Ausgabe 
20.2.1907
 
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Menschenleben, die lügen.

. Rontmt von H. Ehrhardt, Verfasserin vonWiittellose Mädchen"

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Der Freiherr, den die letzten Wochen zum alten Mann ge­macht hatten, strich sich nervös den weißen, buschigen Schnurr­bart und würgte den Zorn auf den jüngsten Sohn wider­willig herunter. Er brummte überhaupt lange nicht mehr so viel als früher.

Marga hatte so eine Art, ihn mit den übergroßen, dunkel umrandeten Augen anzusehen, daß er sein Gewissen mahnend an die harte Wand seines verknöcherten Herzens klopfen hörte. Alles Unglück, jeder Aerger, der ihm und den Seinen geworden, war nur das Fazit seines eigenen Handelns. Und die blasse, sieche Tochter wirkte auf ihn wie eine Rachegöttin, die jeden Moment in flammendem Zorn vor ihn hintreten und rufen konnte:

Hier an dieser Stelle fordere ich Rechenschaft von dir ftir den Sohn, dem du die Freiheit der Selbstbestimmung versagt und für die Konsequenzen, die daraus entstanden sind, für meine verdorbene Jugend, meinen toten Geliebten."

Hatte sie nicht Recht damit? Mußte er sein graues Haupt nicht schuldbewußt neigen? Aber Marga klagte ihn nicht an. Sie hielt sich nur schell von ihm zurück.

Sonst lief langsam alles in Loßwitz wieder ins alte Ge­leise. Das junge Mädchen gesundete allmählich Ihre Wangen rnndeteil sich wieder, ifrr Haar wuchs in neuer üppiger Fülle. Sie erfüllte aufnlerksam ihre alten Pflichten im Haushalt und nahm Teil an beit täglichen Vorkommnissen des Lebens. Sie gab sich keiner krankhaften Melancholie hin, doch ihre frühere ruhige Heiterkeit hatte sie verloren. Sie lächelte nur selten und lachte nie mehr.

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Frühling und Sommer tvaren vergangen. Nun fegte be­reits wieder der erste rauhe Herbststnrm durch die Straßen von St. Er fuhr stöhnend U,m das vornehme weißliche Viereck des Ständehauses, suchte vergebens nach einem etwas losen Dach­ziegel, den er in seinem Uebermut hätte in die Lust schleudern können und prallte wirkungslos an den dicken Steinmauern, den fest geschlossenen und dicht verhängten Fenstern ab. Für dies sein unnützes Bemühen rächte er sich nun, indem er wü­tend an dem grauen Mantel des Husarenoffiziers zerrte, der soeben am Portal die Glocke gerührt hatte. Im Westen flamm­ten glutrot die letzten Lichter der untergehenden Sonne und färbten das blasse, vornehme Gesicht des Offiziers rosig.

Franz, der im Moment die schwere Tür öffnete, prallte un­willkürlich einen Schritt zurück, nicht imstande, seine innere Bewegung hinter einer nichtssagenden Lakaienmiene zu ver­bergen.

Herr Baron!" stammelte er.

Der Freiherr von Tressenberg trat rasch über die Schwelle.

>,Nun ja, Franz, da sind wir wieder!" sagte er möglichst

leichtherzig, obgleich ihnr miserabel zumute war,wie ist dir'S ergangen?"

Der also Gefragte errötete vor Freude.

Oh, immer gut, Herr Baron! Es ist ja nicht anders mög­lich Der Herr Landrat sind sehr wohlwollend zu mir und gnädige Frau ist ein Engel."

Die etwas respektlose aber von ehrlicher Begeisterung dik­tierte Aeußerung entlockte dem jungen Offizier ein mattes Lächeln. Dann befahl er, ihn den Herrschaften zu melden. Franz zögerte leicht.

Ich habe den Befehl, jeden Besuch ohne Anmeldung herauf zu führen. Die Herrschaften haben, wie immer, zur Tecstunde Besuch und besinden sich im Musikzimmer."

Tressenbergs tiefdunkle Brauen zogen sich zusammen. Dann warf er den Kopf in den Nacken.

Es ist gut, Franz, ich finde schon allein den Weg."

Und er stieg die Treppe hinan. Was hatte er denn ver­brochen, daß er sich davor scheute, zum erstenmal in den wohl- bekanüten Kreis zu treten? Daß er einen anderen, zufällig den besten Freund dieses Hauses, der ihn schwer beleidigt hatte, im Duell tötete? Der gesellschaftlichen Satzung nach, ivar das ein Mißgeschick, aber kein Verbrechen. Auch von dem schmählichen Verdacht, der die Ursache des Duells gewesen, war er seit langem gereinigt. Das ihn verdächtigende Schriftstück hatte sich als ge­schickte Fälschung des racWchtigen Weibes erwiesen, die den Mann, der sie voll Ekel von sich gestoßen, an seinem wundesten Punkte, an seiner Ehre hatte treffen wollen.

Sie war trotz all ihrer Vorsicht eines Tages doch erwischt worden und hatte bald eilt umfassendes Geständnis abgelegt, bei dem sie aber in betreff ihres Mannes bei ihren früheren Angaben blieb. Man hatte sich anscheinend aber doch gründlich düpieren lassen, denn die Hausnntersuchung bei dem alten Kreß hatte nichts Belastendes zutage gefördert und er wurde auf Grund mangelnder Beweise entlassen.

Tressenberg hatte über all das teils amtlich, teils von be­kannter Seite Berichte erhalten. Graf SHerrenkin war wohl der einzige gewesen, der ihm manchmal ein wenig ausführlich schrieb und dantit eine Verbindung zwischen ihm und St. aufrecht erhalten hatte. Von Hanna hörte er nie etwas, sie war viel zu klug, sich durch irgend etwas Schriftliches zu kompromit­tieren. Er dachte viel an sie in seiner einsamen Festungshaft.

Dort, wo der Zauber ihrer Persönlichkeit nicht direkt auf ihn einwirkte, begann er von neuem gegen diese unselige be­törende Leidenschaft zu kämpfen. Und dies Mal wollte er siegen. Er war fest entschlossen, sein Leben fern von ihr in andere Bahnen zu leiten.

Vor der Tür des Musikzimmers tönte ihm Hannas wunder­süße, weiche Stimme entgegen in den Schlußworten von Schu­bertsWanderer":Dort, wo Du nicht bist, dort ist das Glück."

Er wartete, bis ihre Stimme verhallt war, dann trat et ein, so vorsichtig, daß im ersten Moment niemand sein Er­scheinen bemertte. Vielleicht, weil er daran dachte, daß er zum letzten Mal hier sein könnte, prägte das Bild der im Zimmer Versammelten sich so scharf und unauslöschlich in seine Seele,