Mittwoch den 18. Aezemver
1907
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Are reckte Kand.
Eine Weihnachtsgeschichte von Reinhold 0 r t tu (tun.
(Nachdruck verboten.) lFortsetzung.)
„Wer da ist doch nichts zu verbergen," sagte er. „Das Mädchen ist seit langem heimlich verlobt mit dem Gutsver- wclter von Neuensee. Und da ich öfter mit ihm zusammcn- fonntte, gibt sie mir gelegentlich eine Bvtschast für ihm Das ist alles, und du wirst doch nicht etwa geglaubt haben — —"
Die plötzliche Röte seiner Wangen bewies, wie nahe ihm ihre Vermutung gegangen war. Und darum erwiderte sie herzlich:
„Ich für meine Person hätte gewiß nichts Tadelnswertes darin gesehen. Es ist ein so hübsches und liebenswürdiges Mädchen."
„Und wenn sie die Krone aller Schönheit wäre —!" rief er fast leidenschaftlich erregt. „Tu solltest es doch wahrhaftig am besten wissen, Erika, daß es für mich ans der ganzen Welt nur eine Einzige gibt, die mir mehr sein könnte als--"
„Tu hast es also noch imtnev nicht verwunden? Und ich glaubte, daß alles anders geworden sei, seitdem ich dir gesagt habe, datz ich niemals mehr als die herzlichste und innigste schwesterliche Liebe für dich würde empfinden kötmen."
„Wie hätte cs dadurch für mich anders werden sollen, Erika? — Ich habe dir damals versprochen, dich nie mehr mit meinen Bitten zu belästigen. Und ich denke, daß ich mein Wort gehaltcit habe. Mehr aber darfst du nicht von mir fordert!."
Sie blieb ihm die Antwort schuldig. Und als sie sich jetzt wieder an dein Christbaum zu schaffen machte, geschah cs wohl nur, weil sie ihm- den Anblick ihres Gesichts entziehen wollte. Er wartete noch eine kleine Weile, datin ging er wortlos zur Tür. Schon hatte er die Hand auf den Drücker gelegt, als er sich von einer leisen, zaghaften Stimme bei seinem Namen gerufen hörte. Schnell war er wieder bis in die Mitte des Zimmers zurückgekehrt.
„Wolltest du mir noch etwas sagen, Erika?"
Ihr Köpfchen war noch immer von ihm abgewendet, als sie stockend und kaum vernehmlich erwiderte:
„Wenn du dich mit deut begnügen könntest, was ich dir zu geben vermag — und wenn du mir versprechen wolltest, datz ich zu Lebzeiten deiner Mutter niemals genötigt sein soll, Greifenhagen zu verlassen--"
Ueber sein schmales Gesicht ging cs wie eitel Verklärung, aber noch schien er nicht au die Wirklichkeit dessen glauben zu könnetr, was er da vernahm.
„Ist das dein Ernst, Erika? — Du wolltest —"
Sie aber nahm all ihren Mut zusammen.
„Ja — ich will deine Frau werden, wenn btt mir niemals einen Vorwurf daraus machen willst, datz ich — datz ich ohne die wahre Liebe--"
Mit zwei ungestümen Schritten war er an ihrer Seite, und wenn er cS auch nicht ivagte, sie stürmisch ztt ttmfangett, so ergriff
er doch ihre beiden Hände, die sie ihm- ohne Widerstand überlief.
„Nein — nie — nie werde ich das tun! — Und mein ganzes Leben soll nichts anderes sein als eilt einziges großes Dankopfer für das Gnadeiigeschenk, das du mir da gemacht hast. Aber ist es denn auch wahr? — Du willst mir angehören? — Ich soll dich von dieser Stunde an als mein Eigentum betrachten, als meine geliebte, augebctete Braut?"
Sie nickte mit glühendent Gesicht, mib für einen Moment sank ihr Köpfchen an seine Schulter. Aber als er einen schüchternen Versuch machte, sie zu küssen, hatte sie sich ihnr gleich wieder sanft entzogen.
„Ich mochte nicht, daß du der Tante heute schon eine Mitteilung davon machst", sagte sie, obwohl ich ja weiß, datz sie einverstanden sein würde."
„O, es ist der Lieblingswunsch ihres Herzens. Aber es soll alles geschehen, wie du es haben willst, Liebling! — Niemand soll etwas von unserem Geheimnis erfahren, die Mutter so wenig wie Egon."
„O, was Egon betrifft, so will ich dir keine Verpflichtung auserlegen, zu schweigen. ■— Ja, ich möchte dich sogar bitten, ihm auf der Herfahrt eine Andeutung zu machen. Es — es wird so vielleicht am besten sein für uns alle."
Sie hörten draußen wieder das Geräusch des von einer festen Hand aufgestvtzenen Stockes, und Erika drängte ihren Vetter, zu gehen, ehe die Amtsrätin einträte. So sand er nicht mehr Zeit, eine Frage an sie zu richten oder auf ihre letzten Worte zu antworten.
Als sich die Tür hinter ihnr geschlossen hatte, legte das junge Mädchen beide Hände vor das Gesicht.
„Wenn ich ein Unrecht getan habe, so möge Gott mirs verzeihen", ging cS durch ihre Seele. „Er allein tvcitz, datz ich nicht anders konnte".
*
Tie fahle Sonne des Wintertages neigte sich schon ihrem Untergange zu, als der Hamburger Schnellzug in den Bahnhof der kleinen Station einfuhr. Suchend glitt Walter Harringhaus' Blick an der langen Wagenreihe dach,.. Und er könnte den Erwarteten nicht wohl übersehen, denn die hohe Gestalt im grauen Kaisermantcl, die da mit etwas schwerfälligen und müden Bewegungen einem Abteil entstieg, ragte fast um Haupteslänge über menschliche Durchschnittsgröße hinaus. Ein energisches junges Gesicht wurde unter dem weichen Filzhut sichtbar, aber cs war fast erschreckend hager, und die lebhaften dunklen Angen lagen tief in den bläulich umschatteten Höhlen.
Walter war heftig erschrocken Liber das veränderte Aussehen des Bruders, der sich in blühendster Mannesschönhcit auf Greifenhagen verabschiedet hatte, ehe er bei seinem Ucbertritt zur Schutztruppe die Ausreise nach Südwestafrika angetretetr, aber er bemühte sich mannhaft, seine Bewegung zu verbergen, als er auf den Hcimgekehrten zutrat, um ihn mit brüderlicher- .Herzlichkeit zu begrüßen. Er hatte den vor ihm Stehenden umarmen wollen, der aber kam ihm zuvor, indem er ihin unter dem weiten Mantelkragen hervor die linke Hand entgegenstreckte.
„Da hätten wir uns also wieder, mein Junge!" sagte er


