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mit etwas forciert klingenbec Heiterkeit. „ES war doch hiibsch von den Hereros, dasz sie mich nicht ganz und gar abgcschlachtet haben — gelt? — Wenn ich in den letzten Wochen manchmal anderer Meinung gewesen bin, so habe ich die Versündigung doch bereut, feitbem ich vom Wagensenster aus die heimatlichen Aecker wiedergesehen habe. Und im Weihnachtsschnee obendrein! Es wäre doch schade geivesen, wenn ich den Christstollen der Mutter nicht wenigstens noch ein einziges Mal hätte kosten talrfen. — Ah, da ist ja auch Seyfsert! — Grüß Gott Alter! — Hier ist der Gepäckschein. — Bis Sie meinen Kvffer auf dem Schlitten verstaut haben, werde ich mir mit meinem Brüder noch ein bissel die Füsse vertreten."
Tas alles war hastig und überstürzt herausgekommen, wie lvenn er durch be»t Schwall seiner Rede allen au ihn gerichteten Fragen znvorkommen wollte. Auch deik Gepäckschein hatte er den» Kutscher mit der linken Hand überreicht, und er hielt sich geslissentlich an der rechten Seite des Bruders, als sie nun auf dem hinter dem Bahnhofsgebäude entlang führenden Wege Über den kriisternden Schnee hinschritten.
„Wie siehts aus auf Greifenhagen?" fragte er. „Alles dein» Alten? — Hast du der Mutter von meiner Heimkehr gesprochen?"
„Nein, Erika uceinte, baß es besser sein tviirde, sie mit deinen» Erscheinen zu überraschen."
„So? — Meinte sie das? ■— Ihr also hast du meinen Brief gezeigt?"
„War das gegen deinen Wunsch, Egoil?"
„O nein — es ist ja jetzt alles ganz gleichgültig. Aber das mit der Ueberraschung--steh, mein Junge, ich kehre
eigentlich sozusagen nur zur Hälfte nach Greifcnbagcn zurück. Dinen wesentlichen Teil meiner Person habe ich drüben in Afrika Hurücklassen müssen."
Er lüftete mit einer schnellen Bewegung den tief herab- sallenden Kragen seines Mantels. Und mit einem unwillkürlichen .Aufschrei des Schreckens erhob Walter die Hände. Der rechte Bermel des bürgerlicher» Rockes, der» sein Bruder trug, hing schlaff und leer herab.
„Egon — barmherziger Gott! — Dein Arm--“
„Mutzte mir drüben amputiert werden, als die Schutzwunde in» Ellbogengelenk ansing brandig zu werden. — Es geschah guf meinen ausdrückliche» Wunsch, datz der Mutter nichts davon geschrieben ivurde. Ich dachte, sie erftihre es noch immer früh genug, datz ihr Aeltestec nur noch ein elender, hilfloser Krüppel ist."
Ter andere tvar kreidebleich geworden, und an seinen Wiinpern Hingen schwere Tränen. Ec wollte sprechen, aber cs war ein vergebliches Würgen, denn die Worte blieben ihm wie fremde Gegenstände in der Kehle stecken.
Mit einem kleinen, bitteren Lächeln legte ihn» Egon die einzige Hand auf die Schulter.
„Nimm dirs nicht so zu Herzen, mein Junge! — Ich habe ja arlch zuerst an den Revolver gedacht, als ich aus der Narkose »erwachte und nur noch den arnlseligen Stumpf an der Schulter Hatte. Jetzt aber habe ich mich sclwn so ziemlich damit abge- lunden. — Schließlich kommt es doch für die Zufriebeirheit nur darauf an, was man vom Leben verlangt, sind ich verlange gar nichts mehr als eine« Winkel, in den ich mich verkriechen kann, ohne allzusehr vom Mitleid der lieben Nebenmenschen belästigt zu werden. — Hier aus Greifenhagen kcmus ja »licht sein, aber ich hosse, irgendwo wird er sich schon firÄen."
Ter Kutscher kam mit der Meldung, datz der Koffer des Herrn Oberleutnants aufgeladen sei, und sie gingen zum Schlitten. Als Walter sich fürsorglich bemühte, dem Bruder die Pelzdecke Über die Knie zu breiten, lachte Egon bitter auf.
„Siehst du, mein Junge — das ists, rvvvor ich mich fürchte, Nikd was mir die Sache zuweilen »wch so schlver macht. Ties verdammte Mitleid! An alles könllte ich mich zuletzt gewöhnen: an Haß, Verachtung, ja, vielleicht sogar an verschmähte Liebe — nur nicht an dies Mitleid, das mir auf den Gesichtern mch in den Handlungen der Leute entgegentritt, auch wenn sie taktvoll genug find, es nicht in Worte zu fassen."
lCchlutz solgr.)
Von der Werf,kroße.
Original-Artikel der „Gieß. Familienblätter". lNachdruck verboten.)
Der Arzt hatte die Untersuchung beendet. „Es fehlt Ihnen nichts, Sie sind abgearbeitet, abgeärgert, nervös. Nehmen Sie Urlaub."
