1907
Sams-ag den 19. Oktober
M
^LU!LELi,rL
NNW
A-
Wi r.
p
Auf der kigenen Spur.
Kriminalroman von Otto Boeder- (Nachdruck verboten.) .Fortsetzung.)
Der Rat erhob sich in großer Erregung aus der Sofaeckc. „Donnerwetter. Mädel, da bringst Du mich auf einen Gedanken — hin, hm — —"
Er begann mit großen Schritten das Zimmer zu durch- wandern. „Das wäre eine ganz nütznutzige Schiebung!" luetterte er. „Doch möglich ist sie imnierhin. Der Bursche blieb nach der Urteilsfällung noch auf freiem Fuße. Ain festen 27. Februar verließ er das väterliche Haus, angeblich zum Strafantritt. Die von ihm mitgebrachte Ladung diente den Gcrichts- beamtcn als vollgiltigcr Ausweis. Wer soll auch so'ne blödsinnige Schiebung vermuten?" Er lachte grimmig auf. „Doch darüber wollen wir uns morgen schon todsichere Gewißheit verschaffen! Ich fahre einfach mit dem Revierleutnant, der den juirgen Eilenburg persönlich kennt, nach Plötzensee und lasse mir den Gefangeiieu unter glaubhaftem Vorwand verführen. Dann werden wir ja sehen — hat cs übrigens nicht eben geklingelt?" unterbrach er sich.
„Allerdings Papa, ich will nachsehen."
Hurtig huschte das Mädchen aus dem Zimmer. Gleich darauf hörte der in diesem Zurückgebliebene sie draußen auf dein Korridor sprechen. Hansemann blickte plötzlich ärgerlich darein. „Himmel, der Mann nut dem rasselnden „rs" ... der Farbenkleckser ans Odessa!" brummte er verdrossen. Er warf einen Blick auf die Uhr. „Erst acht vorüber ... na ja, da ist in Berlin noch lange Besuchsstunde!"
„Komme sofort nach, Fräulein Hermine," tönte von draußen ein klangvoller Bariton. „Will nur rasch meine Außenhüllc abstreifen!"
Der Rat empfing die mit verstecktem Lächeln zu ihm Zurück- kchreude mit verkniffenem Auge. „Wirklich und wahrhaftig?" stöhnte er.
„Allemal derjenige welcher," gab die Uebermütige zurück, indem sie au ihn hcrantrat und ihm die Wange tätschelte. „Willst du wohl freundlich blicken, Papachen? Er bleibt übrigens nicht lange, lvie er schon draußen sagte."
Der Rat konnte zu keiner Entgegnung kommen, denn eben öffnete sich die Tür wieder und der Besucher trat ins Zimmer; ein kräftiger, hvchgewachsener, reifer Zwanziger mit einem ausdrucksvollen Antinouskopfe, tveichene indessen der stark entwickelte dunkle Schnurrbart ein modisches Gepräge verlieh.
Der Eintretende befand sich in vollem Gesellschaftsanzug mit Frack und weißer Weste; darüber trug er einen modefarbenen aufgeknöpften Paletot. „Ich kann nicht ablegen, der Unglücksfrack will es nicht erlauben," rief er beim Eintritt lachend. Nun er den Rat gewahrte, eilte er mit ausgestreckter Hand auf diesen zu:
„Schönen guten Abend, Herr Rat," begann er herzlich; er bediente sich bis auf einzelne durch ihre schnarrende Aussprache den Ausländer verratende Laute der deutschen Sprache virtuos.
I „Nur keine Furcht, Herr Rat," heute komme ich Ihnen nicht * wieder mit Italien, sondern bin nur mif einen Sprung da, zu- ! mal ich noch unumgängliche Gesellschaftspflichten heute zu er- j ledigen habe."
Sie tauschten einen Händedruck. „Das geht.wohl alle Abende so in dulci jubilo?" erkundigte sich der Rat, als man sich um den ovalen Schreibtisch niedergelassen hatte. „Ihr Kinder! flattert wie die Schmetterlinge von einem Vergnügen zum andern."
Witte seufzte. „Es steckt nicht viel Vergnügen dahinter," meinte er kopfschüttelnd. „Unsereiner befindet sich in einer Zwangslage. Will man zur Geltung kommen, bedarf man der Protektion, zumal man mit eigenen Ideen aufzuwarten wünscht. W s man bei diesen gesellschaftlichen Abfütterungen von uns beansprucht, geht den Künstler in uns nur wenig an; man will den Handlanger, der es sich zur Ehre rechnet, lebende Bilder und dergleichen zu stellen. Dafür bechmmt man tvarmes Abendbrot und darf nebenbei noch als Pflichttänzer cinspringen, was auch ein Vergnügen eigener Art ist."
„Da würde ich (mir die Geschichte. hübsch verkneifen," brummte Hausemann, mit dem Ausklopfen und Wiederfüllen seiner Pfeife beschäftigt. Als er sie frisch gestopft hatte, lehnte. er sich schmauchend in die Sofaecke zurück. „Ich kann mich freilich nur schwer in so 'ne imgebundene Künstlerseele versetzen. Unsexeiner ist immer in der Tretmühle seiner Beamtenpflicht; da wird jeder Moment ausgenutzt und reichts nicht, müssen auch die Erholungsstunden daran glauben. Freilich, ihr Herren habt's gut. Ihr wartet aus Inspiration und geht einstweilen ins Kaffeehaus . . . kommt sie dann endlich einmal, dann wird ein Stündchen d'rauf losgepinselt!"
Der junge Maler lächelte voll gutmütiger Nachsicht; erkannte längst die kunstverachtende Meinung des Rats. „Arbeiten kann! unsereiner auch, Herr Rat," meinte er. „Werfen Sie z. B. nur einen Blick in diese Skizzenbücher" — er deutet auf die auf dem Tische ausgebreitet liegende» Hefte, in denen Hermine bereits! eifrig blätterte. „Ich darf es ruhig sagen, darin steckt eine Unmasse Fleiß und Mühe — und doch ist diese praktische Betätigung nur eitel Zeitvertreib im Vergleich mit dem ungleich schwierigeren Ringen mit dem spröden, rebellischen Stoff. Doch das läßt schon Lessing seinen Maler Conti besser sagen, als ichs zu tun vermöchte. Bis der schnell schweifenden Phantasie vergängliches Luftgebilde sich zu Farben und Formen verdichtet, um endlich versuchsweise auf der Leinwand gebannt zu erscheinen — unzulänglich, in seiner plumpen Wirklichkeit weit hinter dem Ideal einherhiuleud, darum immer wieder ver-, worfenund von neuem gestaltet, bis endlich ein unbefriedigender Kompromiß zwischen Geschautem und Gestaltungsvermögen geschlossen wird — das setzt eine Summe Kampf und Opferfreudigkeit voraus, für welche dem Laieu wohl jegliches Verständnis abe geht."
„Na, schließlich wird ein Bild daraus; man verkanfts — und das Honorar ist doch wohl die Hauptsache," äußerte der Rat spöttisch. „Doch mein Mineheu blickt Sturm. Lassen Sie sich nicht stören. Ich werfe wohl inzwischen einen Mick in die Zei-


