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feilte schwarze ober dunkle, solide Kleider, tragen wie andere ehrbare Frauen, sich nicht aufputzen, nicht mit allerhand Kram behangen. Und jetzt hatte der Georg Hessemer ihn auch gesehen. — Freilich, er tat nicht so — er steckte die Hande in die Taschen und schlenderte weiter. Aber Worringer hatte den einen Blick wohl gesehen, den der andere die Straße hinauswarf- Fort, nur fort jetzt! Was nützte e3 ihm, wenn er wartete oder ihr entgegenging —, sie nach Hans schickte. Er mußte ja weg!, das Schiff kam trauschend näher, schon drängten sich die Menschen an der Brücke zusammen . . . Und wenn er den Hessemer stellte, der lachte ihn aus.
Noch einmal die Fahrt den Rhein hinunter mit all den Hunderten von lustigen, singenden, trinkenden Menschen. Noch einmal das Warten in Caub in dem stillen Gärtchen und dann auf- den einsamen Bahnhof. Tann eine rasche Eisenbahnfahrt aufwärts, die doch dem Mann wie ein Schneckengang erschien. —■ Und dann die lleberfahrt im überfüllten Nachen nach Bingen unter lauter überfröhlichen Kvmpanen, die den letzten nnd allerletzten Pfingstdurst so reichlich gelöscht hatten, daß sie das Ueber- fahrtsschiff versäumten. — Und zwischen ihnen der Mann rnik der sinnenden, tobenden Wut im tiefsten Herzen.
Er kam nun zum drittenmal in den Pfingst- und Kirch- weihtrubel- ■— Freilich, der Budenplatz lag jetzt still und dunkel, aber in den Wirtsgärten mar’S hell und laut. Aber Steuermann Worringer wußte einen stillen Platz, wo er den Durst löschen konnte, der ihn verzehrte. Und es war spät in der Nacht, als er endlich heimging.
Vor seinem Haus, das friedlich und dunkel dalag, stand et einen Augenblick still und warf einen langen Blick nach dem Nebenhaus. Auch da war's dunkel. Tie beiden Hauser waren fast unter einem Dach, das eine genau gebaut wie das andere. Zwei Brüder hatten sich t|a ihre Wohnstätte errichtet vor fünfzig Jahren! — Und heute!
Steuermann Worringer fühlte, daß seine Zähne zusammenschlugen in der Warmen Mainacht. Er schloß die Tür ans. Ein kleines Lämpchen leuchtete matt. Die Tür zur Schlafkammer stand offen. Ach, sie war wieder oben in der Giebelstube mit dem Kind. — Das tat sie jedesmal, wenn er länger ausblieb, seit sie einmal vor ihm geflüchtet war, als er spät aus dem Wirts!- haus heimkam. — Die Türklinke bog sich fast unter seiner zufassenden Faust. — Mit einem schweren Fluch ging er in die Kammer.
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Auch der Pfingstmontag war blau und sonnig. Und wieder flatterten die Wimpel, brauste der grüne Rhein unter den Schaufelrädern der Schiffe, schmetterte Musik und jauchzten frohe Menschen. — Tie laute Lust schäumte fast über.
Greta Worringer stand in ihrer Kammer und putzte sich. Einen ganzen langen Tag hatte sie heute frei, War sie ledig aller Sorgen. Sie dachte nicht viel weiter. Einen Tag wie den andern immer unter dem Druck und Zwang zu sein, da hatte sie sich gewöhnt, jedes Fünkelchen Freude begierig so lange anznfachen, bis ein winziges Freudenfeuerchen daraus aufslammte- Es erlosch freilich stets gar zu bald, aber in ihrem Herzen war doch immer der Funke, aus dem man es leicht wieder anblaseN konnte. Und ohne daß sie sich dessen recht bewußt war, war der Merkstein ihrer guten Stunden doch immer der Georg Hessemer. Es ging ihr wie ihm ; der Wille ihrer Mutter hatte sie auseinandergerissen, und sie Igatten sich darein gefunden- Es War doch nun einmal so. Gar viele ihrer Genossinnen konnten den „Schatz" nicht heiraten, mit dem sie sich in Jugendlust und Jugendliebe verbunden hatten- Dann mußte man sich eben mit dem anderen einrichten, so gut es ging- Greta seufzte, während. sie ihr langes, kohlschwarzes Haar kräuselte- Wenn ihr Mann nur ein bißchen anders gewesen wäre; ihr ein wenig Spaß und harmlose Lebensfreude gegönnt hätte; nun hatte er auch die Verbindungsmauer zwischen den beiden Häusern erhöht, das brachte sie um manche lustige Stunde, die sie da mit Georg Hessemer verschwatzt und vertändelt hatte- Gut nur, daß er heute den ganzen Tag weg War, da sah er nicht, daß sie die Weiße Mullbluse anhatte, die -er nicht leiden mochte- Er hatte sie ihr schon einmal abgerissen, daß es einen argen Winkel bin ein gab; aber sie hatte ihn schön geflickt, man sah es gar nicht mehr- Und all die Herrlichkeiten an den Buden konnte sie nach Herzenslust genießen, und tanzen — tanzen auch, soviel sie mochte- — Ob der Georg schon Weg War? — Sie schob ein Wenig das kleine Gardinchen znr Seite und lugte hinaus- Vor seiner Tür stand eine Bank und ein Tisch — eine Zeitung lag darauf- — Er war noch zu Hans, die alte Vase, die ihm die Wirtschaft führte, kehrte emsig die Straße- —• Der Georg, Wenn sie den nicht hätte! — Jintner, Wenn sie an den Rhein hinunterging. War er da, lustig und voller
