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tung?' Er wollte das Blatt zur Hand nehmen, besann sich aber, griff nach einer Zigarrenkiste und hielt sic dein Maler hin.
„Eine Friedenszigarre gefällig, Herr Witte? . . . Ach so. Sie rauchen ja ausschließlich nur ihre geliebten russischen Zigaretten. Auch so 'ne Passion, die ich nicht begreifen kann. Na, meine Erlaubnis haben Sie. Zünden Sie sich nur ruhig eins von den Papierdingern an. Meine Hermine hat nichts dagegen, die ist den Qualm gewohnt. Doch ein Glas Bier dürfen Sie mir nicht abschlagen . . . gutes Patzenhofer. . . hol' mal 'n Mas, Minchen."
Diese stand schon am Buffet; der Maler zog eben einen silbercnen, nronogramingeschmückten Zigarrenbehälter aus der Ueberrocktasche. „Mit Ihrer Erlaubnis also," sagte er. Es wird ohnedies ein rauchloser Abend werden und ich gestehe offen, solch ein Papyros gehört dazu, soll ich mich behaglich fühlen dürfen. Danke! Er nahm ein brennendes Streichholz in Empfang und entzündete daran die Zigarette.
„So, da ist auch Ihr Glas Bie — nein, wie ungeschickt!" unterbrach sich der Rat, als er Ivahrnahnk, wie beim Reichen über den Tisch von bem schäumenden Inhalt des GlascS einige Spritzer auf die Skizzenbücher tropften. „Hermine, komni 'mal schnell nrit dem Wischtuch!"
„Bitte, bemühen sie sich nicht!" rief Witte eifrig. Hurtig zog er ein noch zusamrucngelegtes Taschentuch ans dem lleberrock und tupfte daiuit die Tropfen auf. „Hat wirklich nichts zu sagen — die Blätter können schon einen Puff vertragen, obendrein zumeist wertloses Zeng, nur als Erinnerung an den unvergeßlich schönen Aufenthalt in Rom für mich von einigem Interesse
. Mo Prosit Herr Rat!"
Er hatte das Taschentuch, um sein Glas ergreifen zu können, neben den auf den: Tisch liegenden Zigarettenbehälter gelegt und. nachdem er getrunken, vergast er, mit der Erklärung einer der Skizzen fortzufahren, ganz darauf, das Tuch wieder sort- zust-ccken.
„Das ist einfach herzig," meinte.Hermine, in die Beschauung einer der Skizzen vertieft. „Da sieh her, Papa, ist's nicht wie dem Leben abgelauscht? . . . Die bei aller Berfallenheit malerisch wirkende Hütte; im Schatten des üppigen Rcbgeränks, die junge Bauersfrau mit dem Säugling auf dem Schoste, um sie die spielenden Zicklein, auf dem Misthaufen Junker Hahn int Vollgefühl seiner Würde . . . dann wieder der in beschaulicher Ruhe auf der TDschwelle ausgestreckt liegetrde Spitzhund . . . das Bildchen ist eine Perle, Herr Witte!"
,',Ein anmutiges Familienbild", meinte auch dieser, das Blatt bem Rat über den Tisch hinreichend. „Ich hielt es mit wenigen Strichen fest, als ich einmal ziellos die Campagne durchstreifte."
„Sieht fast wie so 'ne katholische Madonna aus!" meinte Hansemann, das Blatt wieder zurückreichend.
„Dir hast Recht, Papa, wirklich wie eine Madonna. Das sollten Sie im Bilde festzuhalten suchen", wendete sie sich er- nmnternd an Witte.
Dieser lächelte melancholisch. „Es möchte eine glatte Familienblattillustration werden. . . schließlich wirkt jede glückliche Mutter mit ihrem Kinde auf dem Schoste madonnenhaft. In dieser Hinsicht hat's Rafael leicht gehabt, die Stoffe boten sich ihm von selbst ... und doch beweist gerade diese Skizze in ihrer platten Alltäglichkeit die unzulängliche Steile des von feinem Mnius mühevoll erglommenen Höhenwegs. Da wären wir glücklich wieder bei dem aussichtsarmen Ringen der Mnstlerseele angelangt," wendete er sich mit wehmütigem Lächeln an den Rat. „Der Schmarren hier mag, was die natürliche Wiedergabe an- Dlangt, nicht schlechter gezeichnet sein, als die Rafaelschen Kvmpositionen, da stimmt vielleicht Strich auf Strich — und doch klüftet zwischen beiden die Meisterschaft, eben das Genie. Was zur Anbetung in die Knie niederzwingt! Ich wills nur einräumen, die Skizze da hat mich zur Ausführung bereits mächtig angereizt und ich habe manche Leinwand an sie verschwendet. Doch was wurde daraus? . . . ein nettes, glattes Familienbildchen . . . eben eine glückstrahlende junge Bauersfrau mit ihrem krähenden Säugling . . . doch es barg keinen Hauch von dem Schönheitstraum, der auch in meiner Seele stach Offenbarung schreit."
Witte war immer ernster geworden und als er nun den doll stummer Frage auf ihn gerichteten Mädchenaugen begeg- stete, seufzte er leise und strich sich das wirre Haar auS der Stirn.
