Mr. 139
Areuüg den 20. Skpkembsr
1907
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Auf der Llgenm Spur.
Kriminalroman von Otto Roeder.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) '
Unter dem gespannten Schweigen der Anwesenden fuhr der Rat in seiner Besichtigung fort; er ließ die Leiche umkehren- Tann deutete er auf die Schultern. „Da haben wir dicke braune Haare - . . hier auch braunrote Flöckchen, wie von schadhaftem Polsterüberzug," stellte er fest- Er warf einen Blick durch das Fenster auf die Straße, wo der Wagen des Milchkntschers auf seinen noch immer zurückgehaltenen Herrn harrte- „Tie weißen Haare hier auf dem Anzug rühren von dem Schimmel draußen her- Folglich muß der Mann in einem rotbraun ausgeschlagenen und von einem Braunen gezogenen Gefährt, mutmaßlich einer Troschke, gefahren fein. In dieser hat er auch seinen Tod gefunden- Er ist im Sitzen gestorben, das beweisen die gekrümmte Haltung der Kniee, die aufgezogenen Arme, der nach vorn gebogene Oberleib- Darum hat man ihn auch in sitzender Haltung in jener Türnische postiert — mehr noch! Tie Staubflecken oben an den Rockplatten und unten an den Küieen sind unter Einwirkung einer Flüssigkeit verkrustet, während wir in der Körpermitte es nur mit reinen Staubspuren zu tun haben- Ein weiterer Beweis, daß der hochgradig Trunkene mit überhängendem Kopfe gesessen hat und von einem Truck in seiner hockenden, in sich zusammengekrümmten Haltung gewaltsam festgehalten worden ist- In dieser Lage wurde ihm vor Mund und Nase ein Tuch gehalten —, so reichlich mit Chloroform getränkt daß diese Flüssigkeit stark abtropfte. Um sicher zu gehen, hat der Mörder — von einem solchen müssen wir wohl sprechen — wiederholt auf das Tuch nachgegvssen- Tavon rühren diese jetzt noch feuchten Flocken oben am Rock und an den Knieen her... die Sache stimmt!" fuhr er fort, sich durch den Geruch überzeugend- „Wir haben es hier mit Chloroform zu tun!"
Als Hansemann sich aufrichtete, hatte sein Gesicht einen ernsten, strengen Ausdruck angenommen- „Sind die Taschen schon untersucht worden? - . . nein! umsobesser!" Er begann unverzüglich mit dieser Arbeit, fand jedoch bald heraus, daß sämtliche Taschen ausgeleert waren- In der rückwärtigen Fracktasche befand sich nur ein „A- W." gezeichnetes weißes Taschentuch. Er gab es einem seiner Begleiter zum Aufbewahrern
„Unser unbekannter Freund hat saubere Arbeit geliefert," wendete er sich lächelnd an Walden, der ihm' eifrig behilflich war, obwohl sein blasses Gesicht deutlich genug zeigte, daß er den vorigen Schwächeansall noch immer nicht überwunden hatte- „Lieber Himmel, Sie sehen übel genug aus, wollen" Sie nicht lieber ausspannen?"
„Um keinen Preis," versicherte der jugendliche Detektiv) „mich interessiert der Fall im höchsten Grad- Ich bin wieder ganz wohl, Herr Rat, wie gesagt, mir schlägt nur, dieser entsetzliche Chloroformgeruch auf die Nerven •.. ., hier, diese Tasche haben Sie noch nicht durchsucht-" .
Ter Rat nickte ihm wohlwollend zu- „Touwurs en vedette!" lneinte er anerkennend- „Der Fall scheint allerdings nicht ge
wöhnlich, es dürfte sich um einen aus langer Hand vorbereiteten und sorglich erwogenen Coup handeln - . . hier die vier oberen Westenknöpfe vmrden offenbar in großer Eile geöffnet und zwar so gewaltsam, daß der oberste Kvopf mitsamt dem Futter heraus^ gerissen worden ist- Das galt der inneren Westentasche. Sie ist natürlich auch ausgeleert- Vermutlich steckte eine Brieftasche darin oder sonst ein flacher Gegenstand, da die Tasche schmal unbf eng gearbeitet ist - . . sie war oben mit einem Kiropf verschlossen, der gleichfalls von der suchenden Hand abgesprengk wurde — Hollah! was haben wir da?" unterbrach er sich plötzlich-
Er sischte in der inneren Westentasche und brachte zwischen den Fingerspitzen einen kleinen glitzernden Gegenstand hervor, „Oho, nicht so eilig!" meinte er lächelnd, als der neben ihm stehende Detektiv mit rauher Handbewegung nach. dem- Gegenstand greifen wollte- „Ihre Wißbegier in Ehren, lieber Walden, doch mich interessiert die Chose gleichfalls-" Er nickte gutmütig; dann, als er das Fundstück genauer betrachtete, spitzten sich seine Lippen wie zum Pfeifen- „Ein Brillant, anscheinend vom reinsten Wasser, dabei ein Stückchen Goldfassuug, augenscheinlich ebenfalls etwas Exquisites - . . das Taschenfutter ist übrigens ganz geschlitzt, wie durch einen scharfkantigen Gegenstand, der vermub- lich dem Toten gewaltsam abgenommen wurde- Durch dessen zusammengekauerte Haltung hatte sich das Steinchen mutmaßlich festgehakt und brach aus der Fassung — meinen Sie nicht auch, Walden?" Er blinzelte dem nur stumm Nickenden zu- „Das wollen wir gut aufheben... ich bringe es am besten in meinet Brieftasche unter", setzte er zögernd hinzu, dem- Detektiv das bereits behändigte Fundstück wieder abnehmend.
Auf feilte Weisung mußte der Schutzmann, zu dessen Bezirk während der zweiten Nachthälsce die Roon-Straße gehörte, vor-, treten- „Nun passen Sie 'mal genau Achtung," meinte der Rat, der im Verkehr mit seinen Beamten gern berlinerte, „wie uns der Herr Kreisphysikus vorhin sagte, ist der Tod kaum vvr 4 Uhr eingetreten, also kurze Zeit vor der Unterbringung des Mannes in der bewußten Toruische- Wo befanden Sie sich da?"
Der Beamte dachte nach- „Mein Revier ist weitläufig, Herr Rat", meinte er- „Ich werde wohl in der Nähe des General- stabsgebäudes gewesen sein-"
„Ist Ihnen irgend etwas ausgefallen?"
„Nicht das mindeste- Ich würde sonst eingeschritten fern.. - „Wie steht es mit den Troschken- Kamen solche vorbei?" „Verschiedene, Herr Rat - . . das heißt, jetzt erinnere rch mich- Es mag kurz nach 4 Uhr gewesen sein, da kam ein geschlossener Einspänner erster Klasse in unvorschriftsmüßig rascher Fahrt über den nördlichen Königsplatz in der Richtung nach Alt-Moabit zu gefahren- Ich rief dem Kutscher zu; der aber peitschte nur noch ärger auf das Pferd los und war bald aus meinem Gesichtskreis entschwundeii^"
„Ob der Wagen an der Roon-straßeuecke gehalten hat, können Sie Nicht umgeben? - . . Schade darum!" setzte er auf das verneinende Kvpfschütteln des SchutzmNnnes hinzu- „Wissen Sie wenigstens, welche Farbe das Tier gehabt hat?"
Der Schutzmann zögerte mit der Antwort- Herr Rat, es war völlig Nacht — ich meine aber immerhur, es war ein Brauner."


