Ausgabe 
20.4.1907
 
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ein Dorf ist, desto weniger findet man sie. Bei ihnen wechselt das Hans von Woche zu Woche unter den Eltern der Mädchen und Burschen sowie der Dienstherrschasten. Diese nehmen bte Spinngesellschaft unentgeltlich auf und, weil sie selbst einen Sohn oder eine Tochter dabei haben, sehen sie auch allermeist ans Zucht rind Ordnung und haben auch mehr Respekt bei den jungen Leuten. Doch diese Art Spinnstnben verschwinden mehr und mehr. Biele Familien geben sich nicht mehr dazu her, sie furchten den Schmutz, den Lärm und die Unruhe, die unausbleiblich wären; man kann's ihnen kaum verdenken. Da geht es denn im Herbst, etwa von Martini, wenn die Feldarbeit beendet ist und die Dresch­maschine das Dorf verlassen hat, auf die Suche nach einem Spinnhanse. Natu^emätz sind es meist die Armen und Aermsten, die ost nur eine Stube ihr eigen nennen, und meist mcht dre besten, die sich bereit finden, die Spinngesellschast aufzunehmen. Denn das ist ein einträglich Geschäft: Licht und Brand ward von der Spinnstube gestellt; zu Neujahr und Geburtstag werden Spinnherr und Spiunfrau mit schönen Geschenken bedacht und festlich bewirtet: bei den Gelagen an den Festtagen der Spinn­stube sind sie ständige Gäste; voll dem gespendeten Branntwein oder Bier trinken sie mit; die Eltern und Herrschaften müssen ihr Fuhrwerk für Holzholen oder für landwirtschaftliche Zwecke ver­sprechen. Kein Wunder, daß sie sich in Abhängigkeit fühlen von ihrer Spinngesellschast, daß sie es kaum wagen, ein ernstes mahnendes Wort zu sagen, daß sie sich schon viel Siirnt und Ueber- Mi!t gefallen lassen. Tie unausbleibliche Folge davon ist, daß die besten Bauernfamilien immer mehr ihre Kinder von der Spinustube fernhalten, weil sie sie nicht in guten Händen wissen, und in den reichen Bauerndörfern wird in nicht zu ferner Zeit die Spinnstube nur noch von den Kindern aus den geringen Familien und aus Knechten und Mägden bestehen. Ganz vev- schwindm lvird sie aber 'auch da nicht, weil die Herrschaften ihre Dienstboten an den langen Winterabenden nicht gern, um sich haben, ihnen nie ein Heim an ihrem Familientische bieten würden, weil sie sich in der "freien offenen Aussprache beengt fühlen, ihnen aber auch kein besonderes Zimmer heizen wollen Auch Stolz und Hochmut mag sein gut Teil dazu beitragen, daß diedicken" Bauern ihre Kinder nicht mehr teilnehm-en lassen denn auch auf dem Laude werden die Klassenunterschiede immer gröber.

Zur Reformation der Spinnstube ist darum das vor allen Dingen notwendig, daß sie nur in den besten und gediegensten Familien mit Aussicht und Zucht untergebracht werden, daß die Eltern darauf ihre größte Aufmerksamkeit richten, daß aber auch die guten Elemente aus beit besten Häusern sich nicht in. Hoch­mut und Eigendünkel zurückziehen, sondern durch ihr Beispiel er» ziehe risch bessernd und fördernd auf den Ton der Spinustube entwirren.

Tie einzelnen Sitten und Gebräuche sind von Dorf zu Dorf verschieden. Allgemein aber darf man sagen, daß die Spinnstube gegenwärtig im Niedergang begriffen rst. Ihr Aussterben aber ist nicht zu wünschen. Vielmehr tut eine Veredelung allenthalben gründlich not, die freilich nicht von der Polizei, auch nicht von Pfarrer und Lehrer ausgehen kann. Da müssen einsichtige Eltern, denen das sittliche Wohl ihrer Kinder am Herzen liegt,, selbst das Beste dabei tun. Wären die Spinnstuben, was sie in der guten alten Zeit waren und was sie sein sollten, waltete überall der rechte Geist in dem Spinnhanse und der Spinngesellschast, dann wären sie die idealsten Jugendvereine auf dem Lande, wie man sie sich nur wünschen kann, und könnten mit den Jünglings"- undJnngfrauen-Bereinen", die man heute aller- wärts zu gründen sich bestrebt, getrost konkurrieren. Denn in ihnen fänden wir dann alles vereint, was die J-reunde der Jugend für sie erstreben, edle Geselligkeit und Beschäftigung, Arbeit, Lust und Freude. Freilich bringt der tägliche ungezwungene Verkehr beider Geschlechter auch mancherlei Gefahren und Ver­suchungen mit sich, wenigstens für alle, die keinen inneren sitt­lichen Halt haben; und wenn auch die Spinnstube selbst sich noch fast überall in den Schranken der Sittlichkeit sich bewegt, so \ darf man doch nicht verkennen, daß sie in ihrer heutigen Form nicht ganz unschuldig ist an dem gegenwärtigen moralischen Nieder­gang der Dorsjugend.

vermischter.

