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Aie Ursprilnge von Reigen, Spiel und Lied.
Von Professor Kurt Brehsig (Berlin).
(Schluß.)
Nach einer Einholung, deren Ordnung bis ins einzelnste festgesetzt ist und die nach hundert peinlich beachteten Vorschriften stattznfinden hat, beginnt iin Festhaus der eigentliche Tanz. Die Geleiterin betritt zuerst den Raum: sie trägt den toten Leib und schreitet rückwärts,, das Antlitz dem Neugeweihten zugewandt, der ihr folgt, das Haupt tief zum Boden geneigt. Ist er eingetreten, so wendet er sich viermal um, schreitet dem Feuer zu, und wenn er vier Shritte gegangen ist, wendet er sich wiederum viermal. Die Geleiterin schreitet dem Grunde des Saales zu, dort wendet sie sich. Bei der Trommel, die hier, den Boden nach oben, aufgestellt ist, dreht sie sich von neuem und schickt sich au, den Körper auf ihr niederzulegen. Inzwischen sind die älteren Mitglieder des Geheimbundes, die bis dahin außerhalb des Hauses auf dem Dache saßen, herabgesprungen und rennen in den Raum. Sie sind alle nackt und im Zustand der äußersten Erregung. Auch sie laufen um das Feuer, und wenn sie den Kreis viermal beschrieben haben, so ist der Herr des Festes, der schon draußen die Einholung in allen ihren Teilen geleitet hatte, an den Leichnam getreten. Und nun geschieht das Furchtbare: er zerlegt den Körper, verteilt die Stücke an die Hamatsa und die Geleiterin, und sie alle verschlucken sie, ohne sie kauen zu dürfen. Die Zuschauer zählen erregt nach, tute viele Bisse jeder tut: die Geleiterin hat vier zu verschlingen. Ist dieser Teil der Feier vorüber, so ziehen die Heilenden jeder einen Hatnatsa mit zur See, geleiten sie bis zur Hüfte in das Meer und, das Antlitz der Sonne zugewandt, tauchen sie ihnen das Haupt viermal unter das'Wasser. .Bis dahin stoßen die Bundesglieder immer wieder den erregenden Ruf hap, hap ans. Nach der seltsamen Taufe aber zeigen sie sich beruhigt, sie gehen zu dem Fefthause still und detr Blick abwärts gesenkt zurück. Ihre Aufregung hat sie verlassen, und sie tanzen in den folgenden Nächten nicht mehr hockend und Aruernd, sonderit aufrechten Ganges.
Der Tanz im eigentlichen Sinne, der in dies seltsam erttste Spiel eingeschoben ist, und beit der Neugeweihte auszuführen hat, scheidet sich scharf in zwei Formen, je nach dem Teil der gesamten Handlung, in den er fällt. Die eine ist voll von der äußersten Erregung, die andere still wie nach einer Beruhigung. Von den 'vier Reigen, die er abzuschreiten hat, gehört der zweite der leidenschaftlichen Gattung an. Der erste Tanz stellt den neuen Hamatsa dar, wie er gierig nach Menschenfleisch Umschau halt. Er tanzt ihn, indem er sich niederkauert, die Arme wett seitwärts ausgestreckt und heftig zitternd. Er wendet ore Arme einmal nach links, indem er auf dem linken Fuß ruht, dann nach rechts vom rechten Fuß aus, indem er zugleich den freien Fiiß weit nach hinten streckt. Er bewegt sich langsam und mit langen Schritten fort. Sein Äuupt ^lst emporgehoben, wie wenn er nach einem Körper hoch über ihm in den Lüften schaute. Die Augen weit geofinet, die Lippen weit vorgeschoben und zuweilen sein surchtbares hap, hap ausstoßend, so bewegt er sich vorwärts, von zwei Helfern geleitet, die ihn am Nackenring halten, um ihn von jedem Angriff auf die Zuschauer abzuhalten, -mi er nn Grunde des Saales angekommen, so ändert er plötzlich seine Haltung, legt die Hände in die Hüften und hupft in langen Sprüngen mit beiden Füßen zu gleicher Zeit, da doch sein Antlitz noch den bisherigen Jiiybrucc beibehält. So beendet er vier Umgänge um das rzeuer, immer von Zeit zu Zeit aus der langsamen, ^^^ßpbn Bewegung zu den laugen Sprüngen übergehend. K.l diese Zett über tanzt seine Geleiterin vor ihnk, rückwärts, rudern sie ihm das Antlitz zukehrt uud hoch aufgerichtet
••cc Fe aufwärts hebt. Ihre Handflächen sind ihm geöffnet zugewendet, gleich als hielten sie ein Stück Fleisch,
Hungrigen stillen könnte, und starr ge- Alrcke auf die offenen Hände gerichtet, folgt ver nackte Jungltng der Mhrerin.
