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20.4.1907
 
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Samstag den 20 Iprik

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Aem Irrlicht nach.

Roi»air von Alexander Römer.

Nachdruck verboten!.

(Fortsetzung.)

Roderich blickte sie cm, als sei sie eine Fremde. War das seine nüchterne, pedantische Schwester Erna? Ihre Wangen brannten, ihre Brust hob sich stürmisch, sie war wirklich schön in diesem Augenblick. <

Schwester", sagte er halb verletzt, halb bestürzt, aber sie riß sich plötzlich los und eilte hastig aus dein Zimmer.

Er stand lange in Gedanken versunken, die Augen auf die Tür geheftet, hinter welcher sie verschwunden war. Dann trat er langsam an das Fenster und bog die Vorhänge zurück. Er streifte dabei mit dem Aermel die welken. Kränze und Ruhmes- twphäen, die seine Eitelkeit in der Eck aufgebaut hatte, sie raschelten mit unheimlichem Klang, wie Totengerippe, und ihn überrieselte ein Schauder.

Hatte Erna Recht, fand der Mensch nur in der Liebe das Glück? Woher-- kam Erna diese Kenntnis?

Doch nicht bei ihr und den Rätseln, welche sie in ihrer Seele barg, vermochte er zu verweilen. Sein Ich war ihm stets ain nächsten. Er stand an einem Scheideweg, und er fühlte es. Vor ihm ausgebrcitet lagen des Lebens Güter er hatte die Wahl, zu greifen nach rechts oder nach links. Noch war sein Herz jung, frisch und stark, er spürte das erste Erwachen darin, ein wundersames, heißes, selbst den Egoismus erstickendes Gefühl. Er hatte den Fensterflügel geöffnet und breitete die Arme in die Nacht hinaus. Der Himmel war jetzt sternenhell, wie gewaltig wölbte sich da oben das lichtbesäte Firmament, wie klein, wie winzig klein war der Mensch. Aber dieses Schwellen und Sehnen da drinnen war nicht klein, cs durchbrach die enge Hülle der Körperlichkeit und streckte sich zum Erfassen des Ewigen, Und in. dieser Stunde war es ihm, als sei der Odem dieses Ewigen Liebe und einzig Liebe. Sie kam als ein Strom von Licht und Glück Von ba oben, aus jede«! Winkel des Weltalls und verflüchtigte sich in un­gezählte einzelne Ströme, die in die kleinen Menschenherzen einzogen, sie erweiterten und emporhobcn, aus der Armselig­keit tind Enge des Erdendaseins heraus.

Liebe Liebe war Glück! Vielleicht nie wieder würde dies Gefühl eiuzieheu in sein Herz, so nie wieder und sie, nach der er sich in dieser Stunde so unermeßlich sehnte, lag, nur durch Wände von ihm getrennt, unter demselben Dach, in fiebernden Träumen von ihm ihre Kindcrseel« an die seine hin- gegeben, der Erlösung, des Rufes zum Glück, zu namenloser Erdeuwvnne harrend aus seinem Munde. Warunr hatte er sie aus seinen Armen gelassen, sie hinausgewiesen in eine liebe- leere Oede durch sein kühles Zurückweichen?

Warum wollte er mit dem Morgengrauen weit fort gehen von ihrer Seite und sie unter vielerlei Versuchungen zurüch- lassen, warum?

Der Nachtwind >Mh und kalk und seine Stirne Ivar

heiß. Er empfand nichts von dem Kontrast; seine Glieder! bebten vor Frost, er achtete des nicht.

Vor ihm stieg ein Bild herauf, dem er bisher nie Raum gegönnt hatte. Das Bild eines friedvollen Glücks im Kreise der Familie mit seinen nüchternen Pflichten und ernsten Sorge»/ aber sie an seiner Seite, sie mit ihrer Liebe, ihren lachenden, süßen Augen. Nur einmal im Leben empfand das Herz so, konnte es so den Entsagungsmut fassen, so zu allen Opfern! bereit sich fühlen nur einmal, in der Jugend, unter d-enx Zauber einer ersten Liebe.

Sylvia, Sylvia!" Er rief ihren Namen laut in die Nacht hinaus.Wie ist es möglich, daß du mir das angetan hast!"

Wie lange er so gestanden und geträumt hatte, er wußte es später nicht, ein Windstoß schlug das Fenster zu und schreckte ihn auf. Jetzt fühlte er die Kälte, die ihn durchrieselte; er zog die Vorhänge zusammen, er griff nach dem warmen Plaid und hüllte sich hinein. Es war recht unsinnig, sich noch eine Erkältung zu holen kurz vor der Abreise. Aber wollte er denn noch reisen morgen, nein, heute schon? denn es war langer nach Mitternacht. Da standen die gepackten Koffer, da läge» die Empfehlungsbriefe, die Paßkarte, die Telegramme der Freunde. Was er lange vergebens vom Vater gefordert, die Erlaubnis! und die Mittel zum Reisen, es war ihm endlich gewährt worden, Freiheit, goldene Freiheit winrte ihm, die Erfüllung seiner ehrgeizigen Hoffnungen, ein Leben, wie es ihm taugte.

Und das alles sollte er jetzt hinwerfen, sich freiwillig) in der Enge begrenzen. Wenn er die Einwilligung zu dieser Heirat von dem Vater forderte, dann mußte er im übrigen sich ganz seinen Wünschen fügen und alle hochfliegenden Träume fahren lassen. Nein cs ging nicht.

Er warf sich halb entkleidet auf sein Lager, sein Blut siedete heute abend, auch er war krank, es war notwendig, daß er in andere Strömung kam. Er mußte reisen.

7. Kapitel.

Erna war erst gegen Morgen eingeschlafen und erwachte spät. Sie fuhr erschreckt aus wirrem Traum empor. Sie war in Sümpfen und Mooren umhergeirrt und hatte VillatteS Hand gehalten cs dünkte sie so, obgleich sie ihn nicht sah. Die Angst um ihn hatte ihr Herz gepreßt, wenn sie bei jedem Schritt zu versinken meinte. Nun wich der Alp es war ein Traum gewesen wie spät war es denn? Gleich neun Uhr! Sie erschrak und kleidete sich hastig an, so spät kam sie nie hinunter.

Ob Roderich abgereist war? Er hatte mit dem Achtuhr-, zuge fortgewvllt, seltsam, daß niemand sie geweckt hatte. Sie öffnete die Tür zu Sylvias Zimmer, ihr Bett war leer. Das war auch iwch nicht Vvrgekommcn, daß Sylvia die Frühauf­steherin war. Ob sie iwch von Roderich Abschied genommen hatte?

Erna ging mit zitternden Gliedern hinunter. Unten im Frühstückssalon fand sie den Vater allein.

Ha, ha, Mädchen," rief er ihr wohlgelaunt entgegen,du hast heute gut ausgcschlafen! Na hattest eS wohl nötig nach dem gestrigen Wirrwarr."