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Wein Wanne.
Eine Novelle von Eduard Engel.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
. Ich weife nicht, was ich getan Hütte, wäre dieser gräßliche Männe in dem Augenblick still gewesen. Aber er schrie ärger als zuvor, er machte mir Nervenschmerzen, wie man sie empfindet, wenn man die schrillenden Töne des Schieferstiftes auf eineck Schiefertafel hört. Ich hielt mich nicht länger: „Machen.Sie, daß Sie sortkommen mit dem Schreihals, gleich, Höven Sre?
Mein Gesicht muß ungewöhnlich drohend ausgesehen Haben, denn sie wich scheu zurück. „Nehmen Sie es mir nicht übel, sagte sie nur noch und wickelte das schreiende Kind fester in das dünne Tuch. Sie suchte in der Tasche, während sie sich zum Gehen wandte, steckte dem Jungen ein Weißes Kügelchen in den vvM Schreien verzerrten, hätelichen kleinen Schnabel und verließ mrt einem letzten Jammerblick mein Zimmer. Mir war, als sollte ich sie doch zurückrufen, um ihr wenigstens eine Mark oder zwer zu geben; vor Merger über das Geschrer hatte ich nicht eher daran gedacht. Aber da w!ar es schon zu spät: ich hörte sie letze die Tür des Vorzimmers einklinken und wußte, sie war verschwunden, sie scmrt ihrem Männe. Mir war eine Last !vom Herzen, und dennoch war ich mit mir gründlich unzufrieden.
Ich! trat ans Fenster und blickte über die noch ganz kahlen, knvspenlosen Rüstern krönen auf die Straße. Drüben auf dem Bürgersteig an der Mauer des Botanischen Gartens ging sre Wieder der Stadt zu, die kleine, schiefe, häßliche Person mit ihrem quarrenden Balg. Sie lief mehr als sie ging, als liefe sie ,vor erneut Verfolger; doch sah ich -niemand hinter ihr. Und seltzam, ich sah auch ihr schwlarzes Umschlagetuch nicht mehr Aber da war sie schon nicht mehr milt den Blicken zu erreichen; fte war an der östlichen Biegung der Potsdamer Straße angelangt und verschwunden. Ich hatte sie doch nicht so ohne einen Pfennig svrtgehen lassen sollen! Und jetzt gab ich auch die Hoffnung auf, iwch eine annehmbare Wirtschafterin zu bekommen. Am besten, du fährst heute schon mit dem .Mendschneilzug; aoev dann micht du nach Gotha telegraphieren und dich anmelden — ich trat an den Schreibtisch, um meine Depe;chle zu schreiben.
Halt, Was war das? Dort im Vorzimmer — Himmeldonnerwetter, ist denn heute die ganze Hölle mit schreienden Quarrhälsen gegen mich lvsgelassen? Hatte ich sie nicht eben auf und davon laufen sehen, dort unten auf der Straße? Oder War dies nur noch ein nervöses Nachklingen im Ohr von vorhin r Aber nein, dazu war es doch zu lebendig: dasselbeKchämmerliche Kindergeschrei wie vor wenigen Minuten drang schneidend und schntetternd tmd quiekend durch die offene Tür aus dem Vorzimmer,. „Ta soll doch gleich ein —" rief ich und stürzte dem Geschrei nach, prallte aber dicht bei der Tür mit der sanften Lene zu- sammeu, die von der Küche her auch das Geschrei gehört haben mußte. Hei, wie wunderbar geläufig es jetzt mit dem Zusammen- hang von Sprechen und Denken bei ihr ging! Und Wte ihre faselige Phantasie arbeitete. . . . .
„Jetzt pack ich sofort meine Sachen und geh noch m diesen Stunde aus dem Hause."
„Ich halte Sie ja nicht, Seite!" „
„Nein, wo solch ein verlassenes Frauenzimmer Ihnen Ihr Kind auf so 'ne Weise aufhängen muk da bleib ich nicht em« Stunde länger. Das ist aber'n Geschmjack. Nu ich danke.
„Sie sind wohl reinweg verrückt geworden, Lene? Was geht mich das Kind an!" ■ «.