r. ..- ~re,L^et<:eiT Wochen schreitet der Neugeweihte in auf- c'"t^.HEung ab, die Ellbogen fest an den Hüften, dre .e.acm> auf die Handflächen vorwärts gerichtet, die
Finger ein wenig gekrümmt. Seine Hände zittern noch immer heftig. Er ist jetzt in seine Decke gehüllt und sein Tanzen besteht nun in tanzmäßig abgepaßten Schritten, die dem trommelnden Schlag der Stöcke folgen. Er zieht die Knie so hoch, daß sie oft seine Brust berühren, und da er beim Heben des einen Beins das Knie des andern krümmt, so senkt sich sein Rumpf sehr merklich, ohne daß er doch seine Stellung verändert. Er setzt den Fuß immer mit der vollen Sohle auf.
Nach dem ersten Auftreten verschwindet der Hamatsa in einem Raum, den man durch eine Wand für ihn von dem Festsaal abgetrennt hat. Er gilt als die Hütte Chsi- waös und ist deshalb vorn mit dem furchtbaren Antlitz des Geistes bemalt. Bald hört mau die Schreie des Geweihten aus der geheimen Kammer, und wenn er wieder hervortritt, so trägt er die Kopfmaske des Raben des Chsi- waö, von der man annimmt, sie sei inzwischen ans seinem Haupt gewachsen. Er stellt nunmehr den Leibeigenen des Chsiwaö dar: doch wird gegenwärtig Rolle und Maske von einem zweiten Spieler übernommen, der also in diesem Punkt der Handlung an Stelle des Neulings auftritt. Dieser Spieler duckt sich so sehr, daß der sehr lange — zuweilen mannslange — Schnabel des Vogels dicht am Boden ist, und läßt den Schnabel furchtbar schnappen und klappern. Er bewirkt es mit den Händen, die völlig unter der Decke verborgen sind und mit denen er an innen verborgenen Stricken zieht. Bei den Nakoaktok, der einen von den Völkerschaften der Kwakintl, ist diese Schnabelmaske so dicht mit Zweigen behängt, daß auch sie gleich Federn bis zum Boden reichen, den Körper des Trägers völlig verbergen, und ihnt so wirklich den Anblick eines furchtbar großen Vogels leihen. Zuweilen ist das schreckhafte Gefieder auch mit Schädeln und Holz behängt: unt zu zeigen, sei es, daß der Schmuck im Kampfe errungen wurde, sei es, daß Leibeigene ihr Leben dem Fest zum Opfer geben mußten. Sobald dieser Spieler erscheint, beginnen die Sänger ihren Sang:
Wa! Uebec jeden Mann kommt Schrecken von der Tsetsaöka- maske des Bachbakualann Chsiwaö.
Wa! lieber jeden Mann kommt Schrecken von der Menschenfressermaske Koakoa Chualanu Chsiwaö,
Seine Hakenschnabelmaske macht das Herz klopfen, Seine Hochok-Hanptmaske macht das Herz klopfen!
Hat der Tänzer viermal die Runde um das Feuer gemacht, dann verschwindet auch er im heiligen Raum. Darauf erscheint der Neugeweihte wieder, kauernd wie zuvor, nur jetzt völlig nackt. Er tritt ab, und von neuem erscheint der Maskenträger, der gleiche zweite Spieler wie zuvor, nun mit der Maske des Chsiwaö selber angetan. Er bewegt sich in derselben Haltung, wie da er die Rolle von Chsiwaös Raben tanzte. Während er seinen Reigen abschreitet, singen die Sänger:
Er trägt die Hamatsahauptmaske,
Er hat sie von Bachbakualann erhalten, Er trägt sie rund um die Welt!
Hat auch diese Maske viermal das Feuer umkreist, so tritt der Hamatsa noch einmal auf, angetan mit einem Schmuck ans roter Zedernborke: er tanzt nunmehr in aufrechter Haltung.
Damit ist das Ende der Feier erreicht. Zuweilen, wie in der Kwakiutl-Völkerschaft der Lalafikoala, wird das Fest viel weiter ausgesponnen. Wenn dort eilt Hamatsa aus dem Wald zurückkehrt, so tanzt er vier Nächte mit Kränzen und Zweigen der Hemlocktanne, dann vier Nächte nackt, zuletzt vier Nächte in dem Schmuck von der Borke der roten Zeder. Immer aber finden noch festliche Aufzüge statt, die den Heimgekehrten in sein Haus geleiten, und die ebenso wie die Einholungen durch viele peinliche und umstäno- liche Vorschriften geregelt sind.
Rätsel.
Unschön erschein' ich dir zwar als seltsam gestaltete Nase, Aber eilt B noch und gleich werd' ich zur belgischen Stal Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung der Charade in voriger Nummer: Schockolade (5 Dutzend o — Schock o 4- Lade).
r| e 6- — Rotationsdruck und Verlag der Brüh l'scheu Unwersitäts-Buch« unb Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


