1907 — Yr. 171
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Auf der eigenen Spur.
Kriminalroman von Otto Hoecker- lNachdruck verboten.) tFortfetzung.)
„Tas sagte ich mir schon selbst. Wie es immer so geht, einem verhängnisvollen Mißgriff folgt sogleich der zweite. Ms ich sah, daß in bem allzu kühn von mir unternonrmenen Vä- Manque-Spiel das Glück sich von mir zu wenden begann und die Amtspflicht mich zwang, meine eigene Spur mit verfolgen zu helfen, da hätte ich — wenigstens Ihnen gegenüber — den Mut zur Wahrheit finden sollen. So aber, wie blind und taub gegen jedewede bessere Einsicht und gänzlich von der wahnsinnigen Angst unterjocht, mein Vergehen möchte an Tageslicht gezogen werden, versteiste ich mich auf die einmal behaupteten Umstände . . . und zum erstenmal wurde ich selbst zum ge== hetzten Wild und hatte Qualen eines sich entdeckt sehenden Uebel- täters durchzumachen. . . und da erwachte ich aus diesem unmännlich verzagten Brüten. Nein, ich will nicht lügen und könnte ich dadurch meine Zukunft auch retten. . . wenigstens Sic und . . . und Fräulein Hermine sollen mich nicht ver- ackten dürfen, müssen Sie auch gleich den Stab über mich brechen. . . und darum beschloß ich. Ihnen die Wahrheit zu bekennen. . . also ja und wieder ja!" rief er in immer leidenschaftlicherer Erregung. „Ich wußte, daß der Tote Gustav Schuhmacher war."
„Als ich mit Ihnen vor die Leiche trat, erkannte ich sie auf den ersten Blick. Der Schreck über dieses unvermutete Wiedersehen lähmte mich, mir wurde schwach und ich mußte gewaltsam gegen mich ankümpfen, um nicht hinauszuschreien, was mir das Herz bewegte."
„Bon welchem unvermuteten Wiedersehen sprechen Sie?" forschte Hansemann kühl. „Ich denke. Sie wollen ess nicht bei der halben Wahrheit bewenden lassen?"
„Das will ich auch nicht. Sie sollen alles erfahren Herr Rat", entgegnete Walden, der auf den Sinn der Zwischenfrage gar nicht zu achten schien. „Während Sie teilnehmend damals auf mich eiusprachen, arbeitete mein Gehirn krampfhaft, um einen Ausweg zu ersinnen, der cs möglich machte, die Identität des Toten zu verheimlichen — Sie werden bald erfahren, warum. Erst auf der Fahrt zur Morgue indessen kam mir die Erinnerung an einen vielseitig gesuchten internationalen Einbrecher, dessen Operationsfeld dem Gebiete ähnelte, auf welchem der unglückliche Gustav Schuhmacher eine so verhängnisvoll endende Gastrolle gegeben, und da tauchte in mir der unselige Plan auf, den Toten für den steckbrieflich verfolgten Verbrecher aus- zugcben — auf diese Weise, so rechnete ich, würde man jedes weitere Forschen nach seiner Identität aufgeben und ihn als den vermeintlichen berüchtigten Verbrecher begraben. Der Zufall wollte es, daß Gustav Schuhnisicher sich zuvor in Newyork, London und Paris aufgchalteu, denselben Großstädten, die hinter dem mysteriösen Einbrecher her sind; seiner eitlen Schwäche entsprach es, sich überall photographieren zu lassen, und zwar mit seiner auffälligen Narbe. Gerade dieser Umstand, der mir
für den Identitätsnachweis entscheidend schien, sollte meinen Plänen gefährlich werden uird sie zu einem kläglichen Schiffbruch treiben. Ich verschaffte mich also die Bilder. Mit Ber- tillonschen Maßstudien habe ich mich von jeher fleißig befaßt: es gibt kaum eineu meiner Bekannten, den ich nicht auf solche Weise gemessen hätte. Ich nahm also drei von dessen Photographien und tauschte sie gegen die Bilder des im Verbrecheralbum Verewigten um. Die entsprechenden Maßkarten neu ait- zufertigen bereitete mir keine Schwierigkeiten, umso weniger, als ich vou jeher große Fertigkeit in der Nachahmung andere« Handschriften besaß. Hätte nicht der Zufall in seiner unberechenbaren Laune gerade Rokohl früher schon häufig mit Gustav Schuhmacher zusamnientreffen lassen, so würde mein Betrug niemals entdeckt worden fein, ich hätte meine Absicht durchführen und von meinem Herzen teueren Personen viel Kämmer und Schande feruhalten können. Es hat nicht sollen sein. Das Schicksal hat nicht nur gegen mich entschieden, sondern es auch gewollt, daß ich selbst um den ehrlichen Namen komme!" Mit einem dumpfen Aufseufzen brach er ab.
Der Rat stand mit finsterem Gesicht, die Arme über die Brust gekreuzt. „liebet die Tragweite Ihres bisherigen Geständnisses sind Sie sich wohl klar", versetzte er unfreundlich. „Ich nehme an, daß Sie einen besonderen Beweggrund gehabt haben müssen, denn ohne zwingenden Anlaß wird wohl kein bis dahin untadelig erfundener vielversprechender Beamter zum Verbrech . . . zum Gesetzesübertreter", mäßigte er unwillkürlich seinen scharfen Ausdruck, als er das bange Zusammenzucken seines Gegenüber gewahrte.
„Ich habe einen Grund, der mich handeln ließ", sagte Walde:: leise, und mit neuem, dumpfen Atemzug setzte er hinzu: „Der Mann, den ich so unvermutet vor mir iit der stickigen Polizeiwachtstube auf hölzerner Pritsche tot ausgestreckt liegen sah, stand meinem Herzen nahe, er war mein Stiefbruder."
„Ihr Stiefbruder!" fragte der Rat starr, indem er gebieterisch seiner Tochter Schweigen zuwiuktei, „Allmächtiger!" Er trat hart au beit Beichtenden heran und faßte ihn derb an die Schulter. „So war es Ihr eigener Bruder, den Sie — doch weiter, weiter!" herrschte er ungeduldig, sich brüsk unter- brechend. „Nun ist freilich vieles klar. Doch darüber sprechen wir später!"
Walden nahm offenbar keine Notiz von dem ungünstigen Eindruck, beit seine Mitteilung auf Hansemann gemacht; er fuhr leise fort, cs dabei vermeidend, beit Blicken der int Zimmer Befindlichen zu begegnen:
„Ja, Gustav Schuhmacher war mein Stiefbruder. Man soll beit Toten nichts Uebles Nachreden — und mir besonders widerstrebt es, denn ich habe Gustav wie einen Bruder geliebt — ich habe i mm er mit leidenschaftlicher Liebe an ihm gehangen. Tie Ehe meiner Mütter mit seinem Vater war kur» und stürmisch. Viel Schuld auf der einen, viel Herzeleid auf der anderen Seite. Meine Mutter sprach nie wieder von ihm, der mit eigener Hand fein Leben geendet. Doch wenn sie auch später meinen Vater heiratete, an dessen Seite ihr auch nur eilt


