1907
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Wein Wanne.
Eine Novelle von Eduard' Engel.
Nachdruck verboten.
(Schluß.)
Was man solchen Menschlein Wohl zu essen gibt? Ich batte gestern eine Büchse mit Hummersalat geöffnet. — Ach Un- nnn! Hummersalat verträgt ja mancher Erwachsene schlecht. Es dauerte eine Weile, ehe ich auf dem Umweg über den Hummersalat zur Muttermilch gelangte. Aber woher nehmen? Diese Rabenmutter war ihm ja davongelaufen, und selbst wenn nicht, sie hatte ja gesagt, sie könnte das Mrd nicht mehr nähren. Das glaube ich schon, so ein abgemagertes Geschöpf! Ratlos sah ich mich im Zimmer um und stieß einen kleinen Freudenschrei aus, als mir die Zuckerdose neben dem Schreibtisch ins Auge fiel. Gelbchens, meines Kanarienvogels stetes Sehnsuchtsziel. Das flinke Gelbchen war durch- das unangenehme Geschrei im Zimmer ganz verschüchtert und verstummt. Ich hielt dem Männe ein kleines Zuckerstück an die Lippen, und allzugleich hörte sein Gewimmer auf. Gierig, durstig leckte sein rotes Zünglein daran: das Zncken seines leidenden Körperchens wich beseligtem, ruhigem Genuß.
Nähren konnte ihn das Stückchen Zucker natürlich nicht-; das war nur so ein Schweigemittel. Am Ende konnte er krank davon werden, konnte mir unter den Fingern sterben, ehe die Polizei ihn mir abholt. Kinder sterben ja wie die Fliegen, und Jute stand ich denn da! war das nicht eigentlich fahrlässige Tötung? Und womöglich die Lene als Belastungszeugin gegen mich! Ich schauderte.
Hätte ich nur ein bißchen Milch! Aber die mußte doch aufzutreiben sein? Weckte mich nicht jeden Morgen „Milch- Bolles-Kliugeltoagm" und blieb nicht täglich Milch genug für meinen Nachmittagskaffee übrig?
In der Küche hatte Lene, ihre sieben Sachen auf dem Boden zürn Einpacken in ihren Riesenkoffer ausgebreitet. Sie war nicht wenig erstaunt, mich plötzlich in die Küche treten zu sehen, in die ich während ihrer Dienstzeit wohlweislich nie einen Fuß gesetzt hatte. Ich tat ihr nicht den Gefallen zu fragen. Die Milch mußte ich doch wohl allein finden. Ich suchte; sie packte polternd weiter. Wo in des Teufels Namen hatte das Frauenzimmer die Milch versteckt? Am Ende hatte sie mir zum Schabernack den Rest selber ausgetrnnken? Ich suchte in der Küche und suchte in der Speisekammer, suchtje in großen Töpfen und in kleinen, in Kasserollen und Näpfen. Nirgends ein Schimmer von Milch. Die Verzweiflung ist die Mutter großer Entschlüsse; ehe ich wußte, wie ich es vollbracht, stand ich mit einem kleiner; braun glasierten Topf an Konsistorialrats Küchentür und klingelte. Gottlob! Stent Mensch war mir auf der Hintertreppe begegnet.
Konsistorialrats brave alte Auguste tat einen kleinen Angstschrei und wäre beinahe gjegeu den glüheitden Herd zurückgeprallt, als sie mich mit dem Topf in der Tür erblickte.
„Herr Professor, ivas ist denn los? Was is — ?"
„Mein Fräulein, mein verehrtes Fräulein!"
Auguste grinste vor Vergnügen. „Möchten Sie mir wohl ein bißchen Milch schenken oder leitjeit?"
„Ach, soll ich nicht die Frau Rätiit rufen?"
„Um Gotteswillen, beste Auguste, keinen Schritt! Geben Sie mir schnell ein bißchen Milch ttnd ich 'will Ihnen ewig dankbar sein!"
