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Behaglich schlenderte Tagmar durch den Park. AH, hier war es schön! Sv frühlingsfrisch und frühlingsfroh sah alles aus. In köstlichem Saftgrün schimmerte der kurz gehaltene Rasen. Er badete sich förmlich in all dem Licht, das so verschwenderisch über ihn ausgegossen war.
Aber wie die Sonne auch sunkelte und lachte! Schier übermütig huschten ihre Strahlen durch das zarte Blättergewirr der Bäume, große, grüngoldene Schattenflecke auf die hellen Kieswege malend.
Aufatmend nahm Tagmar den großen Strohhut ab und hängte ihn über den Arm. Hui, gab das ein Leuchten und Flimmern, als die Sonnenstäubchen ihr über das Haar flirrten! Wie gesponnenes Gold glänzte es darin auf.
Süß und lind trieb der leise Südwind zarten Veilchenduft von der nahen Wiese herüber, durch welche mit geschäftigem Murmeln das kristallklare Wasser der Velte trieb. Hurtig sprangen die kleinen munteren Wellchen von Stein zu Stein, als könnten sie gar nicht früh genug zu der Ostsee kommen.
Mit wenigen Schritten war Tagmar auf der Wiese, die jetzt ein blaues Blumenmeer Bildete. Sie beugte sich nieder, um von den lieblichen Frühlingsboten zu pflücken. Tas war eigentlich eine leichte Arbeit, aber als sie einen leidlich großen Stranß beisammen hatte, fühlte fie sich doch ermüdet. Ter Blumenduft stieg einem ja förmlich zu Kopf, oder waren die Sonne und der Frühlingsodem schuld an der sonderbaren Mattigkeit, die ihr plötzlich die Glieder so schwer machte, daß sie sich auf die Rasenbank setzte, die neben dem Weg war?
Sie hatte schon ein ganzes Weilchen mitten in all dem Sonnenglanz gesessen, als sie Veltlingen auf sich zukomnien sah. Er kam aus der elektrischen Anlage.
„Aber Tagmar," schalt er vorwurfsvoll, „wie unvorsichtig, sich auf die feuchte Erde zu setzen. Da kannst Bit dir im Umsehen den allerfchönsten Schnupfen holen!"
„Ich war von dem Weg und von dem Pflücken so müde."
Sie hielt ihm den Veilchenstrauß hin. Er sah die Blumen flüchtig an. Dann glitt sein sorgender Blick wieder zn ihr. Sie sah wirklich sehr blaß aus. Wenn sie sich nur nichts geholt hatte, dachte er sorgend. Tas wäre nicht nur ihretwegen unangenehm, sondern auch wegen der Hohen Gäste! — Er kannte dieses trügerische Klima des Nordens zur Genüge. Aber als Tagmar dann an seinem Arm nach Hause ging, hatte sie das Schwächegesühl überwunden.
Veltlingen war in sehr gehobener Stimmung. Morgen mit dem Mittagszug würden die Hohen Herrschaften eintreffen. Er sprach die Hoffnung aus, daß alles gut verlausen würde. Aber Tagmar fühlte sehr wohl, daß mit dem „alles" nicht nur der Besuch gemeint war. Sie seufzte heimlich. Wie konnte Magnus nur so sehr an der Hofstellung hängen!
Sie begriff ihn einfach nicht. Sich freiwillig in eine abhängige Stellung zu begeben, wenn man unumschränkt auf einem so wundervollen, großen Besitz schalten und walten konnte! Mer sie kannte ihren Gatten viel zu gut, um nicht ganz genau zu wissen, daß er jetzt alle Hebel in Bewegung setzen würde, um der Nachfolger des Grafen Kliehm zu werden. Und dieser Gedanke verdarb ihr die Freude an den Gästen.
An allem? fuhr es ihr unwillkürlich durch den Sinn. Herb bogen sich ihre Mundwinkel abwärts. Wenn doch die Gräfin Lindströrn nicht mitkäme! Sie konnte sich nun einmal nicht einer unbehaglichen Empfindung erwehren, wenn sie die kokette Gräfin jaus Magnus einreden sah! Ihm mißtraute sie ja iricht ... .
Grade als das Ehepaar in die Haustür treten wollte, kam der Postbote an.
„Nun, Vaschke, sind Briefe da?" fragte Veltlingen herablassend.
Er liebte es, zeitweilig sich populär zu machen, nur daß ihm das selten gelang. Niedergehende haben gar ein seines Gefühl für echte Herzlichkeit.
„jawohl, Herr Baron!" Er reichte die Briefschaften hin, unter welchen auch eine Kürte an Tagmar war.
„Von Kathi," sagte sie erstaunt und überflog eilig die wenigen Zeilen. „Ach," machte sie bedauernd, Borgwardt hat sich bei einem Sturz mit dem Pferde den rechten Oberarm gebrochen. Nun kommen sie alle beide nicht. Wie schade, Magnus !" , Sie gab ihrem Mann die Karte. Ein tiefes Rot brannte ihr plötzlich auf den Wangen.
„Also Uchdorf vertritt ihn," sprach Veltlingen, als er zu Gnde gelesen hatte, und dabei slvg sein forschender Blick zu Tagmar. Wie erregt sie aussah. Freute sie sich über Uchdorfs Kvmmen?
