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Titel eine längere Abhandlung, die auf derselben Tatsache fußt, nttb der folgende nicht nur für Nniversitätskreise wichtige Ausführungen entnommen seien.
Bald vier Jahrzehnte bemühte sich die Deutsche Turnerschaft, die studentische Jugend und mit ihr und durch sie die sogenannten höheren Kreise miferer bürgerlichen Gesellschaft dem Turnen zuzuführen durch Wort und Schrift, durch Anregungen und Erleichterungen aller Art, und doch — wie gering ist der Erfolg, wie entmutigend klein die Zahl der turnenden Studenten. Ganz anders zu -Anfang des vorigen Jahrhunderts und noch in den fünfziger und sechziger Jahren, tu welcher Zeit das Turnen gerade in den akademisch gebildeten Kreisen die meisten -Anhänger und regsten Förderer fand. Wohl existieren unter der akademischen Jugend zwei Verbände (Akademischer Tnrnerbniid itttb Verband der Turnerschaften), die das Kurneu besonders pflegen und eine Schar begeisterter Leute erziehen, aber die beiden Verbände sind klein, nur 2300 Mitglieder zählend gegenüber mehr als 60 000 Studenten auf den deutschen Hochschulen,*) die Zahl derer, die auch im Philisterium dem Turnen treu bleiben, zu gering. Wir müßten es offen eingestehen, daß in den sogenannten höheren Schichten des Volkes unser Jahn'sches Turnen (nach Jahn ist Turnen der Betrieb von Jugend- spielen und Leibesübungen in Gesellschaft) nur schwach verbreitet ist, daß alle Bemühungen der Besten unserer Sache nur einen geringen Erfolg gehabt haben. Tie heutige deutsche sogenannte bessere Gesellschaft und insbesondere die studierende Jugend ist ihrer weitaus überwiegenden Mehrzahl nach demTnr - treu abgeneigt!
Das muß entschieden besser werden, denn es sieht schlimm aus mit der körperlichen Tüchtigkeit unserer akademischen Jugend. Dafür sprechen die geringen und von Jahr zu Jahr geringer werdenden Zahlen der znm Heeresdienst tauglichen unter den Studenten eine warnende Sprache.
Wie kann das besser werden?
Es wurde oben gezeigt, daß die akademischen Turnvereine nicht viel zur Ausbreitung des Turnens beizutragen vermocht haben. Wohl werden auch noch von anderen Verbindungen Leibesübungen gepflegt, insbesondere Fechten, Schlägerfechten, das jedoch als Körperübung nur sehr einseitig ist. Mehr leisten schon die akademischen Rudervereine, aber der Rudersport ist kostspielig und die Zahl seiner Anhänger gering. Auch au Sportvereinen mancherlei Art fehlt es nicht, wie Tennis, Fußball usw. Trotzdem ist die Zahl der Studierenden, die regelmäßig und systematisch die Leibesübungen pflegen, sehr klein. Eine wirklich all- seitige Ausbildung des Körpers bietet auch nur das Turnen (im Sinne Jahns, der auch schon Wandern, Schwimmen, Fechten, Spielen und Eislauf dazu zählte), andere Leibesübungen nur dann, wenn mehrere derselben betrieben werden. «
Besser werden kann es auf diesem Gebiete in erster Linie durch die akademischen Turnvereine unter Beibehaltung des korporativen Charakters mit möglichst geringem Anspruch an die geselligen Verpflichtungen ihrer Mitglieder und unter Freimachung von manchem alten oft nur äußerlichen und veraltetem Korporationsgerümpel. Sie müssen ein Sammelpunkt werden für Turnen, Spiel und Sport, für die Pflege aller Leibesübungen auf der Hochschule.
Turnen aber sollen möglichst alle Studenten. Wie aber kann die Studentenschaft zu besserer Körperpflege erzogen werden?
Alles Neue und Fortschrittliche wird von der Studentenschaft sehr schwer und sehr allmählich aufgenommen. Der „freie Bursch" ist konservativer als konservativ. Schuld ist der fortwährend schnefle Wechsel der Personen, der jeder
*) In Gießen konnte sich der vor einigen Jahren gegründete akademische Turnverein ans Mangel an Mitgliedern überhaupt nur kurze ZeitMM)
steten, gesicherten Entwicklung immer wieder dieselben Schwierigkeiten entgegenstellt. Auch die Wildenschaft, frei von korporativen Fesseln, ist hierin nicht besser. Ihr fehlt es an organisatorischen Kräften, an führenden Persönlichkeiten.. Der Hauptmangel aber, auch für die akademischen Turnvereine, ist die fehlende Unterstützung durch die Hochschule selbst, das fehlende Interesse der akademischen Lehrer an der körperlichen Ausbildung der akademischen Jugend.
