Ausgabe 
18.11.1907
 
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Platz zu setzen ist. Dieser Stein, viele Zentner schwer, mit einem schweren eisernen Anker wurde auf eine Entfernung von acht Minuten durch die Luft geschleudert und schlug in dem betreffenden Hause drei Stockwerke durch. Mein Lebtag habe ich nicht sovielblaue Augen" bei Frauen und Mädchen gesehen, als damals. Allen, die um diese Zeit an den nach der Straße führenden Fenstern gesessen hatten, waren die Scheiben in die Augen geflogen.

Der Abend brach rasch herein, da gab es neue Not. Durch die Schelle wurde bekannt gegeben, daß kein Gas­licht angezüudet werden dürfe, weil man (mit Recht) fürchtete, die Rötzrculeitung sei defekt geworden und es könnte noch Feuersgefahr zu dem andern Unglück hinzu- treten. Waren nun schon vorher die Glaserläden von allen Seiten bestürmt worden wegen der Fenster, so rief jetzt alles nach Oellampen (Petroleum kam damals erst auf) und Stearinkerzen. Dieser Mangel an dein gewohnten Gaslicht machte die ganze Situation noch ängstlicher. Für die Nacht wurden die Fensteröffnungen mit Brettern zu- gefchlagen; zudem trat noch eine empfindliche Kälte ,e i it.

Wie aber gleich auch das größte Unglück ausgenutzt wird, das zeigt sich auch hier. Noch nicht 10 Minuten nach der Katastrophe, und alles, was Schusterjunge war, lief auf die Straße und las das Glas auf, es diente zunr Schaben der Sohlen.

Natürlich brannte eine Frage auf aller Herzen: Wie ist d ie Exp lo sion entstand en? Unvorsichtigkeit war ausgeschlossen, es mußte ein boshafter Anschlag sein. Die echten Mainzer redeten gleich von den Preußen, die schuld sein sollten. Die Preußen waren in Mainz nicht beliebt, das kam einmal von der Konfession, sodann weil den leichtbeweglichen Mainzern der norddeutsche Ton nicht gefiel, wohl auch deswegen, weil die Preußen, in dem Bewußtsein, unter der allgemeinen Wehrpflicht zu stehen, sich etwas mehr einbildeten und sich nicht zu allerlei Ar­beiten gebrauchen ließen wie die Oesterreicher. Allein die Schuld der Preußen war ausgeschlossen, iveil die Oberaufsicht über das Pulver in den Händen der Oester- reicher lag, während die Preußen das Geniewesen hatten. Soviel steht fest, wenn man es damals auch nicht Wort haben wollte: Ein österreichischer Feuerwerker ging zwischen 12 und 2 Uhr in das Magazin; der Posten, der damals in den geraden Stunden abgelöst wurde (jetzt in den un­geraden) sah ihn hineingetzen, herausgehen sah ihn niemand, denn der Posten, der nachher aufzog, war ein Kind des Todes geworden. Es hatte an selbigem Nachmittag in dem Festungsgelände eine Art militärisches Turnfest sein sollen, wozu das Offizierkorps geladen war. Um 3 Uhr sollte die Festungsbrücke passiert werden. Durch ein un­vorhergesehenes Hindernis war das Fest abgesagt worden, und zwar kurz vorher. Es war also offenbar ein An­schlag auf das Leben der Offiziere gewesen. Bon dem Feuerwerker fand man unter den Trümmern nichts als den Knauf des Degens.

Dieses war damals die unter dem Publikum herrschende Meinung.

Großartig zeigte sich die Menschenliebe bei diesem Un­glück. Ungeheure Summen wurden gespendet, besonders auch von Oesterreich aus. Besondere Anerkennung erhielten auch einige Genieoffiziere, welche unmittelbar nach der Explosion durch unterirdische Gänge in die Tiefe stiegen, die entstanden war, um sich von der noch drohenden Ge­fahr zu überzeugen und Anordnungen zu treffen, der Ge­fahr zu begegnen. Ebenso verdienten und erhielten An­erkennung die Mitglieder der Mainzer Feuerwehr, welche, ihres Lebens nicht achtend, den Explosionsherd unter Wasser setzten.