Schnacken und Schnurren; immer hatten ihre Gedanken etwas, um das sie sich drehten- Wie würde das nur sein, wenn er einmal heiratete? Sie spurte, wie ihr Herz sich zusammenzog.; Aber sie schlug das gleich wieder in den Wind- — Ach was, betraten! Da War keine, die gut genug für ihn War, keine, die er mochte- Er sagte das auch oft: „Ja, wann ich eine fand wie du, Greta!" —
Sie zog die hellblaue Unterbluse an- Wie die ihr schön stand. Das helle Blau zu ihrer klaren Haut und den großen, braunen Augen- Und nun erstdas Weiß darüber. Wenn sie nur eine schöne Brosche gehabt hätte- Aber da War nur das dicke, schwergoldene Ting, das ihr Mann ihr am Hochzeitstage gegeben, ein Stück, das noch von seiner Mntter flammte- — Das war so recht seine Art- — Nur ja nichts Hübsches, Feines, Neues. —
Plump nnd schwer, wie die schwarzen und braunen Kleider, die er ihr schenkte, und die er am liebsten auch noch so gemacht gesehen hätte wie zu seiner Mntter Zeiten- Gut, daß sie sich das schwarze Kleid hatte umändern lassen- Er hatte es noch nicht gesehen- Sie zog den Rock über. Wie schlank sie in dem faltenlosen, modernen Schnitt war- — Wie ein Mädchen- — Nun noch der Gürtel mit der neuen Schnalle —- sie drehte sich vor dem Spiegel um und um- — Gott, sie War ja auch erst dreiundzwanzig- Ta waren andere noch unverheiratet-
Sonderbar, daß ihr Mann ihr heute nichts verboten, nicht gescholten hatte- — Er hatte nur ein paar Worte hingeworfen, daß er den ganzen Tag fort sein Würbe- Und sie War so voller Jubel darüber gewesen, daß sie gar nicht weiter auf ihn geachtet hatte- — Mochte er doch! Er War am besten aufgehoben auf seinem Schiff- Er War ja wohl zornig, daß sie sich gestern abend auf der Giebelstube eingesperrt hatte- Aber da war er selbst schuld- Seit sie sich damals das einemal vor ihn: gefürchtet hatte, tat sie das jedesmal, wenn er später heimkam- Schon des Kindes halber, das von seinem Poltern wach wurde, nnd dann auch Wegen sich selbst- Sie wollte ihre Ruhe haben. — Sie lachte leichtherzig. .Ter tapsige Bär der, sie strafte ihn für alle seine Rücken-
(Fortsetzung folgt.)
Zur Aördernng des geistige» Lxösus auf dem cLaudk.
Nachdruck verboten.
Tie Klagen nnferer Bauern über Mangel an landwirtschaftlichen Arbeitskräften werden von Jahr zu Jahr lauter. Tie Landwirtschaft empfindet es immer mehr am eigenen Leibe, wohin es führt, wenn sie den abwandernden Nachwuchs ihrer Arbeitskräfte durch unzuverlässige ausländische Wanderarbeiter ersetzen muß, die nicht mit der Scholle verwachsen sind, sondern iin Spätherbst mit ihrem Verdienste wieder in ihre Heimat zurückkehren. Was nützen dem Landwirt gute Ernten und hohe Preise, wenn die Arbeitskräfte fehlen? Dieser Mangel wird immer empfindlicher, wenn nicht Mittel und Wege geschaffen werden, die Landflucht cinzudämmen.
Tie schweren Schäden, welche dieser Zustand mit sich bringt, liegen offen zutage. Es sei darum Ausgabe, wieder einmal der Ursachen der Landflucht zu gedenken.
Woran liegt es wohl, daß der sonst fleißige und brauchbare Knecht bei der Herrschaft auf einmal nicht mehr aushalten tollt, sein Bündel schnürt und auswärts einen anderen Arbeitsverdienst sucht? Arbeit hatte er nicht zu viel, über die Verköstigung nicht zu klagen, mit dem Lohn war er auch zufrieden, aber Eins fehlt ihm im fremden Hause — sein Heim. Er fühlt sich auch nach jahrelangen Diensten fremd im Hause, denn ihm fehlt ein Plätzchen, wo er sich nach getaner Arbeit behaglich ausruhen kann. In der Wohnstube darf er nur während der Mahlzeit weilen, sein Aufenthalt ist der Hof, die Scheune, der Stall. Im Sommer ginge das, nicht so iin Winter. Er hat wohl eine Bodenkammer, die anßer dem Bett wohl noch einen Stuhl und Kasten, aber selten einen Tisch enthält, nie einen Ofen. Wo soll er aber die langen Winterabende oder gar den Sonntag verbringen? Er kann und will nicht frieren, der Drang nach Geselligkeit und Unterhaltung ist auch in ihm vorhanden. Er geht ins Wirtshaus und immer wieder ins Wirtshaus. Hier gibt es Unterhaltung und Gesellschaft, aber das alles kostet Geld und zudem wird gar zu leicht durch den fortgesetzten Wirtshausbesuch, aus ihm ein Gewohnheitstrinker und damit eine minderwertige Arbeitskraft,


