Ausgabe 
19.4.1907
 
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1907

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Jem Irrlicht nach.

Roman von Alexander Römer.

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Sie war in einen Stuhl gesunken lind verhüllte ihr Ge­sicht. Tie heftige Erregung machte sich in unartikulierten Schluchzlauten Luft.

Erna saß ihr still gegenüber. Wie war es möglich, daß jemand sein eigen Elend, solch ein Elend eines verfehlten, schuldbeladenen Lebens in hochtönenden Worten aussprach, und doch war ein gut Teil wahrer Empfindung und wahrer Tai- sachen unter dem ldmödienhaften Wesen heut verborgen. Welch ein entsetzliches Dasein schleppte die Unglückliche weiter! In Erna stieg daneben der wvhlbegründete Verdacht auf, daß nicht ihr Gatte sie, sondern daß sie ihn verlassen, wie die Ratten ein sinkendes Schiff. Verdiente ein solches Wesen Mitleid? Und doch regte sich Erbarmen in Ernas Herzen. All ihr eigen Leid versank und erblaßte vor diesem düstern Lebensbild. Hier war aller Glanz, den ein gütiger Gott einst über sie mit reichen Gaben ausgeschüttet, erblichen, verunreinigt, durch den Schmutz der Erde geschleift. Und zu dieser Frau gehörte Sylvia! Wie war sie zu schützen? Vielleicht gewährten nur Villattes Arme ihr sicher diesen Schutz. Wugte er schon um diese neueste Ent­hüllung und hatte er darum seine Werbung beschleunigt? Wenn Sylvia ihn lieben könnte, wäre sie geborgen nein, es war übermenschlich, von ihr zu verlangen, daß sie das wünschen sollte, ihm Sylvia als Gattin, diese als Schwiegermutter wünschen.

Frau Zernial erhob sich, ter Paroxismus war vorüber. Sie fing an, wieder nach ihrer Weise die nächste Zukunft zu über­denken.

Sylvia ist verwöhnt," sagte sie in völlig verändertem Ton, sie hat die Neigungen einer Prinzessin: was hat Doktor Villatte ihr eigentlich zu bieten? Ich muß ws von meinem eigenen Geschick und an das meines Kin'es denken. Es wäre mein Tod, wenn ich dächte, sie sollte entbehren."

Sylvia hat sich einzig zu fragen, ob sie ihn liebt," sagte Erna schroff,dann wird sie an seiner Seite nichts vermissen."

Nichts vermissen da» heißt, sie wird angewiesen sein, zu schein hauszuhalten, die Tretmühle im engen Geleise zu drehen."

Tante, lvillst dir sie lieber auch in das verzehrende Element leiten, wo ein Aschenhausen der Rest ist?"

Erna, du bist ein schreckliches Mädchen!"

Mag sein, aber es handelt sich -nicht um mich, sondern um Sylvia jetzt. Ueberlaß sie mir heute abend."

Die Tante erhob sich mit einem Stoßseufzer und ging.

Erna trat leise an Sylvias Lager. Sylvia schlief. Ihre Mangen waren fieberhaft gerötet, ihr Atem ging unruhig. So fand sie wenigstens Vergessenheit. Erna beneidete sie beinahe um ihre schwächere Natur, welche dem ersten Stoß erlag. Sie ließ die Vorhänge herab, zündete ein Nachtlicht an und ging hinunter. Sie tvollte die Jungfer zu Sylvia hinauf schicken.

dainit sie bei der Fiebernden bleibe, und sah diese mit dem Kntscher auf dem Hofe vor dem Eingangstore stehen. Sie öffnete die Haustür und rief das Mädchen. Als sie ihr die nötigen Weisungen gegebetl und in den Hai'sflur zurücktrat, fiel ihr eine Männergestalt auf, welche im Bogen des Torwegs stand. Es war sehr finster draußen, die Gaslaterne der Straße warf nmt einen unsicheren Schein über die zunächstliegenden Gegenstände, die Gestalt beugte sich vor und der Schein des Lichtes fiel auf sie. Ein Sittern fuhr durch Ernas Körper, sie stand einen Mo­ment wie gebannt.

Ein heftiger Windstoß fegte durch den inuern Hof, schleu­derte die Weinranken an der Einfassungsmauer empor und schlug den schweren Türflügel, den Erna noch gehalten, hinter ihr zu. Tie gestalt bewegte sich, kam näher, stand vor ihr. Es war Doktor Villatte.

Fräulein Erna!" hörte sie seine leise, erregte Stimme dicht an ihrem Ohr.Welch ein Trost, daß ich Sie finde. Mich trieb eine tödliche Unruhe hierher. Sie wissen natürlich wo ist Sylvia? W -rum läßt man mich ohne Nachricht was darf ich hoffen?" Er hatte ihre Hand ergriffen und sah ihr leiden­schaftlich bewegt, bang fragend, in die Augen.

Ja was durfte er hoffen sie wußte nichts wenigstens nichts Bestimmtes und von ihren Lippen erwartete er sein Urteil. Nach ihres Herzens Meinung durfte sie ihm nicht ant­worten.

Sylvia liegt oben und fiebert," sagte sie langsam.

Er ließ jählings ihre Hand los und taumelte zurück.

Es ist nichts Bedenkliches," beeilte sie sich hinzuzufügen, und was sie aufgeregt hat, war nicht allein Ihre Werbung. Ich fürchte vielmehr, daß mein Vater sie unabsichtlich durch seine Art verletzt hat, und dann ich weiß nicht, ob Sie von dem Neuesten unterrichtet sind Sylvia hat ihre Mutter ge­funden."

Villatte atmete tief auf.

O, das hat man ihr heute schon gesagt," murmelte er;ich hoffte, an ihrer Seite zu fein, wenn die Enthüllung über sie kam wer konnte das tun? fe war ja grausam, unverant­wortlich! Fräulein Erna, konnten Sie das nicht verhüten?"

©ein Ton klang vorwurfsvoll, ein wilder Schmerz äußerte sich tu seinen Mienen und Worten.

Erna schwieg einen Moment. Sie sollte wachen über das Wesen, das er liebte, von ihr forderte er das er hatte keine Ahnung, was er forderte.

Ich konnte cs leider nicht verhüten", entgegnete sic dann völlig beherrscht,ich erfuhr Überhaupt zu spät^ von allen Vor­gängen: haben Sie jetzt Geduld und beruhigen Sie sich, morgen, wenn Sylvia gesammelter ist und sich erholt hat, wird sie mir ihr Herz öffnen."

Morgen noch eine lange Nacht, noch einen halben Tagt vielleicht," murmelte er.Fräulein Erna, Sie wissen nicht, wie mir zu Mut ist hat Sylvia denn mit Ihnen gar nicht gesprochen?"

Nein!" ES kam zögernd von Ernas Lippen. Das liebende Mädchen von Sylvias mitteilsamem Charatter, das eben i*it