„Mens sana in corpore sano" hört sich vom Lehrstuhl ans sehr schön an, aber wie oft wird es von einem jungen Lehrer gesagt, der gebrechlich, zu feinen jugendlichen Zuhörern, die verweichlicht, körperlich untauglich und blasiert sind.
Tie Ansprüche an den Geist wachsen immer mehr. Aber wie häufig sieht man gebückte, schlaffe Gestalten, kurzsichtig, nervös, au keine Anstrengungen und Entbehrungen gewöhnt, keine Lebensfrische in den Angen, kein Jugendmut in Haltung und Gang, nichts als Bücherweisheit und Examenswissen im Kopf. Solchen hat eine körperliche Erholung neben der Arbeit oft erst die Augen geöffnet über das, was sie sich und ihrer Zukunft für die Gesundheitspflege schuldig sind.
Wie viel frisches Blut fließt jährlich in die Reihen der Studenten und wie viel Kranke und Kraftlose verlassen sie nach einigen Jahren. Bei den meisten von ihnen hat der Ausgleich der erhöhten geistigen Arbeit durch körperli«^ Erholung gefehlt.
Andere wieder haben leider zu tief den Becher der Freude geleert. Die Forderung de r Leibesübungen in der studentischen Jugend bedeutet Hebung der Sittlichkeit in ihren Reihen. Gerade auf diese Seite von Turnen, Spie! und Sport mutz besonders hingewiesen werden.
Jugendlust und Frohsinn, die Freuden der Geselligkeit sollen die Studenten haben, ihnen verbleibe die „akademische Freiheit", damit sich der Ueberschuß an Kraft und Schwärmerei austose. Aber dieser Ueberschuß darf nicht verloren gehen und weggeworfen werden an Alkohol und Dirnentum! Er muß genützt werden für den eigenen Körper, zur Pflege der Gesamtheit.Körperliche Anstrengung macht nach alter Erfahrung den Körper unfähig zu alkoholischen und anderen Ausschweifungen. Auch ist sie bei starker geistiger Anstrengung zur Gesunderhaltung nötig. Daher: „Treibt Leibesübungen zur Förderung der Gesundheit und zur Wwehr von Gefahren für Körper und Charakter."
Wenn nun für die Studenten die Pflege von Leibesübungen als eine unbedingte Forderung einer gesunden körperlichen, geistigen u u d s i t t l i ch e u E n t w i ck l u u g angesehen werben muß, woher kommt es dann, daß die Hochschulen von sich aus fast gar nichts leisten, sondern teilnahmlos zur Seite stehen?
Ter Grund hierzu liegt im ganzen Wesen der Hochschule, ihrem konservativen Charakter, ihrer Unabhängigkeit von äußeren Einflüssen. Auch für die Professoren gilt, daß sich neues nur sehr langsam bei ihnen einbürgert. Besser wird es erst dann werden, wenn einmal auf den Lehrstühlen Professoren sitzen, die von Jugend auf Turnen und Spiel getrieben haben und von der Notwendigkeit der Leibesübungen für die Studenten überzeugt sind. . ,. .
Um aber jetzt schon eine Besserung auf diesem Gebiet au erzielen, muß die Professoreuschaft für die Pflege der Leibesübungen unter den Studenten interessiert und heran- gezogen werden, und die Korporationen müssen Anleitung betömmen durch Türnlehrer, Spielleiter usw., und angeeifert werden durch Professoren und Dozenten der Hochfchnie, so daß Turnen und Spiel bei ihnen bald aufblühen Serben. Leider fehlen uns noch ganz für diese Zwecke Stipendien, wie in England und Nordamerika, auch haben bis letzt nur wenige Hochschulen Turnhallen und Spielplätze.
Als vorbildliches Beispiel diene bte Universität Breslau, woselbst die Professorenschaft durch Geh.-Rat Prof. Tr. Partsch, Mitglied des Ausschusses der Deutschen Turner- schaft und des Vorstandes des Zentralausschusses für Volks-


