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gefreut! — Aber du machst eilt solch erschrecktes Gesichtchen, daß ' ich fast glaube, ich bin zu spät gekommen."
„Und wenn es so wäre, Heinz?" — fragte sie ganz ernsthaft.
„Elsie!" rief er schmerzlich aus. „Es kann nicht sein!"
„Willst 'du mir uicht zuerst erklären, was du mit bem Zuspätkommen meinst?" versetzte sie mit leichter Schelmerei.
„Weißt du es nicht, Elsie, dann kann ich es dir auch nicht erklären."
Mit dein alten Trotz warf sie das Köpfchen zurück.
„Ich sehe," sagte sie, „daß du der Alte geblieben bist. . ."
Da ergriff er ihre Hände und blickte ihr so innig in die -Augen, daß sie errötend den Blick senkte.
„Nein, Elsie," sprach er ernst und bewegt, „jetzt soll kein neues Mißverständnis zwischen uns aufkommen, wie damals, als ich Abschied nahm. Ah, wie sehr hab' ich Bereut, damals in trotzigem Leichtsinn nicht gesprochen und meine liebe kleine Elsie gefragt zu haben, ob sie mir auch treu bleiben wollte. . ."
„O Heinz!"
„Ja, und alle die Zeit hab' ich an dich gedacht, Elsie. Wenn mich die Wogen des Ozeans nmstürinten, wenn mich die endlose Prärie umgab, Ivenn ich mein Lager in den Felseu- gebirgen Mexikos aufschlug. Ueberall schwebte mir das liebliche Bild meiner kleinen Elsie vor und stets tönte es in meinem Herzen: Ich liebe dich, meine kleine, süße Elsie. . ."
„O Heinz — Heinz. . ."
„Weshalb ich damals beim Abschied nicht gesprochen — weshalb ich nicht an dich geschrieben habe — ich war zu stolz, Elsie! Was war ich denn damals, daß ich es hätte wagen dürfen, um dein Herz und deine Hand zu werben? iEn armer Ingenieur, der nichts sein eigen nannte, als seine Hoffnungen, seine Arbeit. Ich wollte nicht eher vor dich und deinen Vater hintreten, bis ich das Schicksal besiegt, bis ich dir ans eigener Kraft ein Heim bereiten konnte. Jetzt, Elsie, jetzt ist es soweit! Jetzt kann ich mit stolz erhobenem Haupte vor deinen Vater hintreten und sagen: Gib mir deine Elsie zum Weib. . . Deshalb schlvieg ich, Elsie! Deshalb gab ich damals die Antwort, welche dich verstimmte. Ich wnßte ja nicht, wann ich wiederkehren wurde, ich wußte ja nicht, ob ans meiner Arbeit mir Rosen erblühten und deshalb sagte ich dir: Ich kehre wieder, wenn es schneiet rote Rosen. . ."
Mit glühenden Wangen hatte sie seinen Worten gelauscht. Jetzt schlug sie die Hände vor das Gesicht und schluchzte vor Glück und Seligkeit auf. Er aber legte den Arm um ihre schlanke Gestalt und flüsterte:
„Als ich heute durch die Dorfgasse schritt, da rasselte ein Wagen an mir vorüber und hielt vor Eurem Hause. Dein Vater begrüßte Jobst von Almstadt. . . Elsie, Elsie, ich bin doch nicht zu spät gekommen?!"
-Da sah sie zu ihm auf uud lächelte unter verschämtem Erröten. „Fast 'wärest du zu spät gekommen, du böser Heinz," sagte sie leise. „Denn wie konnte ich wissen, daß es doch noch einmal Rosen schneien würde."
Ausjubelnd schloß er sie in seine Arme und küßte sie auf den roten Mund.
„Ein Pfingstzauber, Elsie," flüsterte er ihr zu. „Wenu sich zwei Menschen so recht von Herzen lieb haben, dann schneit es rote stiosen. . ."
„Und regnet kühlen Wein!" setzte sie schelmisch hinzu.
„Ja, wenn wir auf unsere Liebe, unsere Zukunft anstoßen -—"
In diesem Augenblick scholl es laut vom Hause her: „Elsie, wo steckst du?"
„Das ist der Vater," flüsterte sie. „Er soll mich nur suchen — nein, bleib Heinz!. Wir wollen ihn überraschen." lind laut rief sie: „Hier bür ich, lieber Papa!"
Ter alte Hem kam eilig näher.
„Ei, der Tausend, Mädchen," polterte er. „Wo bleibst du denn? — Jobst von Almstadt ist gekonrmen. Er will dich sprechen — na, was er will, das wirst du wohl am besten' wissen — und meinen Segen habt Ihr."
„Ich weiß wohl, was er will, Papa," entgegnete Elsie lächelnd, indem sie aus der Laube trat. „Liber daraus kann nun nichts. mehr werden."
„Elsie, bedenke — Jobst ist eine gute Partie und ein braver Junge."
„Ja, Papa, das mag schon sein. Aber er ist zu spät gekommen."
„Wie — was? Zn spät? — Ich will nicht hoffen, Elsie, daß du hinter meinem Rücken' . . ."
„Es ging nicht anders, Papa. — Und da ist mein Bräutigam!"
Heinz trat vor und der alte Herr sah ihn an, als ob er ein Gespenst gewesen wäre.
„Oukelcheu — ich bin wieder hier!" sagte Heinz und reichte dem Onkel beide Hände. . . „Uttb Elsie hat die Wahrheit gesprochen — wir haben uns soeben verlobt."
„Heinz — Junge — bist du es beim wirklich? — Wie kommst du hierhergeschneit, du Teuselsjimge?"
