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bauern und Arbeiter ans. Ein langgehegtes Ideal, das; der Halbbauer anstatt des teuren Pferdes mit seinen Kühen den Acker bearbeitet, hat sich freilich nicht in die Praxis nmsetzen lassen. Denn wenn der Ansiedler (z. B. aus Hessen) zu Hause auch sein ganzes Leben lang mit der Kuh vor dem Wagen zu- srieden gewesen ist, — als Ansiedler ist ihm das nicht vornehm genug, da müssen es Pferde sein! Arbeiterstellen sind da am Ort, wo auch in der landwirtschaftlich ruhigen Zeit Arbeitsgelegenheit sich bietet, in der Nähe von Städten oder Forsten oder wo industrielle Nebenbetriebe der Landwirtschaft, wie Brennereien, als genossenschaftliche Betrieb« fortgesetzt werden. Sie erhalten ein paar Morgen Land, auf denen Futter für eine Kuh und ein Schwein gebaut werden kann. Ein großes Dorf ist dann auch imstande, einen Schmied und einen Stellmacher zu ernähren. Andere Handwerker werden nur da angesetzt, wo die weite Entfernung zur Stadt es rechtfertigt. Denn nicht nur diese Gemeinde soll ja deutsch werden, ihre Glieder sollen auch das deutsche Handwerk und das deutsche Gewerbe in ihrer Stadt stärken und heben. Auch ein Krug ist vielleicht am Platz. Ist er in: schönen alten Gutspark erbaut, oder ist das Herrenhaus dazu eingerichtet, so tvird er oft genug ein Ausflugsort für Spaziergänger und Vereine der benachbarten Stadt. Und der Bauer selbst bedarf auch eines Ortes, wo er sich mit seinesgleichen aussprechen kann, namentlich wenn ein Vertreter der „hochverordneten" Regierung, etwa gar der Landrat selbst, einen der vielen Termine abgehalten hat, die die heutige Rcgicrungs- kunst mit sich bringt. In solchem Falle hat ja bekanntlich der Bauer stets das Bedürfnis, seine ungehaltene Rede noch an den Mann zu bringen. Stehen nun Stellengrößen und Stellenort fest, so müssen die Stellen noch bewertet werden, es müssen auch Flächen ausgeschieden werden, die zur Dotierung von Gemeinde, Schule und Kirchs dienen, und die es ferner erlauben, zu einzelnen Stellen Zulagestücke zu geben, wenn damit berechtigten Wünschen Ansiedlungslustiger entsprochen werden kann. Endlich handelt es sich, um die Verwertung der alten Gutsgebäude. Manch schöner massiver Bau, auf de» der Besitzer so stolz war, und der für die Ewigkeit bestimmt schien, fällt der Spitzhacke zum Opfer, da er für den kleinivirtschaftlichen Betrieb unverwendbar ist, und sich auch kein anderer Zweck findet, dem er geividmet werden könnte. Besondere Schwierigkeiten bieten die Herrenhäuser. Ihre schöne Lage im alten Park, ihre Türme und Hallen, Holztäfelungen und Parketts, — nichts hilft ihnen ihre Pracht. Wie wären sie begehrt, ständen sie an einer anderen Stelle des deutschen Vaterlandes und nicht hier im fernen Osten, wo deuffches Heimatsgefühl erst wieder von unten herauf, vom Bauernstand herauf, erzogen werden soll! Sie werden ausgeboten für ein Butterbrot, aber alle heimischen gemeinnützigen Anstalten, wohltätigen Vereine und Gesellschaften, die in der Lage sind, sich größere Heimstätten zu errichten, haben ihren Bedarf gedeckt, und vergeblich sucht man unter beit Deutschen nach Liebhabern schöner Landsitze in einem Lande, wo der polnische Besitzer sich ganz von dem Verkehr mit dem deutschen Nachbarn zurückgezogen hat, und leider bei so manchen noch ansässigen deutschen Besitzern der Boden zur Ware geworden zu sein scheint.
