Ionmrskag den 19. Dezemö
1907
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Me rechte Kand.
Eine Weihnachtsgefchichte Von Reinhold Ort mann.
(Nachdruck verboten.)
Schluß.
Walter wußte ihm nichts zu erividern, und eine Weile fuhren sie schweigend zwischen den weiß verhüllten Feldern hin. Damr unterbrach der Jüngere die peinliche Stille.
„Und warum könntest du nicht auf Greifenhagen bleiben, Egon? — Ich habe doch bis jetzt eigentlich nur ben Verwalter für dich gespielt. Und da ist, tvie ich meine, Platz für uns beide."
Egon machte eine abwehrende Geste mit der Linken.
„Laß! — Ich kann dir nicht erklären, warum es unmöglich ist. — Daß ich dir nicht im Wege sein würde, glaube ich wohl. Aber da sind noch mehr Leute in meiner Mutter Hause. Und so klein ich auch geworden bin, seitdem man mich zum Krüppel geschossen hat — für einen waschechten Toggenburger bin ich doch wohl nicht aus dem rechten Holz geschnitzt."
Er starrte finster gerade vor sich hin, mit einer tief ein- geschnittenen trotzigen Falte zwischen den starken Brauen. Walter aber blickte zur Seite, und unter feinem- sandgelben Schnurrbart war ein ganz eigenes Zucken.
„Ist es — ist cs wegen Erika?" fragte er endlich.
„Nimm getrost an, daß cs ihretwegen wäre. Und dann laß uns nicht weiter davon reden!"
„Nur noch eine einzige Frage, Egon — und du darfst mir deshalb nicht bös fein. — Geschah es auch um ihretwillen, daß du damals nach deinem letzten Besuche so plötzlich den Entschluß faßtest, dich für die Kvlonialtruppcn zu melden?"
„Du fragst wahrhaftig wie ein Beichtvater. — Aber meinetwegen — innter der Voraussetzung natürlich, daß cs unter uns bleibt: ja, cs war um ihretwillen. So ein wilder, närrischer Kerl war ich noch Vor wenig Monaten, daß ich meinte» der Korb, den ich mir da geholt hatte, müsse wenigstens einem halben hundert Hereros das Leben kosten. Daß ich ihr damit im Grunde nur recht gab, kam mir gar nicht in den Sinn. Ich habe mir Vorgenommen, die Tante niemals zu Verlassen, solange ich ihr Von Nutzen fein kann", sagte sie. „Für dich aber wäre Greifenhagen mit seiner Stille und seinem ewigen Einerlei nicht der rechte Ort. Du bist für den Kampf geschaffen, für den aufregenden Wechsel und das volle, rauschende Leben." Na, und so weiter, wie ein Weib eben redet, wenn es eine bittere Pille verzuckern will. Mit dem Kampf und dem Wechsel und dem vollen, rauschenden Leben ist cs ja jetzt glücklich vorbei. Aber mit dem Freien auch, denn um einen Krüppel abzuweifen, brauchte sie nicht einmal mehr auf solche Ausflüchte zu sinnen. Und du wirsts ja am Ende begreifen, daß es mich nicht lockt, meine Tage auf Greifenhagen hinzubringen."
Nun wäre ja vielleicht der rechte Zeitpunkt für Walter dagcwesen, von seiner heute erfolgten Verlobung mit Erika zu sprechen. Sie hatte ihn doch ausdrücklich darum gebeten. Aber er sagte trotzdem kein Wort darüber, und nachdem sie wiederum
ein paar Minuten lang stumm nebeneinander gesessen, sprach der junge Offizier weiter:
„Auch das wirst bn verstehen, weshalb ich zunächst mit dir allein reden ivollte. Ans die Dauer können wir der Mutter! die Geschichte mit dem Arm ja nicht verheimlichen, aber da es der Zufall nun einmal gefügt hat, daß ich gerade am Weihnachtsabend auf Greifenhagen eintreffen muß, läßts sich doch Vielleicht einrichten, daß sie wenigstens heute noch nichts davon erfährt. Ich möchte, daß sie für ein paar Stunden eine ganz ungetrübte Freude an meiner Wiederkehr hätte. Und du wirst mir ein bischen dazu behilflich fein, indem du den anderen einen entsprechenden Wink gibst, während ich mich zunächst auf eine halbe Stunde in mein Zimmer zurückziehe. Morgen oder übermorgen muß es ihr daun eben auf eine möglichst schonende Weise hergebracht werden. Tu bist damit einverstanden — nicht wahr?"
Walter wandte sich ihm zu und drückte ihm schweigend dis Hand. Und Egon meinte, noch nie so viel Siebe und lautere Herzensgüte auf einem Menschenantlitz gesehen zu haben, als sie sich in diesem Moment auf dem schmalen, unschönen Gesicht seines Bruders spiegelte.
*
Der Schlitten hatte auf Walters Geheiß an der Garterck tür ocs Gutshauscs gehalten, wo, niemand seine Anfahrt erwarten konnte, ohne Von irgend jemandem gesehen zu werden. Als Walter sich den vorderen Räumen zuwandte, kam ihm Erika entgegen, die am- Fenster vergebens nach dem Ankömiu- ling ausgeschaut hatte.
„Wie — du bist allein?" sagte sie, tapfer bemüht, ihre Erregung $it verbergen. „Er ist also nicht gekommen?"
Walter zog sie in das nächste Zimmer unb drückte die Tür hinter sich ins Schloß.
„Ja, Erika, er ist gekommen," erwiderte er Voll tiefen, ober ruhigen Ernstes. „Aber cs ist anders gekommen, als wir es gehofft haben. Du darfst nicht erschrecken, wenn du ihir siehst, denn er — er besitzt nur noch seinen linken Arm."
Erika taumelte zurück, und die Hände griffen unwillkürlich, eine Stütze suchend, nach den: Pfosten der Tür.
„O mein Gott — o mein Gott! — Und das habe ich —1 ich Verschuldet!"
„Nicht doch, liebste Erika! — Du darfst dich nicht mit törichten Selbstvorwürfen quälen, für die wahrlich nicht der geringste Anlaß vorhanden ist. Egon würde unter allen Umständen seinem Tatendrang gefolgt und nach Südwestafrika gegangen sein. Er selbst denkt gewiß nicht daran, dir irgend ein Verschulden an seinem Schicksal beizumessen. Unb er trägt es ja auch mit mannhaftern Mute. Natürlich ist es mit seiner solbatischcu Laufbahn zu Ende, und er wirb, wie ich denke, statt meiner bie Bewirtschaftung Von Greifenhagen übernehmen."
Es blieb ungewiß, wieviel das junge Mädchen Von dem Vernommen hatte, was er zu ihr sprach. Sie war auf einen Stuhl nieder geglitten und hatte bas Gesicht in den Händen Verborgen. Als er auf sie zutrat und liebkosend ihre Schultes


