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großen lebhaften Augen, dem vollen schwarzen Haar und der schönen Figur den Herrn des himmlischen Reiches berückte; aber noch heute ist sie eine stattliche Frau. Das kostet freilich auch Arbeit und Ausdauer genug; nicht weniger als neun altadlige Kammerfrauen haben zur einzigen Lebensaufgabe die Verschönerung ihrer Herrin und mühen sich täglich, mit den köstlichsten und geheimnisvollsten Essenzen und Mixturen dem Gesicht der Kaiserin die „herbstliche Schönheit entzückender Weiblichkeit" zu verleihen. Die Herrscherin ist eine sehr strenge Kritikerin; wenn nach der Toilette der große Spiegel herbeigerollt wird, in dem die „Tochter des Himmels" das Werk ihrer Hofdamen nachprüft, legt sich meist angstvolle Beklemmung auf die Seelen der Assisten- tinnen. Denn die Kritik der Kaiserin ist «reist schlagend und treffend, denn mit dem Spiegel wird ihr stets ein biegsamer Rohrstock überreicht, vor dem die Hofdamen aus guten Gründen den höchsten Respekt haben. Zwei, oft dreimal wird die Verschönerungsarbeit wiederholt, ehe die ästhetische Monarchin von ihrem Aussehen befriedigt ist. Gesänge und Lieder verkürzen ihr während dieser Stunden die Zeit. Auch in den Tagen der Krankheit wird diese Toilette streng eingehalten. Kürzlich erlitt sie einen Schlaganfall, aber auch in den schlimmsten Stunden finden die Minister nur eine gesund und rosig dreinschauende Frau, die weder Schmerz noch Freude, die iveder Erregung noch Schwäche erbleichen oder erröten machen können.
* Die Millionärin als Einbrecherin. Aus Newyork wird uns gemeldet: Raffles, der jüngste Theaterheld, der Amateureinbrecher, hat im Leben seinen Rivalen gefunden; aber kein Mann ist es, der die Phantasie der Bühnendichter in den Schatten stellt, sondern eine Frau, eine junge, hübsche und sogar reiche Frau, eine der beliebtesten Persönlichkeiten der Gesellschaft von Milwankee, die Gattin des Millionärs Charles I. Romadke. Seit Monaten wurde in Chicago int vornehmsten Villenviertel eine Reihe geheimnisvoller Einbrüche verübt, ohne daß es der Polizei gelang, den Tätern auf die Spur zu kommen. Endlich lenkten einige winzige Verdachtsmomente die Auf- merksamkeit der Behörde auf die junge Dame aus Milwaukee, man begann sie zu überwachen und bald stellte es sich heraus, daß Mrs. Romadke nachts auf Einbrecherabenteuer ausging. Ihre Verhaftung bestätigte alles; sie gestand, daß sie ihre Freunde beraubt habe, eine „unsichtbare Macht habe sie dazu getrieben. Der Reiz und die Neuheit ihrer mitternächtigen Unternehmungen übten eine solche Anziehungskraft auf sie aus, daß sie nicht zu widerstehen, vermochte. Bei einem entlassenen, alten Zuchthäusler, einem Neger, nahm sie in aller Form Unterricht und später wurde der Lehrer ihr Gehilfe und Komplice. Materielle Sorgen haben zu diesen abenteuerlichen Nachtfahrten nicht Leigetragen, denn Mrs. Romadke erhält von ihrem Gatten alljährlich 8000 Mark für ihre Toiletten, mehrere tausend Mark Nadelgeld, sie hat ihr Automobil und allen Luxus, den sie wünscht. „Ich weiß nicht, wie ich dazu kam," sagte sie weinend bei ihrer Verhaftung. „Ich konnte nicht anders. Ich weiß nicht, warum ich es tat. Zch weiß auch, daß ich Strafe verdiene, aber mein Herz blutet bei dem Gedanken an mein kleines Baby, meine Evelyn. Alles was ich brauchte, hatte ich, und dazu noch den besten Mann der Welt." Die Beute, die Mrs. Romadke bei ihren Einbrüchen gemacht hat, ivird von der Polizei auf 40 000 Mark geschätzt.
Literarisches.
