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meinte Hansemann, als sie in die Wohnstube eingetreten waren- „Vielleicht ebensowenig gehört er in das Haus, vor dessen Tür er aufgefunden wurde? Diese Feststellung ist wichtig- Fand etwa in verwichener Nacht in der Nähe eine Festlichkeit statt, an welcher der Verlebte sich beteiligte? — Nicht?"
Er war mit seinen Begleitern an den inzwischen der Mantelhülle beraubten Toten herangetreten und betrachtete sorschend die wächsernen, grimassenartig entstellten Züge, die auch im Leben nicht anziehend gewesen sein mochten, nun aber in dem durch das Fenster nüchtern und kreidig Hereinslutenden Morgenlicht geradezu abstoßend erschienen. Ein blond beschnurrbartetes, noch jugendliches Gesicht, in welches verheerende Leidenschaften manche Rune gezeichnet hatten; die starren Todesaugen fischig grau, das bis tief in die niedrige Stirn gewachsene, gekräuselte Haar schmutzig rot; an der linken Schläfe eine breite, wie von einem Degenhieb herrührende Narbe- Die Hände steckten noch in weißen Lederhandschuhen- Tie letzteren waren, wie der ganze Gesellschaftsanzng, an der oberer: Seite stark befleckt, die Beinkleider an den Knieen aufgeschürft, die weiße Hemdbrust betropft und verknittert- Die oberen Westenknöpfe waren geöffnet, einer von ihnen hing nur noch lose im Knopfloch, wie gewaltsam aus den: Tuche der Weste gerissen- Die Lackstiefel waren an den Sohlen noch beinahe neu, das Oberleder dagegen war bespritzt-
Ter Rat wollte sich gerade kaltblütig an eine genaue Besichtigung des Toten machen, als er durch ein dumpfes Geräusch neben ihm zum Aufschauen veranlaßt wurde- Einer seiner Begleiter, ein schlanker bartloser Mann, hatte den Anblick der Leiche nicht vertragen können; er stand gestützt auf die Arme einiger Beamten, die den Taumelnden durch rasches Zugreifen vor dem Hinfallen bewahrt hatten, mit grünlichem Gesicht, schwer nach Atem ringend-
„Nanu, lieber Walden, Sie werden doch nicht gar nervenschwach?" erstaunte sich Hansemann, besorgt auf den halb Ohnmächtigen zutretend- Dabei winkte er auch schon einem Schutzmann zu- „Oesfnen Sie ein Fenster! Es riecht ja hier geradezu betäubend nach Chloroform-"
Ein Beamter hatte hurtig ein Glas Wasser geholt und reichte es dem noch immer mit seinem Schwächeanfall Kämpfenden. Der ergriff es mit zitternder Hand und leerte es in einem Zuge. Ter kalte Trunk schien ihn neu zu beleben; seine sehnige Gestalt straffte sich und leichte Mte kehrte in seine Wangen zurück- Lächelnd wendete er sich an seinen Vorgesetzten- „Ja, bitte um Entschuldigung, Herr Rat ... ich bin doch sonst nicht nervenschwach ... der Chlorofornngernch muß cs mir angetan haben," brachte er hervor, seinen Stimmenklang zur Festigkeit zwingend-
Rat Hansemann nickte ihm wohlwollend zu- „Tun Sie sich keinen Zwang an, lieber Walden, wenn Sie sich nicht wohl fühlen... ich kann Sie füglich hier entbehren. Gehen Sie an die frische Luft- Kollege Kneift erzählte mir von Ihrer umfassenden Tätigkeit in den letzten Tagen... der hat Sie wohl derb ins Joch gespannt?"
„Ich bin schon wieder ganz erholt," meinte Walden zurück, sich gleichwohl nervös mit der Rechten über die von kleinen Schweißperlen besäte hohe Stirn streichend. „Es war wirklich nur der widerwärtige Chloroformgeruch."
„Um so besser!" versetzte der Rat und wendete sich dem Physikus zu- „Wirklich ein entsetzlicher Gestank — oder nicht, Professor?"
„Kein Wunder," gab der Arzt zurück, der inzwischen trotz der Abwehr des jungen Beamten dessen Puls gefühlt hatte- „Ueber den Rock des Mannes ist offenbar eine ganze Flasche voll Chloroform ausgelecrt worden- Sie sollten wirklich noch etwas in die frische Luft gehen, Herr Walden- Sie sehen noch ganz bleich aus-"
„Lassen Sie mich nur hier am offenen Fenster stehen," gab der junge Beamte schwach lächelnd zurück- „Der Herr Rat hats erraten, ich hatte viel zu tun- Doch ich fühle mich ganz auf dem Posten-"
Er blieb am Fenster stehen, während die Beamten sich der Leiche wieder zuwendeten. Ter Physikus beugte sich über diese, sah näher zu, stützte und beugte sich noch tiefer über das Gesicht des Toten- „Nasenflügel, Oberlippe und Kinn sind stark verbrannt", meinte er, zu Hanjemann gewendet", in gedämpftem Tone- „Tabei wieder dieser unausstehliche süßfade Geruch. Vor geschehener Autopsie läßt sich ja nichts Bestimmtes sagen- Doch schon jetzt hat es den Anschein, als sei dieser Mann gewaltsam durch Chloroform betäubt und aus der Welt geschafft worden-"
Hansemänn war neben den Physikus getreten; nun, die Hände über dem Rücken zusammengelegt, musterte er aufmerksam die untere Gesichtshälfte des Toten- „Hm, dieser verzerrte Ausf-
bruc! und die Mundpartie wollte mir gleich nicht gefallen - . ;■ es mutet wie ein gefrorenes Nachatemringen an- Sie haben einen hinterlistigen Ueberfall im Auge — doch nein!" nnterbrach er sich, „von einem solchen kann keine Rede sein- Bis auf die Schmutzflecken sind die Haudschnhe tadellos, nicht einmal eine Naht ist zerrissen- Natürlich würde sich ein Ueberfallener zur Wehr setzen, gar ein Verzweiflungskampf ums Leben würde den dünnhäutigen Handschuhen übel mitgespielt haben-"
Während des Sprechens ging er um die Pritsche, den Toten unausgesetzt im Auge behaltend- Tann wendete er sich an den Revierleutnant. „Tie Wachnummern von heute nacht!" befahl er
Als die um diese Zeit auf Patrouille gewesenen Schutzleute sich vor dem Rat ausstellten, fragte dieser weiter: „Wann wurde es heute nacht nebelig? - . . Kürz vor 4 Uhr? Gut so. Ter Nebel trat sofort dicht auf, er näßte sehr bald auch Fahrdamm und Trottoirs? - . . Dachte ich mir ... die Sohlen des Mannes! sind trocken. Er hat die Lackstiesel offenbar zum erstenmal angehabt; folglich mnß er schon vor 4 Uhr sich in der gegen Witterungse ins küss e geschützten Nische befnnden haben, zumal auch die Kleidung nur oberflächliche Spritzer zeigt."
Walden, der inzwischen seinen Fensterplatz verlassen und den Erläuterungen seines Vorgesetzten aufmerksam gelauscht hatte, wies auf die Schmutzspuren und die an den Küieen zerrissenen Beinkleider-
„Ganz recht, lieber Walden," fuhr der Polizeirat kopf- nickend fort- „Diese Spuren rühren nicht allein von trockenem Straßenstaub her-" Er wischte über einige der Flecken. „Hier freilich haben wir nur Staub - . . der Mann mag gefallen sein. Augenscheinlich war er stark bezecht- Wer fällt, hat das Bestreben wieder hochzukommen- Dazu braucht man die Hände, zumal deren innere Flächen, um sich zu stützen... die Handschuhs sind nur auf der Rückensläche beschmutzt ... die Handteller sind ziemlich weiß geblieben. Ist also dieser Mann gefallen, so hat er sich nicht aus eigenem Vermögen geholfen, sondern ein Dritter hat ihn wieder ansgehoben- Vermutlich hat ihn dieser beim Arm geführt, da die Kleider nur vorn, nicht aber an den Seiten oder am Rücken stark besudelt sind- Kommt eiu nur auf sich angewiesener Trunkener zu Fall, so pflegt er sich zu überschlagen, also zu wälzen; ein Zeichen dafür, daß dieser Mann einen Begleiter gehabt haben mußte, der den Taumelnden immer wieder emporgerissen hat. Er muß sogar ziemlich, Kräste besitzen und mit seinem Schutzbefohlenen nicht gerade' glimpflich umgesprungen- sein- Tie Risse an den Küien und darum die dicke Staubkruste lassen dies vermuten. Er hat den Trunkenen anscheinend weit auf den Knien vorangeschleist- Daher die Risse an den sonst völlig neu erscheinenden Kleidern."
(Fortsetzung folgt.)
Die ßrhaltung des Aorfts, Vortrag, gehalten auf der 2. Jahresversammlung des Bundes Heimatschutz von Robert Mielke.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Es gewährt einen eigenen Reiz, zu verfolgen, wie das, was wir mit literarisch-ästhetisch geschulten Augen für die naive Kunst des Dorfes halten, sich zum Teil als Ergebnis formulierter Ueberlieserung ausreicht. Dabei beruht die ästhetische Wirkung weniger auf ausgeklügelter Berechuuug als aus dem Kompromiß handwerklicher Beschränkung und gesetzgeberischer Voraussicht. Daß dieses Ergebnis nicht erst von der Warte unserer Zeit künstlerisch empfunden ift, sondern Bereits von den Zeitgenossen der Erbauer selbst als bewußte Kunst betrachtet wurde, beweisen uns viele literarische Belege des 16. bis 18. Jahrhunderts, die hier anzuführen zu weit gehen würde. Das Geheimnis dieser Kunst beruhte in letzter Reihe auf dem sehr richtig empfundenen Grundsatz, neben dem Unzweckmäßigen das Ungehörige, Fremdartige und Herausfordernde fern zu halten. Aus all diesen Gründen ergibt es sich von selbst, daß ein plötzliches Loslösen vom Ueber- lieferten, wie wir es im 19. Jahrhundert erlebten, nicht eher eintreten konnte, als bis die ganze Grundlage des bäuerlichen Wirtschaftslebens erschüttert war; so ist auch die merkwürdige Erscheinung zu erklären, daß die ländliche Bauweise jahrhundertelang fast unverändert bestand, ohne von den Wandlungen städtischer oder höfischer KUnfi


