Ausgabe 
19.4.1907
 
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Wie sie so weit entfernt ist, daß W Gekreisch der Aühndors- Kinder nur noch gedämpft zu ihr hinüberklingt, schilt sie sich freilich töricht wegen solcher Schwäche. Und sie geht wieder lang­samer, um in vollen Zügen die milde, balsamische Lust einzuatmen, die jCtiuä den Tannenwäldern an den Berglehnen herniederweht. Das ist die Lust, die auch ihrein Rudolf Genesung bringen wird, wie sie hier schon Hunderten Geneftmg gebracht hat. Ihre Seele ist voll Dankbarkeit gegen die große allgütige Heilkünstlerin Natur, und sonnige Zukunftsbilder erfüllen ihre Phantasie.

Noch hat sie das Glück nicht kennen gelernt, und kaum einer ihrer Mädchenträume ist Wirklichkeit geworden. Der schlanke, übcrzarte Gelehrte mit dem seinen, durchgeistigten, aber,, ach, so bleichen Gesicht war wohl schon nicht mehr ganz gesund gewesen, als sie ihm in der Blüte ihrer achtzehn Jahre zum Altar folgte. Und ihre Flitterwvcheir waren schrecklich unterbrochen worden durch den Blutsturz, mit dem seine schwere Krankheit begann. Seitdem hat sie ihre ehelichen Pflichten nur twch als treue Pflegerin erfüllt. Und ihre Glückstage sind die Tage gewesen, an denen ein schwacher Hoffnungsschimmer die graue Rächt der Trübsal zu erhellen schien.

Nun ist wieder so ein Glückstag gekommen, und diesmal diesmal kann die Hoffnung unmöglich trügen. Unablässig klingt es ihr wie eine wmrdersame Verheißung im Ohr, was fte in ihrer Mädchenzeit so ost gesungen:

Nun, armes Herze, sei nicht bang, Nun muh sich alles, alles wenden."

Und sie hätte beinahe laut anfgejnbelt, als sie plötzlich hart am Wege an einer schneefreien Steile ein kleines weißes Bium­lein gewahrt ein Schneeglöckchen den ersten wirklichen Verkünder des erlösenden Frühlings. Natürlich hat sie sm, auch schon gebückt, es zu pflücken. Aber an dem einen ist ihr's nicht genug. Einen ganzen Strauß der lieblichen Lenzkuider will sie Rudolf mitbringen, damit sie auch ihni die beglückende Botschaft zuläuten:

Nun muß sich alles, alles wenden.

Und Mit dem Eifer eines Kindes beginnt sie zu suchen. Es ist nicht leicht, auch nur ein bescheidenes Sträußchen zu­sammenzubringen, denn es sind ivohl lediglich die allervorwitzigsten unter diesen unscheinbaren und doch so anmutigen Kindern Floras, die schon jetzt ihre Köpfchen 311 erheben wagen. Die junge Fran klettert zwischen den Steinen umher und ihre Fütze sind langst vom Schneewasser durchnäßt. Aber ihre Mühe wird doch immer lvieder belohnt. Just, wenn sie schon alle Hoffnung ausgeben will, findet sie noch eines und immer noch eins. Das Bundelchen weißer Bluten in ihrer Hand ist nach und nach wirklich zum Strauß geworden. Und jetzt fällt ihr a>ich ein, daß es doch wohl Zeit geworden sei, umzukehren. ,

Sie sieht auf die Uhr und erschrickt. Volle anderthalb Stunden schon ist sie fort. Und sie weiß, wie peinlich esRudolf ist, wenn er sie beim Erwachen nicht in seiner Nahe findet. Mit beflügelten Schritten tritt sie bei beginnender Dämmerung den Heimweg an. Und wie die Schatten um sie her immer tiefer sinken, da schwindet allgemach alle Freudigkeit uns Hoffnungs- Helle aus ihrem Herzen. Sie weiß iiicht» ivas sie dazu zwingt, aber so eilig sie's auch hat jetzt muß sie vor dein Haus« des Stellmachers für einen Augenblick rastend verweilen. Dre Kinder sinelen nicht mehr draußen im Freien, und schwacyer Licht­schein füllt schon von drinneil durch eins der halbverklebten Fenster. Sie kann der Versuchung nicht widerstehen und blickt hinein. Da sitzen sie alle aus roh gezimmerten Bänken um den langen, ungedeckten Tisch, die Händchen gefaltet zum frommen Gebet, das ihnen ihre kümmerliche Abendfuppe Würzen soll. Oben, wie sich's gebührt, haben die Ettern ihren Platz, mrd der Schimmer des armseligen Lämpchens fällt eben ans des Stellmachers geftmd.'s, bärtiges Aittlitz, wie er sich in Vaterstvlz und Vaterfreude über den Säugling im Arm seines Weibes beugt.

