Antrag des Geliebten erfährt, hätte Wohl nichts anderes gehört imb empfunden als ihr erfülltem Sehnen und .Hoffen, und der Schwester in der ersten Stunde ihr Glück tier traut. Mußte er das nicht herausfühlen? Ader seine Augen hingen nur gespannt an ihrem Munde.
„Ich hatte sehr viel zu tun, Roderich reist morgen, ich Mußte seine Sachen ordnen und packen." Es kam so gezwungen Und hölzern heraus nach ihrer Meinung, diese leere, hohle Erklärung einer unbegreiflichen Tatsache, aber er schien sie gelten zu lassen und sagte nur hastig:
„Also Ihr Herr Bruder reist morgen schon?" Als ob der Umstand ihm das Herz erleichterte.
„Ja — er entschloß sich plötzlich, heute mittag, dazu."
„Plötzlich? Heute mittag?" In Billattes Zügen flammte es auf wie Morgenrot der Hoffnung. Eine Ahnung von allerlei vorgefallenen Dingen tagte in seiner Seele, dem süßen, lieben Mädchen mochte von verschiedenen Seiten arg zugesetzt sein. Aber dies tötete nicht seine Hoffnungen, im Gegenteil — Sylvia lag vielleicht jetzt oben und sehnte sich nach der Erlösung in seinen Armen.
Erna suhlte wieder, wie so ost schott früher, jede seiner Em- pfindungen nach. Sie hatte ihnt Hoffnung gegeben anstatt Ent- täuschung, und sie glaubte nicht an sein Glück? So half sie mit, ihn zu betrügen, ihit tnii entern Gewebe von Unwahrheit zu umspinnen. Sie Hütte ihm laut zurufen mögen: „Rette dich beizeiten, reiße dein Herz los aus unheilvolletl Banden!" Wer — sie stand da und schüttelte ihm die Häirdc und ließ ihn bei seinem Glauben.
Der schwere Flügel des Einfahrtstores knarrte in seinen Angeln, Billatte sah sich um. Er tvünschte, hier heute abend nicht gesehen zu werden. Es war Roderich, der nach Hause kam und an ihnen vorüber mußte. Es gab kein Ausweichen mehr.
Billatte lüftete flüchtig den Hut und schritt deut Ausgangstor zu, Roderich blieb stehen und sah ihm mit grimnligem Blick nach. Dann wandte er sich zu Ertm.
„Hm — ein Stelldichein hier im Dunckeln zwischelt dir und dem glücklichen Bräutigam? Eine Situation, die auch nicht jedem Manne passen würde. Solltest du etwa Sylvia auch noch pressen? Ich rvar einmal der Meinung, du hättest selbst ein faible für den Schulmeister."
Erna war glühend rot geworden, was Roderich gottlob in der Dunkelheit nicht gewahrte.
„Sieh nach deinen Worten," sagte sie kurz.
Roderich warf den weiten Mantel und Rembrandthut in der Vorhalle ab und fuhr mit der Hand durch sein üppiges Haar.
Seine Züge trugen nicht den hochmütigen und selbstzufriedenen Ausdruck, der sie gewöhnlich kennzeichnete.
Er sah aufgeregt und abgespannt aus.
„War das eine Hetzerei heute," sagte er; „kaum zu be- vMiigen. Papa hat dir natürlich gesagt, daß ich schon morgen reise. Ob meine Koffer vom Boden geholt sind?"
,^Jch habe, soweit ich vermochte, bereits gepackt," entgegnete Erna kühl; „willst du mir vielleicht fa-gen, warum du Hals über Kopf reisen mutzt?"
Roderich sah sie einen Moment halb unschlüssig an, dann schlang er seinen Arm in den ihren und zog sie die Treppe hinauf.
„Erna, du bist viel zu gut für uns alle; tote nett von dir, daß bn für mich gesorgt hast. Ich versichere dich, ich bin halb tot von allen Aufregungen dieses Tages."
Er ösfnete die Tür seines Zimmers, wo die Gasslammen brannten und zwei Koffer beinahe schon gefüllt standen. Allerlei Gegenstände, zur Wahl ausgebreitet, lagen iwch umher.
Erna trat mit ihm ein, zeigte ihm, was sie geschafft, und reichte ihm ein Verzeichnis her Sachen, welche bereits in den Koffern lagen.
„Das übrige mußt bitt bestimmen," sagte sie, „ich erwartete vergebens von dir einige Mule, du warst ja den ganzen Nachmittag unerreichbar."
„Ach, laß das, das ist ja alles schön und gut und furchtbar nebensächlich. Bor allen Dingen, wie geht eg Sylvia?"
„Sie ist sehr erschüttert uttd fieberte, als ich sie vorhin verließ."
„Fieberte?" Roderich ftlhr wild auf und schritt dann in einer ruhelosen, aufgeregten Manier aus und ab.
„Papa ist ein Barbar," stieß er in abgebrochenen Sätzen' hervor, „er hat die grausamsten Dinge gesagt! Er kann sie doch unmöglich triefen! Billatte mit Gewalt an den Hals werfen wollen — sie ist bis dahin verhätschelt und verwöhnt worden wie eine Prinzessin,"
„Roderich — Sylvia war hier bei dir henke mittag, waH hat sie dir vertraut? Ich weiß aus ihrem Munde nichts."
