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Das Sinnreichste an diesen Feiern ist doch' wohl das, daß alle, die durch Bandehes Bluts und der Gevatternschaft, an einem Tage sich zusammenfinden. Das ist eine auch für die „Städter" nachahmenswerte Sitte, wenn sie dort auch in einfacherem Rahmen gehalten und den Geldbeutel des Hausherrn nicht allzusehr in Anspruch nehmen würde. Das aber, daß dort solche Feiern nicht anders als „Großartig" gehalten würden, macht diese Sitte in der Stadt nicht wünschenswert. Auch werden die Landleute viel seltener in entferntere Gegenden verschlagen, als die Bewohner bei Städte. , .
Neben den genannten offiziellen Famckenferern werden ja auch sonstige Verwandtenbesuche nicht vergessen; aber die lassen sich verschieben, toeitn es Mustert oder ein scharfer Ost weht, bis auch der im Winter wetterscheue Landmann ohne Angst vor Schnupfen sein Plätzchen am warmen Ofen verlassen kann. Aber, wenn „Gevatterntag" oder „Neujahr" ist, dann hält auch der Wehste Schnee und die grimmigste Kätte die „Gevattern" nicht zurück. Ein „Bitterer" oder „Ordinärer" wärmt ja die steifgefrorenen Glieder rasch wieder und die Freuden und Genüsse des Tages entschädigen vollauf für die Strapazen der Wanderung.
Das sind Freudentage, Höhepunkte im eintönigen Leben der Bewohner des Gebirgs — allerdings nur für die „Alten". Denn die „Jungen", die Ledigen, haben andere Freuden. — Doch davon vielleicht ein andermal.
Aer Norddeutsche Lloyd °
Am 20. Februar 1907 blickt der Norddeutsche Lloyd in Bremen auf eine 50 jährige Geschichte zurück. Seine Entwicklung ist aus das engste verknüpft mit der Ausdehnung, welche der deutsche Handel sich in allen fünf Erdteilen zu erwerben gewußt hat, mit den Erfolgen der deutschen Industrie, mit den Fortschritten der Technik im Maschinenbau und Schiffbau, welche seit fünfzig Jahren den gesamten Dampferverkehr der Welt umgeformt, die fünf Erdteile zu einem geschlossenen Ganzen gemacht haben, in welchen der fortdauernde Austausch zwischen Rohstoffen und Jndnstrieerzeugniffen, das Hin- und Herströmen großer Menschenmassen zu einer grundlegenden Bedingung des Lebens geworden find.
Die Schiffahrt ist es, welche das unlösliche Band zwischen den Erdteilen knüpft, welche an der Einigung der Völker, an der Verbrettung der Kultur, an der Erweiterung der Lebensanschauungen, an der Steigerung des Nationalvermögens durch Arbeit bei allen Völkern am stärksten gewirkt hat.
Wenn eine Reederei mit gerechtem Stolze von sich sagen darf, daß sie nicht nur an der Entwicklung der Interessen ihres engeren Vaterlandes, sondern der Weltinteressen einen wichtigen, ja zum Teil ausschlaggebenden Anteil genommen hat, wenn sie von sich sagen darf, daß während der ganzen Dauer ihres Bestehens in logischer Aufeinanderfolge die Zahl und der innere Wert der von ihr geschaffenen Verbindungen sich fortwährend gesteigert hat, wenn sie endlich den Ruhm für sich in Anspruch nehmen darf, daß die gesamte Dampfschiffahrt der Gegenwart ihrer Initiative wichtige Fortschritte, danernede Anregung, die Schaffung neuer Schiffsthpen verdankt, so muß einer solchen Reederei eine sehr erhebliche internationale Bedeutung beigemessen werden.
