Ausgabe 
19.10.1907
 
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Lorenz), die den Kindern das Blut in den Adern schwinden läßt und die Knochen erweicht und zermalmt (Prof. Nuß- baum), so entstehen auch bei den besten äußerlichen Schul- eiurichtuugen, auf die ja bei uns mit Recht großes Gewicht gelegt wird, die sogenannten Schulkrankheiten, wie Kopf­schmerz, Kurzsichtigkeit, Wirbelsäulenkrümmung, gestörte Verdauung, Unruhe, Reizbarkeit unb andere nervöse Uebel- stände mancherlei Art. Sie haben alle mehr oder weniger ihren Grund in Mangel an Bewegung, dadurch hervorge­rufenem ungenügendem Blutkreislauf und der dadurch beein­trächtigten Blutbildung. Der Schwede Axel Key hat durch vieljährige statistische Untersuchungen festgestellt, daß nach einjährigem Schulbesuch jedes dreizehnte, nach zweijähri- gcm jedes sechste bis siebente und nach dreijährigem jedes fünfte Kind bleichsüchtig, blutarm wird. Auch die gründ­lichen Untersuchungen deutscher Aerzte kommen zn dem Er­gebnis, daß mit zunehmenden Schuljahren mancherlei ge­sundheitliche Schäden in steigendem Verhältnis wachsen, wie insbesondere auf den höheren Schulen die Kurzsichtig­keit und die Nervosität.

Nun müssen wir mit der Forderung des obligatorischen Schulbesuchs für alle Zeiten rechnen, und etwas wesentliches an Unterrichtsstoff können wir auch schlecht aus unfern, Lehrplan fortnehmen, wollen wir nicht den hohen Stand unserer geistigen Bildung aufgeben.

Wir müssen nach Maßnahmen suchen, die auf alle Schulen Anwendung finden können, nm die besagten Uebcl- stände soviel wie möglich auszugleichen. Wir müssen der all- geineinen Degeneration eine ebenso allgemeine Regeneration entgegensetzen und wollen dabei bedenken, daß 'der Arzt nur der Ausbesserer, die Gymnastik aber der Schmied der Gesundheit ist" (Ebers).

Von allen möglichen Schuleinrichtuugen für das er­strebenswerte Gleichgewicht zwischen Körper und Geist ist das Jugendspiel die beste und einfachste; dadurch wird am leichtesten und sichersten das unbedingt notwendige Gteich- gewicht zwischen geistiger und körperlicher Arbeit herge­stellt. Hierüber hat der im Jahre 1890 verstorbene be­rühmte Professor Nußbaum eine Reihe der beherzigens­wertesten Winke erteilt. Er schrieb: Es wurde mir der ganz bestimmte Eindruck, daß des Menschen Körperbau nicht für den Studiertisch, sondern für körperliche Arbeiten ge­schaffen ist. Am gesundesten und heitersten sehe ich jene bleiben, welche Felder und Gärten bear­beiten und sich den größten Teil des Tages in s r is ch er Lu ft bewegen. Wie ganz anders findet man das körperliche Befinden bei Beamten, Gelehrten und Künstlern; oft haben diese einen heißen Kopf und kalte Füße, oft träge Verdauung, untätigen Darrn. Wenige gibt es unter ihnen, welche nicht über fortwährende Nervenerregung klagen. Wir wissen, daß jedes Organ, welches benutzt wird, blutreicher wird, daß sich feilte Adern erweitern. Das Gleiche gilt beim Gehirn. Wird dies blutreicher, so kann dies nur auf Kosten anderer Organe geschehen, deshalb werden Arme und Füße blutarm, wenn das Gehirn vom Blute strotzt. Je früher solche Mißverhältnisse im menschlichen Körper auftreten, je jünger die betreffende Person ist, desto verderblicher sind die Folgen solch mangelnden Gleichgewichts. Ich muß be­haupten, daß die ganze Zukunft eines Menschen unbe­haglich werden kann, wenn sich die angedeuteten Ueber- reizungen schon im kindlichen Alter cinbürgerten. Es ist durchaus eine fehlerhafte Beobachtung, wenn man glaubt, daß ein neunjähriges Kind in 7 bis 8 Stunden täglich mehr lernt als in 4 bis ü Stunden. Kinder gehören nach 9 Uhr in das Bett. Ich halte das gegenwärtige Prinzip, eilt Kind den ganzen Tag zu beschäftigen, für ein recht gutes, allein ein großer Teil der Zeit sei der körperlichen Ausbildung gewidmet, wenn möglich in frischer Lust. Ich bin fest überzeugt, daß die Zukunft lehren wird, daß man täglich stundenlang körperliche Uebüng mit geistiger Arbeit wechseln muß, wenn ein Kind gesund bleiben soll. Ich bin ebenso überzeugt, daß das Lernen viel leichter geht, wenn der Körper mehr gekräftigt wird, wenn die geistige Span­nung nicht so viele Stunden beträgt, wie fast in allen Lehr­anstalten. Mit Ausnahme einzelner hervorragend begabter Kinder tritt bei den meisten nachmittags, aber fast immer abends, eine stumpfe, müde Hirnfunktion ein, womit sie nur wenig fassen, höchstens nach langer Marter mechanisch ein­lernen, ohne den Sinn zu überdenken. . Ich ziehe also aus meinen Erfahrungen den Schluß, daß die Zukunft den Kör­per der Kinder durch Spiele und Arbeiten im Freien zum

Lernen vorbereiten und während des Lernens die Ausbildung des Körpers energisch befördern wird, damit die Belastung des Gehirns, Welche bei Tausenden zur Ursache ihres unbe­haglichen Empfindens wird, verhindert Werden kann. Trotz dieser Zeitopser darf mau aber keine geringen Lernbegriffe befürchten. Hingegen wird das Lernen, das jetzt den Kin­dern eilte Marter ist, den meisten Freude machen, und es wird nicht schon in der Kindheit der Grundstein zu dieser jetzt so sehr überhandnehmenden und unglücklich machenden Nervenerregung gelegt Werden."

