Ausgabe 
19.1.1907
 
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Are Kämpfe in den Karrasösrgerr.

Nachdruck Verbote;

Wue bedeutsame Publikation wird in den nächsten Tagen die Presse verlassen: der Bericht des Großen Generalstabes über den Hottentottenkrieg aus den im Verlage von Mittler & Sohn in Berlin erscheinenden Vrertehahrshesten sur Truppenführung und Heereskunde. Wir sind in der Hage, heute schon aus bem KapitelDie Kämpfe am Auob und m den Karrasbergen" unseren Lesern die interessantesten Eprsoden mU- teilen zu können. Aus den amtlichen Telegrammen, dre dre Nach­richten über den Verlauf der Kämpfe in Südwestafrrka bekannt- geben läßt sich auch nicht annähernd erkennen, mit welchen Schwre- rigkeiten die Niederwerfung des Ausstandes durchgeführt werden mußte Jetzt, wo der Große Generalstab auf Grund der Gefechts­berichte und die Aussagen der inzwischen gefangenen Großleute der Hottentotten ein objektives und umfassendes Bild der Ereignisse liefert, kann man erst ermessen, was unsere Truppen in dem dreijährigen Ringen mit einem zähen und grausamen Gegner geleistet haben. .

Die Schilderung der Kämpfe in den Karrasbergen umsatzt dre konzentrischen Operationen gegen Hendrik Witboi und Stürmaim, die Führer der Hottentotten und der Qrlogleute im Namalande. Am 1. Januar 1905 hatte die Abteilung des Majors Meister als cüte der zur Einkreisung des Feindes ansgcsandten Kolonnen den Vormarsch über Witkrams nach Groß-Nabas angetreten. An den Wasserstellen bei Groß-Nabas wurde der Feind vermutet. Um 5 Uhr abends bezog die Kolonne in einer von Natur aus starken Stellung ein Lager. Am nächsten Morgen wurde der Weitermarsch augetreteu. Bor dem Abmarsch konnten glück­licherweise Wasserwagen, Wasserfäcke und Feldflaschen mit irischem Wasser wenigstens teilweise gefüllt werden. Gegen 6 Uhr morgens erhielt die Spitze von mehreren Klippen heftiges Feuer auf nahe Entfernung. Es wurden die drei Kompagnien der Abteilung entwickelt, der Feind räumte daraufhin die Stellung. Aber nach­dem die Abteilung kaum 300 Meter zurückgelegt hatte, schlug ihr auf 2300 Meter heftiges Schnellfeuer entgegen. Der Gegner hatte seine Stellung nur verlassen, um in einer verschanzten, festungsartigen anderen um so zäheren Widerstand zu leisten. Er hielt einen klippenreichen, in der Front fast sturmfreien Höhenzug besetzt, der sich von dem höheren Dünengelände nach dem Flußtal allmählich herabsenkte. Hier stand Stürmann mit einem Teile feinerGottesstreiter" und den Orlogleuten, während Hendrik mit dem größten Teile der Orlogleute in die Dünen gegangen war, um die linke Flanke der Deutschen anzugreisen. Die Wasserstelle befand sich hinter der Front der Abteilung Stürmanns. Im ganzen zählte der Feind etwa 1000 Gewehre mit reichlicher Mu­nition, war den Deutschen demnach um das Fünffache überlegen. .Es war klar, daß es hier einen ernsten Widerstand zu brechen galt. Das feindliche Feuer war von Anfang an so heftig, daß an ein weiteres Vorgehen nicht gedacht werden konnte. Die Kompagnien richteten sich, wo sie gerade lagen, hinter felsigem Geröll ein und erwiderten das Feuer. Die feindliche Linie hatte mittlerweile eine Ausdehnung von 4 bis 5 Kilometer, und das kleine Häuflein des Majors Meister schien von der Ueberzahl erdrückt werden zu müssen. Die Verluste nahmen mehr und mehr zu. Besonders hatte die Artillerie zu leiden. Gleich zu Beginn des Gefechtes war der Batterieführer Leutnant Oüerbeck gefallen, kurz darauf der Abteilungskommandeur Major v. Nauen­dorfs tödlich verwundet worden. Isaak und Lukas Hans, die später vernommenen Großleute der Hottentotten, erzählten, daß sie mit ihren Ferngläsern die chemischen Offiziere in der Feuer­linie erkennen und wahrnehmen konnten, daß sie nicht schossen, sondern Ferngläser benutzten. Die Stellen, an denen Offiziere lagen, wurden den Schützen der Hottentotten dann bezeichnet und deren Feuer dorthin gelenkt.

Obwohl die Sonne heiß herniederbrannte, hatte die Gefechts­fähigkeit der Truppe sicher noch nicht gelitten, da es möglich war, tagsüber sie zum Teil mit frischem Wasser zu versehen. Allein im Laufe des Nachmittags begannen sich die Wassersäcke und Wagen zu leeren. Gegen ß Uhr nachmittags wurde der letzte Trunk Wasser gereicht,- dann war's zu Ende, und nun stellte der schrecklichste Feind afrikanischer Kriegsführung, der Durst die Widerstandskraft der braven Truppen auf eine furchtbare Probe. Mit Einbruch der Dunkelheit tvitrbe etwas Brot in die Schützen­linie gereicht, aber keiner vermochte es zn schlucken, die Zunge klebte allen am Gaumen. Bor allem litten die Verwundeten unter dem Wassermangel. Major v. Nauendorff lebte mit seinem Unter­leibschuß noch über 24 Stunden. Er bot, von Durst und Schmerz geplagt, 1000, dann 10 000 Mark für einen Schluck Wasser. Als ihm der selbst verwundete Sergeant Wehinger den letzten

Schluck Rotwein aus seiner Feldslasche anbot, da wies er den heißersehnten Trunk mit den Worten ab:Trinken Sie das selbst, lieber Kamerad, Sie müssen wohl noch zu Ihrem Geschütz zurück, mit mir ist's doch bald aus!"

