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„Dein treuer Bruder Roderich," wiederholte [ie, und schlug dann wild die Hände vor das Gesicht. Ihre nicht an Beherrschung gewöhnte Natur krümmte sich unter diesen schmerzenden Schlägen. Dieses Haus, bisher ihre sonnige Heimat, wo stets alle ihre Wünsche erfüllt waren und sie sich als verhätschelten Mittelpunkt gefühlt, erschien ihr nun. so öde und fremd — nein, nein, sie wollte, sie konnte es nicht ertragen, hier die lästige Fremde zu sein! Und die Mutter, welche sie gestellt gefunden hatte, konnte ihr keine Heimat bieten.
Ein Frösteln, ein Gefühl von Grauen überkam sie, wenn sie an die heftige, zerfahrene Art dieser Mutter dachte, die keinerlei Behaglichkeit zu geben verstand. Ihr weichliches, verwöhntes Empfinden zog sich scheu und schaudernd zusammen Lei der Aussicht, daß sie all das, was ihr Leben bisher so reizvoll und sonnig gemacht, aufgeben und entbehren solle. In der Mutter unordentlichen, meist wüst aussehenden Räumen zu hausen, die seltsame Lebensweise, an welche diese gewöhnt war, zu führen, ohne Dienerschaft, mit unregelmäßigen, selbstberei- teten Mahlzeiten, das war entsetzlich!
Ta dämmerte langsam, wie aus weiter Ferne, eine schlanke, freundliche Männergestalt herauf, die sie vergessen hatte — Armand Billotte! Er liebte sie, er wollte sie heiraten und aus all diesen Wirren herausnehmen. Er war ein guter, edler Mensch.
Sie saß eine Weile regungslos und dachte nach — eine Ungewohnte Arbeit bei ihr. Gestern, als der Vater ihr von dem Antrag gesprochen, hatte sie nicht daran gedacht, ihn zu heiraten, o, wie ganz anders hatte sie gestern die Welt und ihre Zukunft angesehen — seitdem war ja alles umgeworfen, war ihr ganzes Glück versunken. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als Doktor Villatte zu heiraten.
(Fortsetzung folgt.)
Are KprimstuKe im Wogelsöerg.
Skizze von A. K.
Nachdruck verboten.
-Wieviel ist nicht schon für und wider die Spinnstube geschrieben worden! Wohl die weiften, die sie nicht aus eigener Anschauung kennen, sind mit ihrem abfälligen Urteil rasch bei der Hand. Wird doch die Spinnstute heutzutage vielfach als die Wurzel der überhandnehmenden Roheit und Sittenlosigkeit pus dem Lande betrachtet. Und in der Tat, wer von den mancherlei Schattenseiten und Auswüchsen, die meist allein zu den Ohren der breiten Oefsentlichkeit gelangen, gehört hat, ist versucht, diesem wegwerfenden, verdammenden Urteil zuzustimmen. Wir wollen diese Schattenseiten wahrlich nicht vertuschen. Wer es wäre mu- gerecht, darüber die idealen Gesichtspunkte und, die vielen Lichtseiten zu vergessen, ungerecht schon deshalb, weil jedes einseitige Urteil allemal falsch ist. Nicht «ine Beseitigung der Spinustube etwa durch polizeiliches Verbot ift es, was nottut, — denn dann würden wir die Jugend dem Wirtshaus und der Gasse überliefern, und es wird uns nicht gelingen, etwas besseres an ihre Stelle zu setzen, — sondern eine gründliche Reformation derselben. Ihr allein kann von einsichtigen Leuten das Wort geredet werden.
Doch der Leser mag selber entscheiden. Ich will ihm nicht Minuten, nun schleunigst ins Gebirge zu wandern, um zu ver- strchen, sich aus eigener Anschauung ein sicheres Urteil zu bilden. Das wird ihm schwerlich gelingen; und wenn es ihm auch gelänge, einigemal da und dort in der Spinnstube zu Gast zu jein, so wäre er am Ende nicht klüger als zuvor. Er kehrte vielleicht mit den denkbar unsinnigsten und verkehrtesten Vorstellungen zurück. Denn das angeborene Mißtraue!« und die Zurückhaltung der Landbevölkerung den Fremden gegenüber erschwert solch eigene Anschauung sehr, ja macht sie fast zur Unmöglichkeit. Und doch würde gewiß auch der Städter gern einmal einen Blick tun in diese eigenartige Einrichtung des Landvolkes. Dazu -mögen ihm die nachfolgenden Ausführungen verhelfen, die sicherlich das Interesse aller finden werden, die für Volkskunde Sinn und Verständnis haben. In eine ganz andere, ihn fremd- inxtig anmutende, poesievolle Welt wird damit der Leser versetzt.
