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Notizen, die sie über Vera besaß, eine Abenteurerin, eine unweibliche Emanzipierte zu sein dünkte. Also —
Der Vater nahm an, daß der Freiherr sich auf dem morgenden Fest erklären werde, vielleicht hatte er schon heute nachmittag die Absicht gehabt, und Billottes Gegenwart hatte ihn gehindert — manche Anzeichen sprachen ihr dafür — sie hatte dem entgegengesehen wie etwas Zweifellosem und nun — was war denn heute geschehen?
Sie hatte Villatte wiedergesehen — als er ihr sein Buch gab, als sie neben ihm stand und die alten Zeiten vor ihnen heraufstiegen, da war es ihr gewesen, als ob ein Blitz vor ihr einschlüge und ihr Inneres plötzlich erhelle. Sie liebte ihn noch, — sie war eine Natnr, die festhielt, was sie einmal erfaßt hatte, die nicht los konnte und sich nicht wandelte. Sie hatte gewähnt, sich noch ein Glück aufbauen zu können, auf Lug und Trug — sie hatte gemeint, zu dem Mann, der sie begehrte, sagen zu können: „Ich schütze Sie sehr hoch, Sic sind mir wert und teuer, eine leidenschaftliche Natur bin ich nicht, aber ich werde Ihnen eine treue Gefährtin sein, und Ihr Kind sehr lieb haben, wie mein eigenes."
Und jetzt — konnte sie ihm das noch sagen? Sie stand am Fenster ihres Schlafgemachs und starrte in die sternfunkelnde Nacht hinaus. Wie ein großes Leichentuch lag die weiße Schneedecke draußen, Bünme und Sträucher glitzerten von Reif bedeckt, leise tönte das Rauschen der Flut herauf. Sie lehnte den heißen Kops an die kalten Fensterscheiben, ihr war entsetzlich zu Mut. Ihr, der Treue, Wahrheit, Gewissenhaftigkeit die höchsten Güter waren, welche andere, wo sie dieser Tugenden ermangelten, so bitter und unnachsichtlich tadelte, sie geriet in einen Konflikt, wo sie so oder so sich eines Truges zeihen mußte. Sie hatte den Freiherrn glauben lassen, daß sie ihm zugetan sei, daß sie seine Bewerbung annehmen werde. Er !var ein gereifter Mann und verlangte wohl keine jugendlich stürmische Hingabe. Im Gegenteil, sie hatte oft gemeint, eine ernste, besonnene, kühle Natur passe zu seinem auch formell gehaltenen Wesen, passe für den Witwer, der feinem' jungen Weibe gleich Mntterpslichten überwies. Aber konnte sie den Mut haben, ihm zu sagen: „Mein Herz gehört einem andern, den ich nie besitzen kann, sind Sic mit den: kalten Pflichtgefühl zufrieden?"
Das Bild des stattlichen Freiers stand vor ihren Augen, er konnte Ansprüche stellen, ihn liebte wohl ein Mädchen aus freier Wahl. Nur sie, sie konnte es nie — sie war zäh und unbiegsanr, ihr Herz konnte sie nicht zwingen. Und was jetzt tun?
Sie stützte den schweren Kopf und sann. Sie war sonst nicht feig, sic hatte schon manchmal festen Mut bewiesen, aber jetzt packte sie eine tödliche Angst. Sie hatte sich verstrickt, Verfahren, sie wußte nicht aus noch ein, sie, die besonnene. Vorsichtige Erna.
Ter Freiherr hatte vollen Grund, ihr ihr Benehmen schwer zu verargen, es mochte den edlen Mann zornig empören, wenn sie jetzt seinen Antrag zurückwies, den er so deutlich vorbereitet hatte., An des Vaters Enttäuschung mochte sie gar nicht denken. Für ihn ward dies ein neuer Schlag, der seine schönsten Hoffnungen zerstörte. Und der arme Vater hatte Enttäuschungen und Kummer genug. Aber mußre es nicht feilt? Sie konnte ja gar nicht anders. Was sie feit Monden mit einer gewissen Ruhe überdacht, ihr Leben an der Seite des Freihcrrn, erschien ihr heute als eine Unmöglichkeit. Hatte sie sich wirklich eingebildet, sie fei keine leidenschaftliche Natur? Törichte Verblendung. In ihr stürmte und wogte es heut nacht so wild, wie nur in irgend einer heiß empfindenden Mädchenbrust. Wie — wenn solcher Sturm ihr wieder emporbrauste, wenn sie die Gattin eines anderen Mannes war! Wie machtlos sie dem gegenüber stand, erkannte sie heute, und ihre Selbstachtung wäre für alle Zeit dahin, wenn sie sich einmal über solcher Sünde ertappte.
Sie stöhnte, — er —• er, um! den sie so namenlos litt, liebte sie ja nicht einmal, er liebte noch die, die ihn verraten und verlassen hatte. Wenn er auch kein Wort von Sylvia gesprochen, sie sah es an dem Leidenszug in seinem Gesichts daß sie noch in seinem Herzen thronte. Er würde sie in nächster Zeit in Rom Wiedersehen — vielleicht erkannte sie jetzt seinen Wert — ließ sich von ihm aus ihrem trüben Sumpf retten. Erna sprang auf und rang die Hände, sie fühlte es, wie sie bitter wurde und hart. Wenn Sylvia zu retten war, tnnfjte sie es nicht wünschen aus voller Kraft ihrer Seele. Sie konnte es nicht — war das noch eine heimliche Hoffnung, die sich in ihr Herz stahl? Eine törichte — eine unwürdige Hofs- mmg Und über. dieser Hoffnung brach sie zusammen. Ein Schluchzen, wie nie eines Menschen Ohr es je bei der ruhigen
Erna wahrgenommen, erschütterte ihren Körper. Sie rang mit sich und ifreer Qual die ganze Nacht. Erst gegen Morgen warf sie sich ein Stündchen auf ihr Lager, und da war ihr Ent- schluß gefaßt.
