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besonders begrüßt zu werden. Einen großen Teil dieser Wirkung tragen allerdings die vielen Borforderungen, die in ihrer Gesamtheit nichts weniger als eine allgemeine Bauordnung jener Tage sind. Wir finden die Bestimmungen über Wege und Zäune, über den freizulassenden Raum zwischen den Gebäuden, sowie über Dorfplätze, Kirchhöfe und Anger. Die Zahl und die Größe der zum Bau benötigten Hölzer, selbst Einzelheiten wie Tor, Schwelle, Schornstein, Verschluß, Gatter und vieles andere sind festgelegt. Ziehen wir noch in Betracht, daß nach denselben Quellen, die bis in das 19. Jahrhundert hinein wirksam blieben, eine regelmäßige Schau und gegebenenfalls eine Buße durch die Bauernrichter für die Beibehaltung des Alten sorgten, dann kann man es wohl verstehen, daß ein Sprung in eine neue Gestaltungswelt so gut wie ausgeschlossen war. Gewiß lag auf der anderen Seite auch eine Gefahr in diesem formulierten Konservatismus; denn ebenso treu, wie er das Gute bewahrte, nahm er auch manche schädigende Einrichtung in seinen Schutz, wie den den Wohnräumen benachbarten Dunghaufen, die fehlende Reinigung der Gewässer, das Beieinanderwohnen von Mensch und Tier, ungenügende Ventilation und vieles andere, das wir heute als gesundheitsschädlich bekämpfen. Wenn heute ein Romantiker den modernen Bauernhof wegen seiner schiefen Giebel, seiner dunklen Winkel, seines malerischen Schmuckes preist und ihn in dieser Weise dauernd erhalten möchte, dann können wir diese Requisition einer künstlerischen Wirkung gern Preisgeben, um dafür das sichere Gefühl für das Zweckmäßige und Maßvolle unserer bäuerlichen Vorzeit zu buchen.
Wie steht es nun heute mit unseren Dörfern? Der Grundplan ist zumeist unverändert, weil eine etwaige Umgestaltung die Verlegung der alten Höfe nach sich gezogen hätte. Dafür ist kein Bauer, der noch auf ererbtem Familien- boden sitzt, zu haben; er baut zwar aus und verlegt seinen Wohnsitz, wie besonders häufig der Littauer in Ostpreußen, in die ihm durch Melioration oder Separation zugewiesenen Aecker; aber die alten Höfe bleiben bestehen und werden in der Folge Mittelpunkt einer Unterschicht von kleineren Ackerwirten. Dagegen werden leider allzu oft Haus, Hof, selbst Dorfaue und -straße durch ungezügelte Sucht nach Neuem umgestaltet oder durch Bestimmungen, die nicht immer aus der Natur einer dörflichen Siedlung, die selten aus innerer Notwendigkeit geschaffen sind, sondern sich häufig als weithergeholte papierne Fesseln erweisen. Da find u. a. in Süddeutschland, wo die geschlossene alemannische Bauweise, um vor dem Winde geschützt zu sein und den freien Ausblick zu haben, eine gewisse Unregelmäßigkeit bewahrte, gradlinige Baufluchten ganz ohne zwingenden Grund geschaffen, die kleinen Vorgärten und Ausbauten beschränkt und die Straßen wo-, möglich chaussiert worden. In einem anderen, westpreußischen Dorfe hat man bei der neuangelegten Chaussee nicht nur die schönen alten Bäume, welche die Kolonistendörfer an der Weichsel meilenweit beschatteten, gefällt, weil sie stellenweise wenige Zentimeter in die etwa 6 Meter breite Chaussee hineinragten, sondern auch die malerischen weidengeflochtenen Zäune vernichtet. Als man sah, daß Obst- und Gemüsegärten auch ohne Zaun bestehen konnten, folgten die für jene Gegend charakteristischen Zäune an den Nebenwegen und Aeckern, und mit ihnen verschwanden Strauch und Buschwerk, die sich in ihrem Schutze entwickelt hatten. Der Bauer hatte allerdings doppelt gewonnen; er hatte einen kleinen Streifen für den Wegebau verkaufen und sein Land bis zur letzten Fußbreite ausnutzen können und opferte diesem Zwecke auch gern das bis dahin sorgsam gepflegte Hausgärtchen. Wo anders wieder ist der Weg, welcher sich in leisen Krümmungen den Linien des Geländes oder dem Laufe eines Gewässers anschmiegte, zu einem starren Rennwege geworden aus Gründen, die eigentlich nur aus der schablonenmäßigen Anwendung des Lineals zu erklären sind. Weil die Allmenden zum Teil aufgeteilt sind, hat man auch kein Interesse mehr an dem einzel
stehenden Baum oder an der Hecke; sie werden nur dann nicht zu Brennholz gemacht, wenn sie noch einen anderen Nutzen abwerfen. Und wie das Haus selbst mehr und mehr zu einem armseligen Nachläufer einer verlumpten Borstadtbauweise geworden ist mit all dem Flitter unechten Prunkes und den architektonischen Roheiten des Parvenü- tums, so ist ihm die ganze künstlerische Kleinwelt des' Dorfes gefolgt. Da ist es dann gar kein Wunder, wenn es ein Bauer in Norddeutschland für vornehm hält, seinem ererbten Bauernhöfe ein neues, stucküberladenes Wohnhaus mit einem säulengetragenen Portikus vorzubauen, während der Dunghaufen 6 Meter hinter der Hoffront duftet.