„Da 'babett sie unser Martyrium in nuce, den stets löcken- hen Stachel, der uns über die unserem Können gesteckten Grenzet: treibt, der uns das wohlfeile Selbstvergnügen des Dutzendmenschen versagt . . . uns heimatlos und häufig auch elend macht, dem völligen Geistesbankerott in die Wahnsinusarme treibt
. . . denn wer von uns ist begnadet genug, auch nur dest Gewandsaum seiner Göttin erhaschen, geschweige die Hehre selbst als willige Gefährtin meistern zu dürfen ... und doch ist es Seligkeit, Künstler nicht nur nach dem Aushängeschild nach heißen, fondern vor dem unbestechlichen Richterstuhl des eigenen Gewissens auch in Wahrheit sein zu dürfen."
„Ja, es must herrlich sein, fein Selbst an das Höchste setzen zu dürfen!" stimmte das Mädchen begeistert bei. „Mag unser Ideal auch ewig unerreichbar bleiben, schon das stolze Bewußtsein hinauf zu ihm gewollt zu haben, schafft Frieden!" „Kirchhofsfrieden vielleicht!" widersprach Witte unter leisem Kopfschütteln. „Das sind die rechten Jünger nicht, die sich mit dem Gewollthaben begnügen und, an ihres Könnens enger Grenze angelangt, zit KonzessionssHulzen werden, die sich ihr Rieseumast von Pygmäen bescheinigen lassen. Der echte Künstler bleibt auf der Strecke liegen oder ringt sich zum Sieg durch . . . ist überhaupt ein Sieg möglich, denn hinter einem solchen strecken sich wieder neue, unzugänglichere Ziele."
Hausemann war die Gesprächsrichtung offenbar langweilig geworden; er gähnte verstohlen hinter der aufgehobenen Hand; dann griff er mechanisch nach dem auf dem Tisch liegenden Zigarettenbehälter, um sich durch dessen Msichtiguug die Zeit zu kürzen. Dabei berührte seine Hand auch das obenauf liegende Taschentuch. Da nahm er auch schon daran das in einfacher Weiststickerei gefertigte Monogramm wahr. „A. W." las er, um demselben Monogramm, nur ungleich kunstvoller in Silber getrieben, sofort darauf auch den: Zigarettenetui zu Begegnen.
Da stutzte Hansemann unwillkürlich; feiner bemächtigte sich die widerwärtige. Empfindung, die ihn wenige Stunden zuvor erfüllt, als er die beschlagnahmten Taschentücher in feiitem Bureau weggeschlossen hatte. Er hatte so oft und genau genug betrachtet, um ohne weiteres feststellen zu Kimen, dast bei dem Taschentuch des Malers nicht nur dasselbe Seinen verwendet worden war, sondern auch die Ausführung des Monogramms sich völlig deckte, Unwillkürlich nahm er das Tuch auf und beroch es; fast enttäuscht legte er es dann, unbemerkt, wie er glaubte, wieder auf den Tisch zurück. Es war ihm gewesen, als hätte auch dieses Tuch den widerwärtigen Chloroformgeruch ausströmen müssen.
.Wie er aufschaute, begegnete er dem verwundert fragenden Blick seiner Tochter; auch Witte hatte sein Tun bemerkt. „Nein, Parfum gibt es bei'mir nicht", meinte er lächelnd, offenbar twn Beweggrund des anderen mistverstehend.
„Wir fiel nur die schöne Zeichnung der Buchstaben aus", erklärte Hansemann. „Besonders das Monogramm auf dem Etui ist großartig . . . was der Daus!" unterbrach er sich. „Sogar ihre Zigaretten sind moiwgram-ugeschmückt." Er hatte den Behälter geöffnet und die darin befindlichen Papyros gemustert, welche auf der Mundspitze die gothisch geschlungenen Buchstaben „A. W." in erhabener Goldpressung zeigten.
„Eine jetzt modern gewordene Spielerei," erläuterte der Maler. „Sie brauchen bei Kiriatzy an der Friedrichstraste nur wenige Mille bestellen und bekommen sogar den ganzen Namenszug umsonst eingepresti. Ich habe mich, wie Sie sehen, mit den Anfangsbuchstaben begnügt — es verleiht einen gewissen wohlhabenden Anstrich," setzte er ironisch hinzu, eine Sondermarke Zigaretten mit dem 'eigenen Initial . . . wenn das nicht kredit- fördernd wirkt!"
(Fortsetzung folgt.)
Aas Iugeodfpiel in gLfuedf-eitlichsr und erziehlicher Ki-.stHt.
Von Hofrat Prof. H. Raydt.*)
Es liegt auf der Hand, daß der mit dem beginnende« siebenten Lebensjahre für alle unsere Kinder einsetzende Schulunterricht Gefahren für die gesundheitliche Entwickelung mit sich bringt. Das Kind, das bis dahin in ungebundener Glückseligkeit, seinem natürlichen Bewegungstriebe folgend, umhergetollt ist, wird nunmehr vom Staate dazu angehalten, täglich mehrere Stunden in mehr oder minder verdorbener Luft mit erzwungener Ruhe auf der Schulbank zu sitzen, lautlos brav zu sein, und mit zunehmendem Alter in steigendem Maße auch zu Haufe sich mit geistigen Arbeiten zu beschäftigen. Da nun nach den Aussprüchen berühmter Aerzte das Sitzen unter Umständen die ermüdendste Körperhaltung ist (Prof.
*) Ans der vortrefflichen Schrift „Spielnachmittage" (Verlag von B. G. Teubner in Leipzig) des Studiendirektors der Handelshochschule zu Leipzig, die wir alten Erziehern und Eltern zur eifrigen Lektüre dringend empfehlen. D. Red.


