Ausgabe 
18.3.1907
 
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Dur dergleichen gab es Waisenhäuser oder so etwas. Was für ein Interesse hatte ich daran, ob die Mutter von der Justiz gepackt würde oder nicht! Und es war g!ar nicht sicher, daß sie dumm genug gewesen war, den geraden Weg die Potsdamer Straße hmaufzulaufen! Wollte sie sich schnell in Sicherheit bringen, so brauchte sie nur in irgend eine Seitenstraße einzubiegen, dann wieder ut eine und fio fort und dann «konnte man sie suchen!

^etzt nur das Kind beruhigt und dann znm Polizeiamt damit.

^m Vorzimmer war es kalt: vielleicht schrie das Kind nur deshalb so arg! Ich iilahm es behutsam in meine Arme mitsamt

dem Tuch. Beinahe hätte ich es fallen hassen; es war mir doch:

unheimlich, solch einen kleinen lebendigen Menschen auf beit Armen 3ii halten, zum erstenmal in meinem Leben. Ich wagte Nicht, herzhaft zuzugreifen, auch znppelte es mit allen seinen Gliedmaßen. Dabei nmr es nun schpn purpurn im Gesicht ge- ivvrden vom Schreien, das ihnt jetzt wie ein heiseres Röcheln und Wunmern aus dem schmerzverzerrten Mäulchen drang. Zwei obere Vorderzähnchen, wie blaßweiße Perlen, hatte der Bursche. Er mochte neun bis zehn Monate alt sein.

Ich trug ihn in mein warmes Arbeitszimmer und legte ihn auf die in der Ecke stehende Chaiselongue, auf daö große Tiger­fell, den einzigen Schmuck meines Zimmers, das Geschenk eines Inders mtter meinen Zuhörern. Ter Junge schrie in einem fort. Was nur Konsistorialrats unter ntir denken mochten! Ob ich mir nicht doch bei der Frau Rätin Mat holen sollte, wtts ich mit dem kleinen Racker anzustellen hätte? Dünn aber sah ich mit meines Geistes Angen das Gesicht der frommen Dame, das fte bei meinem närrischen Anliegen aufstecken würde. Jetzt stand ;te jedenfalls schon in ihrem steifseidenen schwarzen Sonn­tagsstaat mit dem Goldschnittgesäugbuch nntcrm Arm, bereit zur Fahrt nach dem Dom, und wartete ungeduldig auf den säumigen Gemahl, der trotz geistlichem Amt und konservativer Ge­sinnung seine liberaleBvssische" las und Sonntags immer besonders >pät damit fertig wurde. Nein, nur nicht zu ihr um Rat!

Hätte ich nur erst den Bengel still! Sein sinnloses Schreien, arich jetzt in dem fast überwärmen Zimmer, brachte mich in Helle Verzweiflung. Ich tat ihm nichts, höchstens Liebes, und dennoch schrre er. Weshalb er nur schrie? Ohne Grund schreit doch kern lebendes Wesen. Es muß ihm etwas weh hüt. Aber was? Z", denFliegenden Blättern" hatte ich mal eine urkomische Geschichte gelesen von einem schreienden Bengel, just so einem wie dieser, bei dem sich herausstellte, als man ihn aufwickelte, daß ihn eine stutzige Lichtputzschere kniff. In diesem Fall brauchte es ja Nicht gerade eine Lichtputzschere zu sein, eine Stecknadel tut e> auch, ^zene nichtswürdige Person, jene Rabenmutter war gewiß leichtsinnig genug, auf eine lose Stecknadel mehr oder.weniger nicht sonderlich zu achten.

, db>u Schreien sah mich der Junge wütend an, ganz

!yiesm ihn vorhin, und sträubte sich aus Leibeskräften gegen meine Annäherung. Woher er nur die Kraft zum Schreien und Strauben nahm? Solch ein winziges Wichtlein! Aber das yalf ihm nichts; ich faste ihn trotz Winden und Sträuben und begann, ihn ans seinem elenden Wickeln und Röckchen heraus- dürftig und vielfach geflickt, aber immerhin Nicht zerrißen und, den Umstünden nach, sogar reinlich. Die Mutter hatte ausgesehen wie das hungrige Elend, ihr Junge hingegen war Nichts toeniger als mager. Ein draller Strolch, ordentlich mit fiettten Fettpolstern und wohlhäbigen Wülsten an Beinchen und Aermchen., Ein wunderliches Schauspiel für mich, zum erstenmal solch kleines Menschlein nackt zu sehen, so hilf- sLs und so rührend Seine Muskelchen erzitterten alle vom Scyreten, die kleine Brust hob und senkte sich unter den bfct» ®'mm ö?1 ^as Fieber glühte auf seiner Stirn.

