— 750 —
berührte, fuhr sie wie tu einem heftigen körperlichen Schmerz zusammen und schluchzte:
„Daß es sv kommen mußte! — Ach, wäre ich doch tot!" _ „Tu mußt stark und gefaßt sein, Erika! Denn Egon >vill, daß die Mutter heute noch nichts von seiner Verstümmelung erfahre. — Aber auf eine Frage hätte ich gern noch offene und ehrliche Antwort von dir gehcibt. — Als du Egons Antrag zurückgewiesen hattest, war es dir da wirklich ernst mit denr, was du ihnr als Beweggrund anführtest, und würde deine Antwort vielleicht anders gelautet haben, wenn du dich nicht durch DankcSpslicht an meine Mutter gefesselt geglaubt hättest — wenn du ihm frei hättest folgen1 können, wohin sein Tatendrang ihn trieb?"
Tie Schultern des Mädchens bebten noch heftiger, aber sie antwortete nicht, auch als er seine Frage noch herzlicher und dringender wiederholte. Ta ließ er ab, sie zu bestürmen, denn vielleicht war ihm auch ihr Schweigen Antwort genug gewesen. Er bat sie nur noch einni-al, Egon nichts von ihrem Entsetze,t zu zeigen und sich der Amtsrätin gegenüber nicht zu vcr- raten. Tann liest er sie allein.
*
Es war, wie Erika gesagt hatte: die Amisrätin Harring- haus war so schwachnervig nicht, das; eine freudige Aufregung ihr irgendwie zu schaden vermocht Hütte. Sie hatte nicht einmal eine allziigrvße Erregung gezeigt, als man ihr die Mitteilung von Egons unerwarteter Ankunft gemacht hatte, und als sie dann die Stimme ihres Lieblingssohnes gehört, als sie seinen starken Arm um ihre Schulter gefühlt hatte. Nur aus ihrem schönen Matroiwngesicht war zu lesen gewesen, was sie in jenen Augenblicken empfand, nur in einem leisen Beben ihrer Rede hatte es sich verraten und in einigen Tränen, die langsam aus den erloschenen Augen über ihre Wangen rannen.
Und der fromme Betrug, durch den sie für die Dauer dieses Abends getäuscht werden sollte, er war bis jetzt fast über Erwarten gelungen. Egon hatte es mit großer Geschick- lichkeit einzurichten gewußt, das; er ihr immer nur seine linke Körperseite zukehrte. Und den anderen war kein unvorsichtiges Wort entschlüpft, das den Argwohn der Greisin hätte wachrufen können.
Nach altem Herkommen und in den seit Jahren bränch- lichen Forncen war bis zu diesem Augenblick die Bescherungs- feier tu dem nur von den hundert Kerzen des Christbaumes beleuchteten Jagdzimmer verlausen. Die zu beschenkenden Dorfkinder standeik unter der Führung des Lehrers am unteren Ende der großen Tafel und sangen mit ihren Hellen Stimmen die lieben, alten Weihnachtslieder, die in unverwischbarem Reiz durch die Jahrhunderte wandern. Bon den Gutslcuten Hütte unschwer jeder den bestimmten Platz gefunden. Und unter beut hohen Tannenbaum fast die Amtsrätin würdevoll und gütig, von dem Glück ihres Mutterherzens sichtbar umstrahlt wie von einer Gloriole, die jedermann mit doppelter Ehrfurcht vor ihr erfüllte.
Eben hatte Egon sich zu ihr hinab geneigt, um in heiterem Tone eine von ihr gestellte Frage zu beantworten, als über all das fröhliche Geschwirr hinweg eine Helle Kinderstimme laut wurde:
„Ach seht doch: der Herr Harringhaus Hat ja man bloß noch einen Arm!"
Und dann war's urplötzlich sekundenlang grabesstill. Die Matrone hatte mit einer blitzschnellen Bewegung ihre beiden Arme um den jungen Offizier geschlungen, und dann war sie von ihrem Stuhl emporgefahren und mit einer zu statuenhafter Ulkbeweglichkeit erstarrten Miene des Schmerzes, wie sie ergreifender noch keiner gesehen hatte von allen, die hier int Lichtschein dieses Weihnachtsbaumes versammelt waren.
Walter hatte dem Lehrer ein Zeichen gemacht, und der hatte es verstanden, so wie auch die Gutsleute ohne besondere Ausforderung begriffen, daß ihres Bleibens nicht mehr sein durste. Ganz still schoben sie sich alle hinaus, die Kleinen wie die Großen, und die vier Menschen, von denen jeder seinen voll gentcffenen Anteil hatte an dem großen Kummer, waren allein.
„Nimm dir's nicht zu Herzen, Mutter!" wollte Egon wiederholen, was er vorhin dem Bruder gesagt hatte. Aber diesmal verschlug es ihm die Rede, und es war wie ein verhaltenes Schluchzen in seiner Stimme. Die Amtsrätin aber, die ihn iwch immer mkt beiden Armen umklammert hielt, sagte:
„Der rechte Arm! — Nun bist du iwch ärmer als ich, mein armer, armer Junge! — Tast es auch der rechte fein mußte! — Was willst du nun beginnen? — Und ich bin blind, daß ich dir nicht ersetzen kann, was sie dir genommen haben."
„Tu kannst es nicht, Mutter!" klang es da ruhig, fest und voll unendlicher Liebe an ihrer Seite. „Aber eine andere kau ns, und sie ist bereit, es zu tun, sofern ich mich nicht ganz in ihr getäuscht habe. — Willst du meines Bruders rechte Hand fein, Erika, wie du die meiner Mutter gewesen bist? — Ich bitte dich darum von ganzem Herzen. Tenn ihm kannst du ja geben, was du mir nimmer hättest gewähren können — die wahre, die große, die alles überwindende Liebe!"