»Ja, aber wohin? Schweiz, Seebad, Nordkap?" „Nichts von dem ---"
„Doch feilt Sanatorium?"
„Bewahre, dazu sind Sie doch nicht herunter genug. Gehen Sie in die Bergstraße. Irgend wo hin zwischen- Heidelberg und Darmstadt, es ist dort überall schön."
„Was, so nah? Noch in Hessen?"
„Tun Sie, was ich Ihnen rate. Sie gehen fleißig spazieren, lasse»» den Alkohol weg, Durst ist Einbildung, und reiben sich zweimal täglich kalt ab. Gott befohlen."
Mein Doktor setzte seinen mächtigen Panamahut auf, stieg in seinen Wagen, die Rappen zöge,» an und in; kurzem wehte sein langer schwarzer Bart um die Ecke.
Und sonnt wohne ich seit vier Wochen in Auerbach, habe mich zum vollendeten Faulenzer und Vielfraß ausgebildet, ich, der ich wochenlang kein Essen sehe», konnte; und unser guter Doktor hat wieder mal Recht gehabt.
Laut Verkündigung der an rotweißem Pfahle befestigten Ortstafel ist Auerbach ein Dorf. Worüber ich mich wundere. Man müßte sich denn gerade in Nebengäßchen verlieren, in denen man's merkt. Von Bensheim an ist die Hauptstraße besetzt mit einer zusammenhängenden Reihe der prächtigsten Villen, Seitenstraßen zweigen ab, kurz, eine neue Villenstadt ist vorhanden. Die Hanpt- straße ist mit Linden- und zwischen Auerbach und Zwingenberg mit großen Nnßbäurnen besetzt. Elektrische Beleuchtung und Wasserleitung haben die Villen dieser Pfarr- dorsbauern, die das Problem, gesund zu wohnen, so ziemlich gelöst haben.
Fragt matt sich, warum nun gerade hier ein Zu- fammendrängen dieser reizenden Wohnstätten zustande kom, abgesehen von anderen Villenorten der Bergstraße, so löst sich diese Frage durch eine» kurzen Spaziergang, aus welchem Sie mich begleiten.
Wir überschreiten in Bensheim das Eisenbahngleise und wenden uns westlich, nach Lorsch zu. Wir passieren die letzten Häuser von Bensheim und gehen ans guter Straße ir der Ebene noch einen Kilometer weiter. Nun drehen Ete sich einmal rum.
Eine anmutige und eigenartige Aussicht zeigt sich. Die Ebene wird uns gerade gegenüber durch ehren mächtigen Halbkreis ansehnlicher Berge abgeschlossen, die sich fast unvermittelt steil erheben, wie eine riesige Mauer. Nach Norden steht das stumpfkegelige Massiv des Melibokus mit seinem putzigen Türmchen, neben ihm, wie ein guter Kamerad, Schulter an Schulter, der Auerbacher Schloßberg, gekrönt Voir prächtiger Ruine, an diese»» schließt sich der etwas niedrigere Kirchberg an, der ein Tem- pelchen trägt, das von Weitem an das der athenischen Nike erinnert; auf den Kirchberg folgt, nach Heppenheim zu, eine unu»»terbrochene Kette von Berget» und Hügeln. Zwischen diesen vorderen Bergen steht, die Lücken ausfüllend, eine zweite Schlachtordnung. In der Tat eine vollkommen drchte, hohe Mauer als unntittelbarer Abschluß der weiten Ebene.
Die Folge dieser günstigen geographischen Lage »st die Fernhaltung der gefährlichen Nord- ntib Ostwinde, teilweise auch der Westwinde von diesem geschlossenen Halbrund. Und so wandelt der Mensch auf windgeschützten und staubfreien Wegen, während hoch über ihm der Roden- steiner aus den Gründen des Odenwaldes daherbraust und mit jeinen johlenden wilden Jägern auf dunklen ungeheuerlichen Wolkenrossen hinunterrast an die Weidennser des Vater Rhein.
Und in diesen Halbkreis, der an geschützter Lage den Orten am Fnße der Seealpen von Genua an bis Nizza zu vergleichen ist, liegt, flankiert von Bensheim und Zwingenberg, Auerbach richtig in die Mitte geschmiegt, in dem allerschönsten, allerwärmsten Plätzchen, geschützt von seinen» getreuen Eckhard, dem Schloßberg, der ihm zürnst:
„Und seh ich auf der Heide dort
Im Sturme dich. . .
Mit meinem Mantel vor dem Sturm Beschütz ich dich."
In Auerbach, bezw. dem ganzen Villenquartier, be- gegnen wir auf den Hauptstraßen vielen Sommer- frijchlern. Ich fand eine große Anzahl lohnender Ausflüge und fragte mich oft, wenn ich ruhend unter dem Stamme einer Edelkastanie saß oder im schattigen Garten: Bin ich denn wirklich hier in Hessen? Besonders hübsch sind di« Anlagen am Brminenweg bei Bensheim, die i»