Der erste gesundheitliche Vorzug des Jugendspiels ist, daß es die Knaben und Mädchen aus den Stuben in die freie Lust hinausbringt. Mr sind durch unsere Kultur viel zu sehr zu einem ftubenhockeuden Geschlecht geworden. Es ist ja in den letzten Jahrzehnten, angeregt durch das Beispiel der Engländer, etwas besser damit geworden; aber die Besserung ist lange noch nicht stark genug. Mau merkt das im E i s e n b a h n z u g an der A n g ft, die die meisten deutschen Reisenden vor dem o ffen en Fenster haben, und man merkt es in unfern schlecht gelüsteten, mit Tabak­rauch geschwängerten Bierlokalen, die für einen großen Teil unseres Volkes die sogenannte Erholung von der Arbeit bilden. Das schlechteste Beispiel gibt uns darin, Gott sei's geklagt, unsere akademische Jugend. Es gibt mir immer einen Stich durchs Herz, Wenn ich unsere frischen Jungen renommierend beim'Frühschoppen, Däm­merschoppen, Abendschoppen, Bierskat und dergleichen sitzen sehe und denken muß, daß das bei manchem Tag für Tag Während der schönen Studienzeit so durch geht. Und von den Studenten lernen es unsere Gymnasiasten und andere Schüler, zum Schäden ihrer körperlichen und geistigen Gesundheit. Andere gibt es, die stundenlang über oft schlechten, die Phantasie verderblich anregenden Büchern sitzen und die schöne Gotteswelt draußen hinter dem Ofen vergessen. Und ähnlich wie es bei den Knaben ist, Wird es auch bei den Mädchen sein, die sich durchweg viel zu wenig und dann nicht kräftig genug in Licht, Luft und Sonne bewegen. Denn wenn sie, eng in den Schnürleib, eine der schlimmsten Erfindungen des Modeteufels, gepreßt mit ge­brannten Locken und zierlichen Hackenschuhen uns auf den Straßen und Promenaden ehrsam Wandelnd begegnen, so ist das keine Bewegung in unserm Sinne.

Unser ganzes Volk muß wieder mehr hinaus gebracht Werden in Gottes. freie Natur, in den grünen Wald, in und aus den rauschenden Fluß und die brandende See, auf die Weiten, schönet! Heiden des deutschen Tieflands, auf die Hügel und Berge des Mittelgebirges und Hochlands, im Winter auf die schimmernde Eisdecke und den glitzernden Schnee. Sonne, Luft, Wasser und Bewegung, das sind die vier großen Heilfaktoren unserer nervenschwachen Zeit, die für wenig Geld zu haben sind und Leben und Lust spenden.

Damit die freie Luft ihre segensvolle Wirkung ganz ausübeu kann, muß kräftige Bewegung womöglich unter lauter Betätigung der Stimm- und Sprachwerkzeuge hinzu- kommen und darin leistet keine UebUng so treffliches, wie das richtige Fugendspiel. Sanitäisrat Professor Dr. F. A. Schmidt-Bonn sagttWeder eine deutsche Turnstunde- in Ordnungs-, Frei- und Gerätübungen, noch eine schwedische Tagesübung sind geeignet, diejenigen Anforderungen zu er­füllen, welche Wir hinsichtlich der Herz- und Luitgenent- wickluna zu Nutz und Frommen unserer heraitwachsendert Jugend an bereit Leibesübungen stellen müssen. Die Schnelligkeitsübungen in freier Luft, vor allem in Form von Spielen, haben daher einen wesentlichen Bestandteil einer jeden Art von Schulgymnaftik zu bilden. Ohne sie ist auch das feinste ausgeklügelte gymnastische System nur eine unvollkommene, eine halbe Sache." (Fortsetzung folnt.)

VsrmZßeHtss»

* Die ToilettengeHeimnisse der Kaiserin von China. Kaiserin Tsu-Hsi von China verfügt über ein Arsenal an Verschönerungsmitteln, um das selbst die raffiniertesten Modedamen Europas und Amerikas sie be­neiden Würden. Vierundsiebzig Lenze hat sie schon kommen und gehen sehen, aber die Schmeichler erzählen ihr, daß man sie kaum für Löjährig halten könnte; selbst ihre Feinde müssen zügestehen, daß sie außerordentlich jung aussieht und den Eindruck einer rüstigen Fünsundvierzigerin macht. Ihre Schönheit freilich mag entschwundenen Zeiten ange­hören, damals, als sie mit ihrer hohen Gestalt, ihren