Roderich hielt in seinem hastigen Gang inne und starrte die Schwester verstört an. Dann fuhr er wieder mit den Händen durch - das Haar und sträubte es in die Höhe.
„Vertraut? Das liebe, kleine Ding," sagte er leise, und in seinem Ton bebte verhaltene Leidenschaft, „sie flüchtete sich in meine Arme, das gequälte, verschüchterte Vögelchen. Sylvia ist ein liebreizendes Geschöpf, Erna — ich — ich habe sie ja bislang als Schwester betrachtet — in jüngster Zeit erst erwachten in meiner Seele andere Empfindungen — und sie liebt mich, das arme Ding — sie malte sich die Zukunft iu ihrer kindischen Weise."
„Roderich, du — du liebst Sylvia —■ und doch —" In Ernas Geist tummelte sich ein Chaos, in jedem Wort, in jeder Miene verriet sich Roderichs Leidenschaft, und eS lagen doch keine unüberuriudlichen Hindernisse zwischen ihnen.
Aber Roderichs Züge hatten sich versinstert.
„Ja, Liebe — Liebe," sagte er; „wer ist wohl so glücklich, seiner ersten Liebe folgen zu dürfen! Ich glaubte, du seiest in dem Punkt verständig. Soll ich mich jetzt etiva binden, wo hundert andere Dinge mir am Herzen liegen? Die Freunds in Paris erwarten mich, Goldmark ist für mich interessiert worden — Hendrichs depeschierte vorhin sehr entgegenkommend — ich erwarte Großes von meinem dortigen Aufenthalt."
Erna sah ihn verständnislos an.
„Ich verstand vorhin, daß du Sylvia liebtest," sagte sie.
„Mach mich nicht wild." rtef Roderich in ausbrechender Hestigkeit, „es hat heute den ganzen Tag schon genug in mir gestürmt. Meinst du nicht, daß es auch mir aufflammt, das Bild eines Glücks, das hundert andere üeftiedigt? Aber ich wehre mich dagegen, ich kann nicht alles aufgeben, was mich über die Gewöhnlichkeit erhebt, kann nicht dem Ruhm, dem göttlichen Streben entsagen, um nur glücklich zu sein. Was ist denn Glück?"
„Und diesen Ztveifel, dies .» Zwiespalt nennst du Liebe?" fragte Erna. „O, Roderich, was du so nennst, ist nur ein Rausch."
„Rausch? Erna, als ob du von solchen Dingen mikreden könntest, du ruhiges Hausmütterchen! Wenn du einmal heiratest, tust du es mit weiser Ueberlegung, nach allen Regeln althergebrachter Sitte, und wenn dein Gatte ist wie du, wirst du gewiß sehr glücklich. Bon dieser Flammenglut, welche mir die Seele verzehrt, hast du keinen Begrisf."
„Arme Sylvia! Diese Flammenglut erwärmt ihr Leben nicht, sie zerfällt in Asche vor dem Altar deines Götzen. Dm hältst dich sür einen Künstler, stioderich, du bist es nicht, Ter göttliche Genius jagt nicht nach Ruhm und Ehre. Die, welche deiner Eitelkeit schmeicheln, betrügen dich!" Erna stand hochaufgerichtet vor dem Bruder, ein seltsames, hoheitsvolles Feuer stammte in ihren Augen, das Licht der Wahrheit glänzte darin. „Ich mag es nicht hören, Bruder, wenn du von Liebe redest," fuhr sie fort. „Ist so die Liebe der Männer beschaffen? Tann sind wir arme Mädchen zu bedauern, deren ganzes Sein, in dem einen Gefühl aufgeht."
IFonietzung folgt.)
Schneeglöckchen.
Eine Frühlingsgefchichte von Reinhold Ortmann.
Das Haus des Stellmachers Hühndorf ist das allerletzte; in dem lang gestreckten schlesischen Gebirgsdorfe — eine elende, windschiefe Baracke, von der mans nicht recht begreift, daß ne sich noch immer in ihren morschen Verbänden halten kann. Wo »en winzigen Fensterchen die Scheiben fehlen, sind sie mit Pulver verklebt, aber man wird des armseligen Flickwerks kaum gewahr vor der Fülle von roten und blauen und weißen Blumen, die Sommer und Winter hinter den kleinen Fenstern blühen. Draußen an der Hauswand lehnen ein paar einsame Wagenräder, ent Stapel roh zugeschnittener Bretter und ein alter, ausgedceutw Pflug, dessen Eisen schon seit vielen Jahren der Rost zersrtßtz Man kann wahrhaftig nicht behaupten, daß des Stellmachers Haus einen wohlhabenden oder anmutigen Eindncck macht, Nicht einmal malerisch ist es in seiner Baufälligkeit und Armut. ,
Und doch ist die vornehme junge Frau noch tmntei eine Weile vor Hühndorfs Hause stehen geblieben, wenn ihr Spaziergang sie hier zum Dorf hinausführte. Aber es waren uid)t die stillen, bewegungslosen Blumen hinter den geflickten Fenstern, die ihre Austnerksamkeit fesselten, sondern die lungen, lebendigen Menschenblüten, daran in der Stellmachers Baracke wahrlich kein Mangel ist. , . _ . ,, „
Man weiß gar nicht recht, wieviel Kinder die Hühndorfs eigentlich haben mögen. Denn wenn sich ihrer auch ein hwws | Dutzend draußen vor dem Hause herumtreibt und herum tu gelt.