* R o m a n, Originalität und B ü ch e r m a r k t. Einen interessanten Vergleich zwischen deutscher und englischer Scbrist- stellerei zieht der Schriftsteller Pros. Dr. A. E. Schönbach in einem ArtikelDes Schriftstellers Lebensfahrt" in der Monatsschrift Hochland", indem er den Beobachtungen des Engländers Lorimer seine eigenen gegenüberstellt. Was den Roman als buchhündle- riscben Zugartikel angeht, herrschen iimDeulschland und England ähnliche Verhältnisse.Nichts entscheidet die Uebernahme eines Werkes durch einen tüchtigen Verleger als dessen Werk, das heißt die Verivertbarkeit aus dem Büchermärkte. Welche Qualitäten ein Roman besitzen muß, um den Buchhändler, der sein Geld dabei riskiert, zur Annahme des Manuskriptes zu bestimmen, darüber bietet Lorimer etliche sehr gute Bemerkungen. Gewiß muß ein Ro­

man, sagt er, originell sein, aber doch nicht zu originell. Es gibt Leute, meint er mit einem echt englischen Vergleich, die so sehr an konservierte Milch gewohnt sind, daß sie irische Milch von der Kuh weg gar nicht mehr vertragen, weil ihnen der Geschmack der Bor­säure fehlt. Alles ivirklich Originelle, dürfen wir hinzufügen, bereitet der Aufnahme Schwierigkeiten; man muß sich damit erst abftnden, es den Organen assimilieren ; das Ueberraschende dabei wird zuerst als unangenehm empfunden; es fordert Anstrengungen. Das erklärt sowohl den Widerstand, den alle großeii Neuerer in der Kunst- entivicklung finden, als auch den Erfolg, der Werken beschieden ist, welche gerade die dem Gaumen des Publikums genehme Mischung von Altem und Neuem aulweisen. Ein Romaii, will er die Massen der Leser geivinnen, muß der Hauptsache nach in den herkömm­lichen Geleisen verlausen; er soll freilich auch an bübschen Pimkten vorübersühren, die noch nicht bekannt sind, und darf gelegentlich eine interessante Wendung plötzlich nehmen, allein nicht , zu oft; denn dadurch würde die angenehme kleine Spannung gestört, mit welcher das kaufende große Publikum dem Laufe der Erzählung folgt. Starke Gemütsbewegungen sind unbequem, und das Wider­streben, das z. B. dem bebentenben BucheJesse und Maria" ent­gegengebracht wurde, versteht sich gewiß daraus, daß die Ver­fasserin aus diese Bedürfnisse der großen Lesermasse keinerlei Rück­sicht nahm. Lorüner behauptet sogar, ein gewisser TurchschnittS- eriolg werde einem Roman dadurch gesichert, ivenn ein originelles Werk, daS dem Publikum gefüllt, darin nacvgebildet sei; er em­pfiehlt daher dem Anfänger, seine Erzählung dem Verleger deS Autors anzubieten, den er eben nachgeahmt habe. Ta werde es sich sofort weisen, ob die Prozentsätze von Ueberlieserung und Origi­nalität bei der neuen Arbeit sich in dem richtigen Verhältnis be­finden, das guten Absatz Vorhersagen läßt."

* Ein Bettler kriegt in einem Bauernhause ein Stück Brot, das er mit den Worten in Empfang nimmt:I sag' Euch iausendinal Dank."Tas ist zuviel," erwiderte die Bäuerin.Nanu," entgegnete der Bettler,so gebt mir für den Nest noch 'n Käs."

Reife».

Billige Reisegelegenheit nach den Gest ade tt des Mittel meeres bietet dieVereinigung für deutsche Mittelmeerfahrten". Für dieses Jahr ist ein Besuch der ethno­graphisch, künstlerisch und landschaftlich hervorragendsten Stätten des westlichen Mittelmeerbeckens geplant. Die Mise soll mit 16. Juli in Marseille beginnen und über Barcelona und Palma auf den Balearen nach Algier, Tunis und Carthago und über Sicilien (Palermo, Mvnreale, Taormina, Messina) nach Salerno, Neapel und Rom und schließlich über Corsica nach der Riviera gehen und am 3. August in Genua enden. Ein französischer Dampfer ist für die Fahrt gechartert. Es handelt sich dabei um kein geschäftliches Unternehmen und nur dadurch ist es möglich "geworden, den Preis der ganzen nennzehutägigen Rund­fahrt einschließlich der guten und reichen Verpflegung, der Wageu- fahrten, der Unterkunft am Laude, der Führung, etwaiger ärzt­licher Behandlung re. auf 315 Mk. zu beniesten. DieVer­einigung für deutsche Mittelmeerfahrten", ein freier Bund von Damen und Herren aller Stände, hat das Ziel, den echoluttgs- bedürftigen Kaufleuten, Beamten, Lehrern usw. Seereisen nach dem Süden zu erschwinglichen Preisen und in aller Bequem­lichkeit, ohne besondere Vorstudien zu ermöglichen. Unseren Lesern, die sich für die Fahrt interessieren, empfehlen wir, sich Prospekte kostenlos von dem Schriftwart der Veremignug, Lehrer O. Hinz in Charlotteubnrg, Kirchstraße 35, kommen zu lassen.

Charade.

Nachdruck verboten.

Wenn wir die ersten Zwei innig beklagen, Müssen wir auch noch der Dritten entsagen. Die alle Herzen mit Freude erfüllt.

Ader wenn jene urplötzlich erständen Und zu der Drillen zusammen sich fänden Himmel I Welch' schaurig-phantastisches Bild t

Nimmer erschau'» wir in Wahrheit das Ganze, Alaler nur schildern's in farbigem Glanze, Altmeister Goelhe besang es im Lied.

Auch ein französischer Meister der Töne Schuf aus Akkorden ein Abbild der Szene, Die unS mit Schauder bewegt das Gemüt.

Auslösung in nächster Nummer.

Auflösung des Bilder-RätselS in voriger Nummert Auf hoher See wirft niemand Anker.

Redaktion: Ernst Heß. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen UnwersitätS-Buch- und Steindruckeretz R. Lange, Gtetze»