1907
Ar. 133
Montag verr 19. August
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Steuermann Worringer.
Novelle Dtoit Luise Schulze - Brü ck.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Das Schiff fuhr stolz und majestätisch rheinab. Von allen Burgen wehten die Flaggen, von den weißen Hausern bunte Wimpel. Ueberall fröhliches Leben, überall Gesang und Lachen. Die laue Sommerluft fächelte den heißen Kvpf des Mannes, der auf das fröhliche Treiben dicht zu seinen Füßen herabsah. — Mle waren sie lustig, alle glücklich — Und er ballte die Fäuste um das Ruder. — Alle waren sie in seiner Hand. Ein Ruck, eine Drehung, und das Schiff rannte auf einen der Felsen, die hier außerhalb der schmalen Fahrstraße überall aus dem Rheinbett wuchsen. — Ah, das Gläserklingcn und das Jauchzen würden in einem einzigen Augenblick zu Todesschreien werden. Beinah wünschte er, sie zu hören. Nur, daß der eine, um den fcr all die Qual erduldete, daß der vielleicht in dem Augen- blick mit seiner Frau schön tat. —
Tie Wellen rauschten stärker auf, das Schiff machte exakt die nötige Drehung. —Der Steuermann verstand seine Sache. —
Von Station zu Station gings abwärts. Ueberall längerer Aufenthalt. Während sonst auf den Kahnstationen ein Nachen drei, vier Passagiere brachte, fuhren heute überall zwei, auch drei Nachen an. In Bacharach kam ein Gesangverein an Bord (mit sechs großen Kähnen. — Tas gab ein Aufjauchzen und ängstliches Schreien der Damen, die aus den heftig schwankenden Kähnen auf die schmale Schiffstreppe gehoben wurden. ■— Tie Zeit ging hin, schon war die Verspätung nicht mehr ein- Zuholen. Er rechnete" die Züge nach, die rheinaufwärts fuhren., — Ta war keiner, der ihm passend lag. — Er mußte warten, in Caub warten, wie angeschmiedet, eine, zwei lange Stunden, bis das nächste Schiff kam, das ebenfalls Verspätung haben würde. Und wenn er damit nach Bingen zurückkam, dcnrn wars die höchste Zeit für das Extraschiff. — Ah, der Hessemer hatte wohl gewußt, warum er sich den Nachmittag freihielt.
Wieder eine Biegung des Stroms. Da lag Caub, sonnenglänzend und heiter. Aus dem Rhein hob sich stolz und trutzig die Kaiserpfalz, von deren Zinne auch heute ein Flagge wehte. Die Sage ging, daß dort ein Kaiser seine schöne Frau fünf Jahre lang abgeschlossen von Welt und Menschen eifersüchtig verwahrt gehalten habe. — Est MußLe daran denken, während das Schiff vorüberfuhr. —:
Und endlich war er frei. Wie erlöst sprang er auf vom Ruderstuhl. Als er im Kahn saß, der ihn nach dem User brachte, dehnte er die mächtige Brust. Nur die vielen frohen Menschen sticht mehr sehen, nicht mehr das Lachen hören. Im Gärtchen des kleinen Wirtshauses war's still und kühl. — Und der Wein, her vor ihm im großen Glas stand, war gut. Durstig stürzte 'er ihn hinunter. Die behäbige Wirtin brachte ihm Essen: Fest- braten und Süßigkeiten. Er aß hastig alles herunter. — Er spürte, daß er Hunger hatte, und daß er satt wurde. — Sonst Nichts. —
Dann sah er plötzlich einen der Cauber Steuerleute Vor
beigehen nach dem Rhein zu. —i Mit dem Oclrvck, reisefertige — Er rief ihn an. —
Freilich, ein Extraschiff kam gleich, von Koblenz herauf nach Bingen. — Um fünf Uhr würde es oben {ein. Ach, wie es ihm einen Ruck gab. Um fünf Uhr. Ta hatte er noch Zeit, nach der Kerb zu sehen, nach seiner Frau, nach dem Hessemer. — Und ohne Besinnen holte er hastig seine Sachen und fuhr mit. Auf der langen Fahrt aufwärts, während er im Stübchen des Kapitäns saß, ihm nur keinen Menschen zu sehen, kam ihm die Ueber- legung. Nein es hatte gar keinen Ztveck, heute um fünf Uhr den beiden nachzuspüren, am Hellen Tag noch, erst beim Beginn der Lust. Sie würde mit dein Kind und der: anderen Frauen ganz harmlos bei den Buden sein oder auf einer Bank am Rheinufer. Und sie wußte ja, daß er jeden Augenblick zurückwmmen konnte. — Aber »norgen — morgen am Pfingstmontag, da würde er ihr sagen, daß er erst mit dem letzten Zuge Heimkommen könne. — Und da wollte er sie belauschen, im Dunkel, außerhalb der blendenden Lichthelle bei den Buden, oder am Rheinufer oder im Tanzsaal. Finden würde er sie, ungesehen selbst sehen. — Und dann. . . Er tvußte noch nicht, was dann geschah. Er wollte auch gar nicht daran denken, durfte nicht. Er fühlte, wie alles in ihm flammte und kochte. Und er mußte einen klaren Kopf behalten für seine zweite Fahrt. —
Als er in Bingen an Land ging, war der Trubel noch lauter. — Tie Schiffe brächten Hunderte von Pfingstausslüglern, vom Bahnhof her strömten ganze Scharen, Vereine, lärmende Männer, junge Mädchen in weißen Kleidern. Bon Rüdesheim herüber kamen Kähne mit Singenden, Jubelnden, die ihre Hüte auf dem Niederwald mit .Eichenkränzen geschmückt hatten. —- Unten am Budenplatz hatten sich all die Herrlichkeiten aufgetan, vom Karussell tönte die Musik einer großen Orgel, zuweilen durch Trempeten- geschmetter verstärkt, in den Schießbuden knallte es, und am Glücksrad schrie ein Ausrufer unermüdlich mit heiserer Stimme die Nummern aus.
Steuermann Worringer ging am Ufer auf und ab zwischen den Hin- und Herwvgenden. Rastlos suchten seine scharfen Augen. Aber er sah seine Frau mit dem Kind nicht. Es war tvohl noch zu früh. Sie trank noch Kaffee bei ihrer Mutter. Ob er einmal hinging?
Der Georg Hessemer schlenderte am Karussell umher wie einer, der lauf etwas wartet, etwas sucht. Warum war er nicht mit den jungen Mädchen, die da zu zweien und zu dreien aneinander gedrängt, geputzt und vergnügt im Trubel mittrieben, immer zwei, drei junge Männer neben sich? Was hatte er zu warten, zu suchen?
Er spürte wieder, wie ihm die Zunge trocken im Munde wurde, und s ah die rote Flamme vor den Augen. Und dann hörte er das grelle, laute Bimmeln der Schiffsglocke, all den Lärm übertönend, und sah ganz oben bei Rüdesheim das große, gelbe Schiff, das sich von 'der Landebrücke ablöste und auf Bingen zu hielt. Er mußte eilen, um an Bord zu kommen. — Uni da, da kam seine Frau oben in der engen Straße, das Kind an der Hand. Ihre hellblaue Bluse leuchtete.. Er konnte diese farbige» Fetzen nicht leiden, sie waren ihm auf den Tod zuwider. Sie


