172
So oft auch das Sehnen wach der Slutter Erde in schaukelndem Korbe uns packt: Ein Gefühl der Acngstlichkeit greift nicht ein einziges Mal Platz. Man ist überwältigt und schaut schweigend und ernst in endlose Fernen urch Welten. —
Ein neuer Wolkenberg kommt ait[ uns zu. „Der wird uns verderblich!" sagt der Führer. Und schon ist die Sonne verdunkelt, schon kühlt sich unser Ballon schnell ab, wir fallen mit rapider Geschwindigkeit. Das summt und saust in den Ohren und will einem das Gehör benehmen. „Ballast!" heißt das Kommando. Und die kostbare Sandmasse fällt fort und fort . . . Unsere Hoffnung, die Nacht noch durchfahren zu können, schwindet mehr und mehr. Das hatte uns das schwarze Wölkchen getan.
Was ivar das? Bis auf 800 Meter waren wir in kurzer Zeit der Erde näher gekommen. Die untere Inversion hatte uns zurück über den Rhein geführt. Nach Norden zu . . . Vier Sandsäcke hatte im» dieser Fall gekosteet. Wir blicken mißmutig auf den immer kleiner und kleiner werdenden Ballast. . .
Die Sonne spielte uns in der nächsten Viertelstunde ein zweites Spiel. Als der Wolkenschleier sich- abermals verteilt hatte, da fuhren wir, so schnell wir gefallen waren, so rapid wieder in die Höhe und erreichten um V2 6 Uhr bei 9 Grad Kälte die höchste Höhe von 2600 Metern. — Das gleiche Wolkenbild, überwältigend und schanrigschön.
Die Jntensivität der Sonnenstrahlen ließ von Viertelstunde zu Viertelstunde nach: wir schwammen etwia eine halbe Stunde in der Höhe von 2600 Metern, dann senkte sich der Svnnenball, das glühende Weiß verwandelte sich in feuriges Rot, in mvttesl Violett, bis Dunstschleier um die erlöschende Flammenkwne flatterten. Mit dem letzten Sonnenstrahl flackerte über uns der Abendstern auf, die Schatten der Dämmerung zogen herauf, wir schwebten aus himmlischen Höhen der Erde zu. In großem Bogen hatte uns rund herum die Inversion geführt. Als wir das Wolkenmeer durchbrochen hatten, waren ivir tatsächlich wie aus den Wolken gefallen, «als wir unter uns die Bergstraße sahen, als der Matchen uns anstarrte. Wir glaubten, weiß Gott wohin verschlagen Wochen zu sein. Schneller und schneller sank der Ballon, wir mußten zur Liaudung schreiten. Ueber den Frankenstein und Ober-Ramstadt noch, Groß-Zimmern wintte. Von den Dörfern im Umkreise rief man uns Grüße zu, die Jugend lief zusammen. „Achtung, Reißleine!" — Wir klammerten uns an den Tauen fest und um 7 Uhr 32 Minuten schlug unser Korb aus der Erde im AckergelLu.de von Groß-Zimmern auf; wir waren sehr glatt gelandet .... Genau 11 Stunden hatte uns der Ballon getragen. Was an wissenschaftlicher Ausbeute die Fahrt gebracht hat, das l>aben sorglich die Apparate notiert.
VesAiLWess.