Die Truppen verbrachten die Nacht, das Gewehr im Arm, in der Schützenlinie, jeder zweite Mann durfte schlafen; aber vor brennendem Durst vermochten nur wenige den ersehnten Schlum­mer zu finden. Am nächsten Morgen entbrannte das Gefecht von neuem. Im Laufe des Vormittags gestaltete sich die Lage immer ernster. Die Verluste steigerten sich, der Zustand der in der prallen Sonne in nahezu dreißigstündigem ununterbrochenem Kampfe liegenden halbverdursteten Schützen wurde immer bedenk­licher. Mehrere Leute hatten bereits begonnen, das anfgefangene Blut getöteter Pferde zu trinken. Eine Anzahl Hitzschläge war eingetreten, einzelne Leute wurden vor Durst wahnsinnig. Hier und dort stürzten sie, delirierend Gebete ansstoßend, vor, um die Wasserstelle allein zn stürmen. Sie büßten den Versuch mit dem Leben. Und höhnend hielt der Feind seine eigenen wohl- gesüllten Wassersäcke empor und rief laut zu den Halbverdursteten hinüber:DeutsäMann sehr durstig, gutes Wasser hier!"

Um Mittag erschien dein Major Meister die Lage sehr ernst. Kampffähige Leute aus der Schützenlinie zn nehmen, um nach Wasser zn suchen, war bei der Ueberlegenheit des Feindes nicht möglich, jedes Gewehr war dringend nötig. Durch Versprechen reicher Geschenke gelang es ihm schließlich nach vieler Mühe, einige eingeborene Ochsentreiber zu bewegen, im Flußtal weiter rückwärts nach Wasser zu suchen. Nachdem ein Vorstoß des Gegners auf ein Geschütz zurückgewiesen worden war, ließ der Kampf auf beiden Seiten an Heftigkeit nach und das Feuer wurde nur matt unter­halten. Es trat eilt Zustand fast bewußtloser Erschöpfung ein, und die Widerstandskraft der mit deut Mute der Verzweiflung Ringenden schien gebrochen. Da endlich, in der höchsten Not,. nahte die Rettung. Es war den auf die Wassersnche gesandten Eingeborenen geglückt, etwas rückwärts im Anobtale eine Wasser­stelle ausfindig zu machen. Sofort wurde ein Wasserwagen unter Führung eines Unteroffiziers entsandt. Sobald die ersten Wasser­säcke in die Schützenlinie gelangten, kehrten den ermatteten Krie­gern neues Leben, Mut und Kraft zurück.

Allein noch ernstere Proben sollten von der Widerstandsfähig­keit der Brave.« gefordert werden. Gegen Abend erhielt Major Meister die Meldung, daß zahlreiche Hottentotten im Rücken der Kolonne das Flußtal gekreuzt hätten. Es war klar, bet Gegner nützte seine Ueberlegenheit ans, um auch noch gegen den Rücken der kleinen deutschen Schar vorzugehen. Die Lage wurde äußerst kritisch. Dazu begannen die Qualen des Durstes von neuem, denn das wenige Wasser war bald ausgetrnnken und frisches konnte bei der im Rücken drohenden Gefahr nicht geholt werden. Das Herannahen des Obersten Deimling mit feiner Kolonne wurde sehnsüchtig erwartet und schon senkte sich die Dämme­rung hernieder da vernahm man plötzlich Kanonendonner, Deimling nahte I Alle atmeten erleichtert auf. Das Feuer wurde trotz der herannahenden Dunkelheit lebhafter und verstummte erst gegen Mitternacht.

Als der Tag dämmerte, hatten die Deutschen zu ihrer größ­ten Überraschung bemerkt, daß die Besatzung der Dünen in der linken Flanke verschwunden war. In der Front hielt dec Gegner noch mit starken Kräften fest. Er hatte ohne Zweifel in der Nacht die Orlogleute in den Rücken der Deutschen entsandt. Deren Lage wurde verzweiflungsvoll. In dem Führer reifte nun der Entschluß zu einer rettenden Tat, die Sieg oder Unter» gang bringen mußte. Die Wasserstelle Nabas sollte gestürmt werden. Major Meister befahl den Hauptmann Richard und mehrere andere Offiziere zu sich, um ihnen Anordnungen für die Ausführung des Sturms zn geben. Einzelne waren indes schon so erschöpft, daß fie kaum dem Befehl nachkommen konnten. Oberleutnant Grüner mußte von zwei Mann getragen werden, von denen der eine delirierte, Leutnant Klewitz, welcher den Sturm mit den frischesten Leuten vom Flußtal aus unternehmen sollte, fiel in eine schwere Ohnmacht und mußte zunächst zwei Stunden in ärztliche Behaiwlung gegeben werden. Leutnant Zwicke mußte von vier Mann gehalten werden, da er laut deli­rierend auf den Major eindrang und ihn erschießen wollte!

Gegen 11 Uhr vormittags wurden die Seitengewehre ans» gepflanzt und nunmehr erhob sich die stark gelichtete Linie znm letzten Sturmlauf allen voran der tapfere Hauptmann Richard. Ein mörderifches Feuer schlug den Stürmenden entgegen. Der Feind schien seine Stellung behaupten und den Kampf Mann gegen Mann aufnehmen zu wollen. Als er aber die von Wilder Entschlossenheit und Todesverachtung erfüllte Schar, deren zum Stoß gefällte Bajonette in der Sonne blitzten, immer näher auf sich znkommen sah, brach plötzlich seine Widerstandskraft zn-