Ausgabe 
19.8.1907
 
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Dies mag in vielen Fällen der hauptsächlichste Grund sein, warum so mancher Bursche die heimatliche Scholle verläßt und nach der Stadt oder einem Jndustrieorte übersiedelt. Auch nicht immer des höheren Verdienstes wegen, in gar manchen Fällen ist es auch der Trieb nach Genuß, nach geselligerer Unterhaltung, wie sie die Stadt zu bieten imstande ist. Das Dorfleben erscheint vielen zu inhaltslos, ihnen genügen nicht mehr die einfachen, sich fast stets gleichbleibenden Verhältnisse. Tank unserer muster­gültigen Schulorganisation hat der Dorfjunge eine gute Volksschulbildung genossen, liest die Zeitung, obendrein Wohl gar noch ein Unterhaltungsblatt und wünscht sich mehr, als was das Wirtshaus, die Spinnstube und, wenn's hoch kommt, ein Sänger- oder Kriegerfest ihm bieten können. Namentlich macht sich dieser Mangel an gesellschaftlicher Unterhaltung und an geistigem Genuß an den langen Winter­abenden so recht fühlbar.

Was kann nun bei einigermaßen gutem Willen ge­schehen, daß es anders werde? Den Dienstboten muß der Aufenthalt im Hause behaglich gestaltet werden. Gönnt man den Dienstboten in der Wohnstube kein warmes Plätz­chen, so sollte doch für eine geheizte Bodenkammer gesorgt werden, sodaß sie sich während der Feierstunden mit dein Lesen eines nützlichen Buches beschäftigen können. Tie Dorfgemeinde könnte ferner den Dienstboten einen Raum zur Verfügung stellen, der bis 10 Uhr abends geheizt und beleuchtet wird. Ein langer Tisch, eine Bank, mehrere Stühle und ein Schrank, der eine kleine Bibliothek auf­nimmt, genügten zur Ausstattung. Die Aufwendungen da­für würden sich reichlich lohnen. Und toeim sich Pfarrer oder Lehrer die Mühe nicht verdrießen ließen, in diesem Zimmer ab und zu als Vorleser zu erscheinen, dann würde für Herrschaften und Dienstboten der Erfolg nicht aus­bleiben.

Wenn der altrömische Spruch Nihil melius, nihil homine libero dignius quam agricultura zu Deutsch: Nichts Besseres gibt es, nichts was des freien Mannes wür­diger wäre, als die Landwirtschaft wieder Kurs gewinnen soll, dann muß zur Förderung des geistigen Lebens auf dem Lande auch mehr getan werden, als seither geschehen ist.

Dem Landbewohner muß sein Leben reicher ausgestattet und voller gestaltet werden.Der Mensch lebt nicht vom Brot allein", sagt schon die Bibel. Es ist nicht genug, daß die Landleute, ob Bauern oder Taglöhner, sich aus­reichend ernähren oder kleiden; auch für ihren Geist, ihr Gemüt, ihren Schönheitssinn muß etwas getan werden. Vielfach liegen diese Gaben, die in gar manchem Bauer vor­handen sind, brach Niemand entwickelt, befruchtet sie recht. Mit dem Hinweis aus die Versuchungen, die das Stadtleben mit sich bringt, mit der Versicherung, daß die Arbeit in der Stadt wohl höheren Lohn bringt, das Leben aber auch um so viel teurer ist mit solchen Beteuerungen ist die Landflucht nicht einzudämmen. Es gilt, dem Landleben mehr Inhalt zu geben. Nur dies will uns als der rechte Weg erscheinen, der betreten werden muß. In jeder Gemeinde kann ohne große Aufwendung von Geldmitteln ein V e r e i n zur Förderung des geistigen Lebens gegründet werden. Am besten wird er an die bereits bestehenden Ver­eine angegliedert in der Weise, daß die Vorsitzenden der vorhandenen Vereine den Gefamtvorstand des Bildungs­vereins ausmachen. Wo nur ein oder zwei Vereine be­stehen/ da treten dem Vorstände Bürgermeister, Pfarrer, Lehrer, Landwirte, Gewerbetreibende und Arbeiter bei. Wirtssaal, Rathaus, Schulsaal sind überall vorhanden. Was soll nun dort getrieben werden? An einem Abend in der Woche es kann auch der Sonntagabend sein versam­meln sich die Gemeindeglieder Frauen nicht aus­geschlossen in dem Saale. Zunächst kommt ein Vortrag, fürs erste etwa über die Geschichte des Heimatortes. Wo sich keine Ortschronik vorfindet, kann das geeignete Ma­terial ans den vorhandenen Pfarr- und Gemeindeakten zusammengetragen werden. Eine solche Ortsgeschichte bietet des Lehrreichen so viel, daß eine daran sich schließende Dis­kussion mehrere Abende ausfüllen kann. Um die Zuhörer in ihrer Aufmerksamkeit nicht zu ermüden, ist es ratsam, den Vortrag in etwa drei Teile zu gliedern und dazwischen Liedervorträge oder Deklamationen von Gedichten über Hei­mat und Vaterland einzuschalten. Wenn gar noch eine Epi­sode aus dem Vortragsstoff durch ein lebendes Bild dar­gestellt wird, dann wird die ganze Veranstaltung alle Zu­hörer vollauf befriedigen.

