Samstag den 18. Mai

1807

Aem Irrlicht nach.

Roman von Alexander Römer.

Nachdruck verboten!.

(Fortsetzung.)

Erna trat zuerst allein wieder ein. Der Kommerzienrat erteilte draußen noch Befehle, seine Fran war in ihr Zimmer gegangen. Billotte mar in einer unerklärlichen Stimmung. Ihm war es, als ob alle die Schmerzen, die er während dieser Jahre still in Einsamkeit getragen, sich zusammend-rangten heut zu einem gewaltigen, unverstandenen Gefühl.

Er wußte nicht genau, was er sagte, als Ernas Augen jetzt den seinen begegneten.

So muß ich Sie denn mich verlieren," brach es aus ihm heraus,und gewiß, ich wünlche Ihnen Glück. Wer verdiente es wie Sie, glücklich zu sein."

Sie sah ihm totenbleich mir einem starren Blick in das Gesicht.

Was was meinen Sie?" stammelte sie.

Er trat einen Schritt zurück, ihr Gesichtsausdruck erschreckte ihn.

Was ich meine," wiederholte er langsam,was meine Augen eben sahen, und was mich überraschte."

Er stockte, eine grenzenlose Verwirrung überkam ihn. Sie stand noch immer starr, wie entsetzt da.

Der Kommerzienrat trat em.

He! Professor! Jetzt wo.l n wir einmal ein Gläschen vom Besten trinken und heut abend ungeheuer fidel beisammen sein. Erna, Mädchen, gib Order, daß" er beugte sich zu ihr nieder und gab ihr für den Weinkeller besondere Instruk­tionen.

Sie nickte, wie man im Schlaf nickt, sie sah plötzlich aus', als sei alles Leben aus ihr gewichen.

ES tut mir leid, Herr Kommerzienrat Ihre Absicht ist so sehr freundlich, aber ich habe ganz notwendige Besor­gungen heut abend, noch ein paar dringende Besuche" Villattes Stimme klang fremd, ihm schnürte seine innere Be­wegung die Kehle zu. Nur so... fort hinaus wenn auch nur auf ein paar Stunden.

Heut ivozu heut morgen, übermorgen waren doch sonst kein Spielverderber," brummte der alte Herr.

Es muß heute leider sein,' meinte Villatte, drückte hastig dem Kommerzienrat die Hand, verbeugte sich vor Erira, die ihn wie durch einen Nebel vorüberziehen sah, und atmete tief auf, als er draußen im Freien stand.

Ö, mein Gott!" Er schritt aus, als müsse er noch Meilen zurücklegen; konnte der Mensch- denn, ohne es zu ahnen, durch Jahre mit offenen Augen schlafen, bis ein jäher Stoß ihn weckt? In seinen eigensüchtigen Schmerz hatte er sich einge­sponnen, hatte die Welt nicht hineinblicken und keinen ftischen Windstoß dazwischen fahren lassen. Da war es solch ein dickes, dichtes, staubiges Gewebe geworden, wo auch sein Blick nicht Mehr hineindrang. Sylvia ja, er sorgte noch um sie, ein schneidender Schmerz blieb ihm in der Seele, wenn sie elend wurde und kein Glück fand. Aber die Liebe, der Rausch, welcher

damals seine Sinne umnebelt hatte, war zerstoben in alte Winde. Er sah sie nicht mehr mit dem süßen Kinderlächeln vor seinem inneren Auge, er sah sie unstat und verirrt, von ihrem Gewissen gequält. Wenn sie jetzt vor ihm stände, reuig und zerknirscht, und sich in seine Arme wieder flüchten wollte, er könnte sie ihr nicht entgegenbreiten er könnte es nicht. Er würde für sie sorgen, so weit es in seinen Kräften stand, wie ein Bruder für die verirrte Schwester aber zu geben hätte er ihr nichts weiter. Das wußte er aber erst seit einer Stunde.

Und Erna für sie baute sich das Glück auf, das sie verdiente. Er schritt noch hastiger aus, seine Brust arbeitete. Hatte er früher einmal gemeint in flüchtigem Augenblick sie empfände wärmer für ihn? Er hätte nie um sie werben können, damals waren seine Verhältnisse nicht darirach, daß er um ein reiches Mädchen werben konnte. Schon der Schein einet Berechnung von seiner Seite hätte seinem Stolze widerstrebt.. Und nun gar jetzt nclch dem, was dazwischen lag eine un­erträgliche Scham ergriff ihn, als er seine Gefühle analysierte. Aber während er sich selbst verachtete uit& mit den härtesten Namen belegte, wuchs doch das Ungeahnte, Unerklärte mit dä­monischer Macht immer deutlicher empor die echte, große Liebe zu Erna, der ebenbürtigen Geistestzefährtm. Ein trügerisch Gau­kelbild, ein Irrlicht war Sylvia gewesen, während der hell und unwandelbar leuchtende Stern schon ihm zur Seite war. Wir blinden, ungeheuer einfältigen Erdenwürmer!

Erna mußte dein Vater noch eine Weile stand halten. Er gewahrte glücklicherweise in seiner eigenen gehobenen Stimmung ihr verstörtes Wesen nicht. Nur Villatte war ihm aufgefallen. Er scheine doch noch menschenscheu zu sein, der arme Kerl, es sei doch unglaublich, was die Tücke der Weiber anrichten könne, daß sich solch ein bedeutender Mann für Jahre so nnterkriegen lasse.

Erica hörte es schiveigend an und zog sich heute abend, so früh es anging, zrirück. Ihr war, als sollte sie ersticken.

Was war ihr denn geschehen. Seit Moiiaten hatte sie sich mit dem Gedanken vertraut gemacht, daß die vielfachen Auf­merksamkeiten des Freiherrn ihrer Person galten. Zuerst war ihr das Kind wert geworden, ihr einsames, tvundcs Herz hatte Linderung gefunden in der Zärtlichkeit für den lieblichen Knaben/ sie bediirste etwas' zum Lieben. Wahrscheinlich hatte ihr. das des Vaters Neigung gewonnen. Langsam, in ruhiger, leiden­schaftsloser Weise mären sie sich näher getreten.. Der Manu wat ihr sympathisch, imponierte ihr in mancher Beziehung, sie erwog vernünftig die Vorteile der Partie. ,

Des Vaters Wunsche traten deutlich zu Tage, und sre selbst, da sie mit einer ersten, heißen Neigung abgeschlossen hatte, war nicht unempfänglich für die Reize, welche eine Lebensstellung als Gattin dieses Mannes ihr bot. Er warb nicht um ihrGeld, er war selbst sehr vermögend, und mit der Mitgift, welche sm cinbrachte, konnten sie in standesgemäßem Luxus auftreten. Und tvnTtetc ivcitit fic lüW'cmuHjlt Mico. (Sin

fameä Los Ter Vater war alt, die Mutter kränklich, wer ivufete, Wie lange sie ihr erhalteii bliebeii, und der einzige Bruder< dem konnte sie nie etwas fein. Hoffentlich verheiratete auch er sich vielleicht gar mit dieser Russin, die ihr nach den kurzen