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besucht ihn unter dieser Zeit, um ihi^ lSpeise zu bringen. Kehrt er endlich zurück, so gebärdet er sich, lange bevor er im Festhause angekommen ist, so wild und menschenfresserisch, daß in alten Zeiten Leben und Spiel ununterscheidbar ineinanderflossen. Sobald er den Wald verlassen hat, stürzt er sich nämlich auf jeden, den seine Hände erreichen können, und beißt ihn in Arm und Brust. Ehemals war dies durchaus nicht Spiel und Sinnbild, sondern er riß wirkliche Stücke Fleisch aus und verschlang sie. Die Heliga, das sind die Heilenden, die Diener der Hamatsa, gingen ihm deshalb entgegen, umdrängten ihn, um ihn von solchen Anfällen zurückzuhalten, indem sie ihren beruhigenden Ruf hörp, hörp ausstießen.
Heute ist alle diese Wildheit verschwunden und von ihr nur ein Sinnbild übrig geblieben. Der Hamatsa ritzt die Haut des Ergriffenen nur so weit mit den Zähnen, bis etwas weniges Blut vorrinnt, und schneidet daun heimlich mit einem kleinen scharfen Messer ein Streiflein Haut ab. Doch auch ihn verschluckt er nicht, sondern gibt ihn nach der Weihe dem nur zum Schein Beschädigten zurück, damit er sicher sei, daß kein übler Zauber geschehe mit dem Stücklein. Immerhin ist ein zweiter Brauch lebendig geblieben, der für unser Gefühl noch furchtbar genug ist, und den zu verstehen man sich doch wird bemühen müssen. Die Heilenden nämlich machen zuweilen einen Leichnam ausfindig, der in den Baumsärgen schnell verdorrt ist; sie entfernen von ihm alles Fleisch, bis fast nur die Haut noch übrig bleibt, und bringen ihn dann in die Nähe der Hütte des Neulings. Der lädt dann vier Tage vor seiner Weihe die alten Hamatsa, zeigt ihnen den Leichnam, den er inzwischen geräuchert hat, und sagt ihnen: dies ist der Mundvorrat, den mir Chsiwae auf die Wanderung gegeben hat. Er ersucht jeden, ihm das Stück zu bezeichnen, das er für sich wünsche. Und so werden schon im voraus-die Anteile abgezirkelt, die jedem Teilnehmer an der furchtbaren Mahlzeit zugedacht sind.
(Schluß folgt.)
Vermischtss«
* Was bedeutet das Wort „Braut"? Hebet' das Wort Braut und dessen eigentliche Bedeutung hat unlängst Provisor Wilhelm Bvaune in Heidelberg in den „Beiträgen zur Geschichte der deutschen Sprache unb Literatur" eine interessante Untersuchung veröffentlicht. Nach unserem gegenwärtigen Sprachgebrauch bezeichnet dies Wort bekanntlich das Verlobte Mädchen von der ersten bindenden Zusage bis zur gültigen Eheschließung vor dem Standesamt und in der Kirche. Diese Bedeutung hat das Wort „Braut" indessen nur in unserer hochdeutschen Sprache, während das entsprechende Wort in den übt een germanischen Sprachen wie auch noch manche unserer heutigen Anwendungen — so Brautkammer, Brautnacht, Brautbett — auf eine ältere Bedeutung Hinweisen, die das Wort als die eigentliche Bezeichnung für die Neuvermählte runge Frau vom Tage der Hochzeit ün, diese inbegriffen, erscheinen läßt. Sv hat z. B. heute! noch im Englischen das Wort „bride" nicht die Bedeutung einer Verlobten schlechtweg, sondern lediglich die der Brant am Hochzeitstag und der jungvermählten Frau; Gladstone erregte daher einmal im Parlament allgemeines Entsetzen, als er auf eine verlobte Prinzessin das Wort „bride" im deutschen Sinn anwandte und mnßte es in „bride elect", „erwählte Braut", verbessern. Aber auch im Deutschen ist die heutige Anwendung keineswegs ursprünglich oder sehr alt. Im Althochdeutschen und teilweise auch noch im Mittelhochdeutschen bedeutete das entsprechende Wort „brüt" zunächst ebenfalls die Neuvermählte, woraus sich dann gelegentlich die Bedeutung der Ehegattin überhaupt ergab; ein Nachklang dieser Bedeutung ist es z. B. auch heute noch, wenn in der kirchlichen Sprache die Kirche die „Braut Christi", oder eine junge Nonne „des Himmels Braut" genannt wird. Dabei ist durchaus an die vollzogene Vermählung zu denken, wie dies z. B. deutlich in den Versen aus Schillers „Ritter Toggenburg" zum Ausdruck gelangt: „die Ihr suchet trägt die Schleier, ist des Himmels Braut; gestern war des Tages Feier, der sie Gott getraut." Allerdings finden sich auch schon im Mittelhochdeutschen gelegentlich Anwendungen des Wortes „Braut" rm heutigen Sinn; allgemein geworden ist dieser Sprachgebrauch aber erst durch Luthers Bibelübersetzung, in dessen ostmitteldeutscher Heimat das Wort dann als wohl schon ganz zur heu- trgen Bedeutung durchgedrungen war. Das alt- und mittelhochdeutsche Wort „brüt" ist, teilweise in anderer Bedeutung, in vrele europäische Sprachen übergegangen, so ins Spätlateinische und Spätgriechische, wie auch in mehrere romanische Sprachen, so besonders ms Französische; es hat aber auch interessante Be- zrehungen zn den älteren Sprachen des indogermanischen Völker
kreises aufzuweisen, von denen nach Pros. Braune eine einen deutlichen Hinweis aus die ursprünglichste Bedeutung des Wortes enthält. In der italienischen Landschaft Latium ist eine Göttin als „Frutis" oder „Venus Frutis" verehrt worden, die allem Anschein nach ursprünglich als Göttin der Neuvermählten Verehrung genoß und in einer der Quellen, die von ihr berichten, schlechtweg mit der „mütterlichen Venus" gleichgefetzt wird. Da nun das anlautende F dies Wortes „Frutis" nach bekannter Lautregel genau dem B des germanischen Wortes „brüt" entspricht, so liegt es wohl nahe, mit Professor Braune einen engen Zusammenhang zwischen beiden Wörtern anzunehmen; und da außerdem das Wort „Frutis" aller Wahrscheinlichkeit nach mit dem Wortstamm zusammenhängt, der „Fruchtbarst" bedeutet, so geht man wohl nicht fehl, wenn man als letzte Bedeutung dieses Mortes, und demgemäß auch unseres deutschen Wortes „Braut", die nach dem Gesagten leichtverständliche Bedeutung „werdende Mutter" annimmt.