Da steigt es der jungen Frau draußen vor dem Fenster wie ein Schluchzen in der Kehle. Em Schleier legt sich vor ihre 2tugen, und sie wendet sich hastig ab. Den Weg durch das Dorf aber legt sie langsam, ganz langsam zurück, obwohl sie ja weiß, wie sehnsüchtig der kranke Gatte ihrer wartet.

Und mm bat sie das hohe, palastartige Gebäude der Heft- anstalt erreicht. Ihre nassen Kleider mögen die schuld daran tragen, blaß es ihr so schwer fällt, die Treppen zu ersteigen. Gerade als sie die Tür des Zimmers erreicht hat, in dem sie Rudolf weiß, tritt der junge Assistenzarzt heraus, und mit einer fast erschrockenen Bewegung wehrt er ihr den Em gang.

Weshalb, Herr Doktor?" fragt sic erstaunt.Schläft dem» mein Mann noch immer?" .

Ja, gnädige Fran", erwidert et nut gepießter Stimme. Er schläft sauft und toljig."

Und wie sie ihn ansieht, weiß fte alles. .

Aber sie schreit nicht auf und zerzaust sich nicht rn Wilden«! Schmerze das Haar, als sie an das Lager des Toten tritt.. Ein verklärendes Lächeln ist auf seinem seinen, durchgeistigte Gesicht, das niemals schöner war als tn dieser Stunde des Todes. Er hat den irdischen Frühling nicht mehr gesehen, aber er ist eingegangen in daS Land, darmnen es keine Sehnsucht nrehr gibt nach Veilcheuduft und Lercheusang, in das glückliche, heftige Land des ewigen Friedens.

Sie steckt ihm ihren Schireeglöckchenstranß in die gefalteten Hände und finit neben dem Bett in die Knie.

aus der allezeit offenen Tür erschallt doch 'immer noch ein luftig krähendes Kinderstimmchen. Und lustig sind sie alle, bei­nahe so lustig, als sie rotbäckig und schmutzig sind. Es ist, als ob die alte, hinfällige Baracke so voll wäre von Fröhlich­keit, daß man tron Zeit zu Zeit einen Teil davon hinauslassen muß ins Freie, um nicht int Uebersluß zu ersticken. Die Huhn- dorf-Kinder sind ohne allen Zweifel schon mit lachenden Gesichtern auf die Welt gekommen. Und das konnte auch gar Nicht anders fein, denn ihre Mutter, die mit jedem neuen Sprößling nur Poller und üppiger zu erblühen scheint, .blickt aus den hellsten und lachendsten Augen in die Welt, die man je in einem rundeii, hübschen Frauengesicht gesehen. Und der Stellmacher singt vom Morgen bis zum Abend, gleichviel ob es ein Sonntag ist mit schlesischem Himmelreich zum Mittagbrot ober einer von seinen vielen, in keinem Kalender verzeichneten Fasttagen, >vo er den Leibgurt um ein beträchtliches enger schnallen muß, weil es nicht einmal zu Schmalz und Kartoffeln langte

Dieser Neberfluß an Gesundheit und Fröhlichkeit ist es, der deit Schritt der schönen jungen Frau jedesmal stocken läßt, wenn sie an des Stellmachers Hause vorüber kommt. In den ersten Wochen ihres Aufenthalts in dem Dorfe ist das beinahe täglich geschehen. Denn wenn ihr kranker Gatte, den sie in die welt­berühmte Heilanstalt begleitet hat, seinen Mittagsschlaf hielt/ war sie ihres schweren Pflegerinneridienstes auf eine Stunde ledig. Und dann wanderte sie lieber auf der Landstraße zum Dorf hinaus, statt sich in den prächtigeti,'wohlgepflegten Anlagen zu ergehen, wo bleiche Gesichter, hohle Wangen, und fiebrisch glänzende Augen sie auf Schritt und Tritt an das traurige Geschick des ge­liebten Mannes erinnern. ,