* Zeichen der Zeit in China. Auf Veranlassung des Vizekönig von Tschili, Puan Schihkai, ist im Fahre 1905 von zwei Mitgliedern des, chinesischen Unterrichtsministeriums eins Schrift verfaßt, die den Titel führt: Min kiav hsiang ngan, d. h. Friede zwischen Volk und Kirche, und die den ersten amtlichen Versuch darstellt, d!as chinesische Volk über Ursprung, Wesen htub Bedeutung des Christentums zu belehren um dadurch das Verhältnis der Chinssent zu, den! Fremden zu regeln. Tie Haltung des Buches ist freundlich! und ungeachtet manch, schiefer Urteile und Uebertreibung sachlich. Bezeichnend ist es, daß die Schrift durchblicken läßt, wie v!erhaßt den Chinesen die enge Verbindung der Missionen mit den politischen Schutzmächten ist. Für die Christen wird höfliche Behandlung, von ihnen Fernhaltung vyn allen politischen Eingriffen gefordert. — Noch überraschender ist die Kunde, für deren Richtigkeit die teitnng New-Bork „Tirnes" verantwortlich ist, der Vizekönig chang Schi tung habe kürzlich angeordnet, in allen Regierungs- schulen von Hupeh und Hunan solle Unterricht im Neuen Testament erteilt werden, weil er das Geheimnis der Ueber- legenheit dir euwpäischen Mächte über die Kultur Chinas dem Besitz der Bibel zuschreibe. — Ter Vizekönig von Kanton soll eine Schrift haben drucken lassen, die im Kreise Loktschong weih verbreitet wird: „Mahnwvrte, aufzuhören mit dem Geisterdienst." Hier wird gefordert, das bisher den Geistern nutzlos geopferte Geld für öffentliche Zwecke aufzuwenden. — Am 14. u nd 16. Oktober wurde in China zum ersten Mal ein« Simg nach der neuen Ordnung vvrgenommen. 42. Chinesen en zugelassen, von denen 23 in Japan, 17 in Amerika und je einer in Deutschland und England studiert und Prüfungen bestanden hatten. 9 wurden zu Doktoren, 23 zu Magisterrt befördert, 10 bestanden die Prüfung nicht.
* Tie Linkshändigkeit geht infolge der bekannten Ner- vcnkreuzung. welche die beiden Körperhälsten stets unter dem Einfluß der anderseitigen Gehirnhälfte stellt, meist mit einer stärkeren Ausbildung der rechten Gehirnhälfte einher. Tie letztere Erscheinung zeigt sich, wie Dr. K. Alberts im 10. Heft der illustrierten Zeitschrift „lieber Land und Meer" (Stttttgart, Deutsche Verlagsanstalt) ausführt,, bislveilen schvn bei Kindern; in diesen meist erblichen Fällen, die höchstens zwei bis drei Prozent der Menschheit treffen, läßt sich gewöhnlich auch eine höhere Hör- und Sehschärfe linker-,
seits Elnstatieren. Bei den Anamiten und länderen niederen Raffen findet mau linkshändige Individuen häufiger vertreten, und nach Hartung sind bei -den Negern die beiderseitigen Gliedmaßen gleich schwer und gleich kräftig. Wenn demgegenüber bei den höheren Rassen Fälle van Linkshändigkeit weniger häufig auftreten, fo ist es doch immerhin auffallend, dlaß diese Erscheinung beim weiblichen Geschlecht häufiger vvrkommt als beim männlichen. Min-- destens sind die Frauen bei uns in der Regel mit der linken Hand ebenso geschickt wie mit der rechten, womit auch die Erfahrung, stimntt, daß sich Geivicht und Kraft in beiden Extremitäten bei ihnen die Wage halten. Bekannt ist, daß der verstorbene große! Maler Adolf von Menzel beide Hände mit gleicher Geschicklichskeih zu gebrauchten verstand. „Ms ich noch als Kind in Breslau auf dem Boden herumkroch", erzählte die kleine Exzellenz einem Besucher, „und mit Kreide Figuren darauf zeichnete, da war es mit der linken Hand. Ms ich neunzehn Jahre -alt war, fing ich erst an zu malen, dann aber gleicht mit der rechten Hand. Tas erste Bild machte viel Mühe, sehr viel; das zweite wurde schon besser, und dann ging's. Und so ist's Noch heute: wenn ich in Oel male, immer mit der Rechten, Zeichnen und Aquarell, und Guasch immer mit der Linken."
