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pflege sprach u. ä. Prof. Dr. C. I. Fuchs aus Freiburg i. B. über die „Gartenstadt". Die Gartenstadtbewegung ist als praktisch erfolgreiche Bewegung zuerst in England entstanden. Dort hat die Trennung des Wohnorts von der Arbeitsstätte namentlich für die Arbeiter vielfach ein zu großes Maß angenommen. Die Gartenstadtbewegung erstrebt demgegenüber in England die Beseitigung der Ueber- völkerung der Städte einerseits und der Entvölkerung des platten Landes andererseits durch Dezentralisation der städt. Bevölkerung und ihrer Arbeitsgelegenheiten, also insbesondere der Industrie. Sie bezweckt also die Schaffung neuer Industrie- uud Wohnorte von 30000 Einwohnern, welche einen eigentlichen Stadtkern mit Handel und Gewerbe haben sollen, um den sich gartenmäßig angelegte Wohnviertel und dann auf dem größten Teil des Geländes kleine landwirtschaftliche Betriebe herumlegen sollen. Es sollen also dadurch zur Deckung des Bedarfs dieser neuen Städte an landwirtschaftlichen Produkten gleichzeitig landwirtschaftliche Kleinbetriebe geschaffen werden, und so eine engere Verbindung von Landwirtschaft und Industrie, von Stadt und Land hergestellt werden. Als notwendig für die Sicherung dieses Zweckes wird dabei Gemeineigentum der Stadt an ihrem ganzen Gelände erachtet. Der erste in Verwirklichung begriffene Versuch einer solchen Gründung ist die Gartenstadt Letchworth nördlich von London. Vou diesen „Gartenstädten" im eigentlichen Sinn ist die gartenmäßige Anlage von Vororten, d. h. reinen Wohnorten, insbesondere für Arbeiter, in der Nähe der Großstädte zu unterscheiden, also die wirtschaftliche und namentlich ästhetische Reformierung der Suburbs, in denen in England schon jetzt die Mehrzahl der städtischen Bevölkerung wohnt. Hier handelt es sich also um „Gartenvorstädte", nicht um Gartenstädte im engeren Sinn. Musterbeispiele dafür sind in England Port Sunlight bei Liverpool und Bournville. Bei Gelegenheit des internationalen Wohnungskongresses in London hatten vor Wenigen Wochen die Deutschen Gelegenheit, die wunderschönen Gartenstädte in England kennen zu lernen. Trotzdem kann die Bestrebung in Deutschland sich nicht auf gleicher Linie wie in England bewegen. — In Deutschland handelt es sich bei der Gartenstadtbewegung vorwiegend um Gartenvorstädte. Dies gilt auch von der ersten im Entstehen begriffenen Gründung der Deutschen Gartenstadtgesellschaft in Rüppur bei Karlsruhe. Die ausgedehnte Gründung von solchen Gartenvorstädten ist aber von größter Bedeutung für die Emanzipation von der Mietskaserne und damit für die Schaffung gesünderer und kulturell höherstehender Wohnungsverhältnisse- für unsere Mittel- und Arbeiterklassen. Zu ihrer Einbürgerung sind neben entsprechender Gestaltung der Bebauungspläne und Bauordnungen (vor allem Unterscheidung von Wohn- und Verkehrsstraßen und Herabsetzung der Anforderungen für Kteinhäuser) ausgedehnte Anwendung des Erbbaurechts durch Staat und Städte sowie entsprechende Entwicklung der Verkehrsmittel notwendig.
Geh. Oberbäurat Prof. Dr. Baumeister aus Karlsruhe bezeichnete die Gartenvorstadt, so wie sie sich bei uns entwickeln wird, lediglich als eine Stufe in dem System der Uebergänge von Stadt zu Land. Er machte eine Reihe organisatorischer Vorschläge. Bon vornherein muß die zulässige Zahl der Familien in einem Hause begrenzt werden, es müssen Vorgärten und Hintergärten von ausreichender Größe verstanden sein. Alles das geht aber nur bei niedrigen Bodenpreisen. Staat und Gemeinden müssen frühzeitig eingreifen, damit diese nicht in die Höhe schnellen.
Geh. Oberfinanzrat Fu äy s aus Darmstadt berichtete von der Ortschaft Buch sch lag, die auf fiskalischem Gelände von der hessischen Regierung in Gemeinschaft mit einer Frankfurter Baugenossenschaft errichtet wurde. Der Quadratmeter Land wird zu 1 Mk. verkauft, es dürfen nur 1—2 Familienhäuser gebaut werden. Eine größere Bebauung ist auch für die Zukunft verboten. Im Erbbaurecht hätte man dort übrigens keine Ansiedler gefunden.