Sonst könnten Vorträge gehalten werden über die zu­nächst liegenden Fragen des wirtschaftlichen Lebens, über Begebenheiten der Zeit, über bedeutende Persönlichkeiten^ über staatliche Verhältnisse des In- und Auslandes, über neue Entdeckungen und Erfindungen, über Gesundheits­lehre, die beste Lebens- und Nährweise, Krankenpflege, Wohl­fahrtseinrichtungen, Volkskunde, Kindererziehung rc. Sie müssen dem Fassungsvermögen der Zuhörer angepaßt wer­den, und jeder muß davon etwas mit nach Hause nehmen können. Wer es nicht versteht, in einfacher, verständlicher Form zu reden, der ist für solche Vorträge nicht der geeignete Mann.

Um für solche Abendunterhaltungen die geeigneten Redner zur Verfügung zu haben, hat derRhein-Main-Ver- band für Volksvorlesungen und verwandte Bestrebungen" in feinen alljährlich erscheinenden Jahrbüchern die für solche Zwecke sich bereit erklärenden Damen und Herren namhaft gemacht.

Eine weitere Unterhaltung bilden Vorlesungen aus den mundartlichen Dichtungen und Schriften unserer besten Volksschriftsteller, wie Reuter, Rosegger, Holzamer, Bock, Volk, Schäfer, Schaffnit rc.

Daneben kann schlichte weltliche und Kirchenmusik auf» geführt werden, womöglich mit einheimischen Kräften Ge­sangverein, Kirchenchor, Posaunenchor. Auch ein Dorfpoet dürfte an manchen Orten zu finden sein, der von Vergangen­heit und Gegenwart, von Ernstem und Heiterem zu singen und zu sagen weiß mtb so das Herz der Zuhörer mit Heunat- stolz erfüllt. Ist dieser Stolz erwacht, dann ist auch dre Hingabe zur Heimat erwacht. c '

Mit solchem frischen, fröhlichen Geistes- und Gemntv- leben drängen wir die schlechten Einflüsse zurück, die sich in unserer Zeit breit machen. Es sind dies die verderblichen Einwirkungen schlechter. Schriften, schlechter Musik und schlechter Geselligkeit. Eine sorglich ausgewählte Bibftothca. muß zu jedermauns Verfügung stehen. Tas Volk werd wieder singen und dichten, neue Weisen erfinden, unb jene Schundmusik wird verschwinden, die den guten Volksgesang zum Verstummen bringt.

Wenn einmal auf dem Torfe mit diesen Bildnngsbestre- bunaen der Anfang gemacht ist, dann werden sich auch lercht Männer finden, die in die Fußtapfen der Gründer treten und das begonnene Werk weiter ausbauen. Der Lohn für die Hingabe an eine so wichtige Aufgabe ist zwar nicht klin- qcnbe Münze, wohl aber das Bewußtsein der Erfüllung einer hohen Pflicht gegen Heimat und Vaterland. Mit einer solchen Ausstattung des einsamen Landlebens dürfte auch die Landflucht eingeschränkt werden. '£>

* Das Einzelleben des Fischkopfes. Die Fische stehen am Anfang der Tierklasse, die dem Menschen am nächsten steht, und daher haben die Naturforscher er­wartet, aus dem Studium der Fische wegen ihres ver­gleichsweise einfachen Körperbaues manche Aufklärung zum Verständnis auch des menschlichen Körpers zu erhalten. Insbesondere sind die Verhältnisse des Säftekreismujes bei den Fischen für solche Untersuchungen geeignet, und da die Gelehrten vor Tierversuchen nicht zurückschrecken,, so haben sie auch manchen Fisch aus dem Altar der Wiften- schaft in einer Weise geopfert, die grausam erscheinen würde, wenn sie nicht einem höheren Zweck diente. Bei­spielsweise ist versucht worden, in einem vom übrigen Körper losgelösten Fischkopf das Leben durch eine Art von künstlichem Blutkreislauf zu erhalten, wie er durch Anwen- dung der sog. Locke'scheu Flüssigkeit, die außer den mine­ralischen Blutbestandteilen aus etwas Traubenzucker be­steht, ' bewirkt werden kann. In der Tat ist es nach den Internationalen Archiven für Physiologie gelungen, ourch diesen Kunstgriff die Nerventätigkeit in einem abgejcynit- tenen Fischkopf nicht nur aufrecht zu erhalten, sondern sogar wieder herzustellen, nachdem sie bereits erlojchen aewesen war oder, mit anderen Worten, nachoem der Kopf sein Leben scheinbar bereits eiugebüßt hatte. Vabei ist die Beobachiuiig wichtig, daß die verschiedenen Teile des Gehirns erhebliche Ungleichheiten in ihrer Le­benszähigkeit und in der Möglichkeit, durch künstliche Blut- zufuhr zu einer Tätigkeit wieder erweckt zu werden, auf­weisen. Tie Nervenzentren in der Hirnrinde beider Halb­kugeln des Gehirns verlieren diese Fähigkeit weit schneller