Das Ergebnis der Vorarbeiten bildet der Teilungsplan. Draußen in der Natur werden die. neuen Bauernstellen durch die weißen Grenzsteine und die Furche gekennzeichnet, diese, wie die heilige Furche der altrömischen Kolonisten vom Ochsenpflug gezogen, — hier aus dem prosaischen Grunde, weil das Ochsengespann ruhiger geradeaus von Stein zu Stein zieht als das heimische Pferd. Eine Tafel kennzeichnet jede Stelle, sie deckt sich mit der Nummer des Teilungsplanes, der die Größen und Werte der Stellen und außerdem die allgemeinen Angaben für die Besiedlung enthält und nach dem der den Verkauf leitende und die Besiedlung durchführende Dezernent der Ansiedlungskommission und der Gutsverwalter arbeiten. Ein Auszug aus dem Teilungs- plan mit den für die Ansiedlungslnstigen wichtigen Angaben toandert nun mit der Zeitung der Ansiedlungskommission, dem Neuen Bauernlande, hinaus als Beilage zu den Kreisblättern und zu den Vertrauensmännerit, und zwar je nach Beschaffenheit und Lage des Gutes nach den verschiedenen Gegenden des deutschen Vaterlandes. Denn sehr verschieden sind die Ansprüche der des künftigen Ansiedlers: — der Heimat ähnliche Verhältnisse, ähnlichen Boden, wie er ihn zu bewirtschaften und zu bestellen gelernt hat, das möchte er wieder haben, dann aber mehr davon, als ihm zu Hause seine Mittel zu erwerben gestatten. Beide Wünsche kann ihm die Ansiedlungskommission erfüllen. Der wechselnde Boden der Ansiedlimgsprovinzcn enthält Flachen, die wie die kuMvische schwarze Erde dem besten Boden der Magdeburger Börde gleichartig sind, er hat Lehmboden, sandigen Lehm und lehmigen Sand bis zum leichtesten Boden, der von der Ansiedlnngs- kommission nur höchst ungern und nur aus dringenden politischen Gründen gekauft wird. Aber auch in der für den Ansiedler so wichtigen Preisfrage kann die Ansiedlimgskommission trotz der gewaltig gestiegenen Bodenpreise dem Ansiedlungslnstigen noch entgegenkommen. Noch ist die Rente so billig, daß der Ansiedler, der genügendes Kapital zum Gehöftaufban und zur Jn- ventarbeschaffung (4000 bis 8000 Mk.) besitzt, eine Vollbauernstelle erwerben kann, di« ihm gutes Gedeihen und wirtschaftliches Vorwärtskommen sichert. Unterdessen bereitet sich der Gutsverwalter p!uf den Besuch und Zuzug der Ansiedlungslustigen
vor. Da der Großbetrieb zunächst in vollem Umfange weitergeht, sind die Arbeiterwohnnngen noch besetzt und es muß anders für Unterkommen gesorgt werden. Es werden also in Ställen und Scheunen, die irgend entbehrlich sind, Notbauten eingerichtet und aus einzelne» Äusiedlerstellen Scheuern, der Stellengröße entsprechend, aufgestellt, die in größerer Anzahl vergeben oder auch in eigener Regie ausgesührt, billiger werden, als der Ansiedler sie selbst Herstellen kann.
Die Gaste komme»! Bei vielen, den meisten von ihnen ist nicht die Lektüre des Neuen Bauernlandes di« Veranlassung gewesen, daß sie die oft weite Reise in den Osten nicht scheuten, sie sind dem Rufe ihrer Verlvandten und Freunde gefolgt, der beste Beweis dafür, daß auch der westfälisch«, der oldenburgische Bauer und wie die Stämme des deutschen Volkes alle heißen, sich wohl- sühlen und gedeihen können im Lande der Warthe und der Weichsel. Wie lauge hat es gedauert, bis der erste Sachse die Niederlassung in diesem Lande wieder wagt«, in , dem Lande, das dem Deutschen „im Reich" als das Land des ewigen Winters und der Wölfe gilt. Dort „an den Grenzen der Kultur, wo der Mensch wird zum Masnr", wollte so lange kein loestdeutscher Bauer sich uiederlafsen, dort, wohin schon einmal die deutsche Bölkerwoge sich ostwärts gewälzt hatte, lvo di« trotzigen Ordensschlösser der deutschen Ritter und die Backsteingotik der alten Dorfkirchen noch heute Zeugen der große» kolonisatorischen Tätigkeit unseres Volkes im Mittelalter sind. „Im Dienst der heiligen Jungfrau" zogen Fürsten und Edle gegen Polen und Litauer, ihnen folgte der Bürger und Bauer, um das dem deutschen Wesen in harter Arbeit zu eigen zu machen, was des Schwertes Schneide erworben hatte. Heute gilt's demselben sarmatischen Gegner, der den Traum der Herrschaft des weißen Adlers,von,der Ostsee bis zum schwarzen Meere träumt. Aber vertauscht sind die Feldzeichen! Nicht im Glaubenseifer, vielmehr zur Sicherung feiner stattlichen Existenz führt Preußen für Deutschland.bett Kampf um bie Ostgrenze bes Reiches, um bem Polentum einen Damm zu setzen unb es fern zu halten von seinem weiteren Vorbringen gegen Westen. Umgekehrt haben es bie Polen verstanden, ihre nationalen Bestrebungen auf das engste mit der Religion zu verknüpfen. Daß dem polnischen Volke die Religion genommen werden soll, lehrt Presse unb Kanzel und findet bereitwilligen Glauben im schlichten Gemüt, das sich seinen Gott unb bie Jungfrau nicht anders als Polnisch sprechend vorstellen kann. Drum seid willkommen, ihr Bauernsöhne ans All- deutschland, ihr sollt hier im Osten, int Lande der Warthe, bie Väter eines neuen beutschen Volksstammes werben, bet unter neuem Himmel in neuem Lande sich zu einem neuen Glied der deutschen Völkerfamilie auswachsen soll, wie eines aus eitern Vorgängern einst jenseits der Weichsel in Ostpreußen entstand.