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* Was braucht eine Dame in London? Man schreibt aus London: In den nächsten Tagen wird in London ein amerikanischer Gerichtsdelegierter eintrefsen, um fest
zustellen, was eigentlich eine junge Dame braucht, um den Ansprüchen der englischen Gesellschaft in einwandfreier Weise zu genügen. Das Newyorker Vormundschaftsgericht ist es, das diese seltsame Studienreise veranlaßt hat; man will ergründen, welche Summen eine junge Amerikanerin zur Verfügung haben muß, um anständig in London leben zu können. Tenn was die jungen Amerikanerinnen im allgemeinen in Europa verbrauchen, kommt den Herren vom Newyorker Vormundschaftsgericht Wohl etwas zu hoch vor. Ein englisches Blatt hat nun nach eingehenden Be-i ratungen mit den fashionablen Modehäusern berechnet, welches Sümmchen ein. junges Mädchen zur Verfügung haben muß, wenn sie ihre Eroberungskünste würdig entfalten will. 15 300 Mark werden als mittlere Turchschnitts- summe angesehen nur für die Erfordernisse der Toilette während einer Londoner Saison. Aber man kann nicht das ganze Jahr in London sein; die junge heiratsfähige Amerikanerin muß auch nach Cowes oder nach Goodwood gehen. Und das bedeutet wieder eine Extraausgabe ftir Toiletten und Zubehör, die mit 5200 Mark nicht zu hoch angesetzt ist. Für kleine Ausgaben, Taschengeld, Vergnügungen und Geschenke wird man mindestens 16 000 Mk. für das Jahr in Rechnung stellen müssen. Mit rund 40 000 Mk. insgesamt kann eine junge Amerikanerin, die keine übertriebenen Ansprüche stellt, sich zur Not in London durchschlagen. Die schönen Töchter der neuen Welt müssen also schon rmmerhin einiges anlegen, ehe die Bräutigamschau Aussicht auf Erfolg bietet. Findet sie dann einen Gemahl mit einem angemessenen Titel, so ändern sich diese Zahlen mit einem Schlage um ein Bedeutendes. Denn die verheiratete Frau, die in London ein Haus machen will, muß mindestens zwei Bälle und vier oder fünf Tiners geben, will sie ihreü gesellschastlichen Pflichten nachkommen. Rechnet , man zü diesen nicht unerheblichen Kosten noch die Hausmiete, Toiletten usw., so ergibt sich ein Budget von 226 000 Mark- Und dabei wird sie sich noch hüten müssen, besondere Liebhabereien zu kultivieren.
* Die Sonne als Brandstifterin. Ueb'er eine merkwürdige Brandursache schreibt Professor Dr. M. Reißer vom Institut für experimentelle Therapie zu Frankfurt in der Umschau: Am 5. August, nachmittags um 5 Uhr bemerkte ich beim Betreten des Laboratoriums, daß die eichene Tischplatte des Laboratoriumstisches lebhaft qualmte, und überzeugte mich, daß die betreffende Stelle glühend heiß war. Ich dachte zunächst an Brand durchs ein Streichholz oder dergleichen, bis ich bemerkte, daß etwa acht Zentimeter von der Stelle entfernt ein mit Wasser gefüllter Einliterkolben stand, der, von der Sonne beschienen, als Brennglas wirkte und zwar so intensiv, daß das harte Eichenholz zu rauchen begann. Ein paar kleine Versuche zeigten die Richtigkeit der Annahme. Tabei war das Fenster geschlossen und die Stelle, an der der Kolben stand, eüoa 3 bis 4 Meter von dem Fenster entfernt. Wäre das an einem Sonntagnachmittag gewesen und ein Brand daraus entstanden, wer hätte wohl an den Kolben gedacht? Sicherlich wäre eine Fahrlässigkeit mit Feuer angenommen worden." Dasselbe Erergnis ist mir schon vor einigen Jahren vorgekommen, als ein Blatt Fließpapier auf dem der Kolben stand, ebenfalls nur durch Sonnenwirkung verbrannte. In Laboratorien, die so häufig Feuergefährliches enthalten, möge man also auf die Sonne als Brandstifterin achten; vielleicht spielt noch einmal der mit Wasser gefüllte Glaskolben eine forensische Rolle, in der Wirklichkeit oder wenigstens im Detektivroman.
Rätsel.
Ich gleiche des Ausruhrs durchlöcherter Fahne, Du stehest mich nagen mit gierigem Zahne,,, Das Haupt mit dein düsteren Schleier gekrönt; Und doch hab' ich ost dir das Dasein verschönt.
Ans Liebchen, ans traute, gemahne ich dich, Du nennst sie mit gleichem Worte rote mich. Wenn aber mein Haupt und mein Fuß mir entweichen, So bleibt dir der Unschuld und Schüchternheit Zeichen.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Silbenrätsels in voriger Nummer: Armenien — Vegrito — Daniel — Dube! — E§ra — Eichenlaub; Andree, Ballon.
Redaktion : P. W i t t do. —^Rotalsonsdruck rmd Berlaa der Brü b loschen Universitäts-Buch- rmd Stemdruckerei. R. Sänne, Gketzev.,