Sie hielt mich offenbar für verrückt; aber vielleicht um mich nicht zu reizen, tat sie, wie ich sie gebeten. „Eben bin ich beim Anflochen —"
„Geben Sie mir, wie sie ist und — Auguste — kein Sterbenswort darüber zu der Frau Rätin!"
„I, wo wer' ich denn! Um so ’ne Kleinigkeit, Herr Professor !" und eifrig goß sie mir das Töpfchen halb voll.
„Danke tausendmal, verehrte Auguste, und nehmen Sie dafür —" ich suchte in der Westentasche.
„Nee, geschenkt oder geborgt, aber bezahlt wird nicht."
Ich flog mit meiner Beute die Treppe hinauf, luiire sie bei einem Haar hiuaufgefallen und eilte an der mich anglotzenden Lene vorbei zu meinem Jungen. Der lag noch ganz ruhig auf dem Tigerfell, sog an dem Zucker, strampelte vor Daseinslust mit den prallen Beinchen und sah mich ohne mit dem Saugen innezuhalten, aus großen, erkennenden Augen an, als ich mich ihm näherte. Na, wenn dieses nun nicht die kantische Denkkategorie der „Gemeinschaft war, dann konnte ich das Geld vor meine vor fünfundzwanzig Jahren gehörten Collegia logiea zurückforderit. Das war eine niederschmetternde Entdeckung. Was wurde aus meinen Schubladen voll kostbarer Vorstudien für meine Preisschrift, was aus meinen herrlichen Beobachtungen, aus allen meinen doeuments humains, wenn dieser Lutschbengel, der zu mir gekommen war wie durch den Schornstein gepustet, mit seinen Hellen blauen Augen das alles auf einmal für wertlosen Plunder erklärte?!
Aus dem Topfe konrite er nicht trinken. Aber ich merkte, tote ich zunehmend erfinderisch wurde. Schnell Gelbchens Heinen porzellanenen Trinknapf abgehakt, ausgespült, mit der schon halb gewärmten Milch gefüllt und dann meinen Ammendienst augetreteu. Es ging schlecht, ein gut Teil der Milch troff nebenher aufs Tigerfell, aber eS ging doch Ach ivie sie ihm Wohltat, Konsistorialrats fromme, ttngewässerte Milch! Und tote das Wohltat, das verhungerte Bübchen trinken zu sehen, wohl ins Herz hinunter, als tränke ich selber etwas Warmes, Heißes, so heiß, daß mir das Wasser in die Augen trat.
Er schluckte, verschluckte sich, prustete ein wenig und schluckte sich wieder zurecht. Das eine Näpfchen war im Nu geleert, bald ein zweites, ein drittes. Konnte es ihm nicht schaden, wenn er nach dem tätigen Hungern so gierig und so viel auf einmal trank? Aber mir fehlte der Mut, ihm nicht loieder und wieder das Näpfchen zu füllen, solange seine großen dankbaren Augen sprachen: mehr!
Da trat die Lene ein, frech, ohne anzuklopseu: „Ich bin fertig, und nun zieh ich." Ich wußte, ivas sie damit verlangte. Ihr Vierteljahrslohn lag abgezählt samt ihrem Dienstbuch auf dem Tisch Wir waren schnell miteinander fertig; der Portier hals ihr den .Koffer hinuntertragen auf die „Ziehdroschke". Ich stand am Fenster und sah ungeduldig zu, wie die Einschiffung erfolgte. Ein Seufzer der Erlösung euiraug sich mir, als die Droschke langsam davonrumpelte. Solange das Ungetüm im Hause gewesen, war meine Freude an dem kleinen Gast mit Bitterkeit und Angst gemischt. Erst jetzt konnte ich mich feiner aus Herzenskräften freuen.
Jawohl, freuen! Gott, wie mit das drollig vorkam! Und war doch fo selbstverständlich, so unwiderstehlich! Eine Freude wie aus meinen Eingeweidm heraus. Hatte ich das je zuvor empfunden? Nie in keinem Augenblick meines Lebens. Nicht als sie mich mit fünfundzwanzig Jahren zum Professor inachten — und damals hatte ich mW gefreut — nicht als ich dm großen


