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kurzer Glückstraum geschieden gewesen, den!» mein Vater ging frül) schlafen — ihr ganzes, ungeteiltes Herz hat doch wohl immer Gustavs Vater gehört, und alle ihre Liebe, an der ihr vor Zärtlichkeit überströmendes Herz so reich war, übertrug sie dann ans den Sohn. Nicht, daß ich zu kurz gekommen ivfrce, v nein! mir gab sic gleichmäßig gütige Mutterlieb. Wer ihre Gustav gespendete Liebe war phne Grenze»!. Er war ein herrlicher Junge, ein Feuerkopf und so begabt — so begabt", wiederholte er. Er brauchte in der Schule nie zu lMnen. Ueberlas er vor Beginn des Unterrichts seiitze Lektion, so sagte er sie am besten von allen Schülern her, natürlich nur, um sie sofort wieder zu vergessen. Dabei war er so geschickt und anstellig, schon mit 14 Jahren ein Erfinder, der ohne Modelle Tampf- maschiueu im kleinen baute, für der Mutter Nähmaschine, die im Dienst großer Geschäfte tagtäglich zu surren hatte, erfand er einen Motorbetrieb, der sich ausgezeichnet bewährte. Stein Wunder, daß er verhätschelt und angestaunt wurde. Er galt in unserem Städtchen als Universalgenie und die ganze Sipe der Berwmtdten wurde nicht müde, ihnr eine glanzvolle Zukunft zu Prophezeien. Ursprünglich war er bei .einem Fein- mechaniker zur Lehre gegangen und der erfahrene Meister hatte erklärt, oaß er den Sechzehnjährigen nichts mehr zu lernen vermochte. Ware er dem Beruf treu geblieben, so zählte er heute sicherlich unter die Berümtßeiten seines Faches. So aber wühlte er jede Woche einen neuen Lebensbernf; in den letzten Jahren hatte er seinen Schauspielerberuf entdeckt und machte verzweifelte Anstrengungen, um in ihm hoch zu kommen — und doch hatte er gerade dafür die Allergeringste Begabung."
„Wie kommt es, daß Sie uns von diesem Stiefbruder niemals erzählten?" fragte der Rat dazwischen. „Freilich, ich erinnere mich. Sie vermieden überhaupt die Berührung Ihrer Famili en v erhä ltnisse."
„Nicht einmal Gustavs Frau und Kinder ahnten unser enges verwandtschaftliches Verhältnis. Mau nahm uns allgemein für enge Jugendfreunde."
„Und warum das?" forschte Hansemann, wider Willen interessiert.
„Es ging nicht anders. Gustav hatte sich in der ganzen Welt ohne Gelingen versucht. Er hatte auch — daß ich cs offen! bekenne — wiederholt Schiffbruch erlitten. Draußen und auch hier im Vaterland« Ivar er wiederholt mit dem Gesetz in Konflikt geko mimen. Als er vor etwa 10 Jahren wegen eines mit beispielloser Kühnheit ausgeführten Bauwinbruchs zu mehrjühri- gcr Zuchthausstrafe verurteilt wurde, da sagte . ich mich von ihm los. Meiner Mutter brach damals fast das Herz. Wäre sie lieber dahingegangen, um wieviel besser wäre es für sie gewesen!" Ein leises Stöhnen! erschütterte seine Gestalt. Mit handbedeateu Augen stand er eine Weile regungslos. Dann fuhr er fort: „Eines Tages, ich stand schon unter Ihnen, Herr Rat, tauchte Gustav wieder auf. Er beschwor mich, ihm beizu- ,stehen. Er hatte geheiratet, nachdem er aus der Strafanstalt wieder entlassen worden war, und er beteuerte, daß' es für ihn kein größeres Glück gäbe, als für seine ahnungslose geliebte Frau sorgen zu dürfen. Ich wollte ihn abweisen, doch ich unterlag nur zubald dem Zauber seiner Persönlichkeit. Er mußte mir geloben, selbst der eigenen Familie gegenüber unseres eigenen- verwandtschaftlichen Verhältnisses nicht Erwähnung zu tun; wie hätte ich sonst meine Stellung beibehalten dürfen! Sein Wort hielt er auch treulich. Ich stand ihm dafür nach Kräften bei. . . und wirklich ging es, ehe ihn die itnfel'ige Schauspielerleidenschaft wieder erfaßte und er sich einbildete, ein leuchteender Stern am Künsthimmel werden Sn müssen. Da schien er mir wieder auf Abwege zu ge- iraten. Ich fühlte es, ohne es indessen! beweisen zu können; Meinen Vorhaltungen wich er aus, als ich ihn unvermutet tot wiedersah — und noch unter solchen Umständen. Versetzen Sie sich in meine Lage . . . Was sollte ich tun? Seiner ahnungslosen Frau und den zarten Kindern die Schande anzutun, ihren Namen zu beflecken und das Andenken an Gatten und Vater zu einem fluchwürdigen zu gestalten? Sollte ich der alten, lieben Frau daheim im fernen rebumsponueuen Häuschen, die in dem Gedanken so glücklich ist, ihr Herzenssohn Habe endlich sich selbst gefunden Und lebe nun eilt geachtetes, nützliches Leben, den Todesstoß versetzen, indem es aus den Zeitungen erfuhr, daß ihr Aeltester wiederum zum Verbrecher herabgesunken und dabei seinen gewaltsamen Tod gefunden hätte? Sollte ich es-mir selbst antun?
