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In ihrem Ohr aber Aingtz es seltsamerweise noch immer: „Nun, armes Herze, sei nicht bang. Nun muß sich alles, alles wenden."
Vermischtes.
• Eine Kaiserin im Kloster. Englische Blätter bringen die Mär, die abessinische Kaiserin Taitu sei auf ihre alten Tage — wie dies bei früher lebenslustigen Damen öfter geschieht — bigott geworden und wolle ins Kloster. Ob dies wahr ist, wisien wir nicht; jedenfalls erzählt uns ein Kenner Abessiniens in der „Gazzetla del Popolo", daß ihre Majestät ..... nicht zum erstenmal den Schleier nimmt. Ihr Leben ist in der Tat wie ein Roman, frei nach Boccaccio. Am Hofe des berüchtigten Wüterichs Theodoros, wo Prinzessin Taitu ihre Kindheit und Jugend verbringen muß, heiratet die dercinstige Kaiserin den mit Theodoros nahe verwandten General Voide Gabriel, aber der Negus unterbricht die Flitterwochen in etwas ungewöhnlicher Weise, indem er Taitu für sich selbst in Beschlag nimmt und sie bald mit Liebenswürdigkeit, bald mit der Grausamkeit des Sklavenhalters behandelt. Nach Theodoros Tode frei, heiratet sie den General Takle Georgis, von dem sie zu einem anderen Würdenträger Dschanteri Udie überschwenkt. — Leider passiert der jungen Gattin dos Malheur, daß der neue Negus, Johannes, ihren momentanen Ehemann verhaften läßt, worauf Taitu — zum ersten Male — ihren Schmerz in den Klostcrmauern von Debra Neri begräbt. Lange hält es diese an höchst moderne europäische Vorbilde erinnernde abessinische Prinzeß im Schleier nicht aus — sie geht nach Schoa und heiratet dort den größten Elegant des Landes, einen General mit dem unaussprechlichen Namen Zeccaragadschu, der bei Menelik, dein damaligen König von Schoa, großen Einfluß besitzt, denn seine schöne Schivester Befanü ist Meneliks Maitresse. Aber, o weh — es geht der armen Taitu wie gewöhnlich. Zeccaragadschu prügelt sie durch, bis sie ihm durchgeht, und zwar ... zu Menelik, den Taitu scheinheilig um Auskunft über ihren in Meneliks Diensten stehenden Bruder Ras Olie bittet. Natürlich ist der alte Ton Juan Dienelik sofort Feuer und Flamme, und das Ende vom Liede ist, daß Menelik Taitu zu seiner rechtmäßigen Gemahlin macht. Dies geschieht im April 1883, in Taitus 33. Lebensjahre. Seither sitzt Taitu an des Negus Seite als kluge und noch immer stattliche Kaiserin, die ihrem Gatten sogar bis auf das Schlachtfeld von Adria folgte und bereit war, sich den Tod zu geben, wenn das Glück dem Feinde gelächelt hätte.
* D i e moharnmedanische Welt von herrte. Die im April vorigen Jahres in Kairo tagende Konferenz der an der Mohammedanermisiion interessierten Gesellschaften hat, wie der soeben erschienene Bericht ergibt, auch versucht, durü> Schätzung den Umfang der Herrschaft des Islam in der Welt sestzustellen. Danach gibt cs in Ländern, die unter christlicher Herrschaft stehen, 161 Millionen Mohammedaner. Von diesen komnien auf britisches Gebiet 81,6 Mill., auf französisches 29,3, auf niederländisches 29,8, auf russisches 15,9 Millionen, auf die übrigen christlichen Mächte 5 Mill. Unter nichtchristlicher Herrschaft stehen weiter 34 Millionen und unter mohammedanischer Herrschaft 38 Millionen. Nach Erdteilen fallen aus Europa 5, auf Afrika 59 und auf Asien 169 Millionen Mohamniedaner. Nach Dr. Warnecks Urteil sind diese Zahlen durchschnittlich etwas zu hoch gegriffen. Die Gesamtzahl der Mohammedaner dürfte nur 210—220 Millionen betragen, nicht, wie die Konferenz in Kairo annahm, nahezu 233 Millionen.
