand­lung vollzogen. Ihm, als einen; von der ländliche«; Arbeit in die Kaserne kommeirden Rekrut, war anfangs nichts so schwer gefallen, wie sich hi«ieii;zusi«;dei; tu die auf die Minute.berechnete Zeiteinteilung und in die Schnelligkeit, mit der jedes Kommando ausgeführt iverden mußte. So lange er bei seiner ländliche;; Arbeit war, blickt er mit einer gewissen, vornehmen Ueberhebung auf den hastenden Fabrikarbeiter, der auf die Minute sein Haus verließ, nn; rechtzeitig in der Fabrik zu sei«; er, der ländliche Arbeiter, hatte feine Eile, wenngleich er länger und schwerer ar­beite«; «nutzte als der Fab-riker. In; Lause seiner Soldatenzeit hat er sich auch an Pünktlichkeit, Schnelligkeit und an das Zusammenleben mit Altersgenossen gewöhnt. Die Eiuzelarbeit auf den« Laiche schützte er nicht mehr so hoch er, der bis dahin bei der ländlichen Arbeit allein mit seinen Pferde;; »der Kühe;; sich wohl und stolz gefühlt hatte, fand in der gemeinsamen Fabrikarbett nichts so Abstoßendes mehr. So bleibt auch mancher Reservist ohne Iveiblichen Anhang in der Stadt. Er macht das «vahr, «vaS ich aus Wallensteins Lager zitierte, er läßt sich aniverbcn, «vo er scheinbar am meisten ver­dient, ohne zu bedenken, daß die Ausgabe«; i>; der Stadt die höheren baren Einnahmen stets übersteigen. Während ich an de; Zusammenstellung dieser Gedanke«; saß, veröffentlichten dieZeit- fragen" eilt Gedicht von einen; Bauer Kowarzik, eine Mahnung an untere in der Armee dienenden Bauernsöhne, von dem ich einige Werfe zitiere:

Sohu, der du treu wie deine ?lhnen. Dem Kaiser dientest ritterlich, Laß dich befitmmen und ermahnen: Es ruft dein alter Baier dich!

Was willst du in de«; öden Mauern Boll fader Lust und banger Qual?

Kind eines wahre«;, d e «t t s ch e«; Bauern, Dir frommt allein das Hei;nattal! , Kehr wieder heim zu deinen Liebe«;

Und sei ein Landmann recht und schlicht;

Dein Dorf ist, was es war, geblieben I«; Arbeitsegen, Glück und Pflicht.

Wirf in die rauhe Furche wieder De«; Samen, der von Gott geweiht; Die schweren Schollen egge nieder, Daurit die volle Frucht gedeiht!

Und dengele der Sense Schneide, Wenn dir i>a8 Korn entgegenreift. Und weise z«; der anbern Freude, Wie stark dein Arn; die .yalme greift.

Sing mit bei; jungen Schnitterinnen, Kommt ihr vom Felb int Abendrot; Die beste aber sollst du mimten. Die keusch im Kuß die Lippe bot.

Dan» lenkt die Scholle deine Schritte, Ihr gilt bei«; Kampf, ihr gilt dein Sieg. Dich drängt nur eins aus unsrer Mitte Gott schütze dich Tod oder Krieg!

Solche Mahnung eines Bauern uitb alten Soldaten ist allen aus der Seele gesprochen, die an ländlicher H e i m a t p f l e g e Mitarbeiten wollen; aber sie gilt auch Kriegervereiitlern, deren Aufgabe es sein soll und muß, der Landflucht entgegenzutreten da die Kriegervereine nicht nur dazu da sind, bei Paraden mitzuwirken, Feste zu feiern, sonder«; auch dazu, das Fundament unseres Staatswesens zu st ü tz e«; das Land als Urquell deut sch e r Kraft. Die Arbeit der Kriegervereiite darf nicht erst einsetzeit, wem; der Bauernsohn Soldat ist, sondern muß beginnen, ehe er es wird, solange er noch als Bauernbursch auf dem Dorfe ist. Die Bursche«;, vo«; beiten es in dem Liede heißt:Die beste aber sollst du mimten, die keusch im Kuß die Lippe bot", machen uns keine Sorge eilt deutscher Baueritsohn hält auch in Kaisers Rock seiner Liebsten die Treue, er singt nicht nur das alte, schöne Lied: Steh' ich in finstrer Mitternacht so einsam auf der stillen Wacht, dann denk' ich an mein fernes Lieb'", sonder:; er empfindet cs, und dies Empfinden führt ihn sicher nach feiner Dienstzeit in