* Warum sagt man: Auf einem großen Fuße leben? Diese Frage wurde vor einiger Zeit von einigen wißbegierigen Boulevvrdiers an die Pariser Akademie der Wissen-, schäften gestellt, und die letztere hielt es nicht für unter ihrer Würde, dem historische Ursprung der vielgenannten Redewendung nachzuspüren. Er ist, der folgende: Modekrankheiten sind bekanntlich- keine ausschließlich moderne Erscheinung; auch im Altertum und namentlich im Mittelalter grassierten sie stark. Einer solchen Mvdekrankheit haben wir jauch das geflügelte Wort: „Auf einem großen Fuße leben" zu v-erdanken. Gottfried von Plantagenet, Graf zu Anjou, einer der schönsten und geistteichsten Lebemänner seiner Zeit, hatte auf der großen Zehe seines rechten Fußes einen überaus starken Fleischauswuchs, der seinen zierlichen Fuß verunstaltete. Um dieses Gebrechen zu verbergen, verfiel er auf die Idee, Schuhe mit neuen, aufwärts gebogener: Schnäbeln zu tragen. Tie so eigenartige Mode fand schnell Anklang, und bald trug alle Welt Schuhe mit aufwärts gebogenen Spitzen. Diese Schuhbekleidung wurde „a la poukaine" genannt. So sehr war man gegen Ende des Mittelalters in diese Schuhe vernarrt, daß man sogar die verschiedenen Stünde rrach der Länge des Schnabels der Fußbekleidung zu unterscheiden begann. Die Bürgerlichen tragen Schuhe mit 6 Zoll langen Schnäbeln, während Grafen und Fürsten allein Schuhschuäbel von 2 Fuß Länge tragen durften. Diese Mode wurde von der Geistlichkeit verdammt. Von den! Kanzeln herab donnerte man gegen beschuäbelte Schuhe und bedrohte deren Träger mit ewigen Höllenstrafeu. Kaiser Karl V. verbot sogar das Tragen solcher Schuhe in wiederholten Erlassen. Vergebens. Tie Mode bleib und bürgerte sich derart ein, daß auch nach ihrem Verschwinden das Sprichwort: „vivre sur un gründ ttiebi" sich im Bolksmunde erhalten hat.
** Die Plünderung der S tadt Liß berg, von der in dem Aussatz über Paul Gerhardt in Nr. 37 der Gieß. Fam.- Bl. die Rede war, erfolgte, wie un§ ein Leser «mitteilt, am 17. September 1796. Der ermordete Pfarrer hieß Koch,
Literatur.
** D i e Neu he i ten der F rü h j a h rs - u n d S vm mer - mode für Damen und junge Mädchen kennen zu lernen, gibt es kein bequemeres und beliebteres Modenbuch, als das von Jahr zu Jahr reicher nusgestattete Favorit-Moden- Album der Internationalen Schnittmanufaktur, Dresden-N. 8, das soeben in neuer Ausgabe für Frühjahr und- Sommer 1907, erschienen ist. Für den äußerst niedrigen Preis von 60 Psg. bietet dies Albnm ein» überaus reichhaltige, künstlerisch illustrierte Modenrevue und damit die umfassendste und erschöpfendste Uebersicht über die herrschende Tagesmode. Besonderen Werk erhält das Album ferner darurch, daß zu allen darin dargestellten Modellen, die längst zu Weltruf gelangten, leicht anwendbaren Favorit-Schnitte in den verschiedensten Größen zu müßigen Preisen zu haben sind. ■ .
Logogriph.
(Nachdruck verboten.)
Ein M voran macht Kopie wüst, Ein P mit Hörnerschall dich grüßt: Ein R nagt gern mit gier'gem Zahn, Ein F dazu schafft glatte Bahn. Doch tritt vor 's R statt F ein T, Tut dir bei» Leid nur halb so weh. Nimmst bu mir alle Häupter weg, So komm' ich stets vom gleichen Fleck, Erheb' mich gern zu lust'gem Spiel Und grüß' dich lebhaft, aber kühl. W.
Auflösung des Versteckrätsels in voriger Nummer:
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamme.
Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'Ichen Unwersttäts-Bucb» und Stetndruckeret, R. Lang«, ®i«fie*


