Ausgabe 
20.3.1907
 
Einzelbild herunterladen

170

von der anderen Fensternische ein wohlbekanntes Stimmchen wimmernd nach, und es strebte mir mit zappelnden Gliedmaßen zu. Ich machte dem Kinde Zeichen mit Hand und Mund: es hörte mit Klagen auf und folgte nur noch aufmerksam jeder meiner Bewegungen. Es fühlte sich nicht mehr einsam und ver­nachlässigt, solange seine Augen mit meinen zusammenhingen.

An der Korridortür klingelte es. Lästige Störung! Wer ich mußte öffnen. Ter Briefträger mit der zweiten Sonntags- Post; der machte große Augen, als eq aus meinem Arbeits­zimmer das Jammergeschrei des verlassenen Knaben vernahm. Meine Schwester ist zum Besuch gekommen," log ich entschuldigend, und hat ihren Kleinen mitgebracht." Tttnn kehrte ich mit Spruug- schritten zu meinem Eros auf dem Tigerfell zurück. Sofort ward er wieder der artige kleine Engel von vorhin. Gott, ist das leicht, solch ein! Kind zufriedenzustellen! Und da haberr sich manche Eltern, als mache Wien ihr eigen Fleisch und Blut das Leben schwer. Mit diesem herzigen Jungen fertig zu werden, war doch ein Kinderspiel.

Ich las keinen Brief, durchflog nur einen von meiner Schwester. Tu lieber Himmel, mir war, als hätte ich selbst ein Stückchen Familie im Hause und hätte nähere Pflichten. Wie das einen schnell anwächst. .

Mein Vorrat an Spielzeug wiar erschöpft, nachdem ich es ein Weilchen mit Iber Musik meines Schlüsselbundes versucht. Auch mein goldenes Pincenez erschöpfte sein Interesse, obgleich er die Feder nur erst verbogen, noch nicht zerbrochen hatte. Ja, was nun? Hütte er meine Wortsprache so gut verstünden wie meine Herzenssprache und Augensprache, so hätte ich ihm schon zu erzählen gewußt. Wer kannte mehr Märchen als ich, von Indien bis nach Island? Wer fiel mir ein, rote ich auf meinen täglichen Wegen durch den Tiergarten zur Universität auf denBabyroeiden" die Ammen und Kindermädchen zu ihren kleinsten Schutzbefohlenen lange Reden halten gehört hatte, mehr ein Lallen als eine artikulierte Sprache; aber dte Kleinen mußten doch das verstehen sonst täten es die Großen nicht so hartnäckig. Es hatte nur stets albern geklungen, und auf einmal hörte idji mich selbst das dumme Zeug nachlallen, ich, ein ordentlichen Professor der Philologie! Es ging zuerst schwach genug, und die Ammen im Tiergarten Hütten mir ein mittelmäßiges Zeugnis ausgestellt; doch allgemach kam ich hinein und merkte, er verstand mich. Und er antivvrtete mir. Welche Töne! Welche unerhörten Vokale, Umlaute, Diphthongen! Welche reiche Tonleiter allem vom A bis zum E! Davon stand weder bei Sievers noch bei Trautmann, nicht bei Victor noch bei Hoffort) nur ein Wort. Hier machte Lepsins' Universal-Alphabet schimpflich Bankerott. Ja, das tväre eine Angabe: Lautlehre und Grammatik dieser' Sprache zu schreiben, einer Sprache, die voll sicher mehr als hundert Millionen Menschen geredet wird. Mit all meiner Pro- fessorschast und umgeben von aller Herrlichkeit meiner Bibliothek kam ich mir >zum Erbarmen unwissend vor.

Das Kerlchen war müde geworden. Ich zog ihm fern Hemdchen wieder an, bettete es weich und warm und deckte es mit meinem Reiseplaid zu. Stoch einmal sah es mich unter schweren Lidern an, dann roior -es sanftselig eingeschlummert. Ich mußte mich ganz dicht über sein Gesicht lehnen, um seinen süßen Atem sttll komnieu und gehen -zu spüren. Die langen feinen Wimpern schoben sich weit über seine unteren Augenlider. Ein paarmal zuckte es itni die Mundwinkel, wie von leichten Traumschwingen berührt. Kleine glänzende Schweißperlen seuchteten die Stirn unter den überhangenden Löckchen; ich wagte Nicht, sie ihm zu trocknen, um ihn nicht zu erwecken. .. ,