Tie Räume machten einen glänzenden Eindruck am nächsten Tage. Die reich mit Blumen und kostbarem Silbergeschirr verzierte Tafel war besetzt mit den auserlesensten Speisen und. eine sorgfältig ausgewählte Gesellschaft saß daran.
Erna war in großer Toilette. So wenig ihr auch darnach zu Mut war, sie mußte sich darin des Vaters Gebot fügen. Sie trug ein schimmerndes, blastblmies Atlaskleid mit langer Schleppe und Rosen verziert. Reiche Svrtzengarnitur legte sich um den herzförmigen Ansschnitt der Taille, und um den blendend weißen Hals schlang sich eine veneticmifche Gvldkette mit einem Kreuz von Brillanten. In ihrem blonden Haar steckte nut ein goldener Pfeil, keine von den Rosen, welche der Freiherr ihr heute gebracht. Er schien sie zu vermissen; Erna sah es mit Beben, wie sich eine Falte auf seiner Stirn bildete, als ihre Augen, sich begegneten.
Villatte erschien heiter und gesprächig. Er zwang sich gewaltsam zu möglichster Unbesangenheit. Von Ernas Kämpfen hatte er keine Ahnung, aber ihm siel ihr bleiches, überwachtes Aussehen auf. Er hatte es schon gestern bemerkt, wie ihrs sehr frischen Farben von früher erblichen waren, aber gestern hatte ihre Blässe nicht diesen krankhaften Schein. Im übrigen wurde es' ihm schwer, die Blicke von ihr loszureißen. Sie war unglaublich verändert. Ihre Erscheinung war viel zarter, weiblicher, anmutiger als ehemals, der vergeistigte Ausdruck der Züge wirkte fesselnder, es lag etwas Müdes, Gebrochenes, Hülsloses heute darüber gebreitet, was den Beschauer anzog und rührte.
Er saß ihr schräg gegenüber, an ihrer Seite der Freiherr.
Heut verwirrte ihn die Situation, er hatte ja zu flüchtig bisher beobachten können, um ein Urteil zu fällen. Sie war nicht allzu warm mit dem Freier, in ihrem Benehmen lag etwas deutlich Gezwungenes; der Oberst hatte zu Anfang sehr lebhaft mit ihr geredet, jetzt schien et verstimmt. Er wandte sich häufiger zu feiner Nachbarin an der anderen Seite, einem frischen, kecken, jungen Mädchen, und zuweilen flog ein forschender Blick aus den stolzen Augen des Offiziers zu ihm> dem schmächtigen Gelehrten hinüber.
Villatte wat zerstteut, unruhig, zwiespältig im Geist.
Es ging opulent her, das Menü war ausgezeichnet, der Champagner floß in Strömen, die allgemeine Stimmung ward immer animierter. Die Gesellschaft schien offenbar noch etwas Besonderes zu erwarten, auf aller Mienen stand das geschrieben, aber die Tafel ward aufgehoben und es ereignete sich nichts Besonderes.
(Fortsetzung folgt.)
AfingiirosLn!
Novellette von O. Elster.
(Schluß.) ,
Da hatte Heinz laut ausjauchzen mögen. Sie erinnerte sich feiner noch, sie gedachte noch in Wehmut seiner übermütigen Worte — er war noch nicht zu spät gekommen. Und er bog leise die Zweige auseinander und überschüttete sie mit den Heckenrosen, die er vorhin im Walde gepflückt und rief:
„Es schneiet rote Rosen —
Dein Schatz kam wieder.heim!"
Elsie stand wie erstarrt. Aber Heinz sprang um! die Laube herum und stmid jetzt in dem Eingang, breitete die Arme aus und sagte mit bewegter Stimme:
„Da bin ich wieder, Klein-Elsie! — Und siehst du, es Hat rote Rosen geschneit ..." ■ , „
Elsie stand versteinert, erschreckt da, als ob sie entfliehen wollte, die eine Hand wie abwehrend ausgestreckt, die ander« auf das heftig pochende Herz gepreßt. Ihr Gesichtchen war von einer tiefen Glut überflammt und in den goldblonden Soden steckten die roten Blätter der Rosen, mit denen Heinz sie überschüttet hatte.
„Kennst du mich nicht mehr, Elsie?" fragte er mit (eifer inniger Stimme.
„Hat die Sonne der Tropen mich so verändert?"
„Heinz — du — du?" hauchte sie, sich von ihrer Uebersi raschnng erholend.
„Woher kommst 'du?"
„Direkt ans Amerika!" entgegnete er lachend. „Und nie in erster Weg war zu meiner kleinen Elfte, die jetzt solch ein großes, schönes Mädchen geworden ist. O Elsie, wie oft habe ich an dich gedacht!"
„Und niemals batst, du geschrieben?"
„Weshalb schreiben, was ich dir sagen wollte,, wenn ich heimkehrte. . . ach, Elsie, wie habe ich mich sauf diese Stund«


