SumsLag den 20. Juli
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1807 — Ur. 106
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. Imiken unter der Asche-
Roman von M. Proßnih (M. Nörenberg). Unbefugter Nachdruck wird gerichtlich verfolgt.
sFortsetzung.)
Zu ihrem Erstaunen bemerkte sie an der einen Schmalseite des Saales ein altersgeschwärzieA Oelbild, und als sie näher hinsah, glaubte sie in der stark nachgednnkelten Malerei die Umrisse einer weiblichen Gestalt zu erkennen, die in langte allenbe Gewänder gehüllt, mit schmerzlich verzogenem Mund dastand, die Rechte warnend vor dein a*sgestreckt, was ihre spähenden Augen wahrzunehmen schienen, diese Augen, von denen eins mitten im Augapfel durchstochen war.
Tas bot einen schauerlichen Anblick. Dagmar fcmtte sich eines leisen Gstauens nicht erwehren. Ohnehin schon etwas nervös, knickte sie bei diesem unheimlichen Bild plötzlich zusammen, so daß sie sich haltsuchend an den geschnitzten Rahmen klammerte. Ta geschah etwas Unerwartetes, was ihr wirklich sekundenlang den Herzschlag stocken machte. Mit leisem Knack sprang das Bild handbreit vor. . .
Ms Tagmar sich etwas beruhigt hatte, trat sie näher, und nun entdeckte sie auch die harmlose Ursache ihr.es Schreckens, eine von innen sehr Wohl sichtbare Keder, die durch leisen Truck auf eine der Arabesken an dem Bilderrahmen eilte kleine, schmale Tür, wie Tagmar anfangs glaubte, zu einem Wandschrank, öffnete. Aber bei genauerer Untersuchung sah sie in der vermeintlichen Rückwand ebenfalls eine Feder, die, nicht ganz so laut, eine ebenso schmale Tür nach der Bibliothek öffnete. Tie Bibliothek, auch durch zwei Stockwerke gehend, hatte eine sehr breite, teppichbelegte Galerie, welche mit bequemem Geländer versehen war, damit man die auf hohen Börden befindlichen Bücher bei etwaigem Suchen besser ans der Hand legen konnte. Eine zierliche, gußeiserne Wendeltreppe führte von unten auf diesen, offenbar wenig benutzten Teil.
Neugierig sah Tagmar herunter. Ihr Mann lehnte sich sehr behaglich in einen der großen grünen Ledersessel zurück. Er las. Sie öffnete grabe den Mund, um ihn zu rufen, da trat Franz herein. Ihr Gesicht nahm den Ausdruck des Erstaunens an. Sprach Franz denn lauter als sonst? Mar und deutlich konnte sie jede Silbe verstehen. Sie ging einige Schritte nach rechts, da hörte sie nur ein dumpfes Gemurmel, doch so wie sie an der Geheimtür stand, vernahm sie jedes Wort.
Das machte ihr Spaß. Uebermütig kroch sie in den Wandschrank zurück, nachdem sie vorher eine kleine Platte der eingelegten Täfelung zurückgeschoben hatte. IN dem Schrank schien die Akustik übrigens am allerbesten zu fein. Seife schob sie die Platte wieder vor und lugte zur Abwechslung durch das zerstochene Oelbildauge. Man konnte ziemlich gut den großen Bankettsaal übersehen.
Lächelnd trat Dagmar endlich aus ihrem Bersteck. Die Vorfahren waren wirklich recht geriebene Leute gewesen! Ob Magnus wohl um dies Geheimnis wusste? Sie beschloß, ihn gelegentlich zu fragen, zuvor jedoch die etwas verrosteten Federn
und Angeln zu ölen. Wollte man die Sache dann den Hohen. Herrschaften zeigen, so sollte doch auch alles recht geräuschlos gehen.
Anna wunderte sich nicht wenig, als ihre Herrin ein Staubtuch und ein Oelkännchen haben wollte, aber sie war viel zu gut geschult, um sich das merken zu lassen.
Mit hochroten Wangen brachte Tagmar auch bald alles zurück. Sie amüsierte sich königlich über ihre Entdeckung. Ob das die einzige blieb? Neugierig setzte sie ihre „Inspektionsreise" fort.
Als sie im Erdgeschoß in das sogenannte „Königszunmer" gehen wollte, in dem Karl XII. gewohnt und geschlafen hatte, traf sie Veltlingen. Gemeinsam betraten sie ba§‘ hohe, etwas düstere Gemach, dessen größten Teil ein mächtiges Paradebett einnahm.
Bon einem großen Baldachin, der mit Gvldschnüren an der Decke befestigt war, hingen rund um das Bett schwere, grün- seidene Gardinen bis zum Fußboden herab. Man sah es dem Raum an, daß er noch geflissentlich in dem altertümlichen Zustand erhalten war.
Tagmar zog mit raschem Griff die schweren Bettgardinen zur Seite.
„Puh," meinte sie, „ich möchte nicht darunter schlafen. Ob der Herzog wirklich viel Gefallen an solcher uralten Pracht findet? Es mag ja sehr ehrend fein, in diesem königlichen Gemach zu schlafen, ich möchte es — ehrlich gestanden — nicht."
Ihre Augen schweiften im Zimmer umher. Auf einer alten, überaus kunstvollen Stehnhr blieben sie hasten.
„Tie tickte mir zu laut, und die schwedische Majestät sieht mir zu ernsthaft aus." Sie wies lachend auf das Billp
Veltlingen sah sie gut gelaunt an.
„Närrchen," meinte er scherzend, „was verstehst du von Altertümern?"
„Nichts, im Vergleich zu dir," antwortete sie aufrichtig, „aber vielleicht desto mehr von geheimen Türen und Wendel- treppchen."
„Na, die gibt es hier nicht," lachte der Kammerherr. Nach solchen Dingen suchst du in Veltlingen umsonst."
Einen Augenblick sah sie ihn verblüfft an. Wußte er wirklich nichts davon? Das gab ja einen Hauptspaß! Sie genoß schon im Voraus sein Erstaunen, wenn sie ihm das erzählen würde. Ta trat Franz herein und meldete, daß der Küchenchef sie notwendig sprechen müßte.
Eilig ging Tagmar fort.
Allinählich begann ihr doch der Köpf zu schwirren von all den Entscheidungen, die sie treffen mußte. Und so vergaß sie Veltlingen ihre Entdeckung mitzuteilen. —
Man sckwieb den 30. April. Außergewöhnlich sonnig und schön waren die letzten Tage gewesen. Tie Amseln und Stare pfiffen um die Wette in den hohen Ulmen des Parkes, jubelnd schwangen sich die Lerchen in den blauen Aether empor und die kleinen Frühlingsblumen dufteten und blühten, daß die Luft von ihrem zarten Hauch erfüllt war. Keck lärmten die Spatzen in den Linden vor der Haustür.


