1907
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Jucken unter der Asche-
Roman von M. Proßnitz (M. Nöreuberg). Unbefugter Nachdruck wird gerichtlich verfolgt.
1. Kapitel.
Mit der ihr eigenen ruhigen Freundlichkeit trat Tjäginar von Rolfsen an den herzoglichen Wagen, dessen Schlag der Lakai dienstbeflissen öffnete.
„Ich möchte noch eine halbe Stunde spazieren fahren, Tett- mann!"
„Sehr Wohl, Baroneß!"
Sorgfältig legte der alte grauhaarige Diener die Decke über, während die Hofdame nochnmls nach oben winkte. Dort stand Frau von Borgwardt, die Gattin des herzoglichen Adjutanten am Fenster, ihr blondes Elslein auf dem' Arm, und sah der davon- fahrenden Freundin nach. . ! -
Es war ein liebliches Bild, die zierliche junge Frau mit ihren Leiden hübschen Kindern, denn wie gewöhnlich stand Harro, der dreijährige Stamimhlalter, neben der Mutter auf einem Stuhl und driickte sich das Näschen schier platt an der Fensterscheibe, u'mi die braunen Hottepferde von Tante Dagmar ordentlich zu begucken! L1'
Noch ein letztes fröhliches Nicken und Grüßen — fort rollte öer Wagen! — ।
Dagmar lehnte sich tiefer in die weichen Polster des offenen Landauers, während ihre Gedanken bei der Freundin weilten. Ein Zug von Sehnsucht glitt über ihr schönes, kluges Gesicht als sie des trauten Familienlebens gedachte, welches sich dort, ihren Blicken geboten hatte. Wie gut die Gatten einander verstanden! Und dann die beiden reizenden Kinder! — Ein leiser Seufzer stahl sich über Dagm'ars Lippen. Es war doch etwas- Großes und Schönes, um so ein echtes, warmes Familienglück! Nur daß es nicht jedem beschieden war. —
Ah bah! Fort mit den sonderbar weichen Gedanken! Energisch richtete die Sinnende sich empor. Grade zur rechten Zeit, um den Gruß einer ganzen Reiterschar zu erwidern, welche unter lustigem Lachen und Sprechen die Jägerallee herunter- getrabt kant. Mit aufmerksamem Blick überflog Dagmar die Offiziere. Rittmeister von Sprenger und Oberleutnant von Hagclitz verneigten sich mit jener leichten Vertraulichkeit, wie sie bei langjährigem gutot Kvnnen ganz natürlich ist. Ober- leutnant von Duckwitz und Rittmeister von Aschoff grüßten offenbar den herzoglichen Wagen, ohne die Insassin zu erkennen, während der flotte, lustige Hans von Schmieden höchst fidel Mit der Hand winkte, indem er übermütig rief: „Welch Glück, Baroneß!"
Unwillkürlich lachte Dagmar leise auf. Dieser Schlingel! Ob er sich wohl je im Leben so benehmen würde, wie es der sogenannte gute Ton verlangte? Ach das konnte von dem anch Nur jemand erwarten, der ihn weniger gut kannte als Dagmar! Aber wer war der andere Offizier, der neben Schmieden ritt? Er kam ihr eigentümlich bekannt vor. Wer nwchte es sein? Wenn man wie sie acht Jahre in derselben Stadt als Hofdame lebte, lännte tnian doch jeden Offizier der Leibulanen! Sie
hatte doch so scharfe Augen! Sonderbar, wer mischte das ge> wesen sein?
Ohne daß Dagmar es bemerkt hatte, befand sie sich schon' auf dem Weg nach beut Schloß. Sie zog die Uhr aus dem Gürtel. Wahrhafttg schon fünf! Da war es auch die höchste Zeit heimzukehreu. Freilich begann der Hvfball erst um acht Uhr, das Gefolge versammelte sich jedoch, auch wenn man wie Dagmar heute nicht Dienst tat, schon eine halbe Stunde vor, her in den Räuinen der Herzvgnt-Witwe. Wlzuviel würde alsv i nicht mehr aus ihrem geliebten Dämmerstündchen werden. ' ! und wie gern sie so still mtb versonnen am Kamin saß und träumend in die rote Glut starrte! . . .
Eilig stieg sie die Treppe zu ihrer Wohnung empor, wo die Jungfer ihr gewandt die Sachen abnahm.
„Es fehlen nur noch die Kerlenschnüre, Baroneß, alles andere legte ich schon heraus."
„Es ist gut, Anna, ich werde sie holen. In einer Stunde' will ich umgekleidet werden."
Geräuschlos schloß die Jungfer die Tür.
Langsam wandte sich Dagmar dem Spiegel $it Ernst und prüfend betrachtete sie sich. Also das war im Lause der Jährd ans der schönen Dagmar, dem Stern der Mattstedter Geselligkeit geworden! Wo war der srohe glückstrahlende Ausdruck der Augen, das heitere Lächeln geblieben? Ja, die Gestalt war grade so schlank itttb ebenmäßig, die Haltung rwch ebenso leicht, und graziös wie damals, zu jener unvergeßlich schönen Zeit, da das junge und liebliche Töchterchen des Regiments-Kommandeurs der erklärte Liebling aller verheirateten und unverhei--! rateten Husaren gewesen war — damals, wo alle einstimmig! die anmutige Bescheidenheit der reizenden „Dagmar" zugestauden l,
Ms könne sie den Faden ihrer Gedanken abschtveiden, fuhr sie mit der Hand durch die Lust — vorüber! —
Vorüber! — Leicht gesagt zu den Erinnerungen — schwer! ausgeführt in Wirklichkeit. Dia kmn'en die kleinen Geister der Beris gangenheit und fingen an zu wispern und zu flüstern, wahrend Dagmar mit raschen Schritten am ihren Schreibtisch ging, um die zierliche kleine Truhe zu öfflten, die ihre größten Kdstbach, leiten — zwei Briefe — jeder von einer andern Hand hech rührend — und eine alte herrliche Perlenschnur enthielt. Mit lautem Knack sprang das Kunstschloß endlich auf. Wahrhaftig cs hatte sie Mühe gekostet, die sonderbare Mechanik spielen! zu lassen.
Dagmar lächelte trübe. Wer ihr das früher gesagt hätte, daß sie so selten die Truhe öffnen würde, daß der dazu nötigt Kunstgriff ihr fast aus dem'Gedächtnis kam. — Ach, wenn doch lieber die Erinnerung an den Geber ihr entfallen wäre! dlber init greifbarer Deutlichkeit steht der Leutnant von Uchdorf vor ihren geistigen Blicken. Sie sieht wieder den kleinen kurzgc- halten en Schnurrbart tiber den weißen Zähnen — fühlt di«! heißen Blicke seiner braunen Augen, die so klar und deutlich sagen: „Dich lieb ich, nur dich allein — du mein alles, nteine Dagmar!"
Hah! wie die Farbe seiner Augen wechselt! Jede Seelen, regung laßt sie anders — bald Heller, bald dunkler ausfeheir, immer aber erscheinen sie ihr gleich schön! -5