Ich schämte mich wie mich letzt der Gedanke überfiel: m könntest du ja zur Polizei gehen und ihn wegholen lassen. Hatte ich solche Scheußlichkeit wirklich gedacht? O ja, noch vor einer balben Stunde. Wie das hinter mir lag, weit, weit, und auch tief unter mir. Mit dem Wegholen war «es Nichts. Erst mußte ich zum mindesten wissen und ganz genau wissen, wohin er mnu Was aus solchen Pvlizeikindern würde? Ob ich ihn nicht eigentlich behalten könnte? So gut wie mein Gelbchen? War er denn nicht ein verflattertes Vögelchen, aus seinem Nest gefallen, und gehörte er nickt vor allem mir, der ich ihn gespeist und getranrc und aewärmt? Die Sache hatte ja nicht bloß ihre gesuhlvmte Seite; man konnte sie mindestens ebenso gut vom philologischen Standpunkte aus betrachten. War denn der schlafende^ Knirps nicht ein ausgezeichneter, ein unentbehrlicher Mitarbeiter für meine Preisschrift? Ich brauchte ihn ja nur Dag um, Tag zu beobachten, wie ihm das Zünglein allmählich gelöst würde, wie aus seiner lallenden -Aeh-äh-Spmche eine artikulierte Sprache würde, wie sich die Fäden vom Denken zum Sprechen dichmv herüber und hinüber schlängelten, und ich hatte nicht nur, für meine Preisschpift, nein, ich hatte auch für das uralte Ratfet vom Ursprung der Sprache Beistand und Lösung, wie durch nichts anderes auf Eicken. Er durfte mich garnicht verlassen, mein kleiner Mitarbeiter! Wenn ich ehrlich sein wollte, , mußte toj eingestehen: ich hatte den Jungen viel nötiger ,als mich. Sttvf die Frau Kvnsistorialrätin mit ihrer strengen spitzen Nase fdxetfte mich nicht Mehr. Am Ende war ich weder ihr Mann noch iw Sckwiegersohn, und auf ihre Sonntagabendtees,konnte ich gramws verzichten. Mit der Kvnsistorialrättn war em Ul wie die,er Überhaupt nicht zu behandeln; dazu bedurfte es des Rates em-r allerchristlichsten Frau, und tntr fiel die Frau meines Freunves

Eiegelbrief von der Akademie aufgebrochen, vor zwanzig Jahren, i der mir meinen Sieg in der Preisbewerbnng^ über denAorist im Praktit" verkündete. Mir war, als sei mir ein neues, größeres, wärmeuderes Herz unter dem Brustkorb aufgequollen.

Und dieses Würmchen hatte ich vor kaum einer Viertel­stunde gescholten, esBastard" geschimpft! Hier in diesem selben Zimmer. Ich war nahe daran, es um Entschuldigung zu bitten, mit irgend einer plumpen Liebkosung. Da wandte es das Mündchen vom leeren Napf zur Seite und streckte mir eilt Stückchen Zunge aus. Vergessen hatte ich das Gefühl des Aergers, nach­her zur Polizei glehen zu müssen. Das hatte gute Wege. Es war doch eigentlich ein famoser Zufall, daß die scheußliche Kreatur von Mutter dieses süße Menschlein gerade bei mir aussetzen mußte! Ich hatte von verworfenen Geschöpfen gelesen, die ihre Kinder in Hausflure oder gar vor die Haustüren hinlegen. Im Grunde hatte diese Cäcilie Wirzbinska noch verhältnismäßig brav ge­handelt, daß sie meinen Männe nicht irgendwo auf einer der vier Treppen verloren. Und das Umschlagetuch hatte sie ihm auch zurückgelassen. Und jetzt irrte sie in dem dünnen, flatternden Kleide draußen umher; mein Thermometer zeigte auf 13 Grad Celsius unter Null! Wie eine Beruhigung fiel mir ein, daß bei dieser Kälte der Kanal zugefroren sei, da konnte sie wenig­stens sich nicht ertränken. Und wie vor einer Viertelstunde sah ich sie dort in der offenen Tür mit ihrem lächerlich-rührenden Pockennarbengeficht, mit ihren tiefliegenden, großen Augen und dem straffgezogenen Umschlagetuch, darunter sie das Kind verborgen hielt! Ich glaube, ich hätte jetzt etwas drum gegeben, könnte ich sie leibhaftig dort Wiedersehen.

