Ausgabe 
19.1.1907
 
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Der Angeredete hatte freudestrahlend die Pelzmütze von dem Blondkopf gerissen.

Lassen's der Herr Baron nur bei ,du' ich bitt' recht schön", es klang so treuherzig,und was das Herkommen anbelangt, so bin ich schon seit anderthalb Fahren im Dienst des Herrn Landrat, zuerst in R., als er noch unverheiratet war, da hatte ich die Pferde unter mir und mußte den Herrn bedienen später, als die gnädige Fran ins Haus kam und mehr Dienerschaft, bin ich in bte Zimmer ge­kommen, weil die gnädige Frau meinte, ich stelle mich ganz geschickt au."

Er war rot geioorden bei seinem Eigenlob und das ehr­liche Herz zitterte ihm dabei vor Freude über das leutselige Entgegenkommen des Offiziers, dessen Spielgefährte er'einst gewesen ivar und von dem doch eine ganze Welt ihn trennte.

Es gefällt dir gut, Franz?"

Dem Freiherrn war das du geläufig', er hatte seine Untergebenen nie anders genannt.

Der Gefragte bejahte lebhaft. Nach ein paar Wechsel­reden über das Ergehen von Franzens Eltern fuhr Joachim flüchtig an den Mützenrand und ging ins Hans.

Der Kutscher, der die ganze Zeit über bewegungslos Mit dem indolenten Gefichtsausdrnck eines Menschen, der Nichts zu hören und zu sehen scheint, auf seinem Sitze ver­harrt hatte, blickte ihm gleichgültig nach. Er war kein Ge- suhlsmenscy mochten die Herrschaften ihn behandeln, wie }ie wollten, wenn sie nur anständige Trinkgelder gaben. )b ihn einer dabei anlächelte, darauf pfiff er. Und etwas von oben herab hörte er sich die Lobeshymne an, die der gefühlvolle Dorfjunge auf diesen Freiherrn von Tressen­berg sang, dem der Hochmut greifbar deutlich auf dem blassen Gesicht stand. Er war doch ein rechter Tölpel, der Franz, das nicht sehen.

In seinem Zimmer angelangt, warf Dressenberg sich auf die breite, mit einem weißen Fell und mehreren großen Seidenkissen bedeckte Chaiselongue, nahm von dem niedrigen Bambustischchen daneben eine Zigarette und starrte rauchend gegen die Zimmerdecke. Regenbogenfarbige Lichtflecke mal­ten sich dort oben an der reichen Stuckverzierung, wohl von einem spiegelnden Glas herrührend. Das Zimmer war schon an und für sich sehr elegant ausgestattet, lieber den hohen Türen prangten geschnitzte Aufsätze, die Wände waren mit einer geschmackvollen, einfarbigen, grünen Ta­pete bedeckt und der Fußboden zeigte einen glänzend braunen Anstrich. Zwischen die beiden hohen, von bunten Chenille- Portieren verhangenen Fenster war der eichene Diplomaten­schreibtisch gerückt, der elegantes Schreibgerät trug. Die Mitte nahm eine große Photographie des bekannten Bildes Frühlingshoffen" ein, das Joachim sich gekauft, weil er in dem neben dem Genesenden gehenden Mädchen eine Mehnlichkeit mit Isa Bauers Zügen zu finden meinte.

An der Pfeilerwand, so daß der Blick des am Schreib­tisch Sitzenden immer darauf fallen mußte, hing ein Blech­schild, hinter dein sich zwei Speere kreuzten, darauf voll Marga gemalt das Wappen der Trejsenbergs, eine rote Rose im silbernen Kreuz auf blauem Felde, darüber ein Ritterkopf mit geschlossenem Visier, aus dem drei Pfau­federn herauswuchsen. Die Enden der bunten Portieren waren in gefälligem Falteilwurf darunter gerafft.

In der ganzen übrigen Einrichtung des Zimmers sprach sich das Bestreben aus, das Vorhandene durch geschickte kleine Kunstgriffe zu verschönern und ein Ganzes von vor- Uehm gediegener Wirkung daraus zu schaffen. Aus jedem Gegenstand schrie förmlich die krankhafte Sehnsucht nach Harmonie und Schönheit, nach dem warmen Verständnis, das unsere eigenen vier Wände uns gleichsam entgegen zu bringen vermögen, sobald es uns gelungen ist, ihnen den Stempel unserer Eigenart aufzudriicken.

Weich, beinahe rosig, fiel das Licht von draußen in das Gemach und kämpfte mit den bläulichen Schleiern des Ziga- rettenrairchs, die in Schlangenwindungen zur Decke Mnauf- zogen. In ihren süßlichen Nikotinhauch niischte slch der Duft eines Veilchenparfüms und der starke Geruch von Juchtenleder.