Warum kannst du noch Nicht sprechen, armer Schelm? Aber wie sollte er. Er konnte ja noch nicht denken, war ja nur wie ein netneä dummes Tier, etwa wie ein qnickendes Ferkelcheu. Nicht denken, also auch nicht sprechen; nicht sprechen, also auch nicht VvHlvil

er wirklich kein bißchen denken konnte? Fühlen tat er doch und sehr stark, einen Schmerz oder was sonst! Und fühlte er ihn, dachte er ihn dann nicht auch? Und wenn er mich so zornig abwehrte, dachte er nicht, daß ich ihm fremd, nicht seine Mutter sei? Das war doch ein unverkennbares Zeichen der Negation , der regelrechten Kantischen Kategorie der Negation hatte er mindestens schon in seinem Denkvermögen. Und Fichteschen Ich und Nicht-Jch mußte er auch schon etwas unter diesem blaßroten, von feinen Aederchen überzogenen Schädelchen weghaben. _ Höchst seltsam!

Ich wischte ihm mit der Hand den Fieberschweiß von der mißen Stint und den sickernden Speichel vom Munde, und Mau: plötzlich hörte er auf zu wimmern: ich war mit meinem kleinen Finger auf seinen Lippen unversehens verweilt, und gierig begann das arme kleine Schluckerchen daran zu saugen. Die Freude dauerte aber nicht lange: nach wenigen saugenden Zügen wandte er das sich wieder verzerrende Gesichtchen ab und begann aufs neue sein klägliches Wimmern.

Hm, das war mir doch sehr auffällig. Gattineber war dieses nun die Kantische Kategorie vomDasein und Nichtsein", die sich aus seinem Bewußtsein losgerungen, ober die von der Möglichkeit und Unmöglichkeit". Er wirtschaftete sich in diesem

warmen Arbeitszimmer des Sprachphilosophen schon recht nied­lich in die Nebergrisfe des Denkens hinein!

Und noch etwas anderes war mir dabei anfgedämmert; ich hatte endlich erraten, was dem armen Tropf fehlte: Lunger hatte er! Weiter nichts. Und Hunger tut weh, und Selbstbeherrschnug im fremden Hanse zu üben, das konnte ich wirklich nicht von ihm verlangen. Herr du meines Lebens, und ich war ans sein angeblich unvernünftiges Geschrei wütend gewesen. Was gab es denn Vernünftigeres für ihn, als zu schreien? Und was Dümmeres, als die so einfache Grantmatik dieses Geschreis nicht sogleich zu verstehen? Mir keimte ein Gefühl empor, als hätte ich dem kleinen Mitbürger da ein herbes geistiges und leibliches Unrecht getan, und das wollte ich sühnen.

(Schluß folgt.)

Wis eine dnüsche S st dümg in dcn Hsmrarken cntst-ht.

Mit dem Abschlüsse des Jahres 1906 konnte die Ansiedluugs- kommission in Posen auf eine zwanzigjährige Tätigkeit zurück­blicken. Die Tatsache hat einen der besten Kenner der Ansiedlnngs- arbeit veranlaßt, der Ostd. Korr. einen Einblick in die Wirksam­keit der Kommission zu gewähren. Er schreibt:

Ein Gut ist gekauft und in die Verwaltung der Ansiedluugs- komMission übernommen, der alte Herr zieht von dannen, und den polnischen Jnstleuten nnd ihren Scharwerkern wird mit» geteilt, daß ihr neuer Herr die Ansiedlungskommission in Poien ist. die durch den staatlichen Gntsverwalter vertreten wird. Zu­nächst geht die landwirtschaftliche Benutzung int alten Gleise weiter, soweit nicht die Notwendigkeit, lebendes, auf an­deren Gütern überflüssig gewordenes Inventar zu verwerten, zu Aenderungen führt. Man wird solche Verschiebungen begreifen, wenn man sich vergegenwärtigt, daß die Ansiedlungskominission int letzten Jahre 683 Besitzungen bewirtschaftete nnd teilweise besiedelte. Es gilt nunmehr die B e s i e b l u n g des (st n t e s vorznbereiten. Die Grenzen werben sestgelegt, unwirtschaftlich« Grenzen beseitigt, Absplisse verkauft, störende Enklaven nach Mög­lichkeit zugekauft. Der Acker, oft genug vernachlässigt, wird rein gemacht uttb, wo erforderlich, brainiert, die Wiesen werden melioriert. Gräben werden gezogen und die Wege gebessert, in vielen Fällen chauffiert und gepflastert. Ist Wald vorhanden, so wird Bauholz gefällt, für den künftigen Ban der Ansiedlergehöfte werden Feldziegeleien angelegt und Feldsteine für die Fundamente gegraben und angefahren. Das Grundbuch des Gutes wird bereinigt, alle Lasten nnd Eintragungen beseitigt. Oft genug ist dies mit Schwierigkeiten verbunden, so wenn alte Kirchen­gerechtsame sich im Grundbuche durch den Wechsel der Zeiten hindurch gerettet haben, oder russische Grundbesitzer ihre Rechte int und am Flußbett des ewig seinen Lauf wechselnden Grenz- flusses, der Prosna, haben eintragen lassen. Eine besonders eingehende Prüfung verlangt natürlich die Frage der öffent­lich-rechtlichen Gestaltung der neuen Ansiedlergemeinbe, die fich aus dem Gut bilden soll. Wird die Gemeinde aus sich heraus lebensfähig sein, oder muß versucht werden, sie einer Nachbar­gemeinde anzugliedern? Können die Kinder der künftigen An­siedler in einer bestehenden Schule Aufnahme finden, ober ist die Neubegründung eines Schulsystems nötig und vor allem durchführbar? Finden die Ansiedler Platz in der Kirche ihres Kirchspieles? Muß auch nach dieser Richtung hin etwas für sie getan werden? Ist vielleicht gar die Gründung eines netten Kirchspiels an gezeigt? Die Grundlage für die Entscheidung aller dieser Fragen ist die Zahl der Stellen, die ans dem Gute ge­schaffen werden können. Als beste und praktischste Steile hat die Ansiedlungskommission die erkannt, die mit zwei Pferden bewirtschaftet werden kann. Sie bietet genügende Arbeitsgelegen­heit für den Bauern, seine Frau und seine Kinder und nötigt ihn nur in der Zeit, in der seine Kinder noch jung sind und nicht bei der Arbeit helfen können, zur Inanspruchnahme fremder Arbeitskräfte. Diese sind nicht nur teuer, sie gefährden auch den deutschen Charakter des Dorfes, da der ledige, sich direkt dem Arbeitgeber verdingende Knecht oder die Magb in den An» sieblungsprovinzen selten ist, der landwirtschaftliche Arbeiter viel­mehr, wie es sich beim Großbetrieb herausgebildet hat, der ver­heiratete polnische Justmann ist, der mit seinen erwachsenen Kin­dern oder den seinerseits angenommenen ledigen Arbeitern den Scharwerkern sich vermietet. Die Zweipferdestelle ist natürlich verschieden groß je nach Bödenbeschaffenheit und Klima, sie kann zwischen 50 und 80 Morgen wechseln. Häufig bieten benachbarte wohlsitnierte Bauerndörfer einen Anhalt für die ri(6y tige Bemessung der Stellengröße. Wenn irgend möglich, erhält jede Stelle etwasGrünland", b. h. Wiese und Weide, worauf der Bauer besonderen Wert legt. Eine große Freude kann man ihm bann noch mit einem Strich Torfstich machen, ber das nötige billige Brennmaterial für den langen Winter liefert. Holz- bestände, die etwa zur Stelle zugelegt werden, haben nur kurze Lebensdauer, sie sind bald genug in den Ofen gewandert, un­bekümmert darum, daß der Boden als Ackerland nichts bringen kann, und sein dem Spiel des Windes ausgesetzter Sand nur eine Gefahr für den Acker bildet. Neben diesen Ganzbauernstellen legt die Ansiedlungkommission aber auch Stellen für Halb-