Aus kleinen Anfängen — einer mit nur drei Dampfern betriebenen Linie nach England und der Linie nach Newyork — hat der Norddeutsche Lloyd bis zur Gegenwart in ,mdauerndem Fortschritt 15 transatlantische regelmäßige Hauptlinien zu entwickeln vermocht, er hat durch 20 Zweiglinien den für die Hauptlinien in Bettacht kommenden Zwischeuverkehr organisiert, er hat darüber hinaus, in Linien zwischen nichtdeutschen Ländern dem Berkehrsbedürfnis in der Entwicklung begriffener fremder Gebiete in ganz hervorragendem Maße Rechnung getragen. Von 192 Dampfern weht heute die Flage des Norddeutschen Lloyd. 417 Millionen Mark sind der Schiffbauindustrie vom Norddeut- Kien Lloyd zugeflossen. 6% Millionen Passagiere haben in n 50 Jahren seines Bestehens seine Stellung in der Passagier- fahrt begründet, darunter mehr als eure halbe Mttlion allein im Jahre 1906. Mehr als 23 Millionen Mark fließen jährlich den Kohlengruben aus dem Betriebe des Lloyd zu, für mehr als lö Millionen Mark verbraucht der Lloyd jährlich Proviant au? seinen Schiffen, nahezu 3000 Agenturen, über den gesamten .Erdenrund zerstreut, dienen der Lloybflagge; stolze Ziffern sind es, welche hier zutage treten.
In der Entwicklung des Lloyd sind drei Epochen voneinander zu unterscheiden. Während der ersten zwanzig Jahre steht die Ausgestaltung des Verkehrs mit Amerika völlig im Vordergrund. Sie wird im ersten Jahrzehnt des Lloydbetriebes durch widrige Umstande aller Art, durch einen wirklichen Kampf ums Dasein uur mtt all der Energie, welche von Anfang an die Leitung des Lloyd auszeichnete, durchgeführt, sie festigt sich tat zweiten Jahrzehnt dank der Einigung der deutschen Stämme und zieht Mittel- und Südanterika in den Kreis des Betriebes.
Die zweite Epoche, unter der Direktion von I. G. Lohmann, reicht von 1877 bis zu feinem Tode tat Jahre 1892.
In diese Epoche fällt die Schaffung des Schnelldampferdienstes «ach Newyork und die Erbauung einer Schnelldampferflotte,
welche völlig vereinzelt dastand' und den Norddeutschen Lloyd in der Passagierfahrt nach Newyork an die erste Stelle brachte. Im Jahre 1886 tritt unter der Direktion Lohmanns durch die Errichtung der Reichspostlinien nach Ostasien und Australien die östliche Halbkugel zum erstenmal in den Lloydbetrieb ein.
Die dritte große Epoche ist die der Gegenwart. Sie zählt von der Uebernahme der Leitung des Lloyd durch Generaldirektor Dr. Wiegand im Jahre 1892 an und kann auf außerordentliche Erfolge zurückblicken. In diese Epoche fällt die völlige Umgestal- tung der Lloydflotte nach neuen Prinzipien, welche für die Schifffahrt der Gegenwart typisch geworden sind. Von 210 000 Tonnen beim Tode Lohmanns hat der Raumgehalt der Lloydflotte sich bis heute auf mehr als 700 000 Tonnen gesteigert. Die Typen des Tropendampfers, wie der „Prinz Heinrich" und „Prinzregent Luitpold", der Barbarossa-Dampfer mit ihren späteren Ergänzungen durch Schiffe wie der „Große Kurfürst" und der noch int Batt befindlichen „Washington" von 13 000 und 17 000 Tonnen, der Feldherrn-Klasse, wie „Zielen", „Roon", „Gnet- senau", der Prinzen-Klasse, der modernen Schmelldampfertypen endlich, wie der „Kaiser Wilhelm II.", die „Kronprinzessin Geeilte", der „Kronprinz Wilhelm" uttb der „Kaiser Wilhelm bei Große", sind Ergebnisse eines ebenso sorgfältigen wie erfolgreichen Studiunts aller der Bedingungen, welche für den Schiffbau und für die Schiffahrt heute als grundlegend angesehen
werden müssen. „ ,, .