fein Dors zurück. Aber die anderen! Ich wies schon darauf hin, daß eine Wandlung in der Lebensauffassung während der Soldatm­zeit in dem von; Lande gekommenen Rekruten eingetreten sei. Tas Zusammenleben mit gleichaltrigen Kameraden ist ihm fast zum Bedürfnis geworden. So etwas muß ihm auch auf dem Torfe geboten iverben. Er muß wissen, daß der Kricgcrvcrei» ihm diese Möglichkeit eines kameradschaftlichen Weiterlebens ge­währt. Tementsprechend muß aber auch die Tätigkeit der Kricger- vereiue aus den Dörfern fein. Lassen Sie mich einmal unter­suchen, wie diese in den meiste«; Fällen ist. Gewöhnlich findet allmonatlich eine Versammlung statt. In dieser werden die Bei­träge eingezogen, die Auweseiiheitsliste geführt, die erforderlichen Bekanntmachungen veröffe«;tlicht, und dazu wird Bier getrunken. Solche Monaisversainmlungen habe«; nichts Anziehendes, Lebe«» muß in die Bude kommei;! Das läßt sich überall erreichen, wie es schon in vielen Bereiireu erreicht ist, die keine Versamm­lung ab halten, ohire daß irgend etwas Belehrendes, Patriotisches, Heiteres zum Vortrag kommt. Ja, wer soll denn so etwas vor­tragen? wird mir emgeworfc«; werden. Dieser Einwurf ist viel­leicht nur berechtigt in einzelne«; Dörfern im Osten. -Sonst finden sich Pfarrer und Lehrer, auch wem; sie nicht Soldat gewese«; sind und als Gäste cingelaben werden, Reserveoffiziere, aber auch sonst Helle Köpfe wohl irr jedem Dorfe oder in der Nachbarschaft. I«; Thüringe«; haben sich deshalb mich sogenauirte Ortsgruppen gebildet Kriegervereine ans vier und mehr Dörfern, in denen abwechselnd solche Vortragsversamm- l u n g e» abgehalten und gern m:d zahlreich besucht iverben. Sollte sich aber trotzdem nicht immer jemand finden, der frei vortragen kann, so «virb Vorgelegen, dir; Stoff fehlt es nicht. Besser ist es ja immer, wem;erzählt" iverben kann, an; besten Selbster­lebtes. Ich denke dabei zuerst an die Veterarrerr, die Feldzüge mitge­macht haben und aus diesen in einfacher, wahrheitsgetreuer Weise ihre Erinnerungen zrin; besten geben, bann an solche Alte, die von früherem, fast vergessenem Exerzier- und Garnisonleben berichten im Gegensatz zu der; Jüngeren und Jüngsten, die von den unver­meidlichen stete«; Neuerm;gen in Bewaffnung und Ausrüstung, von Buren- und Japanertaktik, von; Signalisiere«; und Telegraphieren unendlich viel zu erzähle«; haben. Gerade die jüngsten Kameraden müssen in de«; Vereine«: auch zu Worte kommen, wenn mir fie an uns fesseln wollen. Endlich darf auch der Humor nicht fehlen ein Spaßmacher, der in seinem militärischen Leben mehr erlebt hat, als hundert andere, finbet sich auch meiftenS und meistens iverben die Vorgesetzte«: den Stoff dazu liefern, in erster Linie: Hauptmann und Feldwebel, das traute Eltern­paar der Kompagnie. Doch nun zur Hauptsache: Zu diesen Versainmlungen lasse ich, soweit mein Einfluß reicht, die jungen, noch nicht militärpflichtigen Burschen einladen sie fihen an einem besonderen Tische und Hörer: nur zu und tote, mit welch gespannter Anfnrerksamkeit! Dadurch gewöhne«: sie sich an militärisches Leben und fühle«: fich darin nicht so frenrd, wenn sie des Kaisers Rock auziehem Unwillkürlich werden bann ihre Gedanken heimwärts geführt, wen«: sie lutn int praktischen Dienst das erlernen, was sie in ihre«; dörfischen Kriegervereinen bereits aus Kameraden Munde gehört haben. I«; vielen Gegenden ist es scho«: Sitte, in den Kriegervereinen sogenannte Rekrutcn-Ab- schiedsabende nicht Abschiedsbälle zu begehen, in denen die zur Armee abgehenden Rekruten auf die Versuchungen hingcwiefeu werden, die ihnen in der Garnison entgegen treten. Auf solche Weise lassen sich meines Erachtens die Fäden vom Dorfe in die Garnison und umgekehrt spinnen, mit denen unsere ländlichen Rckrute«: nach ihrer Entlassung wieder in ihre Heimat zurück­gezogen werden.

Außer diese«; Monatsversarmnlungen gibt es bekanntlich auch größere Festlichkeiten, Kaisers Geburt s t a g, Se­tz a n -, Stiftungsfest. Auch sie tonnen dazu dienen, bei: Dorfbewohnern etwas von dem zu bieten, was in den Städten reichlich vorhanden ist, auf bei: Dörfern oft vermißt wird. Solche von Kriegervereine«: ausgehende Festlichkeiten dürfen nicht bloß in einem Tanzvergnügen bestehen, cs müfse«: Familien­abe«: d e sein, in denen Gedichte und theatralischeDar- ft e 11 u u g e n zur Vorführung gelangen und auch gesunder Humor zum Ausdruck kommt ähnlich den Kompagniefestlichkeiten an Kaisers Geburtstag. Ich habe es während meiner Hauptinanns- zeit für zweckmäßig gefunden, den Leuten, die zu den Kom- pagniefestlichkeiten ihre Schwestern oder Schatze mitbringen «ooll- ten, Urlaub zu deren Abholung zu erteilen. Dieses anständige weibliche Element war ein willkommenes Gegengewicht gegen die städtischen Nachtschmetterlinge, die nur zu üppig meine Leute umschwärmten. Daß solche Festlichkeiten auf den Dörfern von Kriegervercinen ausgehen, ist meines Erachtens geboten, sie müssen die führende Rolle übernehmen. Nicht aus Neberschähung des Kriegervereiuswesens stelle ich diese Forderung, sondern weil ich dabei noch ein anderes Ziel in: Auge habe: Solle«; die Mo- natoverfaminlungen wie auch die größeren Festlichkeiten den Zweck der Verbreitung von Bildung vereint mit den allge­meinen Aufgaben der Kriegervereiue erreichen, so müsse«: die Vorstände in engere Verbindung mit den sogen. Spitzen der Be­hörden trete«:. Wirken Geistliche, Lehrer, Arbeitgeber tätig in den Vereine«: mit, so iverbc«: letztere sich auch dankbar beweisen: sie werde«: dem kirchlichen Lebe«: nicht fern bleiben und auch Jntcresse für die allgemeinen Aufgaben der Gemeinde zeigen.