Wie leicht Lunte dabei unser verwandtschaftliches' Verhältnis Wltuis^ aufgedeckt werden . . . und dann ... ich sagte es Ihnen schon, ich habe ihn lieb gehabt, mochte er es-nun verdienen oder Vicht . . . und der Gedanke war mir schrecklich, daß er im Tode noch geschändet sein und Schande über die Seinen bringen
sollte. . . Ich tat es in dem Glauben, niemanden dadurch zu schädigen, wohl aber einigen nützen zu können, die ich lieb hatte . . . und zu spät sehe ich nun ein, daß ich wie ein unvernünftiges Kind gehandelt habe. Mag es denn fein! Ich habe wenigstens meinem Herzen Luft gemacht und stehe nicht länger als ein feiger Lügner in Ihren Augen da!"
„Nein, wahrscheinlich nicht!" rief Hermine im Tone warmen Mitgefühls. „Sie mögen gegen den Wortlaut des Gesetzes verstoßen haben, Herr Walden, doch jeder fühlende Mensch wird Sie darum um so höher achten. Ich gestehe offen, daß Sie mir durch Ihre freimütigen Worte menschlich viel näher getreten! sind!" Und sic wollte mit tränenschimmerndem Blicke auf den sie fassungslos Anstarrenden zueilen und ihm im ersten Herzens- impuls die Hand drücken.
Doch ihr Vater sing sie auf halbem Wege auf. „Das lassen wir wohl besser bis später, mein Kind," verfehle er. „Ich habe immerhin noch einige Fragen an Herrn Walden. Er hatte sich in seiner Sofaecke wieder zurechtgedrückt, den Kneifer sorglich geputzt; nun blickte er durch die blitzenden Gläser den in gefaßter Haltung Stehenden unverwandt an.
„Ich wollte wohl, ich könnte Ihnen- bedingungslos all das glauben, was Sic uns da erzählt haben," meinte er nach llirzem Besinnen.
„Gut ich will hoffen, daß es die Wahrheit ist," siel Hausc- mann mit umwölkter Stirn wieder ein, „jedenfalls nur ein Bruchteil von der Wahrheit und nicht die volle, gan-ze —"
„Herr Rat, ich habe nichts mehr hinzuzufügen." Der junge Detektiv hob den Köpf stolzer und begegnete ruhig dem gründenden Blicke seines Vorgesetzten.
Hermine trat bittend auf ihren Vater zu. „Quäle ihn doch nicht!" flüsterte sie ihm ins Ohr.
Hansemann schob fix gelassen von sich. „Mein liebes Frauenzimmerchen!" knurrte er bärbeißig. „Ich befinde mich eben im Dienst und du würdest gut tun, dein Schnä- belcheu zu halten — verstanden, Herzchen?" Er wendete sich, • ohne sich um den Eindruck seiner Worte zu kümmern, an Walden. „Was wurde denn aus der Familie Ihres Stiefbruders? Dessen Wohnung ist ja verschlossen."
Walden schien sekundenlang mit der Antwort zu zögern, „Ich gab Frau Schuhmacher gegenüber an, ihr Mann sei ganz plötzlich nach Newyvrk ans dortige deutsche Theater berufen worden und bereits abgereist. In seinem Namen überbrachte ich ihr den Auftrag, sofort nachzukommen. Ich stattete sie mit Fahrkarten und Geldmitteln aus und brachte fie mit den Kindern nach der Bahn."
„Sehr klug gehandelt. Da Hatten Sie sich die wichtigste Zeugin vom Halse geschafft, die Ihrer Annahme stach das Bild in den Zeitungen erkennen oder sonst Ihre Absichten durchkreuzen konnte. Denn von Rokohl glaubten Sie noch nichts befürchten zu müssen, obschon der Mann im Leichenschauhause bereits einige! schüchterne Krähversuche gemacht hatte."
„Herr Rat, Sie verkennen mich. Ich weiß auch nicht, wp hinaus Sie mit Ihren Worten wollen. Es war mein einziges Bestreben, Frau Schuhmacher über das Schicksal ihres Mannes im Ungewissen zu lassen. Ich kenne ihre Energie, ihre große Geschicklichkeit. Ich weiß, daß sie für sich und ihre Kinder in Amerika ungleich vorteilhaftere Lebensbedingungen findet. Es wird ihr weh tun, erfährt sie drüben, daß man nichts von ihrem Gatten weiß; sie wird sich aber mit dem Gedanken abfinden/ daß er in alle Welt hinaus ist . . . in diesem Sinne werde ich sie beeinflussen. Das glaube ich vor dem eigenen Gewissen verantworten zu können. So wird sie dem Toten ein wehmütiges Gedenken bewahren und in der neuen Welt nach und nach für sich und ihre Kinder nicht nur das tägliche Brot, sondern auch ein neues Glück finden."
Der Rat saß mit zweifelndem Gesicht. „Ra, darüber habe ich meine eigene Meinung. Uebrigeus sagen Sie einmal, wie kam es, daß Sie auf der Polizeiwache die Leiche Ihres Stiefbruders sofort erkannten? Der falsche Schnurrbart hat ihn doch stark verändeLt?" -
_ „Ich habe ihm diese Spielerei, wofür ich seine Gewohnheit falsche Bärte und dergleichen zu tragen, bis- dahin begriffstutzig genug erhalten, oft genug untersagt; doch mit Vorliebe trug er den Schnurrbart, den er so sicher zu befestigen wußte, daß die! Täuschung eine vollkommene war. Außerdem war seine Stirnnarbe eine solch unverkennbare, wie ich sie noch bei keinem anderen Menschen wahrgenommen habe."
(Fortsetzung folgt.!


