Sarnsiag den 19. Januar
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Wenschenteöerr, die lüget?.
Roman von H, Ehrhardt, Verfasserin von „Mittellose Mädchen"
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)'
Er Hatte bett Tischwalzer, den ihm Isa auf sein Bitten schon tagelang vorher zugesagt hatte, vergessen.
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i Noch oft später, wenn er dann zurück dachte, wie furcht- bär beschämt er sich damals gefühlt hatte, dann erwachte jimmer von neuem ein förmlicher Haß in ihm gegen Die schöne kindliche Frau, in deren Nahe er seiner Kavalrerspflich- ten, die ihm bet Isa mehr als nur Das bedeuteten, hatte vergessen können.
Er konnte sich kaum entschließen, im landrätlichen Hause seinen Besuch zu machen und als er's endlich tat, atmete er erleichtert auf, als der in lichtblaue Livree gekleidete fDiener sein geläufiges: „Die Herrschaften werden sehr bedauern, sind aber soeben ausgesahren!" sprach,
Langsam begab er sich auf den Heimweg. Er ging in tiefe Gedanken versunken vahin. Ihm war hundeelend seit jener neulichen Ballnacht, so der richtige moralische Katzenjammer.
Als er damals aus dem kleinen Gemach, in den Saal gestürzt war, sein Versäumnis noch, aut zu machen, war !Jsa nicht mehr zu finden gewesen. Aus sein vorsichtiges Fragen hin hatte ihm endlich Eva von Roessel die gewünschte Auskunft erteilt, daß sie zwar nicht die Hüterin ihrer Freundin sei, aber zufällig wisse, Isa habe sich wegen Unerträglicher Kopfschmerzen nach Hause begeben müssen. Das hatte seine Stimmung noch verschlechtert und eine gewisse Erbitterung und Selbstverachtung in ihm wachsen lassen, die sich nach außen hin in hochmütigem Trotz zeigte.
Als er Isa das erste Mal in einer größeren Gesellschaft wieder sah, siel seine Entschuldigung wegen seiner neulichen ^Nachlässigkeit so kalt und gezwungen aus, daß der glück- !seligscheue Ausdruck, mit dem das Mädchen seinem Nahen entgegen gesehen hatte, sich in kühl gemessene Liebenswürdigkeit wandelte. Nach, ein paar Worten, die in ihrer Gleichgültigkeit beiden das Herz zusammenkrampften, war Jet von ihr geschieden, ohne im Lauf des Abends noch einmal ihre Gesellschaft zu suchen.
s Seitdem wich er ihr überhaupt aus, denn obgleich er Mttgst gemerkt, daß Isa die Gründe für ihre damalige Wucht selbst nicht wußte und ihr Benehmen bitter bereute, hätte sein Stolz es nie und nimmer zugelassen, sich ihr jin ernstlichem Werben noch einmal zu nähern. Auch jetzt wachte er lieber einen Umweg, um nicht an der Wohnung Hauptmann Bauers Vorbeigehen zu müssen, wo unter weißen Spitzenvorhängen sich, der dunkle Kopf Isas über eine Arbeit zu neigen pflegte.
Als der junge Offizier gemächlich die Promenaden- Zstrgße entlang schlenderte, veranlaßte ihn der.helle Silber-
kon eines nahenden Schlittengeläutes, sich umznweudeni Im nächsten Moment flog das leichte Gefährt, in dessen schwarze Pelzdecken sich die reizende Gestalt der jungen Landrätin schmiegte, an ihm vorüber.
Kutscher und Diener in schwarzen Pelzkragen und Mützen, von dem Rücken der feurigen Rappen über dem! silbernen Glockenspiel schwad-weiße Federbüschel wehend—। darüber eine klare, winterliche Mittagssonne, die rotes Gold aus dem Haarreichtum der schönen Insassin des Schlittens lockte.
Tressenberg war mit der Rechten blitzschnell an die Pelzmütze gefahren. Eine fliegende Röte huschte bei dem freundlichen Gegengruß Hanna Gerhardts über seine farblosen Wangen.
Während er dem eleganten Gefährt nachsah, überkarN ihn ein wütender Zorn auf sich selbst, oaß er schwach genug gewesen war, jemals einem Menschen, und noch dazu einer Frau, die ihm eine Fremde war, sein wahres Wesen zu. zeigen.
Als er damals den ihm verhaßten Beruf angetreten, der eine Kluft aufgerissen zwischen ihn: und all dem, was' ihm des ernsten Strebens wert gewesen, der ihm die Pforten seiner erträumten Zukunft für immer geschlossen hatte, nur, weil er bei niemandem Verständnis gefunden für sich und seine nach geistiger, freier Arbeit dürstende Seele, da hatte seine Bitterkeit den Wunsch gezeitigt, daß fortan lein ganzes Leben eine einzige Lüge sein sollte gegen all diese egoistischen, teilnahmlosen Menschen, die erbarmungslos eines anderen Schicksal nach eigenem Gutdünken zu formen wagten. Er hatte sich gefreut, sie alle zu hintergehen.
Und nun eine einzige halbe Stunde, traumhaft rosiges Dämmerlicht, verführerischer Blumenduft und die Nähe eines jungen, schönen, warmfühlenden Weibes — und das ganze Gebäude seiner Lügen lag wie ein Kartenhaus, umgeweht vom Hauch eines Mundes. Hanna Gerhardts Erscheinung war für ihn die lebendige Verkörperung einer zwiefachen Demütigung, die jener denkwürdige Ballabend ihm bescherte.
Der Schlitten hatte in einiger Entfernung gehalten und die Landrätin, welcher der rasch vom Bock gesprungene Diener behülflich gewesen war, auszusteigen, war in bad. Haus getreten, dessen Parterrewohnung Tressenberg bewohnte. Der Diener war auf dem Trottoir stehen geblieben und unterhielt sich mit dem Kutscher, welcher üt tadelloser Haltung dasitzend, beständig den Eingang des Hauses im Auge behielt.
Als der Offizier sich näherte, drehte der Diener sich um und stand dann halb erfreut, halb verlegen Tressenberg gegenüber, ungewiß, wie er sich benehmen sollte. In des Offiziers Gesicht malte sich grenzenlose lieber*, raschnng. .
„Franz!" sagte er, den jungen Menschen mit dem ehrlichen, hübschen Gesicht erkennend, „wo kommst du", et verbesserte sich, „wo kommen Sie denn her?"