— Mit der soeben erschienenen ersten Nummer des neuen Jahrgangs tritt die illustrierte Zeitschrift „U e b e r Land und Meer" (Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt) in das fünfzigste Fahr ihres Bestehens ein. Welchen Wert die Zeitschrift darauf legt, in ihren Romanen das Veste der zeitgenössischen Produktion zu Bieten, das bekundet sie, indem sie den 50. Jahrgang eröffnet mit der Publikation eines neuen Werkes von Jakob Wassermann. Der Held des Romans ist Caspar Hauser, der rätselhafte Findling, dessen Schicksal . einst das vormärzliche Deutschland, ja Europa in Aufregung versetzte und der tioch heute Phantasie und Gemüt der Menschen zu beschäftigen nicht cmf- gehört hat. Ins Gebiet der Zeitgeschichte führt uns her Aufsatz T. Hecklers „Der deutsche Reichstag"; die Worte des Textes erhalten ihre besondere Würze durch die lau»
nigen Porträte, die G. Brandt, der Karikaturist des „Kladderadatsch", beigesteuert hat. Ein höchst originelles Kapitel heimischer Volkskunde bildet die Plauderei „S ch w ä l m e r Hochzeit" von A. Falkenberg, auch hier ergänzen die Illustrationen, die uns die Volkstrachten der „Schwalm" veranschaulichen, eine wertvolle Zutat zum Text. Die Naturwissenschaften vertritt W i l h e l m B ö l s ch e, der unübertroffene Meister populär-wissenschaftlicher Darstellung, mit einem außerordentlich interessanten Aufsätze „Zeitsinn bei Tieren", der so manche Tatsache und Ausschlüsse enthält, die den meisten Lesern ganz neu sein werden. Endlich führt uns Prof. Ed. Heyck in einem Aufsatz „Judith" betitelt, auf ein Grenzgebiet der Kunst- und Kulturgeschichte. Von den Reproduktionen von Kunstwerken, die das Heft zieren, nennen wir nur das Bild von Egger-Lienz, „Wallfahrer", und die „Zuflucht" nach Gabriel von Max und „Im Wirtshaus" von Max Gaisser.
.Hausmusik.
— Die Meistersinger von Nürnberg. Wenn die Werke Richard Wagners tlvch nicht so ins Volk gedrungen sind, wie sie es verdienen, liegt cs daran, daß sich nur wenige einen Opernauszug oder die schönsten Numinern daraus kaufen können. Mit einem Schlage wird hier Wandel geschaffen durch die im Verlage von Ullstein u. Co., Berlin SW. 68, erscheinende Nvtenbibliothek „Musik für Alle". Sie bringt jetzt Wagners Meistersinger. In einfachster Form, ohne Anspruch auf Virtuosität, hat der Herausgeber alle die Schönheiten dieses Meisterwerkes er- Sen lassen. Das imposante Vorspiel, Walters Auftritt - Begegnung mit Evchen, dazwischen der Choral und gleich darauf der lustige Lehrbuven-Chor mit David ziehen an uns vorüber. Es folgt das charakteristische Versammlungsmotiv der Meistersinger mit der Ansprache Pogners. Besonders das Melodiöse wird in den Vordergrund gestellt, es ertönen „Am stillen Herd in Winterszeit" und „Fanget an, so rief der Lenz in den Wald". Im zweiten Akt verkündet uns der volkstümliche Lehrbubeuchor die Freude des Johannisfestes, ztt dem sich alles rüstet. Hans Sachsens Monolog „Wie duftet doch der Flieder" ist wohl eine der herrlichsten Eingebungen des unsterblichen Schöpfers, dem sich die Szene mit Eva würdig anreiht. Es naht der Nachtwächter mit einem alten Liedlein und nun versucht Beckmesser mit feinem grotesken, humorvollen Ständchen sich Gebör zu verschaffen. Sachsens Schusterlied „Als Eva aus oem Paradies" läßt ihn jedoch nicht zu Worte kommen, und als er enblid) seine verschnörkelte Arie in Heller Verzweiflung kräht, erwachen die Bewohner der Gasse. Die große Prügelszene schließt den Akt, der zum Schluß nochmals alle Motive auftauchen läßt. Ein Textteil mit Illustrationen geht den Noten voraus.
Goldene Worte.
Der Mensch rechnet immer das, ivas ihm iehlt, dem Schicksal doppelt so hoch an als das, ivas er wirklich besitzt. Gottsr. Keller.
Könne dem Herbst zum Eigentums
Den blassen Kranz doch, der ihn schmiickt! Ist denn die Aster keine Blnme, Weit dich die Rose höher entzückt? Gcibcl.
Diauuruträtfel.
In die Felder nebenstehender Figur sind die Btichstabcn a a i> b d d e e e i i 1 1 n n n n r r s t u w w z derart cinzutragen, daß die wagerechten Reihen Folgendes be- benten:
1. Einen Konsonanten.
2. Mythologische Bezeichnung.
3. Einen Himmelskörper.
4. Einen Dichter.
b. Eine Mischfarbe.
6. Ein Nebenfluß.
7. Einen Konsonanten. ®
Die senkrechte und wagerechie Mittel- —~
reihe ergeben das Gleiche.
Auflösung in nächster Nummerü
Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Waldmeister.
Mcdaktiou; P. Witt ko. Rotationsdruck und Bertas der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckereü R. Lause, Gießen,