Und er ergriff die Hände des Neffen und zog ihn in seine Arme. Dann fragte er wieder und wieder uud Heinz erzählte und der alte Herr vergaß ganz, daß der lange Jobst, die gute Partie uud der brave Junge, in der guten Stube drinnen im HanS auf eine Antwort wartete.
.Aber nun sag mal, Junge," fragte schließlich der Alte, „was schwatzet Ihr da von Verlobung und Bräutigam? Ich bin nicht recht klug daraus geworden."
„Das ist doch sehr einfach, Oukelcheu," entgegnete Heinz lächelnd. „Elsie und ich waren uns schon lange gut uud da haben wir uns eben verlobt und wollen uns heiraten,"
„So? — Und ich werde gar nicht gefragt?"
„Freilich, Onkelchen. Aber wir wußten ja im Voraus, daß du nicht nein sagen würdest. Ter Pfingstzauber hat ja auch dein Herz geöffnet — und da nun einmal zu Pfingsten in beinern Hanse eine Verlobung gefeiert werden soll, so sekgi ich picht ein, weshalb ich nicht der Bräutigam sein soll."
Der -alte Oberamtmann lachte laut auf.
„Tn, Elsie," sagte er dann, „nimm dich in Acht, der Heinz scheint mir in Amerika ein sehr selbstbewußter Bursche geworden zu sein. Willst du es wirklich mit ihm wagen?"
„Ja, Papa — von Herzen gern."
„Nun denn in Gottes Namen — aber halt! Was sagen! wir jetzt dein da drinnen?"
„Daß er zu spät gekommen ist, Papa."
„Hm — angenehm ist es nicht. Aber Euch zu Liebe will ich 'es tun." . ,
„Tu kannst ihn ja zu unserer Verlobungsfeter emladcn/ •Du fei/z r
„Glaube schwerlich, daß er kommen wird," lachte dieser und schritt eilig auf das HanS zu.
Arm in Arur folgten die beiden Glücklichen, aber sie hatten es gar nicht so eilig, und erst als der elegante Kutschier- ivagen des langen Jobst ans dem Hostor hinausrasselte und so rasch, wie die beiden Rappen laufen konnten, die Dorfstraße hinabrollte, da traten auch sie in das Haus und umarmten dankbar den alten Herrn, der ihnen lachend erzählte, welch erstauntes Gesicht der lange Jobst gemacht hatte.
Tann aber saß man zusammen in dem traulichen Wohnzimmer uud Heinz mußte von feinen Erlebnissen berichten. Aut anderen Tage — dem herrlichsten Pfingstsonntage — gab es ein großes Verlobungssest; und wie da am Tage vorher m der verschwiegenen Laube rote Rosen uiedergeschneit waren auf die blonden Locken Elsie's, so regnete es heilte für die fröhlichen Gäste kühlen Wein. _ , „ , , .
Als' aber die Lust am' höchsten gelegen war, da slahle.nl sich Heinz und Elsie aus dem festlichen Saal heraus in den von Frühlingssouneuschein durchfluteten Garten. In der verschivie- g en eit Laube ließen sie sich nieder, eng aneinanoer geschmiegt, Hand in Hand, Auge in Auge. Und von Elsie's roten Lippen da pflückte Heinz die schönsten roten Rosen.
Und Sonuengold und Ros.uduft umwob die Glücklichen Mit bem Pfingstzauber ihrer neuerstandenen Liebe,
Scheffels ersts ^reöe.
Johannes Proelß, der frühere erste Feuilletoit- Redaktenr der „Frkf. Zig.", hat als Verfasser mehrerer ans- gezeichneter Romane, unter Seiten namentlich die „Bilderstürmer" (Verlag der Union in Stuttgart) hervorragt durch die lebensvolle und weltkluge Schilderung. des Werdeganges eines modernen Journalisten, noch nicht die Anerkennung int literatursreundlichen deutschen Lesepubltkmn erlangt, die ihm vor vielen anderen, vornehmlich den sensationsmacherischen Tageshelden des deutschen Parnasses, gebührt. Auch als unterhaltsamer und miregenSer Schilderen des Lebens von Friedrich Stolze, dein großen Humorilten und Frankfurter Lokalpoeten, ist er nur einem engen Kreise nähergetreten. Als Scheffel-Biograph aber gehört er heute bereits der deutschen Literaturgeschichte an. Nun steht er auch int Begriff, eine Gesamtausgabe der Werke Scheffels erscheinen zu lassen. Der erste Band kam unlängst im Verlage von Bonz u. Co. in Stuttgart heraus. Er enthält neben dem „Ekkehard", diesem besten kulturgeschichtlichen Roman der letzten Jahrzehnte, dem trotz allen gelehrten Beiwerkes und fleißiger Quellenstudien doch von echter Poesie durchdrungenen Hauptwerke Scheffels, eine kurz gefaßte biographische Einleitung, die übrigens auch als Sonderbroschüre zu haben ist. Wir lernen aus dieser lehrreichen kleinen Schrift des verdienstvollen Herausgebers des Dichters tiefes deutsches Gemüt, fein echt nationales keusches Empfinden, die ihm von einer langen Ahnenreihe überkommene kernige und zugleich aufs Historische gerichtete Wesensart kernten und lieben, ebenso wie seinen unverwüstlichen Humor.
Proelß veröffentlicht ferner hier zum ersten Male eine Reihe bisher noch unbekannt gewesene Briefe Scheffels an einen Studienfreund Eggers, einen Mecklenburger, der später in Berlin als Kunsthistoriker zu Ruf gelangte.