Solche Auswüchse werden ja einmal wegen der ihnen anhaftenden Lächerlichkeit unmöglich werden; dagegen sind jene Einflüsse umso schwerer zu bekämpfen, die im Gewände der Sicherstellung durch das Land schleichen. Was unsere alten Bauernrichter in ihrer schlichten Erfahrung gefunden hatten, daß nämlich nicht zunächst der brennbare Stoff fortzuschaffen, sondern die Möglichkeit eines Feuers zu Verringern sei, daß sie allein aus diesem Grunde die Feuerstellen und -geräte jährlich auf ihren Zustand zu untersuchen haben, das ist heute ausgeschaltet zu gunsten einer Ansicht, die alles Brennbare aus dem Gefüge des Hauses ausschalten möchte. Abgesehen davon, daß wir noch weit entfernt sind von eisernen Möbeln und steinernem Bodenbelag, sollte es doch ausreichend sein, daß das offene Fener auch auf dem Lande immer mehr seine Gefährlichkeit durch die verbesserten Herdeinrichtungen verliert.
Mit der Erweiterung des Verkehrs begann das Unheil. Die Eisenbahn und die Chaussee erforderten nicht nur selbst Neubauten, die natürlich ohne jede Rücksicht auf ortsübliche Bauweise errichtet wurden, sondern sie erleichterten die Zufuhr von Baustoffen, die industriell hergestellt, von vornherein als Fremdkörper in dem Bauorganismus wirkten, und dazu noch ganze Architekturglieder fix und fertig für die Baukastenentwürfe lieferten. In demselben Grade, wie der Ziegelrohbau, Dachpappe, Zink- und Stuckornamente zunahmen, verminderte sich die Mitarbeit der Bauherren, um schließlich ganz zu verschwinden. Damit war endgültig ausgeschaltet, was einstmals eine der wichtigsten Grundlagen bäuerlicher Kunst war: das W erst ä n d- nis für die überlieferte Bauweise. Bisweilen so gründlich, daß selbst geldliche Vorteile nicht vermögen, die Sucht nach städtischer Nachahmung zu unterdrücken. Als in den Bierlanden eine Anzahl der bekannten prächtigen altvierlander Bauernhäuser abbrannte, stellten die Hamburger Behörden den Bauern erhebliche Zuschüsse in Aussicht, wenn sie wieder in der überlieferten Bauweise — natürlich mit Berücksichtigung moderner Woh-rbedürf- nisse! — bauen würden. Nu.r einer von den acht Beteiligten war dazu zu bewegen, trotzdem der einsichtige Pastor und der den Bauern persönlich bekannte Direktor des Hamburger Museums für Künst und Gewerbe es nicht an Bemühungen fehlen ließen. Aehnliche Erfahrungen hat man auch an anderen Orten gemacht*) und die Schuld den Bauschulen zugemessen, welche die ländlichen Maurermeister nur für Stadtfassaden ausbildeten. Trotzdem sind diese allein daftir wohl nicht verantwortlich zu machen, obwohl sie bisher wenig Berständnis für unsere bodenständige Bauweise an den Tag gelegt haben. Wir müssen auch die völlige Ahnungslosigkeit unserer Landleute in künstlerischen Fragen mit in Betracht ziehen, die mit der mangelnden Kenntnis der technischen Vorgänge, die sie aus oben geschilderten Gründen verloren haben, auch eine Einbuße an bäuerlichem Stolz erlitten haben und lieber den städtischen Plunder als ihre wertvolle Heimatkunst schätzen.
*) Hoffentlich sind die Herbsteiner beim Wiederaufbau ihrer Häuser einsichtsvoller. D. Red.
(Fortsetzung folgt.)
Dis Gartenstadt.
Auf der zurzeit in Bremen stattfindenden 32. Berfamm- lnng des Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheits-