*
Eine Viertelstunde später wurde« die verschüchterten Kinder noch einmal in das Jagdzimmer geführt. Und sie fanden darin alles, wie sie es vorhin gefunden hatten. Auch auf dem Gesicht der Amtsrätiu war wieder der verklärende Schiniiner stillen! Glückes, und an ihrer Seite standen eng aneinandergeschmiegt zwei junge Menschenkinder, die sich vorhin scheu gemieden hatten. Da mochten sie beim wieder mit ihren Hellen Stimmen aus vollen Herzen singen:
„O du fröhliche, o du selige, Gnadenbringende Weihnachtszeit!"
KeiMcrLpstege durÄ die HriegerMrnns.
Bon Major a. D. L i n d st e d t (Rudolstadt). Nach einem Bortrage.
Nachdruck verboten.
Kriegervereine — nicht in dem engen Sinne, daß nur die gemeint sind, bereit Mitglieder Kriege mitgemacht habcm, sondern alle, die des Kaisers Rock getragen und sich ihre aitständige patriotische Gesinnung bewahrt haben, aber doch mit der Einschränkung, daß nur die dörflichen Kriegervereine gemeint sind. Heimat in dem Sinne, daß damit der Ort gemeint ist, von dem aus der Rekrut zur Einstellung ins Heer gelangt ist, für unsere heutige Betrachtung mit der Einschränkung, daß ich dabei nur das Dorf im Auge habe ober das Land im Gegensatz zur Stadt. Zu einer Pflege des Heimatsverlangens sollen die Kriegervereine beitragen können? Wie wäre es möglich? Heißt es doch schon in Schillers Wallenstein: „Der Soldat hat aus Erden kein bleibend Quartier." Ja, das war damals im dreißigjährigen Kriege, so wird mir eingewvrsen werden; damals wurde der Soldat angeworben, und er ließ sich da auwerben, wo ihm die reichste Beute winkte, wo er am besten bezahlt wurde. Haben denn nun die damaligen Zeiten gar feine Aehnlichkeit mit den jetzigen? Ich meine doch. Der Reservist hat ans Erden kein bleibend Quartier, d. h. er läßt sich bei feiner Entlassung da anwerbeit, wo er am besten bezahlt wird, ohne nach seiner Heimat zu fragen, iit der er nach znrück- gelegter Dienstzeit sehnsüchtig, aber meist vergeblich zurückerwartet wird. Woher kommt das? Als Antwort auf diese Frage will ich einen Mick in das Leben eines Kompagniechefs tun lassen — meinethalben in das meinige. Elf Jahre alle Jahre dasselbe Bild bei oder vor Entlassung der Reserven. Der Hauptmanit, der wirklich Freud und Leid mit seinen Leuten geteilt hat — wie doch meistens —, stimmt in die Freude nicht ein, der die scheidenden Reservisten lauten Ausdruck geben. Für beit Kompagniechef fällt ob ber Trennung von den meist liebgewordenen Gesichtern eilt Wcrmutstropfen in das letzte beim Abschied geineiusam genossene Glas Bier; der letzte Händedruck — wieviel Arbeit und Sorge, aber auch wieviel Freude schließt er ab!
Dieser Abschiedsstunde gingen andere mich recht betrübende Stunden und Erfahriiiigen voraus. Ehe wir zum Manöver anL- rückten, kamen Reservisten, die bis zu ihrer Einstellung aus dem Lande gelebt hatten und baten mich: Herr Hauptmann, legen Sie doch bei dieser oder jener Behörde, bei diesem oder jenem! Arbeitgeber ein gutes Wort für mich ein, daß ich hier im Dienst bleiben kann. Wenn tch dtefen oann mein Befremden aussprach. daß sie nicht in ihr Heimatdorf zurückwollten, so erhielt ich btc Antwort: Ich finde dort keine Arbeit, meine Stelle ist besetzt. Diese Bitte mag als ein Zeichen des Vertrauens meiner Leute zu mir gelten, denn sie wußten, wieviel ich vom Landleben hielt, sie wußten, daß ich gegen keinen Unteroffizier so deutlich wurde, wie gegen den, der aus dem reichen Schale seines Wörterbuches einen Rekruten „dummer Bauer" titulierte, sie wußten, daß ich gerade den ländlichen Soldaten an Sonn- und Festtagen gern Urlaub in ihre Heimatdörfer gab, um sie in steter Fühlung mit ihren Angehörigen jit wissen. Und nun die Bitte: Tun Sie etwas für mich, daß ich hier bleiben kann! Was blieb mir übrig, als gegen meine bessere Ueberzeugiiiig den Wün- fchen zu entsprechen. Haben mich nun jene Reservisten belogen, als sie sagten: Ich finde auf meinem Dorfe keine Arbeit? Damals — also vor zwanzig und mehr Jahren war es möglich. Es mochten wohl jüngere Brüder herangewachsen fein, die den Eltern in der Landarbeit Helsen tonnten. Die Nachfrage nach Kutschern und Knechten war damals und vornehmlich da nicht so groß, wo größere Güter fehlten, und die Industrie nur ihren natürlichen Entwicklungsgang nahm. Mag ich nun die Begründung mit mangelnder Arbeit aus dem Land gelten lassen oder nicht, es gab noch andere Gründe z u r L a n d f l n ch t. Zuerst das ewig Weibliche. Ja, wenn meine Leute Goethes Ausspruch recht verstanden hätten: Das


