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und Arztes Pwfessvr Keilenburg ein. Ja, die würde gleich wissen, wie ich es anzustellen hätte, um mir diesen ausgesetzten angehenden Mitphilologen zu sichern. Zu ihr wars nicht weit, nur nach der Lützowstraße; ehe mein Junge erwachte, konnte ich hin und zurück sein. Vielleicht gar, daß die Gute — —- Atu der Korridortür ein wildes Klingeln. Da soll denn
doch — mir das Kind aufzuwecken! Ich sprang auf den Fußspitzen ins Vorzimmer und öffnete: Cäcilie Wirzbinska! — „Geben Sie mir mein Kind wieder, mein Kind! Wo haben Sie es?" Und sie wollte nach einem verzweifelten Blick rundum im Vorzimmer in mein Arbeitszimmer stürzen.
„Mollen Sie auf der Stelle Ihr Geschrei lassen. Sie nichtS-
„Mein Kind, meinen Männe will ich wieder haben! Ach!, Sie haben ihn doch noch, gnädigster, gnädigster Herr Professor?" Und richtig, da lag sie wieder auf der Erde und packte meine Hände mit ihren eiskalten, zitternden Fingern.
„Wenn Sie still sind, sollen Sie ihn haben, da drinnen schläft er."
.,/Gelobt sei der liebe Heiland!" Und sie zitterte noch heftiger, aber tot. Freude, und das Weinen wurde stiller.
„Ja, jetzt schwatzen Sie vom lieben Heiland, und vor einer halben Stunde sind Sie von ihrem Kinde weggelaufen. Es hätte sich ja totschreien Wunen, Sie — Sie — schlechte Person, Sie!"
„Ja, das hdb' ich mir auch gesagt, wie ich da unten entlang lief, am Kamal, und darum bin ich wieder hier, gnädiger Herr. Ach ja, ach La, ich weiß schon; aber tvphin sollte ich mit ihm in der Kälte, nicht einen Pfennig in der Tasche, Und in meiner! Schlafstelle wollen sie mich auch nicht mehr, ich habe schon fest acht Tagen kein Schlafgeld bezahlt. Das letzte Geld war von meinem Verlobungsring, den habe ich versetzt, und davon habe ich meinem Männe alle Tage einen Liter beste Milch und für mich ein paar Schrippen von gestern gekauft. So, nun wissen sie es, Herr Professor, warum ich ihn hier gelassen habe. Ach, es war zu kalt unten, ich meine für das Kind."
Sie weinte, wie ich nie zuvor einen Menschen habe weinen hören und nie wieder einen hören möchte, und dabei bezwang sie sich noch, um Nicht gar zu laut zu weinen.
„Ach, nun darf ich ihn wohl wieder an mich nehmen, guter!, hochgeehrter Herr Professor? Ja" Und sie sprang dem Arbeits- zimmer zu.
„Erst hören sie auf zu weinen"; dabei packte ich sie am Llirm. „Sie wollen den Männe Wohl aufwecken!" Sie lächelte schon ein bißchen unter Tränen. „Von hier aus können Sie ihn sich ansehen; da, sehen Sie, wie er schläft? Und satt ist er auch, beruhigen Sie sich nur."
Sie weinte noch so leben weg, aber die Gewässer verliefen sich schon, und aus ihren großen Rehaugen leuchtete es wie miü>er Sonnenschein. Und nun geschah das Seltsamste in dieser ganzen Geschichte: sie hatte irodji dieselbe kleine polnische Nase, dieselben Pockennarben wie vorhin, ihre Schultern waren nicht gerader geworden und ihre Magerkeit nicht geringer und trotz alledem war nichts mehr von ihrer früheren lächerlichen Häßlichkeit zu entdecken. Ich sah nur eine arme Mutter, die bereit schien, sich die Adern öffnen 'ju lassen für ihr Kiird, durch das sie ins Elend hinausgetrieben worden. Wenn ich jetzt nicht mannhafte Worte gefunden, ich glaube, ich hätte mich vor der Person unheilbar blamiert u.nd hatte mit ihr um die Wette geheult. Statt dessen scharauzte ich sie an: „Der Männe bleibt hier bei mir, verstehen Sie, Cäcilie 'Wirzbinsk, für lange, für recht lange, und Sie können nun auch gleich hier bleiben i Wollen Sie mal das verp dämmte Herumrutschen auf der Erde sein lassen! Also sie bleiben hier und führen die Wirtschaft, selbstverständlich nicht ohne Lohn: Sie find wohl nicht gescheit, wie werde ich sie ohne Lohn behalten? Und jetzt gehen sie in die Kühe und schauen zu, ob Sie etwas für sich zu essen ftnden, und wenn nicht, dann holen Sie etwas, hier sind fünf Mark. Und wenn Sie die alte Heulerei nicht lassen oder mir gar den reizenden Bengel aus dem Schlafe .heulen, so schicke ich Sie weiß Gott auf die Polizei! So!"