* Di e Deutsche A lpenzei tung ist seit langem das sühreude Organ ans dem Gebiete der ästhetischen Landschafts- betrachtung und hat als solches schon außerordentlich viel zur Vertiefung tinseres Naülrempfiudens, zur Umgestaltung unseres Wanderns imb Reisens beigetragen, ein Verdienst, das gerade in unseren Zeitläuscn hoch angeschlagen werden muß. Heute ist die Deutsche Alpenzeitllng ihrem Untertitel gemäß ivirklich eine „Allgemeine Rundschau über Land und See", denn aus allen Teilen der Erde werden nnS die intimsten Landschaften der Gebirgs- sowohl wie der Küstenländer gezeigt. In dem 2, Juniheft (Heft 6) finden wir z. B. den Monte Rosa im Winter, den Vesciv, int 1. Juliheft (Heft 7) die Belgische Küste, den Vergerturm in den Dolomiten, das Alpbachtal in Nordlirol, den Harz und so viel anderes, daß wir sehr viel Raunt nötig hätten, wollteit wir alle die wichtigen Beiträge einzeln aufsühren. Die künstlerische Ausstattung der Hefte gibt nach wie vor immer Anlaß zu uneingeschränkter Anerkennung. Deshalb tvollen wir inneren Lesern mich heule tvieder empsehlen, sich bei dem Verlage (Gustav Lammers in München — für Oesterreich-Ungarn M. Perle?, Wien) die Zeitschrift zum Abonneinent zu bestelle»..
— Die etikettierte Hö lleutialklamm. Der Kunst- wiart schreibt: Ter deutsche und österreichische Mpenverein hat die großartig wilde Höllentalklamm bei Parteukirchen mit ihrem! Heberreichtum (an Wasserstrudeln und Stürzen mittels Tuuueb fprengungen und Bohrungen durch die Felswände zugänglich gettmcht. Aber nicht genug damit, er hat dem „Siege des Geistes über die Natur" dadurch zu einem noch größeren Triumphs verhalfen, daß er alles Sehenswürdige oder auch: alles schlechtweg Benennbare in der gewaltigen Wildnis mit Etiketten auf sauberen Holztäfelchen versah. Vor und hinter jedem Tunnel, deren es über ein Dutzend gibt, prangen die Plakate „Tunnel I, II, III" uff., sauf daß jeder, der von vorn oder von rückwärts durch die Stamm sich bewegt, allezeit wisse, durch welche „Nummer" der Felseuöde er wandelt. Ja noch mehr, dte etn- zelnen Wasserstürze werden registriert, „obere Felsenkammer , „untere Felfenkammer" lesen wirs an den Wänden wie in einem Museum, „Hnterstand" heißts unter dem über hängenden Gestein, „Bogenbrücke" versichert die Tafel vor dem gewölbten Steg, und da, wo aus steiler Höhe der mächtigste Wasserfall zerstäubend von Wand zu Wand sprüht, auch davor klebt die unvermeidliche Tafel mit einem Pfeile dazu: „Großer Wasserfall". Nun müssens die Bliudeit selber sehen, sollte man meinen! Hat es nickt etwas Beruhigendes inmitten der Schrecknisse der wilden Natur, diesen Geist mitteilsamer Ordnungsliebe zu gewahren, der einen unter den „Elementen" noch an Käfer- und Gchmetter- liugssammlungen erinnert und einen jeden braven Bürger, den ungebärdige Toren Philister heißen, freundlich beruhigt:, „$>ier bist du trotz allen Höllentales doch immer inner den deinen ? Im Ernst: mußte der Alpenverein sein großes Verdienst um die Erschließung solcher Schönheiten mit dem Geiste dieser Nüchternheit beflecken, der in lächerlicher und aufdringlicher Weise zu „belehren" sucht, wo die Natur predigt?
Charnde.
(Ein Kochrezept.)
Nimm einen Ruf des Bedauerns
Sitni Dutzend mal hintereinander, üg' einen Tischkasten zn: —
Ei, welch' ein schmackhaft Getränk! W.
Auflösimg in nächster Nummer.
Auflösung des Kreuzrätsels in voriger Nummer: EBP e a e Irr
H elgo land B arometer Perl e b e r g a t e n e r d r g
Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch-- und Stetndruckeret, R. Lange, Gießen.