Hand in Hand mit der Neuschaffung der Lloydflotte ist in der letzten Epoche der Lloydgeschichte der Ausbau der einzelnen Linien gegangen. Die Verdoppelung der Reichspostlimen, die Ausgestaltung des Liniennetzes in Ostasien und der Südsee durch Zwischenlinien, die Schaffung eines neuen, außerordentlich wett verzweigten, großartigen Liniennetzes im Mittelmeer, die Schaffung neuer Verbindungen von Bremen nach Mittelamerika und nach dem südlichen Teil der Vereinigten Staaten, die Verbindung zwischen Japan und Australien, das sind die Hauptmerkmale, welche die Erweiterung des Schiffahrtsbettiebes seitens des Norddeutschen Lloyd während der letzten 15 Jahre kennzeichnen. Von ebenso großer Bedeutung wie die Schiffahrtsinteregen als solche, sind die vom Lloyd selbst auf den Ergebnissen der Schleppversuchsstation in Bremerhaven aufgebauten Konstruktionsbedtngungen für Seeschiffe cm sich. , , . .. ,
Neben der außerordentlich großen Ausdehnung der Anlagen des Lloyd am Lande, soll noch die soziale Fürsorge erwähnt werden, welche der Lloyd durch die Schaffung von Penstons» kaffen und Hülfskassen nicht nur für seine 12 000 Seeleute, sow- dern auch für die Tausende von Landarbettern, welche dauernd tat Heimatshafen in seinen Diensten stehen, geschaffen hat.,
Dem Handel und Wandel bient der Lloyd, aber ei nimmt nicht nur, sondern er gibt auch. Seine befruchtende Tätigten im Weltverkehr wird von niemandem verkannt. An feinem fünfzigjährigen Jubeltage gibt es niemanden im Wirtschaftsleben aller fünf Erdteile, der nicht aus wahrer Ueberzeugung und von ganzem Herzen dem Lloyd seine Glückwünsche brächte.
Charles Psttit, Li Ta Tschu.
Eine chinesische Liebesgeschichte. Autorisierte Uebersetzung vo« Gertrud Savis, Berlin, Egon Fleischel u. Cie. Preis 3 Mk.
Wenn die Nacht ihre Fittige über die volkreiche Stadt Tschangscha breitet, läßt sich Seine Exzellenz Li Ta Tschu, der große Gelehrte und Mandarin erster Klasse in den Palast der schwarzen Cormorane ttagen. Dort bereitet ihm seine Favoritin mit Namen Pfirsichblüte das Opium, das er aus einer kostbaren, kunstvoll geformten Pfeife raucht. . Einzig der Opiumrausch versetzt Li Ta Tschu in den wundervollen Zustand,, dessen ein so intelligenter Mensch wie er würdig ist: die Materie geht unter und die Seele fliegt unter den wollüstigsten,, zartesten, raffiniertesten Empfindungen durch endlose Weiten. Eines Tages ist der große Gelehrte uttb Mandarin erster Klasse seiner Favoritin überdrüssig und begehrt eine „wirkliche Frau", keine Puppe. Die Matronen'im Palast der schwarzen Cormorane sinnen hin und her, wie sie Seiner Exzellenz gefällig sein können und führen ihm endlich die bleiche Mimosa, eine Tänzerin von außerordentlicher Schönheit, vor. Kaum daß Li Ta Tschu sie erblickt hat, gerät er in einen wahren Taumel von Leidenschaft. Pfirsichblüte, die ihm treu ergeben war, erhält den Abschied, fortan soll die bleiche Mimosa die Gebieterin seines Herzens fein. Die Tänzerin, ein höchst lasterhaftes Geschöpf, führt, den Mandarin ein paar Monate mit Narrenseil. Er fügt stch ihren grausamen Launen, ja er besudelt ihr zuliebe seine Hände mtt dem Blut wehrloser Christen. Aber noch immer weigert sie sich, seine Liebeshuldigungen anzunehmen. Erst an dem Tage, da sie das Haupt der ihr verhaßten Pfirsichblüte unter dem Schwertstreich des Henkers fallen sieht, wird sie Li Ta Tschat angehören. Dieser entschließt sich nach schweren Kämpfen, Pfiriichblüte zu opfern. Und nun geschieht das Seltsame, daß der große Gelehrte und Mandarin erster Klasse bei den ersehnten Liebkosungen MimosaS kalt und unempfindlich bleibt, ja sie zurück-