Hätte der .Klammerherr ihr ins Herz sehen können, er wäre
sicher sehr verwundert gewesen, daß ihre einzigste Sorge augenblicklich das kühle Verhältnis zwischen ihnen beiden war. Sticht um die Welt hätte Dagmar vor Uchdorf eingestehen mögen, daß sie sich in Veltlingen geirrt habe. Und dabei wußte sie ganz genau, daß es ihr nur mit Anspannung aller Kräfte gelingen würde, Uchdorf darüber zu täuschen. Und das mußte sie doch! Ja, mußte sie! Sie hätte sich sonst ja tot geschämt vor — ihm. —
Und aus dem Gesicht heraus, wenigstens für diese Zeit mit Magnus so gut wie irgend möglich zu stehen, lehnte sie sich liebevoll auf seinen Arm.
„Schade, daß Borgwardts nun nicht kommen. Ich hatte mich schon sehr auf Kathi und die Kinder gefreut. Ter arme Borgwardt tut mir auch leid."
„Ich mir erst recht," brummte der Kammcrherr. „Oder glaubst du, daß Uchdorf für mich ein Wort einlegen wird?" „Hoffentlich," antwortete sie einsilbig.
Ihr war, als habe sie einen Schlag erhalten. Wieviel mußte Veltlingen doch au der Exzellenz gelegen sein! —
10. Kapitel.
Ter Mai war ge&rmmcn.
Mit Lerchenjubel und Trosselschlag hielt er seinen Einzug, unter lichtblauem Himmel, bei strahlendem Sonnenschein.
Ein leichter Osttvind wehte den herbfrischen Salzgeruch des Meeres herüber nach Veltlingen, wo unter dem festlich geschmückten Portal der Kammerherr und Tagmar bereit gestanden hatten, die fürstlichen Gäste zu empfangen.
Jetzt, nach dem Frühstück, ruhten die Hohen Herrschaften und das Gefolge sich ein wenig. Auch Tagmar hatte sich müde auf ihr Ruhebett gestreckt. Sie schien wahrhaftig Nerven zu haben! Denn was konnte diese zeitweise Abspannung anders sein? Aber der ersehnte Schlaf kam nicht. Statt dessen zogen die eben verlebten Stunden nochmals an ihrem geistigen Ange vorüber.
Tie Herzogin-Mutter uud der Herzog waren von hinreißender Liebenswürdigkeit gewesen. Auch an dem Benehmen der Lindstrom hatte Tagmar nichts tadeln können. Einstweilen war es noch timt einer wohltuenden Zurückhaltung. Aber Uchdorf! Nicht daß ihm auch nur das geringste nachzusagen gewesen wäre, im Gegenteil! Er war von einer peinlichen Höflichkeit, einer gleichmäßigen, ruhigen Zurückhaltung gegen sie gewesen. Er unterhielt sich aufmerksam und fast ausschließlich mit der Gräfin Lind- ström, und doch wnnte Dagmar das Gefühl nicht los werden, daß er jedes Wort, jede ihrer Bewegungen, ja ihr ganzes Mienenspiel scharf beobachtete.
Und da war wieder die Angst über sie gekommen, daß er ihre Ehe durchschauen könnte. Und bei diesem Gedanken stieg ihr das Rot der Scham in die bleichen Wangen. Sie ballte die schmalen Hände. Nein, er sollte es nicht merken, wie es zwischen ihr und Veltlingen stand . j .
Zum erstenmal in all den Jahren, seit sie bei ihr im Dienst stand, mußte Anna ihrer Herrin ein wenig rot auflegen. Heute wollte Dagmar schön sein — um jeden Preis. Ihre Augen strahlten und ihre Lippen lächelten, als sie am Arm des Herzogs! in den Bankettfaal schrttt. Mit Genugtuung sah sie Uchdorfs verwunderte Augen. Ein leiser Triumph schwellte ihre Brust..
Sie spielte ihre Rolle vortrefflich. Neidisch sah die Gräfin Lindstrom in das stolze, zufriedene Gesicht der Schloßherrin. Sie hätte ja nie und nimmer nach dem Benehmen des Kammerherrn, neulich bei der Galatafel, gedacht, daß Dagmar so zufrieden sei. Das gönnte sie ihr nicht.
Glühend stieg das alte Haßgefühl in ihr empor, aber es war größer, stärker geworden. Ah, sie hatte es keineswegs vergessen, wie schmählich ihr die Verdächtigungen Dagmars mißraten waren ---ein neuer Stachel, der sie' zum Zorn anspornte!
Tenn daß sie dem Grafen Rehnen nichts anhaben konnte, wußte sie nur zu genau. Der spielte sich im geeigneten Moment als den Schwerhörigen aus und redete mit schallender Stimme. Aber die — für welche er sich so ins Zeug gelegt hatte, die wollte sie ärgern nach Herzenslust!
Ihr sengender Blick huschte zu Veltlingen hin, der ihr sein Glas mit leichtem Lächeln entgegen hielt.
„Möge es Ihnen hier gefallen, Gräfin!"
Sie blickte ihn vielsagend an. Leise klirrte das seine Kristall zusammen.
„Halten Sie mich denn für so anspruchsvoll?" suchte sie neckend das Gespräch weiter zu spinnen. „Ihre Worte klangen so ernst und sorgend, als ob sie die Erfüllung dieses Wunsches für unmöglich hielten."
„Für unmöglich insofern, als mich das Beste grade nur gut genug dettcht. Ich utöchte Jhiten aber das Allerbeste darbieten können!"