Eins MKfnrischs Bansrnhochzoit.
Masurens Völkchen hat ja so manche Eigentümlichkeit in seinen Sitten und Gebräuchen aitfzuweise», bi« mau in reindeutscheit Gegenden nicht kennt. Ganz besonders kommt das auch auf bem Laude gelegentlich ieiner großen Bauernhochzeit zur Geltung. Schon einige Zeit vor dem Hochzeitstage werbe» die Hochzeitsgäste durch einen Boten — Proszek genannt — «ingelade». Der Pvoszek ist mit lebenden ober künstlichen Blumen, je nach der Jahreszeit, unb bunten Bändern geschmückt. Von Haus zu Haus geht er, sein Sprüchlein hersagend: Der Herr Bräutigam usw. lassen bitten, «n dem betreffenden Tage zur bestimmten, immer schon recht früh angesetzten Zeit zu erscheinen, wohl auch schon .um Vortage, zum Kränzeflechten! Ein wohlhabender „Wirt" — so werden hier die Bauern genannt — ladet nämlich fast alle Beisitzer seines Dorfes zur Hochzeitsfeier ein. Da bie Verwandt!chaft gewöhnlich auch keine zu kleine ist, so findet sich am Hochzeitstage stets eine recht stattliche Anzahl von Gästen ein. Schon am Vorabend versammeln sich bie geladenen jüngeren Mädchen und Männer im gastlichen Hochzeitshause, um Kränze unb Buchstaben zu flechten (über den Ehrenplätzen des Brautpaares werden dessen Anfangsbuchstaben aus Kränzen gewunden). Ten jungen Mädchen wird dabei zur Stärkung „Fladen" (Blechkuchen) gereicht, die jungen Männer erhalten einige „Weiße" (selbstpräparierten Kartoffelschnaps). Auch am Hochzeitstage, ehe es zur Kirche geht, wird schon tüchtig Grog, Bier unb Schnaps herum gereicht. In vielen Dörfern ist es Sitte, daß der Lehrer des Ortes! das Brautpaar „ausführt", d. h. es wird durch Gesang, (siebet und Ansprache auf den heiligen Trauakt vorbereitet. Die Ftthrt zur Kirche ist meistens eine recht ungestüme. Nach der Rückkehr wird Kaffe getrunken und. dazu Fladen gegessen. Erst etwa nm 12 Uhr nachts beginnt das eigentliche Hochzeitsmahl. Das Menü ist stets ein sehr mannigfaltiges unb reichliches: gekochtes Schweine- und Rindfleisch, Klopse, Sauer- Whl, Fische, Pflaumenmus mtb dicker Reis mit Zucker und Kaueel (Simmet). Rach dem Essen tvird in einem großen Lössel für die Köchin gesammelt. Hat jemand seinen Anteil dazu erlegt, so wird es laut und in Begleitung eines Tusthfes seitens der Musik mit vielen Uebertreibungen verkündigt. Die „Musik" wird vielfach allerdings nur durch eine HarmoniSa vertreten. Getanzt, gespielt, getrunken und gegessen wird bis in die Vormittcigsstuudm des nächsten Tages hinein. Jede Mutter unter den Gästen bekommt dann noch ein gehöriges Stuck Fladen „für die ft'ittber" mit nach