Wer heute nach Mainz kommt, sieht keine Spur mehr

an der Stelle von all dem Schrecklichen. Das Gautor ist abgebrochen und die Stadt dehnt sich aus, wo einst nur Mauern und Gräben zeugten von derBundesfestung" Mainz, Mainz ist erst jetzt auf dem Wege, im wahren Sinn des Wortes dasgoldene" Mainz zu werden.

Literarisches.

/s-ra-.-r11 lseau. Bon Professor Dr. L. Geiger. 8°. Wigenichaft und Bildung, Bd. 21.) 160 Seiten mit einem Porträt. In , Originalleinenband Mk. 1.25. Verlag von Quelle und Meyer in Leipzig. Er war einer der eigenartigsten. Menschen, die ie gelebt haben. Wir finden in ihm die Mischung der verschiedensten Eigenschaften. Wohl selten gingen in einem Leben Wollen und Handeln so weit aiiseinander wie bei ihm Dem entspricht die Beurteilung, die ihm zuteil ward. Von den einen bewundert, von den anderen gehaßt, reicht sein Einfluß bis zur Gegenwart, die sich noch immer mit seinen Ideen und Schriften auseinanderzusetzen hat. Daß die psychologische Ana- lyse eines solchen Mannes, die zugleich auch eine Einführung iil seine Werke bietet, auf Interesse rechnen, muß, bedarf feiner Begründung. Wie ein Roman lesen sich diese Schilderungen von Rousseaus lvechselvoller Kindheit nnd Jugend, seiner ersten Pariser Leit, seine Beziehungen zu Therese Levasseur und zu den übrigen Frauen seines Kreises. In lebensvollster Weise lernen wir sein Verhältnis zu allen Fragen seiner Zeit, zum Theater nnd zur Musik, zum Staate, zur Religion und Erziehung kennen und verstehen erst so seine Werke. Wer den Einfluß verstehen will, den Rousseau in Deutschland auf unsere größten Dichter und Denker sowie unsere ganze Literatur ansgeübt hat, wird zn dieser Biographie greisen müssen.

Meister Heinrich. Eine Mär aus der Zeit der Bauernkriege in Salzburg und Gastein von Franz Wolfram. ~ Der Verfasser schildert einen Ausschnitt aus der Zeit des Erzbischofs Matthäus Lang (15191540), als die salzbnrgische Banernschaft sich erhob und an den Felsmanern der Hohensalz­burg die Köpfe blutig rannte.

, . Kürschners Jahrbuch 1908. Welt- und Zeit- spiegel, Kalender, Geographisch-Statistisches Handbuch und Ver­kehrslexikon. Begründet 1898 von Joseph Kürschner. Heraus­gegeben von Hermann Hillger. (Broschiert 1 Mk. Berlin uni» Leipzig. Hermann Hillger Verlag.) Gleich seinen Vorgängern bringt auch der elfte Jahrgang wiederum eine Fülle an Wissens­stoff. Ereignisse und Fortschritte des verronnenen Jahres, neue Erriingenschaften menschlichen Lebens und Strebens sind in diesem Nachschlagebuch zu einemWelt- nnd Zeitspiegel" verarbeitet worden. Ein Unikum seiner Art, diesKürschners Jahrbuch"..

Mainzlarev Hausfprüche.

Gesanunelt von St. K.

Unglückselig ist der Mann, Der tut, was er nicht kann, Der unternimmt, ivaS er nicht versteht, Mars Wunder, wenn er zu Grunde geht?

Wie ihr hier im Bild könnt sehn, Zivei streitend gegenüber stehn.

Indessen melkt m guter Ruh Der Jldvokat die kette Kuh.

*

Ihr Leute laßl's Prozessieren sein, ES bringt Euch nimmermehr was ein.

Verloren geht bald Kalb und Kuh, Samt Haus und Hoi und ihr dazu.

BrlÄem'ätfel

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer: Toledo, Torpedo.

Redaktion: P. Wittko. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schm Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.