„So! Jetzt wollen Sie Wohl auch noch <zhr eigenes Kind verleugnen!" _ , t .„ . . „ ,
,^Lene, schassen Sie mir den Balg aus dem Hause! Heu^ haben Sie noch Ihren Dienst hier zu tun, und gehen Sie sogleich zum Revierleutnant und melden ihm, daß man ein Kind bei mit ausaesetzt hat."
„Fällt mir im Traume nicht ein!" sagte die freche Person.. ,Lch habe noch im Leben nichts mit der Polizei zu tun gehabt; gehen Sie doch selber hin. Sie sind ja 'der Nächste dazu!"
Das Kind lag in i>em schwärzen Umschlag ein ch auf dem schmalen alten Ledersvfa meines Vorzimmers, auf das ich meine Lexika zum Abstaubeu gelegt hatte. Es schrie, daß es kirschrot im Gesicht wurde und ballte wie in einem heftigen Schmerz die Fäuste zu- sammen. Mit den Beinen strampelte es ungebärdig um sich, und ein Band meines Böthlingschen Sanskritlexikons schwebte in Gefahr, auf die Erde geschleudert zu werden. Wenn dies noch eine Weile so weiter ging, so hatte sich der Unhold selber über! den Sofarand gestrampelt und stürzte zu Boden, den Kopf voran. Tas ftmnte ich unmöglich länger mit ansehen. „Sette," sagte ich so sanft kund bittend, wie unter diesen Umständen möglich, „dem Kinde muß etwas fehlen, sehen Sie doch! einmal nach, Sw verstehen sich doch besser darauf, als ich"
Aber damit hatte ich sie offenbar an ihrem empfindlichsten Punkt getroffen. „Was, ich soll mich besser auf Kinder verstehen als Sie? Wieso? Ist das Ihr Kind oder meins? Ich bin ein anständiges Mädchen, Herr Professor, und Kinder sind nicht mein Fall!"
„Ja doch ja doch, Seite; ich bitte Sie ja bloß nachzusehen, damit der Bengel nicht so schreit!" .
„So, also ein Beugel. Also wissen Sie das doch wenigstens. Und dann werden Sie wohl auch das andere wissen," und sie wollte nach der Küche entwischen. .
„Lene, ich glaube, das Kind ist krank: wollen Sie ihm nicht ein bißchen helfen?" . , ...
Sette drehte sich verächtlich ab. Ta hielt ich mich nichts länger. Ich war auf die Rlabemnutter und auf den Männe und die ganze unerhörte Geschichte sicher mindestetts so wütend wie die Seite, und ich hatte wohl mehr Grund dazu, als sie; aber am Ende war das Kind doch kein Stück Holz und kein junger Hund —> ein lebendiges Wesen konnte man nicht so elend umkommett lassen. ,^aetzt scheren Sie sich augenblicklich in Ihre Küche, und dann schleunigst zum Hause hinaus. Mit einem Satan wie Sie, deck einen armen unschuldigen Wurm lieber sich totschreien läßt, als einen Finger drum rühren, will ich! nicht länger meine Wohnung teilen./z ,
„Ach du meine Güte, ich gehe ja schon. Sie können sich msti Ihrem Herrn Sohn ganz ungestört amüsieren. Und trachena schlug sie die Tür zur Küche ins Schloß.
Ich wack allein mit dem schreienden Kinde. Und dieses Ungeheuer, diese Cäcilie Wirzbinska, diese Raoenmutter hatte sich bei mit vermieten wollen! Eine Verbrecherin. Kinderaus- setzung! Darauf steht mindestetis lebenslängliches Zuchthaus! Wenn ich ihr jetzt noch nacheilte! In einer Droschke mußte ich sie noch eiuholen, tmd ich öffnete den Kielderschrank, um den Ueberzieher, — aber das Kind schrie so herzzerreißend, daß ich es nicht fertig brachte, es mit der fürchterlichen Seite h-ter allein zu lassen. Gins Stunde früher oder später War w gleichgültig: die Polizei mußte mir das Kind vom Halse schaffen.