Er folge mir im Geiste in ein „Spinnhaus", d. h. das Haus, in dem die Spinustube gehalten wird. Wir treten in das Wohnzimmer, das oft das einzme des Hauses ist. In der Mitte des Zimmers hängt von der Decke herab di« Hängelampe, nm welche die „Spmnmädchen" einen jtreiä nuten. Dw Bursegen Haben sich zum Teil in ihre Reihe gedrängt, um zu scherzen und zu necken, oder sie sitzen um den Tisch, mit Kartenspiel oder Merhand Schnitzarbeit beschäftigt. Soweit ihre Kreuzer reichen, tvird dazu kmch geraucht und Bier oder Branntwein getrunken. Doch ist das für die meisten ein Luxus, den sie sich nur Sonntags leisten Wunen. Auch gemeinschaftliche Spiele, bei denen, das Ein- 18[en eines Pfandes durch einen Kuß wie überall eine große Roll« hielt, sowie lustige, meist zweistimmig« Gesänge unterbrechen di« Arbeit. Tie Spinnstube ist die rechte echte Pflegestätte des VolM- «esangs aus dem Lande. In der guten alten Zeit gab es getrennte Burschen- und Mädchenspinnstuben, Gesellfchasteu von junge»
Leuten einerlei Geschlechts; ein oder mehrere Jahrgänge vereinigten sich zu einer Spinnstube. Heutzutage gibt es auch in den meisten Dörfern des Vogelsbergs, wo sich die alten Sitten doch am längsten und zähesten erhalten, keine getrennten Burschen- spinnstuben mehr. Während früher die Burschen erst abends um 9 Uhr die Spinnstube ihrer Mädchen aussuchten, vorher aber einige Stunden lang ihre Spinnstube für sich hatten, kommen sie jetzt sofort mit beit Mädchen in gemeinsamer Spinnstube zusammen, nur daß sie statt um 6 Uhr sich erst gegen 8 Uhr des Abends einsiuden. Die Spinustube dient einem doppelten Zweck. Was ihn Name sagt, soll sie vor allem eine gemeinsame Arbeitsstätte sein, in ter die Mädchen — früher auch die Burschen — für ihre Familie oder Dienstherrschaft fleißig das ihnen aufgegebene Pensum spannen. Gesponnen wurde Flachs und Wolle. Doch da der Flachsbau fast ganz verschwunden ist, wird auch das Flachsspinnen immer seltener. Früher galt es als ein Ruhm für eine junge Braut, wenn ihre Eltern ihr ganze Kisten und Kasten selbstgesponnener und selbst- aewebter Leinmand und Kleider als Brautgabe spenden konnten. Wenn unsere heutige Dorfjugend einmal selbst in die Lage kommt, Töchter ausstatteii zu müßen, dann wird die Fabrikware die Stelle des Selbstgespoimenen einnehmen. So wird auch das „schäfftig" Gewand, das Alltags- und Arbeitskleid des Bauern, trotz seiner Unverwüstlichkeit immer mehr der neumodischen Fabrikware Platz machen müssen. Auch die Schafzucht hat sehr nachgelassen, die mancherlei sanitären Vorschriften gegen die Viehseuchen sind mit der Grund, weshalb in gar manchen Dörfern keine Schafherde, dieses Idyll des Landlebens, mehr zu sehen ist. Man muß sich vielfach auch die Wolle zum Spinnen kaufen und vom Kausen ter Wolle bis zum Kaufen des Garnes ist nur ein kleiner Schritt. So gibt es heutzutage schon viele junge Mädchen, auch in den einsamen Dörfern, in dem oberhessischen „Sibirien", die das Spinnen gar nicht mehr lernen. Wer nicht spinnt, hakelt oder strickt oder näht. Es ist lebhaft zu bedauern, daß das Spinnrad immer mehr auch aus den Spinustuben verschwindet. Denn bei dem Schnurren der Räder läßt sich gar traulich plaudern. Ein Stück Poesie geht damit auch der Spinustube verloren. Auch mancher Anlaß zu harnilosem Scherz und Stecken hört damit auf. Die Burschen pflegen den „Knecht" oder auch den Rocken vom Spinnrad abzuhängen, daß die Mädchen nicht mehr weiter spinnen Wunen und diese Dinge mit einem Kusse wieder einlösen müssen.