Und als sie mir nun doch nach dieser, gewiß strengen Ansprache weinend die Hände küßte und zu schluchzen versuchte: „Ach, lieber, guter Herr Professor, ich will jeden Morgen und Abend für sie beten, und mein Männe auch, und —■ ach —", da sah die Person ordentlich schön aus, nicht hübsch, Gott bewahre, sondern schön. Ich denke, es waren ihre Augen."
2600 M 1er itßei’m Meer.
Eine wissenschaftliche Ballonfahrt
von Josef M. Juri ne k, Frankfurt a. M.
Nachdruck verboten.
Die Sonnenstrahlen hatten bereits die Erde aus dem nächtlichen Schlummer wachgeküßt, als am Donnerstag, 7.. März, morgens der neueste Ballon, der zu wissenschaftlichen Zwecken gebaut worden ist, der Ballon „Ziegler" des Frankfurter phisi- kalischen Vereins, zu seiner dritten Fahrt hergerichtet wurde. Um 8 Uhr 32 Minuten erscholl das Kommando „Einsteigen" und bald darauf entschwebte aus Offenbach a. M. die Riesenkugel der abschiedgrüßenden Menge.... „ _
Vier Personen hatten im BallonWrbe Platz geiwmmen. Der
Führer Dr. Kürt Wegener, der den Weltrekord als Dauerluftschisser hat — seine längste Ballonfahrt währte 52 Stunden —< einer der bekanntesten und kühnsten Frankfurter Sportsleute, Otto Gilberger, der Fabrikant Paul Merzbach und als Vertreter der Presse meine Wenigkeit. Neben dem Vergnügen sollte die Fahrt besonders der Wissenschaft gelten, denn der gestrige Tag war ein Termin der simultaneninternationalen Drachen- und Ballon- aufstiege. . . Südöstlich trieb uns der Wind. . . Kleiner und kleiner wurde unter unseren Blicken die Welt . . . Wie Puppenhäuschen dünkten uns die Gebäude, die wir sonst als Riesenwerk anstaunen. Bei 2 Grad Kälte hatten wir die Fahrt angetreten. Schon die ersten hllndert Meter bestätigten die Worte unseres Führers: „Meine Herren wir werden nicht ftieren" . . . Dia Jugend winkte zu uns herauf. Wir hörten den Jubel der Kleinen, als ob wir mitten unter ihnen wären. Schneller und schneller stieg unser Ballon. Schon hatten wir eine Höhe von 800 Metern erreicht. Die Sonne meinte es zu gut und erwärmte überschnell den Ballon . . . Eine Wolke hatte Mitleid mit uns und verdeckte uns die stechenden Strahlen und verschaffte uns damit gleichzeitig den Genuß, in der unteren Schicht zu bleiben und über die Erde in nicht allzuweiter Höhe dahinzuschweben. Der Blick war unverwandt auf die Herrlichkeiten unter uns gerichtet. Bald rauschte das Schleppseil über die zu jungem, frischem Grün ansetzenden Baumkwnen und brachte uns einige fünfzig Meter tiefer, bald breiteten sich Felder und Wiesen, Triften und Halden unter uns ans. . . Hebet uns schoben sich in gewaltiger Hohe lichte Wolken-, schleier in- und übereinander. Bach schdllte Musik zu uns herauf, bald frohes Kinderlachen, bald stamreude Zurufe. „Wir habe« gute Fahrt" sagte unser Führer. Ueber Sprendlingen und Langen ging es dahin. Ob das Bild auch im Grunde geiwmmen das gleiche blieb, es >var doch mit jeder neuen Minute neu für! das Auge. Darmstftdt links liegen lassend, fuhren wir weiter nach Südosten. Schon war die erste Stunde der Fahrt vorbei, wir konstatierten, daß wir mit 30 Kilometer Geschwindigkeit dahingesegelt waren. „Wenn es so weiter geht, dann . . ." Da packte uns die Sonne von neriem und bald war es uns klar,. daß uns die Strahlen in höhere Luftschichten treiben werden. Die erste Inversion, die Dunstfchicht vor den Wolkenbergen, hatten wir erreicht. Da grüßte uns unter uns der Vater Rhein, der träge seines gewohnten Weges dahinzog. Langsamer wurde die Fahrt, bei Gernsheim gingen wir über den Rhein, Worins lag vor uns.