Welch Spiel der Natur; solch eine häßliche,, Mutter und dieses bildschöne Kind! Tenn schön war eS,_ schöner als alle heiligen Bambini und Englein, die ich jeh auf Bildern gesehen. Blaßgoldige Härchen kräuselten sich zu luftigen Locken um das kugelrunde, weiche Köpfchen, bis hinab zum rvsigweißen Hälschen mit den vergnügten kleinen Fettfalten. Tie zarte,, glänzende Haut an Brust und Schultern zuckte von Zeit zu Zeit in leisen Schauern unter den kitzelnd herabsinkenden, Milchtröpfcheu, die an seinen Mundwinkeln hingen, da wohin die kleine Leckerzunge nicht reichte. Und so artig! Ich hatte gefürchtet, der kleine Mensch werde am Ende irgend eine kleine Menschlichkeit begehen, auf der kostbaren Tigerdecke; aber sollte ich ihn deshalb von seinem weichen Lager reißen? Doch er tat nichts dergleichen, sondern blieb der vollendete kleine Gentleman, so lange meine Tigerdecke heuet die Ehre hatte, ihn zu betten.

Ohne zu schlafen, hatte er die Augen vor innerem Behagen geschlossen, und wenn er sie dann still zufrieden wieder einmal aufschlug, sah er mich pn, als seien wir seit undenklichen Zeiten die vertrautesten Freunde. Horch! da schmetterte das beruhigte Gelbchen hellauf sein Mvrgenlicd, und zugleich strahlte die rote Wintersonne wie ein breites Goldbaud durch die Fenster und übergoß mit einem glühenden Schein des Kindes nacktes, rosiges Körperchen.

Bei Gelbchens ersten Worten hatte mein Männe das Kopfcyen dem Vogelbauer zugedreht und gelauscht. So etwjas hatte er! gewiß sein Lebtag nicht gehört. Weit auf riß er die neugierigen Augen und sah mich fragend an. Fragend ohne zu sprechen? Tas konnte man also? Gewiß konnte man, konnte Männe, und was konnte er nicht noch alles! Wvs wir Philologen für Aufheben machen von der Sprache, von dem, was wir allein unter Sprache verstehen! Es geht auch ohne, verehrte, Kollegen, und zwar vvrttefflich! Tas Kind verstsand mich, und ich verstand es. Gott, lernt sich das schnell!

Der Bogel hatte eine kleine' Singpause gemacht, und im selben Augenblick hatte mein Junge seinen glückseligen Ausdruck geändert. Satt war er, aber es fehlte ihm ettoas. Und sogleich! flog es über sein Gesicht wie Sonnenschein über ein Blumenbeet, sobald Gelbchen anfs neue losschmetterte. Ich saß auf dem unteren Ende der Chaiselongue und hatte mich über das Kind gebeugt. Aeh-äh" stöhnte es vor Lust und griff mit den Hündchen zu mir herauf. Ich bog mich näher, ich war doch neugierig, was es anstiften möchte. Da hptte es schon mit allen zehn Fingercken meinen Backenbart gepackt und zerrte daran mitäh" undäh" daß ich nahe daran war, vor Schmerz aufznschreien. Und doch brachte ich es nicht über mich, seine kleinen Krallen zu lösen. Kürze, weiche Fingerchen mit so wunderniedlichen, durchsichtigen Nägeln dran. Wie sie dies neue Spielzeug, den Backenbart fest packten! Und da IJitte die eine Hand des Spielzeugs noch! viel mehr entdeckt und bohrte sich in meine Nase oder zur Abwechseluns in meine Augen. Und damit nichts ihm fehle, griff er zu meiner Genugtuung mit beiden Händen nach der blanken baumelnden Uhrlette, was mich auf den guten Einfall brachte, ihm die Uhr an das durchsHimmernd rosige Oehrlein zu halten. Das war zu viel des Glücks: ein sonniges Lächeln überglänzte sein, holdes Gesichtchen, und ehe ich wußte, wie es gekommen, hatte ich, ihm den feuchten Mund-, die Nase und die Augen geküßt. O, wie -er da losprustete, zweimal, dreimal: mein stachliger Bart mußte ihm in die Quere gekommen fein.

Gelbchen hatte sett einer Weile zu schlagen aufgehört und piepte nur sch-vächlich. Ich kannte seine Sprache: , ihm fehlte Wasser und Futter. Richtig, es vermißte sein Trinknäpfchen, um sich die kleine Sangerkehle anzufeuchten. Ich ging zum Bauer und versorgte das Tierchen. Mer da klagte mir auch schon