Ausgabe 
20.4.1907
 
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Ist Roderich abgereist?" war Ernas erste Frage.

Nun natürlich, vor einer Stunde schon, ich brachte ihn selbst nach der Bahn. Er tat ordeuinch ein bißchen abschiedswehniütig ist aber eitel Verstellung, er sliegt mit vollen Segeln aus dem Nest. Laß ihn es mag gut sein, wenn er sich die Hörner erst gründlich abläust, er wird nachher schon zahm werden. In ihm steckt genug es wird schon herauskommen."

Ja dn bist sehr stolz aus deinen Sohn."

Und bist du es etwa nicht ans deinen Bruder? Wenn ich es dem Jungen selbst auch nicht gezeigt, denn seine eigene Mei­nung von sich selbst ist ja allenfalls groß genug, ich weiß doch, was er wert ist. Ich denke, wir erleben noch allerlei an ihm."

Ter alte Herr sah sehr vergnüglich aus, während er seine Zigarre ansteckte, und Erna wandte sich ab und seufzte. War sie denn eine Kassandra? Warum fehlte ihr, ihr allein in diesen! Hause, diese glückliche Gabe, sich selbst und alles zu ihr Gehörende zu verherrlichen und im goldenen Licht zu sehen?

Hast dn Sylvia gesehen?" fragte sie den Vater.Sie war nicht mehr in ihrem Zimmer."

^.Sylvia?" Der Kommerzienrat blies de» Rauch in regel­mäßigen Ringen vor sich in die Luft und antwortete zerstreut. Er war mit seinen Gedanken noch bei Roderichs Zukunft.Ja so sie ging zur Mcmia, glaube ich, wo sie wohl ihr Herz aus­schütten und mich anklagen wird. Mir wich sie scheu aus, die kleine Hexe. Ich hoffe, sie wird zur Vernunft kommen jetzt, da Roderich fort ist. Zu dir inr Vertrauen sei es gesagt, das Ivar auch ein Grund für mich, den Jungen jetzt gerade fortzuschicken, die Stine legte es ganz hübsch darauf an, eine Liebelei hier im Hause zwischen den beiden ins Werk zu setzen, und das hätte gerade noch gefehlt. Warst du denn bei oer Szene zugegen, welche Stine oben bei ihrer na, ihrer Tochter anfgeführt?"

Ja, Papa teilweise. Die arme Sylvia Ivar sehr er­schüttert; es war auch «in bißchen viel für sie gestern. Ich nahm Tante Cölestine mit auf inein Zimnier und hörte da von ihr ihre Lebensgeschichte."

Sage lieber, ihre Lügenchronik. Na, lassen wir das. Aber ich bin sehr aufgebracht, daß sie ihre Enthüllungen gemacht hat, ohne meine Erlaubnis, das hätte noch ein paar Tage Zeit ge­habt. Ich habe dem Doktor Villatte übrigens gestern abend noch ein paar Worte geschrieben."

Was hast du ihm geschrieben, Papa? Darf ich es wissen?"

Erna würgte ihre Semmel hinunter, aber ihr blieb jeder Bissen im Halse stecken.

Nun, der arme Mensch mußte doch irgend eine Nachricht haben; du lieber Gott, solch ein Verliebter steht ja wohl Höllen- gualen aus."

Aber was für Nachrichten konntest du ihm geben? Hat Sylvia sich irgendwie ausgesprochen?"

Nein, gar nicht. Sie war ja ganz verstört, das dumme Mine Ding, hatte mich offenbar mißverstanden, imd wenn sich ihr nun dazu noch eine ganz unerwartete Mutter an den Hals wirst, und solch eine Mutter, da wundert cs mich nicht, wenn ihr der Kopf wirr geworden ist. Sie ist aber im übrigen Line ganz schlaue kleine Person und durchaus nicht unver­ständig, wo es sich um ihren Vorteil handelt. Sie weiß ein behagliches Leben sehr zu schätzen. Ich glaube nicht, daß sie den Doktor ausschlägt."

Also aus solchen Gründen, aus Berechnung soll sie ihm ihr Jawort geben Papa? Doktor Villatte verdiente wohl Besseres."

Der Kommerzienrat sah über seine Brille hiniveg einen Augenblick scharf in seiner Tochter Gesicht.

Hm," meinte er dann,ich bin schon zu lange in der Welt, habe meine besonderen Ansichten über die Frauenzimmer von deinem Kvliber gibt es lvenige. Die meisten sind Schlingpflanzen, die sich vom Winde hin und her wehen lassen. Der Villatte ist gründlich in Sylvia verliebt, und sie ist gut geartet, es wird schon gehen. JhreCapricen hat sie sowie so und würde sie zeigen, auch wo sie den Mann v«i> götterte."

Erna sah auf ihren Teller und schwieg. Es packte sie «ine Angst, sie könnte sich verraten, der Vater kannte sie zu gut. Im übrigen irrte er sich diesmal hoffentlich in seinen Annahmen, es war nicht denkbar, daß Sylvia ihr Jawort gab. . Sie erhob sich, um zur Mama zu gehen. Sie wvllto Sylvia selbst aushorchen.

Wer als sie zur Mama kam, war Sylvia nicht mehr bei ihr.

Die Kvmmerzienrätin beendete eben ihre Morgentoilette, welche schon viel Zeit in Anspruch nahm, und empsing ihre

Tochter verhältnismäßig heiter. Sie erzählte, daß Sylvia bei ihr gewesen sei und sich bei ihr ansgeweint hätte.

Dn hättest es 'mit ansehen sollen, Erna, es Ivar rührend, wie sie mich liebt. Cölestine hat ihr ja gestern gesagt, daß sie ihre Mutter sei. Wer sie hat vom ersten Denken an nur mich als solche betrachtet und kann nun ihr Gefühl nicht plötzlich ändern. Sie ftnn heute morgen, um mir das zu sagen. Mir hat das wohl getan, Erna, und das ist doch kein Unrecht. Ich fand damals, daß es eine harte Strafe für Cölestine sei, mir ihr Kind lassen zu müssen. Wenn sie sich jetzt ck>ie Liebe, die ihr gebührt, erst erobern soll"

Erna ertappte sich auf einer zitternden Ungeduld, die sonst nicht zu ihren Fehlern gehörte. Die Mutter erschien ihr so lie­benswert in ihrer milden Erfassung von der Schwester Schuld und jeglichem Mangel an Haß oder Triumphgefühl. Aber hatten die beiden denn nur von der neugefundenen Mutter gesprochen und Ivar von dem Bewerber und der bevorstehenen Entschei­dung zwischen ihnen gar nicht die Rede gewesen? Waren Billattes Antrag und Sylvias Gedanken ganz verdrängt?

Ich möchte Sylvia gern sprechen," sagte Erna beklommen; du weißt, Mama, es liegen noch andere Dinge vor, über welche sie in sich klar iverden muß."

Ach ja, dränge sie nur nicht! Sie wollte schreiben, wie mich dünkt ich habe es wirklich nicht recht gehört, was sie darüber sagte. Aber es wäre ja gut, wenn sie sich ver­heiratete und hier in Dresden bliebe."

Die Mama nahm die Heirarsnngelegenheit sehr nebensächlich, sie dachte auch nur an sich und Sylvias Liebe zu ihr. Um sein Herz, nm sein Glück kümmerte sich hier niemand.

Sylvia war nach ihrem unruhigen Fieberschlaf sehr früh erwacht und ihr erster Gedanke galt Roderich. Tante Cölestine - nein, ihre Mutter wie würde sie sich gewöhnen, sie so zu nennen hatte ihr ja gestern gesagt, daß Roderich heute reise. Sie fühlte den schneidenden Schmerz von gestern wiederkehren, den diese Nachricht ihr verursacht hytce. Er liebte sie also gar nicht, er ging und verließ sie, eS kümmerte ihn nicht, was aus ihr wurde.

Sie erhob sich leise von ihrem Lager und horchte an Ernas Tür. Drinnen war es still, Erna schlief noch, aber unten im Haufe war schon Leben. Sie sah nach der Uhr, es war sieben, sie kleidete sich langsam au und horchte auf jedes Geräusch. Ta wurden Koffer geschleppt, der Kutscher schirrte die Pferde an, sie hörte das Stanrpfen der Huse. Da klang auch Roderichs Stimme. Sie erbebte bis in die Fußspitzen, er erteilte Be­fehle, sein Ton war barsch. Sie lüftete den Vorhang, die Sonne schien hell auf die Gartenbeete, wo noch Spätrvsen blühten, es war «in schöner, klarer Morgen, und ihr war zum Sterben zu Mut. Von hier aus konnte sie den Abfahrenden nicht sehen, aber drüben aus dem Zimmer der Jungfer konnte sie den Platz vor der Haustür bis zum Ausgangstor über­schauen sie schlüpfte aus den Korridor und öffnete des Mädchens Gemach. Es war leer, die Inhaberin schon unten beschäftigt. Sie trat ans Fenster.

Da da stieg der Vater in den Wagen und Roderich nach ihm. Roderich sah blaß und finster aus und hüllte sich in seinen großen Mantel, ihn schien zu frieren. Und ihre Glieder bebten auch wie Espenlaub.

Sie hörte des Kutschers Anruf an die Pferde, hörte den Magen davonrvllen, sie sah alles nur wie durch einen Nebel.. Als sie sich umwendete, blinkte ihr etwas Weißes entgegen. Es war ein Brief, der auf dem Tisch der Jungfer lag. Sie nahm ihn mechanisch in die Hand und las die Aufschrift;

An meine liebe Schwester Sylvia."

Das waren Roderichs Schriftzüge. Sie nahm das Billett und eilte damit hinüber in ihr Zimmer. Die Buchstaben schwammen vor ihren Augen, sie nahm sich gewaltsam zu­sammen, sie mußte wissen, was er ihr noch zu sagen hatte.

Willst Du mir mein süßes Schwesterchen bleiben," schrieb er,inü> Dich um nichts grämen und sorgen, wenn ich fern bin. Ich muß heute schon reifen und konnte Dich nicht mehr Wiedersehen. Es mochte auch für uns beide besser sein so. Ich gehe schönen, verlockenoen Zielen entgegen. Deine guten Wünsche lvevden mich geleiten, ich gedenke Deiner allezeit. Int übrigen folge Deinem Herzen und übereile nichts. Das Haus meiner Eltern bleibt Dir eine Heimat, so lange Du es wünschest, das versicherte mir der Vater noch heute morgen. Leb wohl, leb wohl! Das Reizendste, was ich in Paris finde, sende ich mit nächster Post meinem Schwesterchen. Dein treuer Bruder

Roderich."

Sylvia saß totenbleich und ließ langsam das Matt zu« Erde sinken.