„Geduld muß der Luftschiffer vor allem haben!" Diese Worte hatte uns Dr. Wegener mehr wie einmal zugerusen. Unsere Geduld wurde auch bald auf eine Härte Probe gestellt.. Kaum war der Rhein überguert, la um hatte uns die Sonne bis 1800 Meter zu sich huraufgezogen, da regte sich um uns kein Lüftchen mehr, wir staudm still und hatten Zeit, uns das Landschaftsbich dauernd einzuprägen. Um 11 Uhr hatte uns der Wind verlassen, bis etwa 3 Uhr kamen wir nicht 50 Meter vom Fleck Und doch toar gerade dieser Teil mit der schönste der Fahrt. Im Osten und Westen, im Norden und Süden türmten sich Wolkenberge auf. Schaurigschön. Und die Sonne leuchtete auf das Weiß der Wolke« mit ungeschwächter Kraft. — Heilige Stille um uns. In die Friedlichkeit der ewig schönen Natur driugt das Ticken unserer wissenschaftlichen Lust-, Temperatur- und Höhenmesser, dringt unsere sröhliche Unterhaltung. Bald aber verstummten wir vor dem Ueberwältigenden nm uns. Da schob sich eine Wolkenwand gegen uns heran. Wir vier Menschenkinder hier oben in enormer Höhe, über tnns das wrmderbarste Himmelsblau, neben uns und unter uns ein Brandeir und Wogen der Wolken. Nur unsere einzige Hoffnung, unser einziger Verlaß ist die Riesenkugel, die über unserem Kvpfe steht, die unseren Korb trägt. Ein unnennbares Sehnen schleicht sich ins Herz. Durch die zerrissenen Wolken- gebilde leuchtet der Vater Rhein, von dem unsere Lippen ost so manches Lied schon gesungen, im Umkreis links die Rebengeläudr, die Ortschaften . . . Auf dem Rhein ziehen Schlepper dahin, durch das Gelände srULngelte sich wie ein winziges Spielzeug die Eisenbahn. Höher und höher zieht uns die Sonne. Wir sind über den Wolken und wahrhaftig setzt in himmlischen Höhen. 2000 Meter über Meer zeigen die Apparate. Die Messer werden aufgezogen, das Sunrmen und Ticken hebt von neuem an . . . Die Mittagsglocken läuten. Da unten eilen die Menschen im Orte, der uns so nahe dünkt und doch so fern ist, zur Mittagspause^ Die Glockentöne stimmten uns feierlich und still und ernst . . .
Acht Grad Kälte konstatiert unser Führer. Daher haben wir uns wegen der Wärme der Ueherkleidung entledigt, habm die Kopfbedeckung abgelegt und schauen hinab. Verschwunden rst der Ausblick verschwunden der Rhein, verschwunden dre Ortschaften, es gilt für uns:
Ueber uns die gelbe Kugel, Unter uns das Wolkenmeer . . .
Wie eine gewaltige Eis- und Schneewüste sieht das Wolkengebilde aus. Nach Südosten sind die Wolkeuköpfe geneigt. Es türmt sich vor uns und über uns auf von Minute zu Minute in imnier neuen Bergen Ruhelos ist die Wolkenschicht, auf der nur etwas Bekanntes uns grüßt: Der Schatten unseres Ballons. Auf dem weißer: Gischt macht sich! die malerische Regenbogenfarbenpracht 'des Ballonschattens wie ein märchenhaftes Bild. Wie, wenn uns jetzt ein Unheil drohte? Ein Hinabsausen durch die brandenden Wolken, hinab in die Tiefe. — Doch seltsam:


