1907 — M° 138
Mittwoch den 18. Seplemker
K
Ä
Alls der eigenen Spur.
Kriminalroman von Otto Hoecker- (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Dann begann der Junge mit gellender Stimme nach einem Schutzmann zu schreien; vergeblich wollte ihm- der andere den Mund zuhalten-
„Tn bist ja dumm! Was geht uns der Mensch an, da kriegt Ntan nur ne Menge Laufereien!" meinte er-
Toch der Junge ließ sich nicht halten; er riß sich los und Brüllte nur umso lauter-
Von der Brücke her wurde ihm Antwort- Die Minute drauf tauchte die vierschrötige Gestalt eines eiligst herbeischreitcnden Schutzmannes aus dem Nebel auf-
„Wer ruft denn da so unverschämt! Wirst du wohl den Rand halten, Bengel? Du weckst ja die ganze Gegend!" Er wendete sich an den unschlüssig dastehenden Milchmann- „Was geht denn hier vor? Ihr haut euch wohl) schon in aller Morgenfrühe?"
„Wo werden wir wohl, Herr Wachmeester," hastete der Junge- „Da liegt n Mann und is tot!" Er wies aus der Entfernung! auf. den ausgestreckt Liegenden-
Ter Schutzmann hatte ihn inzwischen gleichfalls wahrgenommen. Wie er sich nun über ihn beugte und ihn vergeblich aufzurütteln trachtete, wurde er ernst- „Ter Mann ist tot!" stellte er fest- „Alle Wetter, schon ganz kalt! Er muß schon durch Stunden gelegen haben! Ich bin doch erst vor zwanzig Minuten hier vorbeigekommen ... ja so, hier in der Nischenecke hat er gekauert," fuhr er fort, als die beiden ihm ihre , Wahrnehmungen abwechselnd berichtet hatten, „darum habe ich ihn auch nicht gesehen — der verd - . . Nebel!" Er zog die Pfeife und gab das Notsignal- „Nein, Sie müssen hier bleiben und mit zur Wache!" herrschte er den Milchkutschcr an, der sich entfernen wollte- „Ja, da hilft nichts,", wehrte er dessen verdrießliche Auseinandersetzungen ab- „Ob Sie Zeit Derberen oder nicht, das kann hier nicht in Betracht kommen!"
Eben tauchten auch schon die Helmspitzen einiger rasch herbeieilenden Schutzleute auf-
Ter Beamte wendete sich an seine Kollegen und setzte diesen mit kurzen Worten den Sachverhalt auseinander- „Lauf einer schnell nach dem' Revier und hol den Leutnant herbei - . . ich bleibe inzwischen hier — nur weitergehen! hier gibts nichts zu sehen!" fuhr er einige Neugierige an, die sich trotz der frühen Morgenstunde bereits anzusammeln begannen-
Er klinkte die nächste Haustür auf; als er sie unverschlossen fand, machte er sich mit den übrigen Schutzleuten daran, die Leiche in den Hausgang zu tragen und dort niederzulegen- Tann suchte er vergeblich, die immer stärker werdende Menschenansammlung zu zerstreuen, die Leute wichen und wankten nicht, schnell verstärkte sich die Gruppe Neugieriger, so daß der bald darauf eintreffende Leutnant sich nur schwierig Durchlaß ver- schafsen stmnte-
Fast gleichzeitig Im'it ihm erschien auch ein in der Nachbarschaft wohnender Arzt-
„Es scheint Herzschlag vorzuliegen," meinte der letztere nach einer oberflächlichen Untersuchung- „Ter Tod ist offenbar schon vor einigen Stunden eingetreten. Weiß man, wer der Mann ist?"
Ter Revierleutnant schob die Achseln hoch- „Bermntlich gehört er den besseren Kreisen an- Daraus deutet schon sein Anzug- Er muß irgend eine Gesellschaft mitgemacht und sich dabei übernommen haben-"
„Wahrscheinlich genug," bestätigte der Arzt-
„Er strömt jetzt noch einen betäubenden Alkoholgeruch aus — das riecht übrigens nach Chloroform," setzte er kopfschüttelnd hinzu, wieder auf die Steinplatten des Hausflurs neben den Toten knieend und beim flackernden Schein der Polizeilaternen ihn betrachtend. Er roch an der übel genug zugerichteten Kleidung. „Tie Aufschläge des' Fracks sind jetzt noch mit Chloroform gesättigt. Tas ist jedenfalls ausfällig."
Inzwischen hatten sich Schutzleute in ziemlicher Anzahl eingefunden. Keiner von ihnen kannte den Toten vom Ansehen, obwohl sie zum Teil schon jahrelang im Revier dienten und die fast ausschließlich aus begüterten und angesehenen Gesellschaftskreisen sich zusammensetzende Einwohnerschaft der benachbarten Straßenzüge genau kannten-
Nach kurzer lleberlegung erteilte der Leutnant den Auftrag, den Leichnam nach dem unweit entfernt gelegenen Polizeirevier zu überführen- Sehr zu seinem Mißvergnügen mußte der insgeheim fluchende Milchkutscher sein Fuhrwerk dazu hergeben und selbst mitkommen-
Im Gegensatz zu ihm war der Bäckerlehrling gern bereit; nachdem er den ersten Schreck überwunden, erschien er sich ordentlich als Held und berichtete mit ersichtlichem Stolze immer wieder sein unheimliches Erlebnis- Auch unterwegs wurde er nicht müde, .den neugierig Nachströmenden drastisch anschaulich alles, was er wußte, zu erzählen- ,, ~
Einige Schutzleute hatten inzwischen die Umgebung des Fundortes genau abgesucht, indessen nur den verbeulten Hut des Toten, einen schon ziemlich abgetrageneil steifen Derby, vor der Tornische aufgefunden.
Nun spielte der Telegraph nach dem Polizeipräsidium, die Kriminalabteilung wurde verständigt und bereits kurz nach 7 Uhr, als der junge Tag draußen noch immer im, Kampfe mit den trüben Nebelgewalten begriffen war, fuhr Polizeirat Hansemann in Begleitung des Kreisphysikus und zweier seiner erprobtesten Beamten am Revier vor, das von einer stattlichen Menschenmenge limlagert wurde- Er wurde vom Leutnant empfangen und liach der im Erdgeschoß befindlichen Wachstube, wo man den Toten inzwischen auf, eine Pritsche gelegt und mit einem Mantel verdeckt hatte, geleitet- . ,
Schon unterwegs verständigte der Leutnant den ;ovial durch einen goldumränderten Kneifer in die Welt blickenden Beamten, dessen behäbiges rundliches Aeußere in nichts auf den seiner findigen Schläue wegen zum Schrecken aller Uebeltäter gcwor- deuen Kriminalisten schließen ließ, von dem wenig ergebnisreichen bisherigen Resultat der seither angestellten Recherchen-
„Sämtliche Beamte des Reviers haben den Toten bereits gesehen, doch keiner vermochte dessen Persönlichkeit festzustellen"