Vor der Tür klingelten jetzt die Schlittenglocken. Als sei es ein Marmsignal gewesen, so hastig sprang der junge Offizier von seinem Lager auf bte brennende Zigarette entfiel ihm er achtete nicht darauf, daß sie am Boden fortglinrmte, sondern trat rasch ans Fenster, Aber draußen stand Franz noch immer in wartender Haltung neben dem Schlitten 7^-..von seiner Herrin keine Spux.,

griff nach ihrer Hand und drückte seine c das Wiort danke ich dir."

Wange daran,für

mich begreifen."

Nun, tch begreife dich. Mutter!" er rr,ff

(Fortsetzung folgt.)

Tressenberg stampfte wütend mit dem Fuße auf. Was war er doch für ein Narr! Er ärgerte sich, wenn er nur an diese Hanna Gerhardt dachte und tat slch die Schmach an, womöglich aus ihretr Anblick zu lauern. Wie kam er bloß auf diese Idee! Er war doch kein altes Weib, das neugierig hinter der Gardine stand.

Ein ekelhafter Geruch von verbranntem Fell unterbrach seine Reflexionen. Die glimmende Zigarette hatte bereits ein recht ansehnliches Loch in einen weißen Fellteppich ge­fressen. Auch das noch! Er trat das kleine Feuer aus, warf sich dann mit einem Mick wieder auf das Ruhebett und schloß die Augen.

In derselben Mitmte reichte Hatlna Gerhardt der alten Mlitter ihres einstigen Verehrers die kleine Hand zum Abschiede. Frau voll Poseck, bereit gtttes Gesicht vor Freude strahlte, ließ es sich nicht nehmen, ihren Besuch bis zur Treppe zu begleiten, obgleich die junge Frau energisch da­gegen protestierte. Die Justizrätin blieb sogar so lange stehen, bis Hanna an der Treppenbiegung noch einmal grüßend zurückwinkte iutb dann verschwand.

Jetzt erst trippelte sie in ihr warmes Zimmer. Die Knie zitterten ihr, sie mußte sich setzen. Mit gefalteten Händen lehnte sie nun in ihrem Stuhl am Fenster, vor sich das Bild des Sohnes, ihres Mgottes. Sie nickte ihm teilnehmend zu.

Mein armer Junge!" flüsterte sie,mein armer Junge!"

Tie Stunde ivar gekommen, da sie seine Leidenschaft begriff.

Als Walter, wie so oft, muh an diesem Tage in der Dämmerstunde bei ihr erschien, war sie beinahe erstaunt, ihn so völlig getröstet heiter zu finden er war sogar in ganz besonders guter Stimmung.

Er hatte Hanna in Behinderung ihres Mannes auf die Eisbahn begleiten dürfen und sie hatte ihm dann auf dem Heimweg von dem Besuch bei seiner Mittler erzählt, den sie allein noch einmal nachgeholt, weil fie bei ihrem ersten Besuch mit ihrem Mantte die Jnstizrätin nicht zu Hause getroffen hatte.

Und tch konnte es doch nicht mehr erwarten, Ihre gute Mutter, von der Oskar mir schon so viel erzählt, kennen zu lernen."

In ihre schönen Augen waren Dräuen getreten, als sie leise hinzugefetzt hatte:

Wie glücklich können Sie sein, eine solch liebe, gütige Mutter zu besitzen, tch habe dte meine kaum gekannt."

Er hatte ihr wortlos die kleine Hand geküßt und nie war ihm seine Mutter teurer gewesen, als in diesem Mo­ment. Und nun saß er vor ihr, von dem brennenden Wunsche beseelt, ihr Urteil zu hören über die Frau, die un­bewußt dem Mutterherzen einst schwere Sorge bereitet hatte und doch wollte ihm Hannas Name nicht über die Lippen.

Auch die Justizrätin empfand die gleiche Scheu in noch verstärktem Maße. Wußte sie doch nicht, wie weit der Sohn sich schon emporgeruitgen hatte, ob sein sorgloses Wesen nicht nur Blaske war, ob ihm nicht atts dem nner- wartetett Wiedersehen mit der so Heißbegehrten eine Gefahr erwachsen war, an deren Konsequenzen die Greisin nur schaudernd zu denken wagte.

Großer Gott, nur das nicht, es war ihre Pflicht als Mutter, ihn zu toartteit, sein Inneres klar zit sehen. Sie gab sich einett gewaltsamen Ruck.

Frau Lanörat Gerhardt war übrigens heute früh ein Viertelstündchen bei mir!" sagte sie endlich, als ob ihr das eben erst einfiele. In der Dämmerung sah sie nicht, daß sein heiteres Gesicht ernst wurde.

Nun, wie gefällt sie dir, Mutter?"

Atemlose Spannung lag in der einfachen Frage.

Tie Justizrättn kämpfte einen kurzen Kampf, aber ihre Wahrheitsliebe siegte.

Weißt du, was du mir Mer M derselben Stelle ein­mal sagtest, mein Junge?"

Wenn du sie je kennen lernen lvürdest, du würdest