♦ Nichts bleibt vom Wandel der Zeiten verschont. So scheint auch das Ende der Gondel in Venedig gekonimen zu sein. In der „Voss. Ztg." liest man darüber: Die Gondel ist Venedigs Symbol gewesen durch die Jahrhunderte des Ruhmes hin bis in die Zeiten des Verfalls, und die wunderliche Form ihrer langschnäbeligen Schlankheit gehört für uns notwendig zu dem Bilde der La
gunenstadt. Nachdem sie tm 15. Jahrhundert auf einen Befehl des Dogen hin ihre schwarze düstere Gestalt erhalten hatte, brachte sie einen melancholischen Unterton in die heitere Pracht der Feste; sie läßt das Venedig der Verschwörungen und geheimen Morde in der Erinnerung anklingen, und als letztes Symbol der einstigen majestätisch ernsten Würde zieht sie ihre schattenhafte Spur in den silbrig schimmernden Mastern dahin. Doch nun verdrängen die Motorboote den Gebrauch der Gondel, und die reichen Venezianer legen sich lieber ein Benzin- oder Petroleumboot zu, das sie viel schneller zum Ziele bringt als das altertümliche Schiff ihrer Vorfahren. Für die Gondolieri, die einst des Tasto Stanzen sangen, ist eine schwere Zeit angebrochen, und bald werden nur noch wenige von ihnen übrig sein, um dem poetisch schwärmenden Fremdling eine historische Sensation zu bereiten, während prustend, zischend und pfeifend die Motorboote zwischen den ruhig niederblickenden Palästen und Kirchen hin- und hersausen.
* Rückgang des Bauerntums. Nach der eidgenössischen Volkszählung von 1906, die die Bevölkerung nach dem Berufe darstellt, ist ein steter Rückgang der bäuerlichen Bevölkerung in der Schweiz zu konstatieren. Während 1870 noch von je 100 Personen 45 der Landwirtschaft angehörten, waren es 1880 nur noch 41, 1888 nur noch 40 und 1900 gar nur noch 33 (Argon 1900: 40, 1888: 46), Einzig bei Jnnerrhoden zeigt sich eine Zunahme des landwirtschaftlichen Anteils der Bevölkerung.
"Lako n ischer Bureau traten st il. Jin Dezember vorigen Jahres mußte der Vorstand eines bayerischen Amtsgerichts, wie die „M. N. N." berichten, ein Inventarverzeichnis zur Nachprüfung an die Negierungsfinanzkammer einsenden. Zufällig ergab eS sich, daß ein Paket Nägel, daS im Laufe des JahreS seiner Bestimmung gemäß verwendet worden war, in diesem Verzeichnis weggelassen wurde. Nach Ablauf der üblichen nicht allzu knappen Frist kam das schneidige Monitum: „Betreff: Inventar. Es ist umgehend anher zu berichten, wo die Nägel sind. £., k. Regierungsrat.* Der biedere Oberamtsrichter, der kein Freund vieler Worte war, schickte die Entschließung gegen seine Gewohnheit mit der nächsten Post zurück rmd begab sich befriedigt an seinen Stammtisch im Kasino. Sein Bericht lautete: „Kurzer Hand zurück. Sie sind vernagelt. P., k. Oberamtsrichter," Was für ein Gesicht der Herr RegierungSrat machte, als er diese lakonische Antwort las, darüber findet sich in den Akten kein Vermerk. Die Chronik berichtet aber, daß jener Oberamtsrichter wegen des Inventars nie mehr em Monitum erhielt.
» Das Gesinde. Dame: O, ich rufe bei uns zu Hause nie nach den Dienstboten; ich klingle immer. — Herr: Gibt es denn da nicht sehr viel Mißverständnisse? Dame: O nein, gar nicht, einmal gilt für die Zofe; zweimal für die Köchin; dreimal für den Diener; viermal für meinen Mann,
Bilderrätsel.
(Nachdruck verboten.)
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer r Hummer, Rümmer.
Redaknon: Ern st Hetz. — Row.nonsdruck und Verlag der B rü hl'fchen Universrläts-Buch- und Siemdruckeret. St, Sanae, Gtetze»