Aber nicht nur Arbeitsstube ist die Spinnstube, sie dient auch in gleicher Weise ter Geselligkeit für die ledige Jugend. Sie sind nichts anderes als die „Tanzstund", „Gesellschaften", „Bälle" u. dgl. der Jugend auf dem Lande, nur daß alles viel ungenierter und ungezwungener als bei diesen zugeht. Doch soll damit keineswegs gesagt werden, daß die Geselligkeit nun ausarten müßte; daS gehört in einem ordentlichen Spinnhause doch zu den Ausl- nahmen. Neben Neckerei, Scherz und Spott hat hier ter „Dorfklatsch" eine Heimstätte, ganz wie bei den „Kaffeekränzchen" der Stadtdamen. Hier ist auch die Gelegenheit, wo „Bekanntschaften" angekuüpst untezu „Verhältnissen" verdichtet werden, wo Bursch und Mädchen sich täglich sehen und in freiem, ungezwungenem Verkehr nach ihren Vorzügen und Fehlern kennen lernen. Welche Poesie hastet dadurch ter „Spinustube" an. Wer darüber genaueres lesen will, ter greife zu den Werken des bekannten neuesten Volksschriftstellers H. So hnrey, der in lieblichen Erzählungen, z. B. in „Rosmarin und Häckerling", bäuerliche Liebesgeschichten aus Niedersachsen,, und anderen diese Idylle unerreicht lieblich und lebenswahr schildert.
Doch das Leben in teil Spinustuben fließt nicht ganz so eintönig und gleichförmig dahin — die Spinustube hat auch ihre „Feste", Höhepunkte im Leben ter Landjugend, die bann auch mit Tanz und Gelage gefeiert und gründlich genossen werten. Solche Festtage sind: Die Eröffnung der Spinustube, der „Eanzog" oder die „Jnweihing", die „lang Stocht", der Abend des 21. Dezember, der „Scheidowe t" (Scheideabend) am Abend des 2. Christtages, ■ weil am 3. Feiertag als am „Schirztag" dus Dienstpersonal wechselt, d. i. „schirzt" (= schürzen). Das ist ein festlicher Tag. Die Spinnstubengesellschast gibt den Kameraden das Geleit von der alten zur neuen Herrschaft, oft von Dorf zu Dorf; in feierlichem Zuge tragen die Burschen die Kasten, die Mädchen die Körbe unter fröhlichen Gesängen und befördern so die Habseligkeiten der DienM b t.n zur neuen Herrschaft, wo sie mit Branntwein, Wurst und Brot bewirtet werden. Wehe dem, ter sich bei solcher Gelegenheit knauserig zeigt. Natürlich wird auch der „Noujohrschowet" festlich begangen. Das größte Fest ist aber die „Faßnacht", die m manchen Dörfern von Dienstag bis Freitag gefeiert wird. Am Montag werden die Kuchen, deren Zahl meist 20—30 betragt, gehauen. Die Mädchen stiften dazu das Mehl, außerdem Kaffee, auch Sauerkraut und Speck, die Burschen Branntwein und Bier $u festlichem Gelage. Aut Haupttage, dem Fastnachtdienstag, geht es vom frühen Mittag bis zum frühen Morgen hoch her. Der Tanz — meist nach der Ziehharmonika — tritt hier vor allem in seine Rechte. , ,,
Wieviel kommt doch darauf an, in welchem Haufe die Spinn- stnbe gehalten wird. Wieviel kann der „Spinnherr" und di« „Spinnsrau" doch wirken, daß der gute Ton gewahrt wird, wenn ste.au? Zucht und Ordnung halten. In ter Wahl des Spinnhauses liegt eine große Gefahr und zugleich sehr ost die Ursache des Verfalls. Die fogeuannten „Wauterspiunstuteu", die ursprüngliche Art, werden immer feltener und je wohlhabender