Aber nur für eine kurze Zeit konnte sie sich diese tägliche Erholung gönnen. In den Tagen, da die letzten Blätter fallen, waten sie angekommen, und mit dem ersten Schnee hatte sich der Zustand des kranken jungen Gelehrten so verschlimmert, daß sie es nicht mehr über sich gewann, ihn auf eine Stunde oder länger zu verlasseii. Monatelang ist sie kaum von seinem Lager gewichen, und wenn sie jetzt an diese schrecklichen Wintermonate in deut fremden Hause zurückdenkt, ist ihrs, als könne alles nur ein wüster, schwerer Traum gewesen sein, so voll von Angst und Herzeleid sind sie gewesen. ,v

Mit dem Frühling wird es besser werden, haben ihr die Aerzte tröstend versichert. Aber der Frühling kommt so spät hier in den Bergen, und der Schnee türmt sich so hoch, daß man meint, er könnte nimmer und nimmer wieder vergehen.

Haben wir denn noch immer kein Tauwetter?" hat der Kranke sie an jedem neuen Morgen gefragt. Und nur zu oft, wenn sie beklommenen Herzens verneinte, hat er mit tiefem Aufseufzen hinzugefügt:Daun werde ich den Frühling sicherlich nicht mehr erleben. Und einmal einmal hätte ich ihn doch so gerne noch gesehen."

Aber nun ist er über Nacht gekommen, der Tauwind, vor dessen warmem Hauche die gewaltigen Schneemassen zusehends dahinschmelzen. Seit wenigen Tagen erst weht er ins Tal hinein, und sckpii lugt es hier und dort tote frisches Grün zwischen dem Weiß hervor, dessen blendende Reinheit sich in ein schmutziges Grau gewandelt hat. .

Die Prophezeiung der Aerzte aber scheint sich auf eine fast wuitderbare Weise zu erfüllen. Mit dem ersten warmen Tage hatte sich das Befinden des jungen Professors auffallend gebessert. Natürlich ist er noch viel zu schwach, nm das Bett zu verlassen; aber der Husten hat mit einem Male beinahe ganz aufgehört, das Fieber ist geringer geworden und die quälenden Anfälle von Atemnot stellen sich nur noch in viel längeren Zwischen­räumen ein. ,

Gewiß, es ist besser", hat der Arzt der glückstrahlenden jungen Frau auf ihre Frage bestätigt, und daß er es mit enter so eigentümlich emften Miene und mit so seltsamem Zögern getan, hat sie in der Freude ihres Herzens nicht bemerkt.

Seit gestern hat sich auch der laug entbehrte stärkende Mittags- schlaf wieder eingestellt, und sie braucht sich kein Gewissen daraus zu machen, wenn sie den friedlich Schlummerndeit auf ein Stünd­chen. hinter der Obhut der bezahlten Wärterin läßt, und zum erstenmal wieder den Weg einschlägt, der an Hühndotss Hause vorüber führt.

Natürlich haben die Stellmachers-Leute an diesem schönen. Mildwarmen Vorfrühlingstage wieder eine Menge überschüssiger Lustigkeit hinauslassen müssen ins Freie. Und um die alte Baracke herum ist ein Toben und Tollen und Schreien, als wären nicht nur unten auf der Erde, sondern auch oben in den Lüften Dutzende von Hühndorfs pausbäckigen, lungenkräftigen Kindern. An der offenen Tür aber steht die Hausfrau, ärmlich und nicht eben sehr sauber angetan, aber prangend in Gesundheit und Lebensfülle, ein kleines, lebendiges Büitdelch.-n im Arm, das ihr der Storch wohl um Weihnachten herum in die oft benutzte Wiege gelegt haben mag.

Freundlich lachend grüßt sie zu der vornehmen Dame hin­über. Die aber bleibt heute nicht stehen, sondern beschleunigt im Gegenteil fast unwilllürttch ihren Schritt. Ist ihr's doch, als habe beim Anblick dieses aller Not und Armut spottenden Familienglückes eine harte Hand nach ihrem Herzen gegriffen und es zusammengepreßt, daß sie für einen Moment geradezu körperlichen Schmerz empfindet.